Fast zu spät, um umzukehren

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Der Dunkelwald in der Baronie Dunkelforst, 1032 BF
Gilia erwachte nach unruhigem Schlaf. Für einige Momente war sie desorientiert und wusste nicht, wo sie war. Dann fiel ihr alles wieder ein: Sie befand sich im Dunkelwald im Lager von Räuberhauptmann Humbert und seiner Bande.
Noch vor kurzer Zeit war alles anders gewesen. Da hatten sie auf einer Burg gehaust. Auch wenn die Feste Blutberge nur noch eine Ruine war, war dies ein beachtlicher Wohnsitz für Leute einfacher Herkunft, und in den Ebenen unter der Oberfläche gab es Platz genug. Für einen Räuber hatte es Humbert weit gebracht: Er beschränkte sich darauf, von den Händlern auf der nahen Handelsstraße Wegzoll zu nehmen, und hielt sich ansonsten mit Räubereien zurück. Dafür brannte er guten Schnaps, den er mit den Hexen des Dunkelwaldes teilte, und trieb sogar manchen Handel mit dem Krambold Bredo Bento. Selbst mit dem Vogt von Gut Dunkelforst, der eigentlich die Obrigkeit repräsentierte, kam er gut aus. Fast arbeitete er wie ein Büttel, der offizielle Gardisten überflüssig machte.
Doch dann waren diese schrecklichen Fanatiker aufgetaucht und hatten mehrere von ihren Gefährten abgeschlachtet: Jolina hatte noch Alarm geschlagen, bevor die Drachenkultisten sie getötet hatten. Valpo hatten sie gar den Kopf vom Körper getrennt. Die anderen Räuber hatten bei ihrer Flucht noch ein wenig Ausrüstung retten können und nun zumindest einige Zelte und Werkzeuge in ihrer neuen improvisierten Unterkunft. Doch hier im Wald waren sie deutlich verletzlicher. Was wohl aus dem Magier geworden war, den sie kurz zuvor gefangengenommen hatten, weil er in der Ruine herumschnüffelte? Ob sie ihn ebenfalls geopfert hatten? Oder war er immer noch in der Zelle, in die sie ihn gesperrt hatten – ebenso unzugänglich wie ein Großteil ihrer Beute?
Zu allem Übel waren fast gleichzeitig vor kurzem zwei andere Gruppen gekommen, die mächtig Ärger bereiteten: Zum einen hatte Amando Laconda da Vanya, ein hochrangiger Vertreter der Praioskirche, den Sonnenzug ausgerufen, und war mit zahlreichen Bannstrahlern in den Wald gezogen, angeblich um gegen finstere Magie und die Hexen vorzugehen. Zum anderen hatte sich der ehemalige Söldner Ronkwer mit seinen Banditen im Dunkelwald breit gemacht und erdreistete sich, Humbert sein Revier streitig zu machen. Und im Gegensatz zu dem alteingesessenen Räuber war der neue Anführer ein brutaler Kerl, der aus reinem Vergnügen Leute umbrachte oder schwer verletzte. Die insgesamt eher freundlichen Hexen griffen nicht ein – sie waren eigensinnig und zudem zum Ziel der Praioten geworden. Kurzum, im Wald war es nicht mehr sicher. Selbst der Gutshof war inzwischen schwer zu erreichen.
Gilia sah sich im Lager um. Auf sie achtete niemand. Alle anderen waren beschäftigt. Die Räuber schärften ihre Waffen, standen Wache, trugen Vorräte herum, besprachen sich mit ihrem Anführer… ach, Humbert! Er sah noch genauso aus wie vor ein paar Tagen, aber wenn sie ihn ansah, tat es ihr tief im Herzen weh. Sie waren ein Paar gewesen, aber jetzt war wohl alles vorbei.
