All die schönen Illusionen

| ◅ | Gedanken einer alten Frau |
|
Verloren in Fuhrmannsheim | ▻ |
| ◅ | All die schönen Illusionen |
|
All die schönen Illusionen | ▻ |
Das Bordel “Zwei Mondnächte” in Rakulbruck in der Mark Ferdok, 1032 BF
Eine weitere Nacht neigte sich dem Ende entgegen. Noch war der Sonnenaufgang einige Stunden entfernt, doch um diese Zeit kam üblicherweise keine nennenswerte Kundschaft mehr herein. Caya schloss die Augen, atmete tief durch und gestattete sich, sichtbar ihre Schultern sacken zu lassen und ihre wohl eingeübte Körperhaltung aufzugeben.
Sie gab dem rundlichen Wirt an der Theke und dem bulligen Rausschmeißer an der Tür Bescheid, dass sie ihre Dienste für heute beenden würde, dann zog sie sich zurück. Sie schminkte sich ab, zog ihre Kleid aus und wusch sich gründlich und gemächlich.
Als sie sich zum Ausgehen ankleidete, wählte sie einfache, aber frische Kleidung in einem unauffälligen Braunton mit weißer Schürze und Haube. Eine Alltagskluft, wie sie eine Schankmagd oder sonstige Bedienstete tragen würde und die dennoch ein wenig ihre Figur erahnen ließ. Alleine das gut gepflegte, wohlduftende und nun zu einem praktischen Zopf zusammengebundene Haar verriet, dass sie jemand ganz anderes war. Caya schaute in ihren kleinen Spiegel. So gefiel sie sich selbst, und das war wichtig. Auf Körper und Geist zu achten war notwendig, um nicht unterzugehen. Wenn der eigene Beruf darin bestand, anderen zu gefallen, musste man aufpassen, sich nicht selbst zu verlieren in dem, was die anderen wollten.
Ihr Gewerbe war ein Balanceakt. Es gab viel Naivität und Elend. Und viel Konkurrenz und Eitelkeit unter denen, die erfolgreich waren. Ständig galt es, sich auf Unbekannte einzulassen und gleichzeitig eine professionelle Distanz zu wahren. Sie wusste nie, was für Probleme sie erwarteten: Schwierige Kunden, irgendein Eifersuchtsdrame hinter den Kulissen oder ganz profan ihr Fußgeruch, mit dem sie schon immer zu kämpfen hatte. Gegen letzteren verwendete sie Parfüm. Aus den Streitereien im Hintergrund hielt sie sich so weit wie möglich raus – und wenn notwendig, versuchte sie zu vermitteln. Und im Fall von Gästen, die sich nicht benehmen wollten, hatte sich ihr mit Eisenbändern verstärkter Knüppel als letztes Mittel bewährt. Doch der Trick lag nicht darin, die Keule zu benutzen. Der Trick lag darin, es gar nicht erst soweit kommen zu lassen.
Für einen Beruf, der anderen beim Entspannen helfen sollte, gab es erstaunlich viele Regeln: Keine Betrunkenen, keine Bewaffneten, keine Kunden mit auffälliger Kleidung oder Schmuckstücken, welche diese erkennbar und damit eventuell erpressbar machen würden.
Neben den eigentlichen Diensten galt es alle möglichen anderen Aufgaben zu erledigen: Die Besucher zum Verweilen und Trinken überreden, die anderen Damen und Herren vorstellen und blumige Geschichten über deren Herkunft und Fähigkeiten vortragen, bei Sonderwünschen eines Gastes verhandeln – und auch klare Grenzen ziehen. Den Satz “Nein, so etwas mache ich nicht” musste man früh lernen.
Caya war sich bewusst, dass sie eine seltene Kombination von Eigenschaften für ihren Beruf mitbrachte: Sie sah nicht nur gut aus, sondern wusste etwas daraus zu machen, und konnte gleichzeitig hart anpacken, wenn es sein musste. Mit dieser Einstellung hatte sie manches Mal Schrammen und blaue Flecken davongetragen, aber das war kein Makel fürs Geschäft. In den Nächten nach gewöhnlicher körperlicher Arbeit verkleidete sie sich als Kriegerin oder Amazone. Man musste aus dem, was man hatte, das beste machen! Einzig bekannte Persönlichkeiten, ob lebend oder historisch, weigerte sie sich zu spielen. Das konnte nur Ärger geben.
Sie verließ das Etablissement durch die Hintertür. Draußen empfing sie kühle und herrlich frische Nachtlucht. Sie blickte auf zum Madamal, das sie als Kind bereits fasziniert hatte. Einen Moment dachte sie an ihre Eltern. Zwei Tageöhner, die sich den Rücken krumm gearbeitet und deren Gesichter mit Ende 30 bereits alt ausgesehen hatten. Sie selbst hatte es jetzt schon weiter gebracht. Unwillkürlich musste sie seufzen. Früher hatte ihr das viel bedeutet, doch jetzt war das nur ein scwacher Trost.
