Drifter Fehde - Geröstete Asseln vor dem Untergang

Geröstete Asseln vor dem Untergang
Gascha stand am schmalen Fenster des Westturms von Mirkagarten und rauchte. Die Schlossgeschichte war ihr beim Betreten sofort in die Knochen gefahren – die Graf-Inquisitorin, die hier Gefangene gebrochen hatte. Die Baronin Mirka, die einem dunklen Gott gedient hatte. Der Baumeister Gromnasch, der in den Kellern auf ungeklärte Weise ums Leben gekommen war. Mirkagarten war kein Ort, der zur Hoffnung einlud.
Die Turmuhr im Nordturm schlug. Gascha zählte jeden Schlag. Eins, zwei – zu viele. Die Pfeife knirschte zwischen ihren Zähnen. Seit einer Woche schlug die Uhr falsch, seit ein Einschlag das Uhrwerk erschüttert hatte.
Am Anfang hatten die Soldaten noch gelacht. Jetzt lag jeder Schlag wie ein Gewicht auf ihren Herzen – als würde die Uhr ihre letzten Stunden zählen. Gascha ließ ihren Blick über die Belagerungslinie der Alttreuen schweifen.
Zu Beginn der Belagerung schien es, als würden sich die Alttreuen die Zähne an Schloss Mirkagarten ausbeißen. Denn das „Schloss“ war ursprünglich eine Burg, mit dicken Mauern und strategisch gut zu verteidigender Lage auf einem steilen Bergrücken.
Aber vor einer Woche drehte sich Lage. Die Nadoreter führten ein mächtiges Geschütz heran, das sie „eiserner Hirsch“ nannten, wie ihr ihre Spione aus dem Lager der Alttreuen berichteten. Am ersten Tag hatte er noch eine Meile Abstand gehalten und harmlose Bögen geworfen. Nun rückte er mit jedem Tag näher und schoss präziser. Er blieb dabei aber immer außerhalb der Reichweite aller eigenen Waffen. Das Torhaus hatte den ersten Volltreffer bekommen. Gascha blickte hinab. Soldaten schleppten gerade Möbel heran, bauten eine Barrikade aus Tischen, Truhen und Mauerschutt – und dazwischen thronte ein ausgestopftes Krokodil aus der Wunderkammer, das Maul aufgerissen, als wolle es die Angreifer verschlingen. Ratten huschten entlang der Mauer. Große, dreiste, furchtlose Ratten.
Sie hatten sie schon in der ersten Nacht gespürt – das Kratzen unter den Dielen, das Rascheln in den Wänden. Am dritten Tag hatte einer geschrien, weil ihm eine Ratte über das Gesicht gelaufen war, während er schlief. Sie stellten Fallen auf und hatten eine Jagd veranstaltet. Die Ratten waren nicht beeindruckt.
Gascha lenkte ihren Blick in den Burghof hinab, wo ihr Sohn und einige Soldaten an der neuesten Errungenschaft der Baronie hantierten – einem Geschütz aus dem Hause Salgrim mit dem klingenden Namen „Vergelter“.
Burgom kniete neben dem Geschütz – einem Feldgeschütz, klein genug, dass es drei Mann verschieben konnten, aber präzise und mit einer Schussfolge, um die ihn die Geschützmannschaft des Eisernen Hirschen unten drüben beneiden durften.
In vielerlei Hinsicht war es das genaue Gegenteil von Burgom, der in seinen Proportionen an einen gut gefüllten Mehlsack erinnerte. Neben ihm lag eine offene Verpflegungstasche, aus der er gelegentlich, ohne hinzusehen, irgendetwas in den Mund schob.
„Entfernung?", rief er zur Richtmeisterin.
„Vierhundertfünzig Schritt ungefähr“ kam es zurück.
„Ungefähr." Wiederholte Burgom, als wäre es ein persönlicher Angriff und griff nach einem kleinen Winkelmesser, den er sich aus der Wunderkammer geliehen hatte. Er maß, murmelte, rechnete.
