Ardos Freunde - Neugierig in Nadoret

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Das Gasthaus “Zum sanften Ochsen” vor Nadoret, 1032 BF

Die Praiosscheibe war bereits untergegangen, die Stadttore geschlossen. Dennoch war in dem Gasthaus am Großen Fluss einiges los. Die Einheimischen des nahen Weilers gönnten sich noch ein paar Krüge vor dem Zubettgehen. Einige Reisende, die es nicht mehr rechtzeitig geschafft hatten oder die das Geld für eine Unterkunft in der Stadt sparen wollten, brachten nur allzu gerne die Nacht hier zu, als noch weiter weg ein Lager aufzuschlagen.

Wirt Teuben Roskop hatte soeben die nächste Runde Nadoreter Doppelbock serviert, als er schnelle Schritte von der nahen Treidelstraße hörte. Unbewusst spannte er die Muskeln an. Kam da Ärger des Weges? “He! Wer ist da?”, rief er in die Dunkelheit.

Wer auch immer dort war, blieb nun stehen. “Entschuldigt… ich wollte Euch nicht erschrecken… ich bin spät dran… die Tore schon zu… ich reise alleine… “ Der Wirt erkannte, dass der Unbekannte außer Atem war. “Na, ist ja gut! Jetzt beruhigt Euch erst einmal. Warum habt Ihr denn kein Licht dabei? So wie Ihr im Dunkeln reist, da muss man doch misstrauisch werden!” “Oh, äh, natürlich, verzeiht! Das hatte ich in der Eile ganz vergessen! Den Fluss entlang war es ja nicht so wichtig, da konnte man ja noch gut sehen.” Plötzlich erschien eine Lichtkugel aus dem Nichts, die hell strahlte und ein tulamidisches Gesicht erkennen ließ. Der hochgewachsene Mann, der Kleidung nach ein Magier, trat die letzten Schritte aufs Gasthaus zu.

Während sich Roskop wieder entspannte, wurden ein paar Gäste unruhig. Als sich der Magier auf der Suche nach einem Platz näherte, wurde spontan fast ein ganzer Tisch frei. Nur eine einzelne Dame war auf der Bank sitzengeblieben und bot ihm nun mit einer Geste an, sich dazuzusetzen. “Willkommen! Darf ich Euch auf ein Getränk einladen? Dank Euch habe ich einen Tisch fast für mich alleine.” “Oh ja, das, äh… sehr gerne!” “Doch machen wir uns erst einmal bekannt. Mein Name ist Rahjane von Sturmfels. Ich bin Händlerin in diesem Teil des Kosch.” “Hocherfreut! Rastafan ibn Kashban, reisender Magier.” Der Mann verbeugte sich etwas steif, bevor er sich der Frau gegenüber hinsetzte. “Also, das ist das erste Mal, dass ich mit einem einfachen Flim Flam eine solche Wirkung auf die Leute erziele.” “Die anderen haben wohl Angst, dass Ihr sie verbrennt.” Rastafan schüttelte verwundert den Kopf. “Aber das ist doch eine ganz andere Art von Magie! Ich muss es wissen, schließlich sind Zauber mit Feuer mein Fachgebiet!” “Nun, das ist nicht unbedingt jedem bekannt.” “Oh, ja, richtig…” Der Zauberer dachte kurz nach. “Na, trinkt doch erst einmal was. Ihr scheint ja ganz durch den Wind zu sein.” “Ja, eine gute Idee!”

Beim ersten Schluck des Ferdoker Hellen atmete Rastafan tief durch. “Ah, tut das gut! Wenn doch nur alles so einfach zu lösen wäre…” Er war sichtlich ruhiger, aber in seinen Augen war nun ein trauriger Blick zu erkennen. “Hm… das klingt nach einer Geschichte. Vielleicht wollt Ihr sie mir erzählen?” “Ach, mein Herz ist schwer und voll von Traurigkeit… doch ich möchte Euch nicht mit meinen Angelegenheiten überfrachten!” “Ist schon gut”, winkte Rahjane ab, “wir werden hier bis zum Morgengrauen sitzen. Mit einem guten Gespräch geht die Zeit schneller herum.“