Bedächtig schritt Caya ihrem Ziel entgegen. Sie hatte ihre Gewohnheiten, um abzuschalten. In den letzten Monden fiel ihr das jedoch immer schwerer. Wenn sie nachts nach draußen ging und alleine war, kamen all die drängenden Fragen wieder hoch: Was sollte das hier werden? Wie könnte es weitergehen? Sie würde nicht ewig jung und knackig bleiben, und sie konnte sich auch nicht vorstellen, diesen Beruf noch viele Jahre lang auszuüben.
Die Ersparnisse kamen langsamer zusammen als ihr lieb war. Kleider, Schminke, Parfüm, Kostüme – all das zehrte an ihrem Geld. Zudem half sie überall aus, und das schmälerte ihre persönlichen Einnahmen. Aber abgestumpft oder berechnend wollte sie auch nicht werden, das wäre der Tod für ihre Seele.
Wo war sie jetzt? Sie hatte das Gefühl, innerhalb weniger Jahre am Ende ihrer Entwicklung angelangt zu sein. Sie kannte inzwischen die Tricks und Kniffe ihres Geschäftes, aber es war nicht mehr aufregend, nur noch anstrengend, bestenfalls Routine. Und wohin konnte es von hier aus gehen? Einen Mann zu finden, während sie im Freudenhaus arbeitete, das war allenfalls der Stoff, aus dem die Rahjamunde-Plötzbogen-Geschichten waren. Unter den Einwohnern Rakulbrucks war ohnehin realistischerweise niemand geeignetes zu erwarten: Hier kannte sie jeder, und sie wiederum kannte zu viele Geheimnisse hinter so mancher bürgerlichen Fassade. Das machte sie für das Leben im Tageslicht unheimlich. Unter den Anhängern der Badilakaner um Ulfried Ulmentreu war sie ohnehin als Hure verschrien. Durchreisende auf der Reichsstraße VI blieben meist nur eine Nacht da, und unterwegs gab es viele andere Frauen im Gewerbe. Da müsste Phex schon ordentlich zwinkern! Klare Sache, in Raulbruck würde sie nichts mehr erreichen. Sie hatte sich regelrecht in eine Ecke gearbeitet.
Aber was wären die Alternativen? Nach dem, was sie sich zusammenreimen konnte anhand dessen, was ihr redselige Kunden verraten hatten, sah es nirgendwo in der Nähe am Großen Fluss sehr gut aus. In Ferdok herrschte zweifellos große Konkurrenz. Da würde sie womöglich in einer schmutzigen Gasse im Hafenviertel enden. Und einige Ecken in der Grafenstadt wie Fuhrmannsheim waren nicht sicher. In der Stadt hatte das organisierte Verbrechen sicher ein Wörtchen mitzureden, und wenn jemand Unbedeutendes verschwand, fiel es keinem auf. In Lacuna gab es kein vergleichbares Angebot, aber dafür ging es noch traviafrommer als hier zu – nein, danke! Wallerheim hatte ein Bordell, aber das war sehr provinziell und die lokalen Regeln eventuell anders. Natürlich könnte sie sich noch einmal neu einarbeiten. Wollte sie das? War das ihr Weg? Hier hatte sie die Reichsstraße VI und die Ferdoker Lanzerinnen, die für genug Betrieb und Sicherheit sorgten.
Was sollte sie sonst tun? Woanders noch einmal völlig von vorn anfangen? Was für ein Handwerk sollte sie anbieten? Wie sollte sie erklären, dass sie nichts gelernt hatte? Eine Schankmagd auf Reisen - wo hatte man so etwas gehört? Sie wusste nicht, was sie wollte, aber mit Sicherheit, was sie nicht mehr wollte.
Voller Gedanken erreichte sie ihr Ziel, den örtlichen Rahjatempel. Schon als sie über die Schwelle trat, spürte sie, wie es ihr besser ging. Für sie wohnte diesem Haus der Rahja ein Zauber inne – niemals fror sie hier noch musste sie schwitzen.
Zu Cayas großer Freude war die Vorsteherin des Tempels noch wach und hatte Zeit für sie. Charine die Rubinrote umarmte die Besucherin zur Begrüßung und fragte sie, womit sie ihr eine Freude machen könnte. Caya bat um einen einfachen Früchtetee. Alkohol trank sie rund um ihre Arbeit bereits genug, und nun wollte sie nicht an ihre Arbeit denken, auch wenn an diesem Ort jeder aus ihrem Gewerbe willkommen war.