„Elevationsfehler von zwölf Bogenminuten nach unten. Das erklärt, warum die letzten Schüsse zu kurz waren."
Er drehte an eine Spannschraube. „Das sollte reichen.“ Ein Handzeichen genügte, und die Leute traten vom Geschütz zurück.
Er riss am Seil – die Mechanik schnappte, und eine Gesteinskugel schnitt durch die Luft. Draußen spritzte Erde unmittelbar vor eine Belagerungsschanze der Alttreuen. „Zu kurz", murmelte Burgom. „Da hat uns eine Böe hineingepfuscht“.
Gascha sah das Ergebnis und wandte sich ab. Sie stieg die Treppe vom Turm hinunter in den großen Saal des Schlosses.
Das Lager der Alttreuen, vor Mirkagarten
Hakan von Nadoret stand vor dem Eisernen Hirschen und legte die Hand auf einen Balken der Maschine, so wie man einem treuen Pferd die Hand auf den Hals legt. Er war stolz auf sie. Zu Recht, wie er fand.
Der Onager war aus derselben Werkstatt wie der berühmte Angbarer Bock – nur handlicher, wendiger, für den Feldzug gemacht. Die Bedienmannschaft – zehn Leute, zwei davon erfahrene Geschützmeister aus dem Außerkosch – hatte gute Arbeit geleistet. Das Torhaus von Mirkagarten war dem Einsturz nah. Die Westmauer zeigte eine Lücke, die mit Holz und Trümmern gestopft worden war und auch der Palas zeigte große Risse.
Und doch.
Hakan blickte zum Schloss hinauf. Dort oben, unsichtbar, aber bekannt wie ein alter Feind, stand der Vergelter – ein altes Zwergengeschütz, dass bereits seit Jahrhunderten seinen Herren zum Sieg verhalf, wie ihm seine Spione aus dem Schloss herangetragen hatten. Es hatte gestern drei seiner Soldaten verwundet, und Erzward von Steinklos hatte ihm mit leiser Stimme gesagt, dass die Leute Respekt vor der Maschine hätten. Nicht Angst – Respekt. Das war ein Unterschied, den Hakan zu schätzen wusste.
Er wandte sich ab und trat ins Kommandozelt.
Wilbur saß an dem Klapptisch, über dem die Karte der Baronie aufgerollt lag. Er stand auf, als sein Onkel eintrat. „Ein Bote aus Nadoret", sagte er. Sein Gesicht war ruhig, aber die Art, wie er die Hände hielt – zu still, zu flach auf dem Tisch – verriet ihn.
Hakan setzte sich. „Sprich."
„ Brumil Wackerstock ist frei."
Die Worte lagen im Zelt wie ein umgestürzter Krug.
Hakan sagte nichts. Er sah auf die Karte. Dann sagte er: „Wie?"
„Durch einen Tunnel. Unter der Burg. Ein alter Geheimgang, den anscheinend selbst unsere Leute vergessen haben." Wilbur schluckte. „Der Kerkermeister war betrunken. Ein Diener tot."
Hakan schloss einen Moment die Augen. Dann öffnete er sie wieder.
„Und wohin ist er?"
„Das wissen wir nicht mit Sicherheit. Aber…"
„Unterwegs Hierher", unterbrach ihn Hakan.
Wilbur nickte.
„Er wird sich mit Halmdahl von Sindelsaum aus Yassburg und dem Drifter Haufen vereinen und angreifen“. Hakan stand auf, trat an die Zeltöffnung und blickte hinauf zum Schlossberg. Mirkagarten thronte dort, grau und trotzig, seine beschädigte Mauer wie ein gebrochener Zahn.
Er dachte an Uztrutz' Worte. An die Mahnung, dass das Eis dünn war. An Metzel, der sich einen Ausgleich vorbehielt. An den Fürsten, der seinen Unwillen kundgetan hatte.