“Nun, wenn Ihr es erlaubt… ich bin untröstlich, denn ein alter Freund von mir ist gestorben. Nein, viel schlimmer: Er starb einen gewaltsamen Tod. Schändlich ermordet hat man ihn!” “Mord? Das ist tatsächlich schlimm.” “Ja! Deswegen bin ich auch so aufgewühlt. Es fällt mir sehr schwer, mich zu beruhigen.” “Vielleicht nehmt Ihr als nächste Runde lieber einen beruhigenden Kräutertee? Und nehmt Euch Zeit, die habt Ihr heute Nacht. Wenn Ihr nicht weiter darüber reden wollt, kann ich das verstehen.” “Nein, nein, es ist sogar gut, mich endlich aussprechen zu können. Wisst Ihr, ich bin oft alleine unterwegs, und die wenigstens verstehen die Einzelheiten meiner Profession…” Kurz hielt der Magier inne und dachte nach, dann schüttelte er den Kopf. “Aber das spielt ja nun keine Rolle! Jedenfalls, Ardo war ein Prachtkerl, ein Anpacker, ein Kämpfer!” “Also kein Zauberkundiger wie Ihr?” “Nein, er stammte sogar aus einer Familie, die recht wenig mit Magie zu tun hatte. Sein voller Name war Ardo vom Eberstamm, ein Vetter des Fürsten Blasius. Wenn Ihr aus dem Kosch seid, habt Ihr sicher von ihm gehört!” “Aber natürlich. Erst vor ein paar Monden war sogar im Aventurischen Boten etwas über ihn zu lesen… wie er sich auf der Reise ein paar Räubern entgegengestellt und sie besiegt hatte.” “Ja, das war ganz seine Art! Immer mit der Waffe voran. Aber das hat ihn schon zu früheren Zeiten mehr als einmal fast das Leben gekostet.” “Das kann ich mir vorstellen. Dennoch ist es schändlich zu hören, dass ein tapferer Recke ermordet wurde.” “Ja, seinen letzten… Auftrag oder wie man es nennen mag konnte er nicht beenden.” Rastafan ließ den Kopf sinken und schloss kurz die Augen. Als er sie wieder öffnete, glänzten sie feucht. “Wisst Ihr, als wir uns kennenlernten, war ich noch ein junger Hüpfer, schon mit guten Ansätzen, aber noch lange nicht ausgereift und mit wenig Ahnung vom Leben jenseits der Studien. Dank ihm habe ich ein paar wertvolle Lektionen gelernt, die mich das ganze Leben begleitet haben.” Er seufzte tief. “Leider war auch eine davon, dass ein Wegbegleiter lange vor seiner Zeit sterben kann. Im Laufe der Jahre ist leider mehr als ein gefallener Gefährte dazugekommen.” “Das ist eine der schwierigsten Lehren des Lebens.” “Ja, und eine Erinnerung daran, jeden Tag zu schätzen, gut auszuwählen, für welche Sache man sich einsetzt, und nicht so leicht aufzugeben!” “Eure Einstellung gefällt mir. Was wollt Ihr jetzt machen?” “Ardos Tod war angeblich Teil einer ganzen Mordserie. Ich habe gehört, dass ein Großteil der Bande, die dahinter steckte, inzwischen erledigt wurde, aber ein Verdächtiger soll aus Ferdok geflohen sein. Deswegen reise ich jetzt gen Süden, um mich umzuhören. Es ist nur eine schwache Spur, aber besser als nichts.” Rahjane nickte. “So wie Ihr von Ardo erzählt habt, hätte es ihm wohl gefallen, dass ein alter Freund sich für ihn auf die Suche macht.” “Ja, das ist genau das, was ich in mir spüre! Die Mörder sollen nicht davonkommen. Die Gerechtigkeit wird obsiegen!” Der Magier redete jetzt leidenschaftlich. Dann unterbrach er seinen Redefluss. “Oh, verzeiht, jetzt habe ich die ganze Zeit geredet… Ihr müsst mich für ein wenig verrückt halten!” “Das ist schon in Ordnung”, erwiderte die Händlerin lächelnd. “Wisst Ihr, ich rede jeden Tag sehr viel. Da kann es schon einmal sehr entspannend sein, einfach einmal zuzuhören.” “Ihr seid zu freundlich. Dank Euch fühle ich mich jetzt viel besser. Nur ein wenig müde…” “Tut Euch keinen Zwang an. Schlaft ruhig ein paar Stunden hier auf der Bank. Nach Eurem Zauber vorhin wird sie Euch wohl niemand streitig machen.” “Was für eine gute Idee. Ein Nachtlager unter freiem Himmel. Wie in alten Zeiten.” Die lange Reise und der Tee sorgten dafür, dass Rastafan ibn Kashban nur kurz danach fest schlief.

Rahjana blickte auf zu den Sternen. Deren Schein gab ihr immer Trost und Hoffnung. Sie hörte sich selbst in ihrem Kopf sagen: “Es gilt, sich in Gleichmut zu üben. Die Zwölfe entscheiden, wann jemandes Zeit gekommen ist.” Dann atmete sie tief durch und antwortete sich selbst in Gedanken. “Das ist wahr. Aber so viel leichter gesagt als getan.” Tatsächlich war Ardo vom Eberstamm auch ihr Freund gewesen. Doch in ihrem Beruf hatte sie sich angewöhnt, nicht so einfach nach außen zu zeigen, was sie dachte und fühlte. Sie wählte sorgfältig aus, wem sie sich anvertraute. Dem Magier wollte sie nicht hier vor all den Leuten die Wahrheit erzählen, aber vielleicht unterwegs… sie könnte im am nächsten Morgen fragen, ob sie nicht gemeinsam weiterreisen wollten. Immerhin hatte er Ardo ebenfalls gekannt, und das bedeutete etwas, denn Intriganten oder Stutzer hatte dieser nie gemocht. Dieser Tulamide war zwar etwas naiv, aber sympathisch, und er hatte sie an ihre Vergangenheit erinnert. Sie dachte an ihre eigenen Erinnerungen mit Ardo: Wie sie sich vor vielen Jahren zum ersten Mal über den Weg gelaufen waren. Auch wenn sie sich später aus den Augen verloren hatten, hatte er zuletzt sogar ihre Tochter kennengelernt. Sie hatte die Nachricht von seinem Tod schon vorher erfahren und Zeit gehabt, zu trauern. Jetzt war die Phase der Erinnerung und der Wertschätzung der gemeinsamen Zeit gekommen. Ihre Augen leuchteten, als sie den Krug erhob und auf ihn anstieß. “Mach’s gut, alter Freund. Wenn die Götter es wollen, werden wir in verschiedenen Paradiesen enden, aber ich werde Dich nie vergessen.”