Vom Gestampfe zu Fuß
Vom Gestampfe zu Fuß
Am Feuertag, den 10. Rondra, versammelten sich die Kämpfer zum ersten Wettstreit, dem Gestampfe. Gewöhnlich schließt dieses Gefecht, bei dem alle Teilnehmer, in zwei Parteien aufgeteilt, zur gleichen Zeit im Felde fechten, die Turniere im Kosch ab. Denn zum einen sind in diesem Gewühl Verletzungen häufig, und keiner möchte noch vor den Einzelkämpfen mit einem Beinbruch ausscheiden; zum andern bietet sich so oft die Gelegenheit, für eine Niederlage Revanche zu nehmen. Weil diesmal aber nicht hoch zu Ross, sondern zu Fuß gestampft wurde, schätzte der Turniermarschall wohl das Risiko schwerer Unfälle als gering ein.
Die Grüne Partei führte kein Geringerer als Prinz Edelbrecht vom Eberstamm an. Um ihn versammelten sich fast alle Koscher Kämpfer sowie seine Greifenfurter Leibritter. Zum Anführer der Roten Partei, die hauptsächlich aus Außerkoschern bestand, wurde Nimmgalf von Hirschfurten ernannt. Die beiden Parteien verbrachten den Vormittag damit, ihre Taktik zu besprechen. Nach einer Praiosandacht zum Mittag war es dann soweit: Die Ritterhaufen, jeweils über dreißig an der Zahl, stellten sich an den Rändern des Brodilsgrundes auf. Die meisten trugen die Helmzier ihrer Tjostrüstungen, um auch im Gewimmel für die Zuschauer gut erkenntlich zu sein. Rüstungen glänzten in der Sommersonne, ein warmer Wind von Süden brachte die Banner zum Wehen. Das grüne hielt Wehrmeister Thorben von Hammerschlag, das rote die Junkerin Tsaiane von Talbach, eine Vertraute Baron Nimmgalfs.
Endlich gab der Turnierherold das Signal, und das Gestampfe begann. Schnell zeigte sich, dass die beiden Parteien unterschiedliche Taktiken verfolgten. Nimmgalf sandte einen starken Angriff auf das grüne Banner, mehr als die Hälfte seiner Truppe, angeführt von den imposanten Rittern aus Weiden. Edelbrecht dagegen behielt die meisten Kämpfer in der Defensive. Nur ein Drittel der Grünen stürmte zum Gegner, angeführt vom Greifenfurter Wulfhart von Keilholtz. Der Prinz selbst stellte sich vor seinen Bannerträger, so wie es auf der andern Seite Nimmgalf tat.
Schnell zeigte sich, dass der Plan der Grünen aufging. Zwar werden im Gestampfe nur Zweikämpfe nach rondrianischen Regeln ausgefochten und keineswegs nach links und rechts ausgeteilt wie in einer echten Schlacht. Dennoch gelang es Edelbrechts Verteidigern, sich gegenseitig Deckung zu geben, sodass den Roten der erhoffte schnelle Erfolg ihres Sturmes versagt blieb. Mehr noch, drei der Schwächeren in ihren Reihen wurden schnell besiegt. Zugleich war Rondras Gunst mit den Koscher Angreifern: Angbart von Salzmarken, Feron von Nadoret und Padora von Boltansroden machten kurzen Prozess mit den Gegnern, die sich ihnen in den Weg stellten. Einzig Angrond von Sturmfels, der Nimmgalf persönlich forderte, musste sich schnell geschlagen geben.
War es das Scheitern ihrer Blitzattacke, das den Roten den Mut nahm? Oder war es Edelbrechts Vorbild, sein Sieg gegen die Baronin von Vellberg, das die Grünen beflügelte? Jedenfalls brach die Attacke auf das Koscher Banner regelrecht zusammen. Mehr als die Hälfte der Angreifer musste das Feld verlassen, und der Prinz konnte nun seine stärksten Leute – Veteranen wie Hagen von Sturmfels und Anselm von Hundsgrab – in die Offensive schicken.
Nicht dass sie dort dringend gebraucht wurden: Feron von Nadoret und Padora von Boltansroden hatten schon dem zweiten Gegner den Meister gezeigt, auch Niam von Eichstein, Trest von Vardock und Wulfhart von Keilholz waren siegreich gewesen. Einzig Ritter Malwert von Fichtenau aus Bragahn fiel aus dem Rennen. Dank der Verstärkung wurde nun erstmals auch die rote Bannerträgerin angegriffen, durch den Nordmärker Ritter Koromar von Liobas Zell. Baron Nimmgalf hatte sie nicht abschirmen können, denn er musste sich seinerseits gegen Hagen von Sturmfels wehren – was ihm aber mit einer klassischen Wehrheimer Windmühle gelang, sodass nun beide Sturmfels-Brüder durch den roten Anführer besiegt waren. Weil auf der grünen Seite zugleich Ungolf von Plötzbogen, Ingmar von Keilholtz und kurz darauf Halmar von Sindelsaum besiegt wurden, schöpfte Nimmgalfs Seite noch einmal kurz Hoffnung. Doch es war schon abzusehen, dass Tsaiane von Talbach einen schweren Stand hatte gegen den Ritter von Liobas Zell, und Nimmgalf fand gegen Anselm von Hundsgrab nicht so leicht eine Lücke wie bei den vorigen Gegnern.
Vor dem Baron von Hammerschlag, der sein Banner mit keinem einzigen Streich verteidigen musste, fielen nun die letzten Angreifer. Selbst der fast 80-jährige Ritter Falk Barborn, der mit legendärer Sturheit auf seiner Teilnahme bestanden hatte und von den Roten gewiss als leichtes Ziel gesehen worden war, schickte seinen Gegner zu Boden. Als letzte mussten sich die Weidener Walthari von Leufels, Bärfried von Sunderhardt und Firian Böcklin von Schneehag geschlagen geben. Nimmgalf von Hirschfurten bezwang zwar noch den Baron von Hundsgrab, doch stand er als letzter Roter im Feld, als sein Banner mit der Junkerin von Talbach zu Boden sank.
Jubel brandete auf, das Publikum war außer sich vor Begeisterung. Doch nicht nur Edelbrecht und seine Truppe ließ man hochleben, auch „Nimmgalf, Nimmgalf“-Rufe schollen laut über den Brodilsgrund. Die beiden Anführer trafen sich auf dem Feld und reichten sich die Hand. „Gratuliere, Eure prinzliche Durchlaucht, zu diesem großen Sieg!“, sprach Nimmgalf. „Wacker gestritten, von Hirschfurten!“, entgegnete Edelbrecht. „Ihr und die Euren habt uns wahrlich einen harten Kampf geliefert. Es war sehr erfrischend und mein Herz jubelt, so wie auch Rondra in Alveran gerade jubeln wird!“ Dann ergriffen sie die Krüge mit Angbarer Dunkel, die ein Page herbeigetragen hatte, und stießen kräftig auf das Gestampfe an.
