Ardos Freunde - Grimmig in Grantelweiher
Grantelweiher in der Baronie Moorbrück, 1032 BF
Das Gasthaus “Reisender kehr’ ein” war an diesem Abend gut gefüllt. Da die Ortschaft Grantelweiher an der Treidelstraße entlang des Großen Flusses lag, gab es regelmäßig zahlreiche Händler, Flussschiffer und sonstige Reisende, die hier einkehrten. Entgegen der allgemein eher trübseligen Atmosphäre in der Baronie kam hier zumindest ansatzweise ein wenig Behaglichkeit auf. Die Bediensteten kamen den Wünschen der Gäste schnell nach und hatten ab und zu sogar ein Lächeln für sie übrig.
Ein paar Musiker verdienten sich ein paar Münzen und Runden Bier. Leider war ihr Vorrat an Liedern sehr begrenzt, was unter normalen Umständen nicht weiter aufgefallen wäre. Jemandem, der länger hier blieb, fiel jedoch bald auf, dass sich die Musik ab einer bestimmten Zeit immer zu wiederholen schien. Was als angenehme Hintergrundbeschallung begann, wurde bald recht eintönig – und zwang alle diejenigen, die ein Gespräch führen wollten, deutlich lauter als notwendig miteinander zu reden.
Bengram Sohn des Borgrim atmete tief durch und nahm einen tiefen Schluck Ferdoker Bieres. So viele Leute auf einen Haufen, das war einfach nicht nach seinem Geschmack! Fast vermisste er den Moorbrücker Sumpf! Zugegeben, im Gasthaus Schlammiger Stiefel in Moorbrück war es eher trostlos gewesen und sie waren als Durchreisende sofort aufgefallen, aber der Wirt Grantel Schotterbier hatte so eine nette Art gehabt, freundliche Stimmung zu verbreiten...
Sein Vetter Xandresch Sohn des Xologrim, der mit ihm am Tisch saß, blickte plötzlich auf. An sich war nichts Besonderes passiert; es war wohl gerade ein neuer Gast eingetreten. Doch die Augen des Zwergen hatten sich aufgehellt. Bengram drehte sich zur Tür, um zu sehen, wer da eingetroffen war. Es war ein Krambold, der die Leute freundlich grüßte und sich einen Weg zwischen vollen Tischen entlang bahnte auf der Suche nach einem freien Platz.
Jetzt verstand der Prospektor das Interesse seines Gefährten: Die Kiepenkerle brachten immer Neuigkeiten mit. Der neu eingetroffene Mann war eine vielversprechende Informationsquelle. Eilig winkten sie ihn zu sich heran. “Angrosch zum Gruße, die werten Herren Angroschim”, begrüßte dieser sie freundlich. “Bredo Bento mein Name. Darf ich mich zu Euch setzen?” Nun erkannte Bengram ihn wieder. “Wir kennen uns doch aus Avestreu!” “Ah, aber natürlich! Na, Phex sei Dank, dass wir da wieder weggekommen sind. Ihr habt es ja früher geschafft als ich. Ich habe noch eine ganze Weile im Wirtshaus Zum Scharfen Schwert zugebracht, bevor es endlich weiterging. Sagt, wie ist es Euch ergangen?” “Ach”, seufzte Bengram, “am Ende habe ich Ferdok erreicht, aber zu spät: Mein Freund war ermordet worden!” “Das ist ja schrecklich!” Bredo schlug die Hände vor dem Mund zusammen. “Bitte erzählt mir mehr, wenn Ihr wollt.” Zunächst jedoch bestellte er sich ein eigenes Bier und eine Portion Eintopf. Nun berichteten ihm die beiden Ambosszwerge, was sie bislang wussten. “Jetzt warten wir auf Nachrichten aus Ferdok und dachten, dass Ihr vielleicht etwas berichten könnt.”, schloss Xandresch. Bredo Bento wischte sich den Bierschaum aus dem Bart. “Ja, es gibt tatsächlich Neuigkeiten”, verkündete er aufgeregt. “Es hieß zuletzt, die Mordserie sei endlich aufgeklärt! So eine finstere Bande von Vermummten soll es gewesen sein. Alle Einzelheiten habe ich nicht mitbekommen; es hieß auch, die Obrigkeit ginge noch einigen losen Fäden nach. Aber Graf Growin soll wohl sehr erleichtert gewesen sein.” Xandresch schloss kurz die Augen. Na wenigstens etwas! Doch Bengram war deutlich ungeduldiger. “Wer waren denn diese Schurken? Könnt Ihr uns wenigstens einen Namen nennen? Ich möchte doch zu gerne wissen, wie diese Feiglinge hießen, die Ardo auf dem Gewissen haben!”
