Ardos Freunde - Wütend in Wallerheim
Wallerheim in der Mark Ferdok, 1032 BF
In der Taverne Rosengarten spielte an diesem Abend ein waschechter Thorwaler Skalde auf. Ein Teil des Publikums waren einheimische Thorwaler, zu deren Kultur diese Vortragskunst gehörte; ein Teil Reisende, denen diese Art des Liedguts nicht geläufig war. Die Gäste, die von den dargebotenen Speisen bereits angenehm satt waren, lehnten sich bei einer weiteren Runde Getränke zurück und lauschten ruhig dem, was ihnen vorgetragen wurde. Der Skalde zupfte sein Instrument, dessen Töne seltsam melancholisch und traurig klangen, und erzählte von einem alten Kämpen mit dem Herz am rechten Fleck, der unterwegs allerlei Gefahren getrotzt hatte, nur um am Ende zu Hause von einem Neider heimtückisch ermordet zu werden. In der Stille des Gasthaus bekam jedes Wort einen deutlichen Klang, und als der Skalde endete und in die Runde schaute, da herrschte für einige Momente Stille. Dann applaudierten die Zuhörer anerkennend, und der Skalde verbeugte sich.
Da knallte ein einzelner Krug auf den Tisch, und die Köpfe drehten sich erstaunt oder leicht erschrocken in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war. “Guter Mann, Euer Liedgut in allen Ehren”, stand da ein Angroscho, der ungewöhnlich zusammengestellter Kleidung nach ein Abenteurer, sichtlich gereizt neben seinem Tisch, “aber hättet Ihr die Güte, zur Abwechslung eine fröhliche Geschichte zu erzählen? Es wird doch einen Thorwaler Helden geben, der friedlich im Bett gestorben ist.” Einige Augenblicke herrschte Totenstille. Dann ergänzte der Angroscho: “Ich zahle Euch natürlich eine Runde. Ich will doch niemandem den Spaß verderben. Mir ist heute nur nicht nach tragischen Geschichten.” Der Skalde ging auf das Angebot ein und kündigte bereits an, nach der dringend erforderlichen Trinkpause das Lied von einem Seefahrer zum besten geben zu wollen, der es mit List und Kühnheit von Paavi bis nach Brabak geschafft hatte.
Ibralosch Sohn des Ingrasch bestellte sich ebenfalls ein neues Kaltgetränk. Der erste Schluck schmeckte wie gewohnt erfrischend gut. Aus dieser Gegend stammte der Hopfen, aus dem das Ferdoker Bier gemacht wurde. Aber so viele Biere er sich auch hineinkippte, die erhoffte Wirkung blieb aus. Er blieb wütend. In Ferdok hatte er mitbekommen, wie sein alter Bekannter Forgrimm Sohn des Ferolax versucht hatte, seinen Kummer in Bier zu ertränken – mit ähnlichem Erfolg, nur dass er schließlich betrunken geworden war. Er ging noch einmal alles in seinem Kopf durch und kam doch zu keinem anderen Schluss. Was, wenn sein Zorn richtig wäre? Normalerweise war er ein gutmütiger Geselle, doch diese Angelegenheit ließ ihm keine Ruhe.
In seinem Grübeln hatte er gar nicht bemerkt, wie drei weitere Gäste eingetreten und sich seinem Tisch genähert hatten. Es war auch kein Wunder – die Taverne war gut besucht und nur bei ihm waren noch Plätze frei, hatte doch niemand Lust gehabt, sich zu dem merkwürdigen und grummeligen Zwerg zu setzen. “Garoschem!”, erklang es da auf Rogolan, was Ibralosch aus seinen Gedanken riss. Er starrte die Neuankömmlinge an und erkannte zwei von ihnen sofort. Seine Laune besserte sich umgehend. Familie! “Vetter Xandresch und Vetter Bengram! Na, das ist ja eine Freude!” “Angrosch sei gepriesen, dass er uns hier zusammengeführt hat!”, brummte Xandresch Sohn des Xologrim zufrieden. Bengram Sohn des Borgrim stellte währenddessen die junge Menschenfrau vor, die sich in ihrer Begleitung befand. “Das ist Tsalinde Trutzbacher. Tsalinde, das ist unser Vetter Ibralosch.” Tsalinde reichte ihm die Hand, welche er freundlich schüttelte. “Wir stammen alle aus der Wettertrutz-Sippe, aber während die beiden gerne oberirdisch unterwegs sind und Pflanzen sammeln, grabe ich lieber Tunnel oder schmiede Sachen. Die zwei sind Prospektoren, ich aber ein echter Sappeur!” Tsalinde bemerkte die Unterschiede in Haarfarben und Barttracht. Der Sappeur war dazu deutlich kleiner als etwa der geradezu klobige Xandresch.