„Wir stürmen morgen früh", sagte er.
Wilbur sah ihn an. „Das Tor hält vielleicht noch einen weiteren Tag. Wenn wir—"
„Wir stürmen morgen früh", wiederholte Hakan. „Den ganzen Tag über schießt der Hirsch. Wenn der Morgen graut, ist das Tor offen. Dann gehen wir rein." Er wandte sich um. „Sagt es Erzward. Sagt es Gisbrun. Und sagt es den Söldnern – wer zuerst über die Mauer kommt, bekommt doppelten Sold."
Wilbur senkte den Kopf. „Wie du befiehlst, Onkel."
„Und schreibt an Reto in Licon. Er soll die Straße nach Drift sperren lassen." Fügte Hakan an, bevor er aus dem Zelt trat.
Der Eiserne Hirsch stand in der Abendsonne. Seine Mannschaft prüfte die Mechanik, meißelten neues Wurfgut aus Felsblöcken der Umgebung. Hakan sah ihnen zu. Morgen, dachte er. Morgen ist es vorbei.
Mirkagarten, in der Nacht
Sie hatten sich um den großen Tisch in der Halle versammelt, als die Turmuhr mit krummen, gequälten Lauten einsetzte, die sie alle aus ihren Gedanken riss.
Ubarosch Sohn des Muramnax saß mit geflochtenem Bart an der einen Seite und hatte eine grobe Skizze des Schlossbergs auf ein Stück Pergament gezeichnet. Eckbart von Hirschingen saß ihm gegenüber. Er stützte die Ellbogen auf den Tisch und starrte auf die Skizze. Neben ihm saß Matrescha von Stanniz auf Steinberg. Kyria vom Klamm hatte sich etwas abseits auf eine Truhe gesetzt und hörte zu, die Arme locker vor der Brust verschränkt.
Senach Yann Toberen saß am unteren Ende des Tisches, ein Büchlein vor sich, in das er mit kleiner, sorgfältiger Schrift Notizen machte. Als Haushofmeister gehörte er eigentlich nicht in eine Lagebesprechung – aber er wusste, was verbraucht wurde, wie viele Mäuler zu stopfen waren und welche der Vorräte bereits von Ratten angeknabbert worden waren, und das war derzeit relevanter als die meisten anderen Dinge.
Burgom saß neben seiner Mutter und griff gelegentlich in einen kleinen Stoffbeutel, der vor ihm auf dem Tisch lag, gefolgt von leisem, trockenem Knuspern.
Ubarosch ergriff das Wort: „Die Lage ist folgende." Er tippte auf die Skizze. „Das Tor hält noch, aber nicht mehr lange. Der Hirsch trifft inzwischen konsistent. Wenn sie so weiterschießen, fällt das Torhaus bald in sich zusammen." Er sah in die Runde. „Dann stürmen sie."
„Und der Vergelter?" fragte Matrescha.
„Hält sie vom Tor fern, solange das Tor steht." Ubarosch strich sich über den Bart. „Sobald es offen ist, können sie mit genug Leuten durch. Der Vergelter kann nicht schnell genug werfen, um eine ganze Sturmkolonne aufzuhalten."
Eckbart hob den Kopf. „Wie viele Tage haben wir noch?“
„Einen", sagte Ubarosch. „Vielleicht zwei – mit Glück."
Eckbart nickte langsam. „Die Frage ist also, wer früher hier ist – Brumil mit dem Entsatz, oder Hakan mit dem Sturm."
„Wenn Brumil überhaupt kommt", sagte Kyria von ihrer Truhe. „Wir wissen nicht, ob er frei ist."
„Wir müssen davon ausgehen", erwiderte Matrescha scharf.
„Nein", sagte Kyria. „Wir sollten nicht darauf bauen." Sie überlegte kurz. „In meiner Familie sagen wir: Auf den Entsatz warten ist wie auf Boron warten. Der kommt auch, aber zu wem zuerst, das weiß niemand."
