Von der Kündung des Boten

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Kosch-Kurier Sonderausgabe - Rondra 1041 BF

Von der Kündung des Boten

Dichtgedrängt in der Sommerhitze standen die Schaulustigen am Morgen des 9. Rondra rund um den Brodilsgrund. Adel, Kaufleute und Priester saßen derweil unter dem schattigen Baldachin der großen Tribüne. Als Fanfarenklang die fürstliche Familie ankündigte, erhoben sie sich und sanken aufs Knie, und die Leute im Grund taten es ihnen nach. Fürst Blasius, Erbprinz Anshold und Prinzessin Nadyana schritten, von einer Ehrenwache treuer Ritter begleitet, zur hohen Loge auf der Tribüne. Als sie sich auf den Thronen niedergelassen hatten, erlaubte der Fürst der Menge mit einem Wink und einem Lächeln, sich wieder bequem zu stellen oder zu setzen.

Manch auswärtiger Gast mochte nun eine Ansprache des Gastgebers erwartet haben, doch es blieb still. Da hörte man Hufschlag sich nähern, und ein schwarz gerüsteter Ritter auf weißem Pferd trabte über die Kampfbahn. Vor der Loge zügelte er sein Reittier und senkte die Lanze.

„Wer seid, Ihr, Ritter auf dem weißen Ross, dass Ihr hierher kommt, gerüstet und in Waffen an einem Tag des Festes? Was ist Euer Begehr? Sprecht!“ So klang die Stimme des Fürsten machtvoll über den Brodilsgrund. (Kaum mochte man glauben, dass er gerade erst von einem Sommerfieber genesen war.)

Der Ritter öffnete das Visier und gab zur Antwort: „Mein Name ist Kuniswart vom Eberstamm, und ich bin gekommen, Euch Botschaft zu bestellen: Die Ritter und Edlen des Landes sind allesamt versammelt, sich zu turnieren, Rondra zum Ruhme und Euch zu ergötzen!“

„So lasst sie herein, Ritter, auf dass sie wacker streiten mögen in edlem Geiste. Doch zuvor empfangt für Eure Botschaft dies, Vetter Kuniswart, und seid uns Marschall und Richter der Spiele!“

Mit einer Verneigung im Sattel nahm der Seneschalk den Stab aus der Hand Seiner Durchlaucht entgegen, und großer Beifall brandete auf, als so die „Kündung des Boten“ vorüber war, die seit jeher die Fürstlichen Turniere des Kosch eröffnet.

Nun marschierten die Teilnehmer ein, in Rüstung, Wappen und Zier. Jeder und jede beugte das Knie vor dem Fürsten und nahm dann Aufstellung vor der Tribüne. Das Volk schaute derweil gespannt, versuchte seine Favoriten zu erspähen oder die Herkunft eines Außerkoscher Ritters zu erraten.

Dann erhob sich Fürst Blasius doch zu einer Rede: „Treues Koscher Volk, liebe Freunde aus Nah und Fern! Von ganzem Herzen freuen Wir Uns, Euch in diesem Jahr 1041, dem sechsundvierzigsten Unserer Herrschaft, wieder im Brodilsgrund versammelt zu sehen! In edlem Wettstreit werden Ritter ihre Kräfte messen und um die Ehre ringen, der oder die Beste geheißen zu werden. Doch auch wer wacker und ehrlich verliert, darf sich einen guten Namen machen als trefflicher Turneier – glaubt mir, ich spreche aus Erfahrung!“ Gelächter brandete auf.

„Doch nicht nur nach Lust und Scherzen ist uns heute zumute“, fuhr der Fürst fort. „Wenn heute auf der Turnierbahn um die Ehre gekämpft wird, lasst uns nicht vergessen, dass letzten Sommer in Tobrien auf Leben und Tod – und vielleicht noch um mehr – gekämpft wurde. Mancher der hier versammelten Tjoster war da im Feld – und mancher, den wir an jedem Turnier sahen, weilt heute nicht mehr unter uns. Ihr aller Einsatz hat unserer Heimat und dem Raulschen Reich eine neue Zeit erstritten: Die Feinde der Ordnung sind besiegt, der Erzverräter ist gerichtet. Lasst uns mit dem Turnier jene feiern, die uns diesen Sieg erkämpft haben – ob sie heute hier seien, anderen Pflichten folgen oder uns aus Alveran zusehen mögen.“

Jubel brandete auf, als der Fürst sich wieder setzte, und endete erst, als der Turniermarschall und Hofkaplan Kuniswart die Menge aufrief, sich zur Andacht vor der Herrin Rondra zu versammeln.