Charine nickte wissend bei der Bitte und kam bald mit zwei dampfenden Bechern zurück. Caya sog den Rosenduft ein, der hier in der Luft lag. Was für ein unschuldiges Vergnügen, sich an einem guten Geruch zu erfreuen! Charine ließ ihrer Besucherin ein wenig Zeit. Dann eröffnete sie das Gespräch. “Nun, was führt Dich zu mir, liebste Caya? Es ist doch überdeutlich, dass Du etwas auf dem Herzen trägst.” Caya fühlte sich zunächst ertappt und musste dann lachen. “Ach, Charine, Dir kann ich nichts vormachen – und ich muss es auch nicht. Gegenüber Dir brauche ich micht nicht zu verstellen. Also lass mich Dir reinen Wein einschenken…” Sie schüttete der Geweihten ihr Herz aus. Charine hörte ruhig und geduldig zu und nickte nur ab und zu. Caya gab ihr Innerstes preis, machte sich selbst durch ihr Öffnen zerbrechlich. Als sie schließlich geendet hatte, da war sie glücklich, sich jemandem so anvertraut zu haben, und gleichzeitig weiterhin ratlos, was ihre Situation anging. “Mit anderen Worten, ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich könnte eine Weile so weitermachen, aber ich will es nicht, weil ich weiß, dass es nicht meine Zukunft sein kann.” Charine lächelte verstehend. "Ich hatte mich schon gefragt, wann Du zu diesem Schluss kommen würdest." Caya weitete erstaunt die Augen. "Was meinst Du damit? Wusstest Du ewa, dass ich irgendwann nicht mehr bleiben wollen würde? Warum hast Du mir nichts gesagt?" Nun wurde Charine ungewöhnlich ernst. "Weil es bevormundend ist, anderen in ihre Pläne und Hoffnungen hineinzureden. Unsere Träume müssen wir schon selbst zerstören, damit wir aus dem, was übrigbleibt, eine neue Wirklichkeit bauen können." Caya musste schlucken. Sie blickte der nackten Wahrheit ins Auge. Charine führte weiter aus: “Ich habe nie über Dich geurteilt und tue es auch jetzt nicht. In Deiner Profession herrscht ein ständiges Kommen und Gehen, die meisten verweilen nicht mehr als ein paar Jahre an einem Ort. Es ist ein Gewerbe, das in ständigem Fluss ist. Aber nur wenige denken so jung schon so klar darüber nach wie Du.” Caya fühlte sich angesichts des ehrlichen Gesprächs sehr verletzlich. “Tja, und was heißt das jetzt für mich?” “Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine neue. Du bist mutig, handfest und unerschrocken. Suche Dir eine neue Erzählung!”
Die Worte der Geweihten weckten eine Faszination in Caya, wie sie sie lange nicht mehr gespürt hatte. Als Charine merkte, dass ihre Worte etwas in Caya zum Erklingen brachten, kam ihr eine Idee. “Vor kurzem hat Fürst Blasius dazu aufgerufen, Neusiedler für die Baronie Moorbrück zu finden. Das wäre doch eine interessante Möglichkeit zur Veränderung!” Cayas Augen blitzten auf. In einer neuen Siedlung würde ihre Vergangenheit keine Rolle spielen. Eine ungewöhnliche Wendung, aber auch eine, an die sie nie gedacht hatte…
Charine sah, wie diese mögliche Zukunft vor Cayas geistigem Auge Gestalt annahm. “Wenn Du gestattest…” Sie winkte eine Dame etwa Anfang 40 heran. Sie trug gut sitzende Kleidung und hatte dunkles Haar. Doch das hervorstechendste waren ihre strahlenden dunklen Augen. “Rahjane von Sturmfels, eine alte Bekannte und Händlerin.” “Phex zum Gruße, werte Dame, es ist mir eine Ehre!” Die Frau war Caya auf Anhieb sympathisch wegen ihrer Freundlichkeit und guten Umgangsformen. Es stellte sich heraus, dass die Händlerin ebenso wie Caya sowohl Phex als auch Rahja verehrte und daher gerne nachts unterwegs war. Sie hatten einen geschäftlichen Vorschlag zu machen: Für eine kleine Summe Geld würde sie Cayas Gesuch, als Siedlerin nach Moorbrück zugelassen zu werden, nach Angbar transportieren und auch die Antwort zurückbringen. So müsste Caya nicht hin- und herreisen und ihre Pläne preisgeben, bevor sie wusste, dass sie Wirklichkeit werden konnten. “Welchen Namen und Beruf soll ich nennen?” Caya zögerte nicht. “Caya Folmin, Schankmagd.”
Als sie den Tempel verließ und nach Hause ging, war Caya zuversichtlich. Ihre Geschichte ging weiter. Das einzige, was in dieser Nacht endete, waren all die schönen Illusionen, die sie über Jahre gepflegt hatte. Sie atmete erleichtert. Die Reise würde mit deutlich leichterem Gepäck erfolgen als erwartet.