Noch vor ein paar Wochen hatte sie in den Kellern der Burg in seinen Armen gelegen und mit ihm Pläne für ihre gemeinsame Zukunft besprochen. Jetzt würdigte er sie keinen Blickes. Gilia hatte es erst auf die schwierigen Umstände geschoben, den Überraschungsangriff der Kultisten, die eilige Flucht, die neue Bedrohung durch Ronkwer, der Kampf ums Überleben, die angespannte Lage, die immer weiter andauerte… aber gestern abend, nachdem sie endlich wieder einmal alleine mit ihm reden wollte und sie sich ein weiteres Mal heftig gestritten hatten, war es ihr mit einem Mal klar geworden: Humbert hatte als allererstes seine Bande im Sinn, nicht sie. Es tat weh, sich das einzugestehen. Das gute Leben auf der Burg hatte das lange überdeckt, sie das nicht sehen lassen. Aber jetzt war es deutlich.
Gilia fühlte sich hundeelend. Ihr kamen die Tränen. Sie brauchte sie nicht unterdrücken – hier guckte sie ja doch keiner an. Das Weinen brachte ihr ein wenig Erleichterung. Sie schloss kurz die Augen, um sich zu sammeln. Dann atmete sie tief durch, um ihren Kopf frei zu machen und nachzudenken. Was sollte sie nun tun? Was hatte sie hier noch zu suchen? Eigentlich nichts. Sogar weniger als nichts. Sie wollte nur fort von hier. Aber würde sie das schaffen, inmitten eines Zwistes rivalisierender Räuberbanden, mit Mördern, die um die Burg herumstreiften und Bannstrahlern, die im Wald patrouillierten? Sie musste es versuchen, beschloss sie. Gilia packte ihr Bündel zusammen. Viel war es nicht, aber das Geld würde eine Weile reichen, wenn sie sparsam blieb.
Ein letztes Mal wandte sie sich an Humbert. Dieser redete gerade sichtlich angespannt auf einige seiner Gefährten ein. “Rabor, nimm Dir ein paar Leute mit und kontrolliere die Wege! Nicht, dass dieser feige Hund seine Mordbuben auch dort einsetzt.” “Die Handelsstraße oder den Weg zum Gut Dunkelforst?” “Beide, verdammt!”, kommandierte Humbert seinen Untergebenen herum. “Wird gemacht!” Der Unteranführer machte sich schnurstracks auf den Weg.
“Humbert, ich gehe jetzt.”, sagte Gilia leise. Er hatte die Hand vor die Stirn gelegt, so als ob er angestrengt über etwas nachdenken würde. “Ja, gut, bis später dann…” Er nahm sich keine Zeit, um mit ihr zu reden. Er bemerkte wohl nicht, dass sie sich für immer von ihm verabschieden wollte. Er schaute sie nicht einmal an. Das schmerzte. Aber es bekräftigte auch ihre Entscheidung.
Rasch ging sie mit der soeben abkommandierten Gruppe aus dem Lager. Niemandem fiel etwas auf. Bei der nächsten Biegung um die Felsen blieb sie zurück, um eine andere Richtung einzuschlagen. Es gab auch wilde Tiere im Wald, aber als Mitglied einer Räuberbande angegriffen und erschlagen zu werden, erschien ihr gefährlicher als sich auf eigene Faust durchzuschlagen.
Als sie einige Zeit alleine war, bemerkte sie, dass ihre Unruhe langsam wich. Der Dunkelwald war groß und es gab viele unheimliche Geschichten über ihn. Aber hier auf das Grün der Bäume und der Farne zu schauen wirkte beruhigend auf sie. Gilia dachte über ihre eigenen Fehler nach. Was hatte sie von einer Karriere als Räuberbraut erwartet? Wie hatte sie so dumm sein können, die Probleme nicht zu sehen? Warum hatte sie sich so von jemand anderem abhängig gemacht, obwohl sie vorher ganz gut alleine zurechtgekommen war? Aber ach, es half doch auch nichts, sich jetzt selbst so sehr zu schelten. Sie war ziemlich enttäuscht, wie schnell und unspektakulär am Ende alles abgelaufen war. Kein Riesenkrach zum Abschluss – sie hatte Humbert still und heimlich verlassen. Gilia schüttelte desillusioniert den Kopf. Wenn jemals die Geschichte Humberts erzählt würde, käme sie wahrscheinlich nicht darin vor.