Eckbart sah sie an. „Das ist ein merkwürdiger Vergleich."
Burgom griff wieder in den Beutel.
Senach sah hin. Er war den ganzen Abend nicht zum Essen gekommen. Er streckte die Hand aus. „Was ist das überhaupt?"
Burgom hielt ihm den Beutel hin. Senach griff hinein und nahm eine Handvoll.
„Geröstete Asselchen", sagte Burgom. „Mit Salz. Ich röste sie immer selbst."
Senach hörte auf zu kauen.
Er kaute dann aber doch weiter, langsam. Dann schluckte er und sah auf die verbleibenden Exemplare in seiner Hand.
„Sie sind", sagte er nach einem Moment, „tatsächlich gar nicht übel."
„Das Geheimnis ist ein Briese Bleizucker", sagte Burgom zufrieden.
Ubarosch wurde hellhörig und streckte fordernd seine Hand aus: „Natürlich“, sagte er und nickte anerkennend. „Mein Vater hat sie immer so gemacht. Erst rösten, bis sie aufspringen, dann ein Hauch Bleizucker“.
Matrescha rieb sich die Schläfen. „Wir sollten beim Thema bleiben.“
Eckbart räusperte sich. „Wenn wir Zeit gewinnen könnten – einen Boten schicken, Verhandlungen vorschlagen."
„Welche Bedingungen?" fragte Ubarosch, kauend. „Wir haben nichts anzubieten, was er nicht ohnehin bekommt, wenn er das Torhaus einreißt."
„Den Anschein von Schwäche", sagte Eckbart ruhig. „Wenn ich als Herold hinausgehe und um ein Gespräch bitte, kostet uns das nichts – aber es kostet ihm einen halben Tag."
Kyria sah ihn an. „Und wenn er dir einfach die Tür weist?"
„Dann komme ich zurück und berichte." Eckbart zuckte mit den Schultern. „Ich habe schon Schlimmeres überlebt als einen unhöflichen Nadoreter."
Gascha sah ihn an. Er war kriegsmüde, das sah man. Aber er kannte sein Handwerk.
„Einen halben Tag", wiederholte sie.
„Vielleicht einen ganzen. Wenn ich mir dabei genug Zeit lasse." Ein kleines, müdes Lächeln. „Ich habe das schon öfter gemacht."
Gascha legte die Pfeife auf den Tisch. „Gut." Sie sah Eckbart an. „Morgen früh gehst du raus. Als Herold der Baronin von Drift, die einen förmlichen Gesprächsvorschlag unterbreitet. Formell. Korrekt. So lange wie möglich."
Eckbart nickte. „Verstanden."
Plötzlich bebte das Schloss. Staub rieselte von den Deckenbalken. Die Öllampe auf dem Tisch flackerte und irgendwo aus den Kellern war ein Knirschen im Mauerwerk zu hören. Kyria rutschte von der Truhe. Matrescha hatte instinktiv die Hand ans Schwert gelegt und ließ sie wieder sinken.
„Volltreffer“ meinte Ubarosch trocken.
Der folgende Morgen
Der Eiserne Hirsch brüllte mit dem ersten Licht. Der erste Schuss des Tages traf den Torturm mittig. Stein splitterte, ein ganzer Mauerteil des Trums brach weg und stürzte in die Tiefe. Schreie hallte vom Wall. Es war klar: ein, zwei Treffer mehr, und der Torturm würde in sich zusammenfallen.
Im Lager der Alttreuen bildeten sich die Sturmtrupps. Söldner des Großen Basteybundes, Männer Gisbruns, die Ritter Erzwards. Sie trugen Leitern, schwere Schilde, Enterhaken.