“Entschuldigung”, meldete sich plötzlich eine schüchterne Stimme neben ihnen am Tisch. Sie gehörte zu einer jungen Frau mit schwarzen kurzen Haaren in einfacher Kleidung. “Meint Ihr Ardo vom Eberstamm, den Vetter des Fürsten?” “Ja, das ist richtig. Wer möchte das wissen?” Xandreschs Hand ging unmittelbar zu seiner Waffe, auch wenn eine einzelne Menschenfrau wohl kaum eine Bedrohung darstellte – und inmitten einer belebten Kneipe kein Hinterhalt drohte. “Hej, aber das ist doch… wir sind uns doch schon einmal über den Weg gelaufen!”, platzte es aus Bredo Bento heraus. Er dachte nach, der Name wollte ihm aber auf die Schnelle nicht einfallen. “Tsalinde Trutzbacher”, löste die Frau das Rätsel auf. “Das war unterwegs nach Ferdok in Avestreu.” “Ja, stimmt!”, freute sich der Krambold, “und jetzt treffen wir uns hier wieder.” An Bengram gewandt fügte er hinzu: “Da war aber auch etwas los in dem kleinen Dorf. Was da alles an Reisenden festsaß. Ihr müsst Euch nur knapp verpasst haben.” Bengram strich sich durch den Bart. “Hm, irgendwie kommt es mir so vor, als hätten wir uns schon einmal gesehen…” “Ja, das Gefühl habe ich auch.” Tsalinde kratzte sich am Kopf. “Aber kommen wir zurück auf Ardo zu sprechen: Er war auch mein Freund, und sein Tod hat mich tief getroffen.” “Dann haben wir etwas gemeinsam.” Xandresch entspannte sich. “Vielleicht wollt Ihr Euch zu uns setzen. Dann können wir zusammen eine Runde auf ihn trinken.” Die Einladung nahm Tsalinde gerne an. Die beiden Prospektoren stellten sich nun als Vettern aus der Wettertrutz-Sippe vor, die in der Mark Ferdok beheimatet war. Als sie alle vier ein Koschwasser hinunterkippten, musste sie danach ein wenig husten. “Ui…” Sie klopfte sich auf die Brust. “Wenn Ihr weiter in den Sumpf wollt so wie ich, müsst Ihr Euch daran gewöhnen”, bemerkte der Krambold. “Nein, da komme ich gerade her. Ich war sogar in Donken. Eigentlich wollte ich meine Mutter suchen und bin deswegen den Fluss hinuntergereist. Aber jetzt, wo ich diese Neuigkeiten mitbekommen habe, möchte ich lieber nach Ferdok zurück, um alles genauer zu erfahren.” “Das ist eine gute Idee”, stimmte Xandresch zu. “Warum reisen wir nicht zusammen? Bengram, was meinst Du?” Dieser dachte ein wenig nach. “Naja, jetzt zurück nach Ferdok, wo ich doch vor kurzem erst hergekommen bin…” “Das gehört zum Abenteurerleben dazu!”, erwiderte Xandresch. “Wenn ich überlege, wie oft ich auf dem Großen Fluss hin- und hergereist bin. Außerdem sind wir das Ardo schuldig!” “Das ist richtig”, lenkte Bengram nun ein. “Was ist also der Plan, wenn wir da sind? Wir wollen uns bei den Ferdoker Stadtbütteln umhören?” “Oder im Phextempel”, zwinkerte Tsalinde, die plötzlich ein fröhliches Leuchten in ihren Augen hatte. “Der Vorschlag gefällt mir!”, lobte Xandresch. Bengram schaute ihn etwas verständnislos an. “Was sollen wir denn im Handelstempel Besonderes erfahren?” “Vertrau mir”, lächelte Xandresch, “ich habe mit Phextempeln so meine Erfahrung gemacht während meiner Ausbildung.” Bengram verstand zwar immer noch nicht mehr, beschloss aber, nicht weiter nachzuhaken. Sein älterer Vetter würde schon wissen, was er tat. Gemeinsam tranken sie noch ein Bier und verabredeten sich dann für den nächsten Morgen. Bredo Bento wünschte ihnen viel Glück bei ihren weiteren Nachforschungen – und sie ihm ihrerseits auf seiner weiteren Reise ins Moor…
