Ritter Boromils Gespür für das Moor - Der Sumpf in Flammen
Neuvaloor in der Baronie Moorbrück, Ende Phex 1033 BF
Es war ein weiterer Morgen im Moorbrücker Sumpf. Ingramosch Grambart seufzte. Ritter Boromil war unterwegs. Wie gerne würde er ihn einmal begleiten! Die für einen Hügelzwerg sehr ungewöhnliche Abenteuerlust machte ihn ungeduldig. Wie er mit einem Blick auf die Leute, die sich zwischen den Häusern bewegten, sehen konnte, ging derweil das Leben in der Siedlung seinen gewohnten Gang: Ibrom Wasserlieb half seiner Frau Ulinai, ein Bad vorzubereiten, und schleppte gemeinsam mit ihr fleißig Wassereimer. Der Koch Kascha Süßmaul trug Feuerholz. Als sich sein Weg mit dem der Wäscherin Algrid Bachzuber kreuzte, grüßten sich die beiden freundlich. Ob sie für ein Schwätzchen zu haben wäre? Ingramosch wollte gerade auf sie zugehen, da hörte er ein Geräusch wie fernes Donnergrollen.
Sofort lief er in Richtung des Geräusches an den Rand der Siedlung. Weit weg sah er hohe Rauchwolken. Immer wieder blitzte es darunter auf. Dann wurde es immer heller. Langsam begriff er. Der Sumpf musste in Flammen stehen! Was war nur geschehen?
Jetzt hörte er die laute Stimme von Olgosch Sohn des Ogrim, der während der Abwesenheit des Ritters das Sagen hatte. Der Krieger rief diejenigen Ambosszwerge zusammen, die nicht gerade Wache hatten. In Windeseile und voll gerüstet liefen sie heran, allen voran Dugobalosch Sohn des Dramosch, Olgoschs guter Freund. Olgosch brüllte einige schnelle Befehle auf Rogolan, und Duglim Sohn des Dergam und der Mechanikus Denderan Sohn des Dragoran rannten zurück, um nach den anderen Einwohnern zu schauen.
Ingramoschs Blick folgte ihnen und er sah, wie Alphak und Boltsa Schröterwald sich beeilten, ihre beiden Kinder Firnia und Alrik in eines der Häuser zu bringen. Aber würden sie dort sicher sein? Ganz anders reagierte Tsalva Lehmfeld. Sie ging in Richtung Ingramoschs. Mit offen zur Schau gehaltender Neugierde starrte die Töpferin auf das Schauspiel, das sich am Horizont bot.
Inzwischen überschlugen sich die Ereignisse. In dem eben noch ruhigen Ort war innerhalb weniger Minuten hektische Aktivität ausgebrochen. Manche der Leute redeten durcheinander, einige zeigten auf die Feuersbrunst. Olgosch instruierte derweil lautstark Grimma Siebenrüb und Zolthan Grobbfold, die ebenfalls herbeigelaufen waren, als sie die Rufe gehört hatten. Sie sollten dafür sorgen, dass für alle Fälle Decken, Eimer, Schaufeln und Spaten griffbereit wären. Die Tischlerin drehte sich um und ging zügig davon; der Rossknecht verbeugte sich unterwürfig und nahm die Beine in die Hand.
Ingramosch beobachtete eine weitere Szene, die sich abspielte. Arombolosch Rüsslinger und seine Frau Roglima standen neben Thoram Dornenstrauch. Die drei Zwerge schauten fasziniert, ja beinahe ehrfürchtig auf die Flammen und beten laut. "Väterchen Angrosch, in Deiner Esse hast Du uns geformt, sehe uns als würdiges Werk an, und lass Deine reinigenden Flammen uns nicht verzehren, doch beschütze uns vor aller bösen Magie..."