Ein knackender Ast ließ sie sofort ins Hier und Jetzt zurückkommen. Was war das gewesen? Näherte sich jemand? Schnell ließ sie sich hinter einem großen Felsen zu Boden fallen. Phex sei Dank hob sich ihre grüne und braune Kleidung kaum vom Waldboden ab. “Was ist?”, zischte eine Stimme in der Nähe. Gilia meinte, ihr Herz pochen zu hören. Endlose Momente verstrichen. “Ach, keine Ahnung!”, redete nun eine genervte Stimme in normaler Lautstärke. “Das war sicher irgendein Tier oder so. Dieser Wald ist doch voll davon!” “Super, ihr Blitzmerker! Jetzt trödelt nicht rum! Wir haben einen Auftrag zu erledigen!” “Ist ja gut, Frencko…” “Los, weiter jetzt! Nicht, dass uns einige Geldbeutel durch die Lappen gehen! Das würde ordentlich Ärger geben. Und Ronkwer ist nicht zimperlich!” Mehrere schwere Stiefel stapften ohne besonders leise zu sein über den Boden und entfernten sich schnell. Gilia blieb noch eine Weile reglos liegen. Dann gestattete sie es sich, sich den Schweiß aus dem Gesicht zu wischen und langsam wieder aufzustehen. Das war knapp gewesen, sehr knapp!
Sie beschloss, sich nahe am Rande des Berges zu orientieren, auf dem die Burgruine lag, und so schnell wie möglich aus dem Wald und auf die Straße zu kommen, die aus der Baronie herausführte. So blieb ihr die Flucht als beste Option.
Gilia schlich sich vorsichtig an einem Holzfällerlager vorbei. Diese einfachen Leute würden ihr nichts tun, aber wenn die grobschlächtigen Banditen die Holzfäller bedrohen und ausfragen würden, könnten diese den Gesetzlosen verraten, dass sie sie gesehen hatten. Wenig später war sie sich sicher, dass sie die letzten hundert Schritt bis zur Straße vor sich hatte. Aber noch war es zu früh zum triumphieren. Sie beschleunigte ihre Schritte leicht. Es gab hier eine Stelle, an denen Fels und Hügel von beiden Seiten ganz nahe an den Weg heranreichten. Das wäre ein idealer Ort, um Reisenden aufzulauern. Aber auch sie könnte hier leicht in einen Hinterhalt geraten, obwohl der rettende Ausgang aus dem Wald so nahe wäre. Sie blickte sich ein letztes Mal hektisch um. Es war niemand zu sehen, keine verdächtige Bewegung auszumachen. Dann lauschte sie angestrengt, doch bis auf das Rufen von Vögeln war nichts zu hören. Entweder der Weg war frei oder sie würde geradewegs in ihr Verderben laufen. Sei’s drum. Vielleicht hatte sie es nach dieser Zeit unter den Räubern nicht anders verdient in den Augen der Zwölfe. Sie schickte ein Stoßgebet gen Alveran. Phex, gib mir diese eine Chance! Danach holte sie tief Luft, nahm all ihren Mut zusammen und rannte, als ob ihr Dämonen auf den Fersen wären.
Bei ihrer Geschwindigkeit hätte sie leicht stolpern oder an einer Baumwurzel festhängen bleiben können. Doch nichts und niemand hielt sie auf. Als sie auf dem Weg ankam, der in anderer Richtung zum Gut Dunkelforst führte, nahm sie die Beine in die Hand. Sie lief auch noch weiter, als sie sich längst im Tageslicht der Praiosscheibe befand, und überquerte die Brücke, welche über das Blutwasser führte. Erst als sie ein gutes Stück entfernt war, lehnte sie sich gegen einen Baum, der am Straßenrand stand, und holte wieder Atem. Ein leichter Wind erfrischte sie. Sie merkte, wie die Anspannung in ihr abfiel, und ruhte sich eine Weile aus.