Nachdem sich alle eine Runde Getränke bestellt hatten, seufzte Ibralosch. “Ach, tut das gut, Euch zu sehen! Ihr glaubt nicht, was vor kurzem in Ferdok geschehen ist.” “Wir wissen es bereits”, antwortete Xandresch knapp. “Ardo vom Eberstamm ist tot.” Ibralosch blickte erstaunt in die Runde, weswegen Bengram ergänzte: “Tsalinde kannte ihn auch. Deswegen haben wir beschlossen, zusammen zu reisen. Zuletzt hörten wir, dass die Hintergründe aufgeklärt worden sind, und wollten nun zurück nach Ferdok, um Genaueres zu erfahren.”
Jetzt kam die Wut in Ibralosch wieder hoch und er winkte energisch ab. “Pah! Aufgeklärt! Lasst Euch doch nichts erzählen. Ich komme gerade aus Ferdok und ich habe mehr als eine Ahnung, dass da etwas nicht stimmt.” “Was meinst Du denn damit?” Xandresch beugte sich vor und versuchte etwas leiser zu sprechen. Auch Tsalinde war ganz Ohr. “Also, was ich Euch jetzt erzähle, habe ich aus guter Quelle! Ihr habt wahrscheinlich mitbekommen, dass der Hesindetempel gerade wiedererrichtet wurde. Unser Vetter Bram Sohn des Schrax will dort ja unbedingt zum Schreiber ausgebildet werden.” Tsalinde verstand nicht, worauf Ibralosch hinaus wollte, konnte aber an den Gesichtern der drei Ambosszwerge sehen, dass dies wohl keine gewöhnliche Berufswahl war. “Naja, jedenfalls hat er sich bereiterklärt, gemeinsam mit den Novizen Bücher zu schleppen. Also, ein Kampf gegen Monster wäre deutlich besser, und den bekommt man wohl kaum in der Bibliothek! Aber wie’s auch sei, er ist dabei wohl mit der Archivarin Loisane in Kontakt gekommen, und die hat ihm erzählt, dass die Mordserie in Ferdok wohl Nachfahren von Drachentötern zum Ziel hatte. Diese Losiane wusste das ganz genau, denn sie selbst hat ebenfalls einen Drachentöter in ihrem Stammbaum, weswegen es sie beinahe selbst erwischt hätte! Jedenfalls erklärt das wohl, warum diese Drachenkultisten mitten in der Stadt bestialisch Leute ermordet haben.” Bengram zuckte mit den Schultern. “Ja, und? Eine Gruppe von blutrünstigen Spinnern, so etwas hatten wir auch schon gehört.” “Na, denk doch einmal nach!”, erhob Ibralosch den Zeigefinger. “Welchen Drachentöter hatte denn Ardo in seiner Familie? Er hat nie davon etwas erzählt, und selbst im Kosch-Kurier stand nichts, obwohl das Haus Eberstamm dort mit vielen Einzelheiten vorgestellt wurde.” “Nun ja, Halmdahl der Keiler hat seinerzeit den Drachen Greing Scharfzahn besiegt…”, wandte Xandresch ein. “Ja, aber er hat ihn nicht getötet!”, bemerkte Ibralosch. “Also stimmt etwas nicht mit dieser Erklärung.”
“Aber werter Ibralosch”, gab Tsalinde vorsichtig zu bedenken, “seit wann gehen denn Fanatiker konsequent und logisch vor? Die Welt ist voll von Seltsamkeiten und Widersprüchen. Wie eine Zollschranke bei einer Brücke über einen kleinen Bach, den ein Fußgänger mit leichtem Gepäck an anderer Stelle einfach überspringen kann.” Die drei Zwerge schauten sie verständnislos an. “Oh, verzeiht, ich sehe, dass das Beispiel nicht besonders gut gewählt war. Vergesst einfach, was ich gesagt habe…”
“Jetzt reden wir doch einmal Klartext”, setzte Bengram die Diskussion fort. “Selbst wenn es diese Drachenheinis in Ardos Fall nicht gewesen sind: Wenn die Stadtwache nicht mit den Morden beschäftigt gewesen wäre, hätten sie Ardos Tod wohl verhindern können. Und wir wären deutlich früher in Ferdok eingetroffen. Also sind die Kultisten mit Schuld daran, dass er tot ist!”
“Ja, genau!”, donnerte Ibralosch nun. “Und um die Wahrheit herauszufinden, bin ich nun auf dem Weg in den Dunkelwald. Ein Inquisitor der Praioskirche hat nach eigenen Untersuchungen in Ferdok beschlossen, dorthin zu ziehen. Graf Growin läßt zudem gegen einen reichen Ferdoker Bürger ermitteln, der aus der Stadt geflohen ist. Vielleicht ist er auch dort untergetaucht. Jedenfalls bin ich richtig wütend auf diese Schurken und fest entschlossen, die Wahrheit aus ihnen herauszuprügeln. Und selbst wenn sie nicht das Maul aufmachen – irgendeinen Hinweis werde ich schon finden!”