Hakan ritt an der Spitze seiner Befehlshaber. Er trug wieder die alte Rüstung des aufgelösten Eliteregiments – das glänzende Metall, das die Blicke auf ihn zog, wie er es mochte. Wilbur ritt neben ihm, das Hirschbanner fest in der Hand.
„Auf mein Zeichen", sagte Hakan.
Der Eiserne Hirsch schoss ein weiteres Mal.
Steine splitterten, aber das Tor stand noch. Aus dem Innern des Schlosses war jetzt Rufen zu hören. Die Wachen auf dem Wall begannen, die exponiertesten Positionen aufzugeben.
Hakan hob die Hand.
Da – ein Hornruf. Nicht vom Wall. Nicht aus dem Lager.
Von der Straße.
Alle Köpfe fuhren herum. Aus dem Nebel am Fuß des Schlossbergs lösten sich Reiter. Sie führten eine Flagge, die Hakan kannte und die ihn für einen langen Moment schweigen ließ. Das Zeichen des Fürstenhauses.
Einer der Reiter rief mit lauter Stimme, hoch über den Lärm des Lagers hinweg: „Im Namen des Fürsten Anshold vom Eberstamm! Haltet inne! Wir kommen mit einer Botschaft des Fürstliches Hofgericht!"
Das Dröhnen des Lagers ebbte ab. Befehlsruf nach Befehlsruf erstarb, bis nur noch das Knarren des Eisernen Hirschen zu hören war, dessen Mannschaft innehielt und sich umsah.
Auf dem Wall von Mirkagarten wurde es still.
Hakan von Nadoret senkte langsam die Hand.
Er blickte auf Das Fürstenbanner. Dann hinauf zum beschädigten Torturm, der noch einen, höchstens zwei Treffer brauchte.
Er biss die Zähne zusammen.
„Haltet inne", sagte er leise.
Wilbur ließ das Hirschbanner sinken.
Die Boten ritten durch das Lager, und die Soldaten wichen rechts und links zurück. Einer der Reiter hielt vor Hakan an und neigte den Kopf.
„Canzler von Nadoret", sagte er. „Der Gerichtshof hat getagt. Im Kloster Garrensand."
Die Nebel lichteten sich rasch und der Morgen war klar. Sie ritten die kurze Straße von Drift stromaufwärts nach Garrensand, Über Felder und niedrige Hügel, der große Fluss immer an ihrer Seite.
Man hatte ihm zuvorkommend, aber bestimmt erklärt, dass er ohne Eskorte anreisen solle. Eine Begleitperson war ihm gestattet. Er hatte Wilbur gewählt, der jetzt neben ihm ritt und auf den Fluss blickte.
Hakan hatte das Kloster schon von Fern gesehen, auf Fahrten den Fluss hinab, aber nie nah. Es lag auf dem Garreneck gegenüber dem Rabenfelsen, den man jetzt deutlich sah – ein mächtiger schwarzer Felsen, um den im frühen Morgenlicht die Raben kreisten wie eine dunkle Wolke. Das Kloster selbst war größer als er erwartet hatte: steinerne Mauern, ein massiver Turm, Wirtschaftsgebäude, ein Pilgerhaus. Über dem Tor hing das Banner der Golgariten.
Ein Mönch, dessen schwarze Kutte ihn fast unsichtbar gegen den Schatten der Klostermauer machte, erwartete sie am Tor. Er verneigte sich ohne Lächeln.
Der Saal, in den man sie führte, war hoch und kühl. Buntes Licht fiel durch Fenster mit farbigem Glas – Szenen aus der Welt Borons, des Gottes des Todes und des Schlafs: Golgari, der die Seele trägt; Rethon, die Waage, auf der das Leben gewogen wird; die Pforte, hinter der kein Lebender blicken darf. Über dem Eingang war ein Tympanon aus Totenschädeln in die Wand eingelassen, so alt, dass die Knochen die Farbe von Elfenbein angenommen hatten.
Und auf der anderen Seite des Saales, auf einer einfachen Holzbank, saß Brumil Wackerstock.