Plötzlich nahm Ingramosch eine einzelne Gestalt wahr, die auf den Weg zuhastete, der weiter in den Sumpf führte und dem Feuer entgegen. Es war Aldur Haubenschreier, einen Rucksack auf dem Rücken, in der einen Hand einen Wasserbeutel, in der anderen einen Prügel. “He, warte!”, rief Ingramosch. "Wo willst Du denn hin?” “Unsere Nachbarn brauchen unsere Unterstützung! Wir müssen ihnen helfen!” “Du kannst nicht einfach alleine los!" “Wir müssen doch etwas tun!”, schrie Aldur zurück. Durch das laute Gespräch hatten auch andere Einwohner Neuvaloors mitbekommen, was vor sich ging. "Gar nichts werden wir tun! Wir sind zu weit weg und bringen uns nur selbst in Gefahr.", entgegnete Jallik Halmanger mit fester Stimme. Der Glockengießer schien kein Einsehen zu haben. Er schüttelte den Kopf, zuckte mit den Schultern und schickte sich an, weiter zu eilen. “Schnell, komm!”, wies Jallik den kräftigen Thimorn Hiligon an. Gemeinsam mit dem Halb-Thorwaler hielt der Bauernsohn Aldur fest und zerrte ihn zurück in die Siedlung. Dieser wehrte sich nach Leibeskräften und schrie protestierend: "Wir können sie nicht einfach sterben lassen!" Jallik herrschte ihn an: "Wovon redest Du denn? Wir wissen doch gar nicht, ob das Feuer eine der Siedlungen erreicht hat!" Inzwischen hatten mehrere weitere Siedler gehört, was sich hier abgespielt hatte. Sie brachten den untröstlichen Aldur Haubenschreier in eines der Häuser, gut geschützt vor der Sicht des Feuers.
Damit kehrte nach und nach etwas mehr Ruhe ein. Die dringenden Aufgaben an die Wachen und Krieger waren verteilt. Ingramosch entschied, dass er sich anhören wollte, wie Olgosch die Situation einschätzte. Dieser beobachtete weiterhin das Feuer und beriet sich mit Dugobalosch. “Was schätzt Du, wie weit ist es entfernt?” Dugobalosch kniff die Augen zusammen. “Auf jeden Fall noch weiter weg als die nächste Siedlung. Wahrscheinlich in der Umgebung von Hohentrutz.” Olgosch strich sich nachdenklich durch den Bart. “Also bei Ritter Roban… hoffentlich weiß er, was er zu tun hat.” “Na, davon will ich doch ausgehen. Schließlich ist der ein Krieger! Wenn er bloß nicht diese Magierin dabei hätte. Würde mich nicht wundern, wenn sie das ausgelöst hätte. Ein missglücktes Experiment oder so etwas. Es ist doch immer dasselbe mit diesen Zauberzauseln!” Ingramosch schaute ebenfalls weiter in die Ferne. Beachtlich, dass man die Flammen bis hierhin sehen konnte. Das flache Gebiet des Sumpfes machte es natürlich einfach, weit zu sehen – wenn einmal kein Nebel herrschte. Die nächsten Nachbarn wären Ritter Grimm in Klammwinkel zwischen Neuvaloor und Hohentrutz und Ritter Rainfried in Grimsaus Ehr auf der anderen Seite. Ob diese Hilfe schicken würden?
Caya Folmin hatte sich inzwischen dazugesellt. Obwohl sie aus Zwergensicht eine allzu zarte Figur hatte, war Ingramosch schon mehrmals aufgefallen, dass die Frau mitunter recht hart im Nehmen war. Mit weniger Furcht als die anderen Menschen blickte sie auf das Spektakel und sprach aus, was die anderen dachten. “In den Sumpf zu ziehen ist sinnlos. Da bleiben wir stecken oder werden Opfer von Untoten oder wilden Tieren. Der Ritter wird die seinen schützen. Und wir müssen auf uns selbst aufpassen.” “Wir sollten vor allem darauf achten, dass das Feuer nicht näher kommt – auch wenn es sehr unwahrscheinlich ist, dass es sich so weit durch den Sumpf fressen kann.”, schlug Ingramosch vor. Dugobalosch lachte trocken. "Wir können natürlich auch Glück haben. Vielleicht erwischt's dabei ein paar von den Untoten."