“Phex zum Gruße, werte Dame!”, sagte da eine weibliche Stimme. Gilia schreckte auf. Sie hatte die Augen kurz zugemacht, so erschöpft war sie von der Anstrengung gewesen, und nicht gemerkt, dass sich ihr jemand genähert hatte. Instinktiv sprang sie auf und ballte die Fäuste. “Oh, ich bitte um Entschuldigung, ich wollte Euch nicht erschrecken.” Jetzt sah sie, dass eine einzelne Frau vor ihr stand, offensichtlich aus der Richtung kommend, in die sie weiterreisen wollte. Die Reisende musste etwa 40 Götterläufe alt sein, hatte dunkles Haar und elegant sitzende Kleidung. “Phex zum Gruße, gute Frau”, antwortete sie schließlich, “bitte verzeiht meine Reaktion. Ich bin einfach etwas müde. Es war ein anstrengender Tag bisher.” “Nun, das macht doch nichts. Gestattet, dass ich mich vorstelle: Rahjane von Sturmfels, reisende Händlerin!” Rahjane machte eine elegante Geste mit ihrer Hand und verbeugte sich leicht. Irgendetwas an ihr wirkte vertrauenserweckend. “Gilia Ulfaran… ich bin… ebenfalls eine Reisende.” “Seid Ihr auch unterwegs zum Gut Dunkelforst? Dann können wir zusammen durch den Wald gehen.” “Bleibt da bloß weg!”, rief Gilia eindringlich. “Seit kurzem machen dort brutale Banditen Jagd auf Reisende. Ronkwer und seine Bande kennen kein Erbarmen und erschlagen ihre Opfer auch, nachdem diese ihnen all ihr Hab und Gut übergeben haben. Und auf der Burgruine ist es noch schlimmer: Da sitzen inzwischen irgendwelche Fanatiker, die rituell Menschen opfern.” Rahjane war ernst geworden. “Danke für die Warnung”, nickte sie. “Möge es Phex Euch vergelten!” “Das hat er schon!”, lachte Gilia. “Ich habe es aus dem Wald heraus geschafft, ohne überfallen zu werden.” “Hm, dann sollte ich das Gebiet am besten ganz meiden und wieder zurück zur Handelsstraße in Richtung Ferdoker Mark. Wohin führt Euch Euer Weg denn?” Gilia seufzte. “Ach, das weiß ich im Moment nicht!” All die schmerzvollen Erinnerungen der letzten Zeit kamen mit einem Mal wieder hoch. “Die letzten Jahre dachte ich, es wäre alles klar, aber dann erwies sich der große Plan als eine einzige Sackgasse.” Traurig fügte stellte sie fest: “Es fühlt sich fast zu spät an, um umzukehren.” “Es ist niemals zu spät, um einen neuen Weg zu gehen.” In den Augen der Händlerin lag ein eigenartiges Funkeln. “Warum reisen wir nicht ein Stück zusammen gen Norden? Unterwegs wird Euch schon etwas einfallen! Ihr habt mir Glück gebracht, vielleicht kann ich Euch auch helfen.” “Dieses Angebot nehme ich gerne an. Reisebegleitung kann ich nach all den Strapazen gut gebrauchen.” Dann wäre sie nicht alleine, und Gilia fühlte sich sicher mit dieser freundlichen Dame. “Das freut mich! Wir haben noch genug Stunden Tageslicht, um den nächsten Gasthof zu erreichen. Ihr werdet sehen: Bei einem ordentlichen Essen und einem kühlen Bier sieht die Welt schon anders aus.” Die Aussicht auf ein gutes Ferdoker hellte Gilias Laune tatsächlich auf. Rahjane sah, dass ihre Worte fruchteten, und fügte hinzu: “Wenn ich nach neuen Möglichkeiten suche, gehe ich am liebsten in eine große Stadt. Ferdok wäre am nächsten, aber da gab es zuletzt einigen Ärger. Warum also nicht Angbar? Ihr müsstet nur das Handgeld haben, dass sie an den Stadttoren verlangen, um die Eherne zu betreten.” “Das habe ich”, bekräftigte Gilia. Ja, warum nicht Angbar? Raus aus der Baronie Dunkelforst und der gesamten Grafschaft Ferdok. Wer weiß, was für eine Gelegenheit für einen Neuanfang sie dort vorfinden würde...