Hakan erkannte ihn kaum, so bleich und abgemagert wie er hier saß. Sein Bart war ungepflegt, sein Gesicht eingefallen. Aber seine Augen – die kleinen, grauen, wachen Augen – die waren noch dieselben. Und als Hakan eintrat, richteten sie sich auf ihn mit einem Ausdruck von Aufmerksamkeit.
An einem langen Tisch saßen die Richter. In der Mitte Growin Sohn des Gorbosch, Graf von Ferdok. Zu seiner Linken Halwart vom Eberstamm, Burgsass von Fürstenhort. Zur Rechten die Baronin Tsaja-Josmene von Garnelhaun. Am Ende der Reihe saßen die Händlerin Sephira Markwardt, die anstatt der ermordeten Rograma Tochter der Ralascha berufen wurde. Und Jerodian Haldan von Nadoret. Der Praiosgeweihte aus Prasunk war bleich wie frischer Kalk, sein Gesicht aufgedunsen. Er atmete in kurzen, vorsichtigen Zügen, als koste jeder davon etwas, das er sparsam einteilen musste. Dass er überhaupt hier saß, nachdem er vor wenigen Monden einen Giftanschlag nur knapp überlebte, zeigte seinen unbeugsamen Willen.
„Wir sind versammelt, um im Namen des Fürsten Anshold vom Eberstamm in der Fehdesache zwischen dem Haus Nadoret und Baron Brumil Wackerstock von Drift ein Urteil zu sprechen, das der Fürst als seinen Willen erklärt und das mit seinem Siegel beglaubigt ist." verkündigte Growin. Er legte ein Pergament auf den Tisch, das ein großes grünes Siegel trug. „Beide Parteien sind anwesend. Wir beginnen."
Er strich über das Pergament und begann zu rezitieren. „Die Fehde entstand aus einem Streit um das Gut Durstein. Der Canzler Hakan von Nadoret war der Auffassung, dass ihm dieses Gut zu Unrecht entzogen zu werden drohte. Baron Brumil Wackerstock war der Auffassung, dass der Canzler seinen Pflichten als Vasall in der Auersbrücker Fehde nicht nachgekommen war. Beide Auffassungen haben Grundlage im Recht. Der Canzler ließ den Baron in weiterer Folge gefangen nehmen und hielt ihn über Monate in seiner Gewalt. Der Baron – oder in seinem Namen seine Gemahlin – überzog daraufhin die Baronie Nadoret mit Gewalt, woraufhin der Canzler von Nadoret mit seinen Verbündeten des sogenannten Bundes der Alttreuen, die Baronie und Stadt Drift verheerte und die Baronin von Drift in ihrem Schloss Mirkagarten belagerte."
Kurze Stille, die nur vom Kratzen von Sephira Markwardts Feder und Jerodians Atmen unterbrochen wurde.
„Der Fürst ist dieser Fehde überdrüssig. Es ist sein Wille, dass sie endet. Ein für alle Mal." Growin blickte zwischen Hakan und Brumil hin und her. „Daher hat das fürstliche Hofgericht getagt – zum ersten Mal außerhalb Ferdoks, da feige Anschläge auf seine Richter in der nahen Vergangenheit eine Tagung in Ferdok verunmöglichten.“ Wieder blickte Growin zwischen Hakan und Brumil hin und her – diesmal mit deutlichen Zornesfalten auf der Stirn. „Das Gericht ist zu folgendem Urteil im Namen des Fürsten gekommen“
„Erstens. Hakan von Nadoret verzichtet auf das Junkertum Durstein zu Gunsten seines Enkels Leomar von Nadoret. Das Gut geht damit nicht an den Baron von Drift, sondern bleibt im Haus Nadoret, so wie es im Jahre 1041 im Frieden von Durstein besiegelt wurde. Es fällt jedoch in eine Hand, die noch nicht durch diese Fehde beschwert ist.