“Was ist mit Aldur?”, fragte Olgosch. “Er ist ziemlich aus der Haut gefahren, als er das Feuer gesehen hat. Die anderen kümmern sich um ihn.”, berichtete Ingramosch. “Gut so”, nickte Olgosch. Dann wandte er sich an Dugobalosch: "Lass Korok und Krimog ein Auge auf ihn haben, während sie wachen." Ingramosch beschloss, selbst nach dem Rechten zu sehen.
Als er in das Haus eintrat, in dem die Gruppe verschwunden war, hatten zumindest das Schreien und sich zur Wehr setzen aufgehört. Aldur Haubenschreier atmete noch immer heftig, die Augen ins Leere starrend. Gilia Ulfaran war voller Sorge um ihn. Leise redete sie auf ihn ein. "Wir sind bei Dir. Du bist nicht allein. Wir sind in Sicherheit." Sein Freund Connar Tannhaus hielt seinen Arm. Hanno Weidentreu spielte eine langsame Weise auf seiner Flöte, um ihn zu beruhigen. Nach und nach entspannten sich Aldurs Muskeln, seine Atmung wurde langsamer. Er schien erst jetzt seine Umgebung wieder wahrzunehmen. "Was ist denn in Dich gefahren?", fragte Großvater Schröterwald. Der Glockengießer verzog schmerzvoll den Mund. “Ich bin Angbarer.” Und in diesem Moment wirkte er sehr müde und schaute traurig auf den Boden. Der alte Ugdalf verstand sofort, nickte nur und schwieg. Da dämmerte es ihnen allen: Der Alagrimm...
Sie hatten alle verschiedene Gründe gehabt, sich der Neusiedlung vor einem Jahr anzuschließen, und über manche redeten sie offen. Doch ihnen war auch klar, dass einige der Siedler noch einen weiteren, geheimen Grund gehabt hatten, in Moorbrück einen Neuanfang zu wagen, und nicht jeder seine ganze Geschichte erzählen wollte. Für ein paar Augenblicke hing jeder seinen eigenen Gedanken nach.
Dann durchbrach Connar Tannhaus die Stille mit einem Lied, das er auf der Laute zupfte. Aldur kannte die Melodie. Ein Lied, das er immer etwas melancholisch, aber auch sehr schön gefunden hatte. Er fing an zu singen, denn er wusste, dass das gegen dunkle Gedanken half.
Der Ziegenhirte stieg nun ebenfalls mit seiner Flöte ein. Gilia Ulfaran summte mit und ertappte sich dabei, wie sie Aldurs Hand hielt. Es schien ihn nicht zu stören. Während die anderen Musik machten, setzte der Großvater Wasser für einen Tee auf.
Als das Lied zuende war, schaute Aldur in die Runde und musste ein wenig lachen. Die anderen blickten ihn erstaunt an. Das passte nun gar nicht zu dem traurigen Lied und seiner Stimmung vorher! “Alles in Ordnung?”, fragte Ingramosch vorsichtig. Aldur nickte und erklärte dann: “Dieses Lied kenne ich aus einer anderen Zeit… einem anderen Leben. Es gab einige Jahre, da konnte ich es nicht hören ohne zu weinen. Aber jetzt ist alles gut. Ich bin am Leben und umgeben von Freunden. Den Zwölfen sei Dank.” Er schaute dankbar lächelnd in die Runde. Connar klopfte ihm auf die Schulter. Gilia umarmte ihn.
An diesem Abend opferte Ingramosch Grambart eine Münze am Phexschrein der Siedlung und betete laut: “Guter Phex, Du hast meinen Ruf nach Abenteuer gehört, und ich will Dir dankbar sein! Aber bitte vergiss bei der Erfüllung meiner Wünsche nicht, dass die anderen vielleicht nicht soviel Sinn dafür haben!”