Bengram und Xandresch warfen sich einen prüfenden Blick zu. Dann nickte Xandresch. “Unter diesen Umständen hat es wohl wenig Sinn, wenn wir weiter nach Ferdok ziehen. Ibralosch, lass uns doch Dich begleiten. Diese Drachenverehrer sind ohne Zweifel gefährliche Leute. Gegen die sollte niemand alleine vorgehen. Aber zusammen werden wir es denen schon zeigen!” “Ja, ähm, ich wäre auch dabei!”, stellte Tsalinde klar, um sicherzugehen, dass sie bei dem Vorschlag mit eingeschlossen wurde. Ibralosch dachte kurz nach. “Ja, warum eigentlicht nicht? Mit Euch fühle ich mich jedenfalls besser. Auch wenn wir ein etwas seltsames Gespann sein werden – drei Angroschim und eine Dame!” Jetzt lachte der Sappeur zum ersten Mal seit langer Zeit.
Kurzerhand entschlossen sich die vier, die neuen Reisepläne mit einer weiteren Runde zu begießen. Die Menschenfrau bestellte sich ein Wallaheim Dunkel, denn ihre Fähigkeiten beim Zechen waren deutlich begrenzter als die ihrer zwergischen Mitstreiter. Das Gespräch wandte sich nun deutlich leichteren Themen zu. Als sie in die Gesichter der anderen blickte, fiel ihr etwas auf. “Sagt einmal, warum seid Ihr eigentlich über den Großen Fluss gereist und nicht über die Ferdoker Landstraße?” “Naja, bis zur Baronie Dunkelforst dauert es ungefähr gleich lang, je nachdem, welchen Teil des Waldes man zuerst betreten will. Ehrlich gesagt habe ich in meiner Wut gar nicht lange nachgedacht. Ein wenig spielt die Nostalgie mit. Zwischen hier und Lacuna liegt die Alte Zollinsel. Dort habe ich seinerzeit mein Abenteurerdasein begonnen!” “Hej, ich auch!”, rief Xandresch erstaunt auf. Tsalinde wandte sich nun an ihn. “Haben wir deswegen absichtlich die Baronie Nadoret vermieden?” “Nein, das hat einen anderen Grund…”, versuchte der Prospektor abzuwiegeln. “Auch wenn ich einige Leute von dort in sehr guter Erinnerung habe, bin ich nach einigen Erlebnissen von vor Jahren nicht überall gut gelitten.” Ibralosch lachte auf. “Also, das kann ich genauso sagen! Deswegen wollte ich die Stadt Nadoret gerne überschlagen.” “Zwerge, die gerne auf dem Wasser reisen”, schüttelte Tsalinde leicht lachend den Kopf. “Das hätte ich wirklich nicht erwartet.” “Dann solltest Du einmal Bruder Emmeran kennenlernen!”, wandte Ibralosch ein. “Ja, das ist eine interessante Person”, stimmte Xandresch zu. “Ein Gesandter des Flussvaters!” Bengram war doch recht erstaunt. Seine beiden Vettern schienen trotz der unterschiedlichen Berufe so einiges an gemeinsamen Erfahrungen zu haben. Ob das mit ihrer Gleichaltrigkeit zu tun hatte? “Ich habe gehört, hier im Ort soll es eine ganz besondere Geweihte des Efferd geben”, warf Tsalinde in die Runde ein. “Hm, ob die sich wohl mit Bruder Emmeran versteht?” Xandresch strich sich nachdenklich durch den Bart. “Bei Efferd und dem Flussvater weiß man ja nie…” “Von uns Prospektoren ist man ja einiges an Wundersamkeit gewohnt…”, feixte Bengram nun sichtlich gelöst, “aber von Dir hätte ich das nicht erwartet, Ibralosch! Ich hatte immer gedacht, Du wärst am liebsten den Angbarer Sappeuren beigetreten – als sie noch existierten, versteht sich.” Plötzlich wurde der zwischenzeitlich wieder aufgemunterte Ibralosch traurig und seufzte schwer. “Ach, die Angbarer Sappeure! Was für tapfere Leute, und was für ein trauriges Ende!” Er drehte sich zum Skalden um, der eben eine einfache romantische Weise beendet hatte, und rief ihm zu: “Also, jetzt hätte ich nichts gegen ein tragisches Lied, das Helden besingt! Spiel doch so eins, bitte!” Der Thorwaler Musiker schaute vorsichtig den Zwergen und seine drei Gefährten an und beschloss dann, dem Wunsch besser nachzukommen. Die Runde der vier Reisenden genossen das Lied und besprachen danach noch letzte Einzelheiten zur Weiterreise, bevor sie sich schlafen legten.