„Zweitens. Leomar von Nadoret wird bis zu seiner Volljährigkeit am Hofe des Barons Brumil Wackerstock zu Drift aufwachsen und dort in den Pflichten eines Vasallen und Junkers unterwiesen werden. Er steht unter dem Schutz des Barons der für ihn sorgen wird."
Hakan verzog das Gesicht. Sein Enkel am Hofe eines Zwergen?
„Drittens." Growin machte eine kurze Pause, und Hakan hatte das Gefühl, dass er sich diese Pause gönnte. „Baron Brumil Wackerstock wird eine Pilgerfahrt nach Rommilys zum Heiligen Paar antreten, um von den dortigen Geweihten in den Tugenden ITravias unterwiesen zu werden – Friedliebigkeit, Milde und Treue. Er soll zu diesem Zweck den zehnten Teil seiner Pfründe dem Heiligtum des Heiligen Paares spenden."
Brumil, der bisher reglos gesessen hatte, öffnete jetzt leicht den Mund. Dann schloss er ihn wieder.
„Das Urteil ist damit vollständig." Growin rollte die Schriftrolle zusammen. „Einsprüche gegen den Willen des Fürsten werden hier nicht gehört. Fragen zur Ausführung – zur zeitlichen Abfolge, zu den Einzelheiten der Übergabe und der Pilgerfahrt – können am Ende dieser Sitzung gestellt werden."
Hakan von Nadoret sah auf den Tisch. Dann hob er den Blick zu Brumil.
Der Baron von Drift sah zurück.
Keiner sprach.
Growin schien das zu erwarten. Er wartete ebenfalls.
Schließlich war es Brumil, der den Mund aufmachte. „Den zehnten Teil, zusätzlich zum Tempelzehnt?", fragte er.
„Selbstverständlich", sagte Growin trocken.
Brumil brummte etwas in den ungepflegten Bart.
Hakan räusperte sich. „Mein Enkel Leomar … Er hat diese Fehde nicht begonnen."
„Nein", sagte Growin. „Er wird sie beenden."
Hakan sah auf den Richter. Growin hielt seinem Blick mit unbewegter Geduld stand. Dann legte die Schriftrolle vor sich hin. „Das Gericht ist geschlossen."
Auf dem Hof
Hakan trat als Erster aus dem Kapitelsaal, und die kalte Morgenluft des Klosterhofs schlug ihm entgegen. Er blieb stehen.
Der Rabenfelsen war von hier aus gut zu sehen – die schwarze Wand aus Stein, die aus dem Fluss aufragte, die Raben, die lautlos daran hinunterstrichen. Ein seltsamer Ort für ein Gericht.
Aber vielleicht passend. Boron richtete auch. Alle. Endgültig.
Schritte hinter ihm. Er wandte sich nicht um.
„Canzler." Brumils Stimme.
Hakan drehte sich um. Der Zwerg stand in der Tür des Kapitelsaals, eine Hand an den Türrahmen gestützt. Er wirkte noch kleiner als in seiner Erinnerung – die Monate im Verlies hatten ihn ausgezehrt, aber er hielt sich aufrecht mit der Sturheit, die Zwergen eigen ist und die man ihnen nicht wegnehmen kann.
Hakan wartete.
„Meine Frau", sagte Brumil. „Was ist mit ihr?"
„Sie ist in Mirkagarten." Hakan machte eine kurze Pause. „Unverletzt, soweit ich weiß.“
„Ich muss nach Nadoret", sagte Hakan.
„Und ich nach Mirkagarten." Sagte Brumil.
Sie sahen einander an, die beiden alten Widersacher – keiner von beiden ging unversehrt aus dieser Geschichte heraus.
Dann nickte Hakan von Nadoret. Eine knappe, kurze Neigung des Kopfes.
Brumil erwiderte es. Ebenso knapp.
Dann gingen sie in verschiedene Richtungen.