Firuns Pfade - Schlachtreiter

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Texte der Hauptreihe:
12. Ing 1044 BF
Schlachtreiter


Kapitel 1

Bergauf
Autor: Korkron

Erlenschloss, 1044

Wie lange wollte man ihn eigentlich noch warten lassen? Wartete er eigentlich schon lange? Er wusste es nicht. Zumindest noch nicht so lange, als dass seine Kleidung wieder getrocknet wäre. Nervös schritt er in dem Sitzungssaal auf und ab. Durch die hohen Fenster konnte er die fast schwarzen Wolken erkennen, die weiteren Regen verhießen. Die Anweisung, hier zu warten, hatte ein Diener kurz und knapp überbracht und ließ ihn ebenfalls nichts Gutes erahnen.

Er ging von den Fenstern weg, schaute sich zum wiederholten Mal die Ahnengalerie an und anschließend den in den Farben des Fürsten, und auch seinen, gemalten Stammbaums. Sein Bruder nahm die Situation deutlich lockerer. Er hatte drauf bestanden, ihn zu begleiten, besuchte nun jedoch mit der Stallmeisterin die Menagerie. Wollte er ihn nur begleiten, um die Menagerie zu besuchen oder ihn zu unterstützen? Wahrscheinlich sprudelte er hinterher nur so vor Ideen für sein Panoptikum, während er selbst immer noch keine Stellung gefunden hat, die ihm gefallen würde. Mit dem Finger unterstützte er seine Augen in dem weit aufgefächerten Stammbaum. Viele der aufgeführten waren ihm namentlich bekannt und hatten hohe Stellungen inngehabt. Sein gesamtes Haus war erst ein Jahrhundert alt, niemand hatte auch nur einen Baronstitel erhalten. Und er selbst hang am Rockzipfel seines Bruders. Würde sich irgendwann auch nur irgendjemand an seinen Namen erinnern können?

Langsam ging er zurück zum Fenster? Tatsächlich konnte er nun Grimm mit der Stallmeisterin erkennen. Und an einer Stelle brach sogar ein Stückchen blau durch die Wolkendecke.

Polternd, natürlich ohne Klopfen oder Vorwarnung, öffnete sich die Tür. In militärischer Manier versteifte sich seine Haltung. Herein kam jedoch nicht der Fürst, sondern ein Zwerg; des Fürsten Cantzler. Sollte Anshold etwa gar nicht an seiner Audienz teilnehmen? Dies offenbarte wohl endgültig, dass ihm keine Stellung angeboten würde. Kurz entglitten ihm seine Gesichtszüge vor Enttäuschung und mit Schrecken stellte er fest, dass der Zwerg dies wohl bemerkt hatte.

Der Cantzler stutzte eine Sekunde. Dann ging er auf ihn zu, zog an einer Pfeife, die Eulrich zunächst gar nicht aufgefallen war und entnahm ein Pergament. „Eulrich zu Zwietrutz“. War dies eine Frage oder eine Anrede? Er antwortete mit einem militärischen „Ja“. „Das war keine Frage“, sprach Nirwulf in ruhigem Ton. Unendliche Sekunden schauten sie sich an. Eulrich wusste nicht, was er sagen sollte. Er stand steif vor dem Cantzler.

„Wollt Ihr nicht auf die Knie gehen?“ Des Cantzlers Worte hallten in seinem Kopf. Mechanisch, ohne den Sinn seiner Worte zu verstehen, ging er langsam auf ein Knie bis er auf Augenhöhe mit dem älteren Zwerg war. Nirwulf zog noch einmal an seiner Pfeife. Dann fing er an zu sprechen, wobei ihm Dampf aus dem Mund kam wie einem Drachen in einem Kindermärchen.

„Eulrich zu Zwietrutz. Hiermit gebe ich, Nirwulf, Sohn des Negromon, Cantzler des Kosch, im Namen unserer Hoheit, Fürst Anshold vom Eberstamm, bekannt und zu wissen, dass Eulrich zu Zwietrutz in Anerkennung seiner Tapferkeit im Kampf gegen Unrecht in Garetien und in Anerkennung seiner Verdienste in den Häusern des Kosch und somit für das Fürstenhaus selbst, mit sofortiger Wirkung zum Schlachtreiter des Hauses Eberstamm ernannt wird, einschließlich der Lehensübernahme des fürstlichen Rittergutes Firnholm mit allen Rechten und Pflichten der fürstlichen Lehensmänner.“

Eulrich schluckte. Nun war er doch überrascht. Er atmete unüberhörbar laut und schnell. Wenn er keinem Scherz aufgesessen war, erfüllte sich hier gerade sein sehnlichster Wunsch. Schlachtreiter in einem firungesegneten Ort, unweit seines Stammsitzes.

„Ihr müsst erwidern“, hallte es in seinem Kopf.

Mit nicht ganz gefasster Stimme begann Eulrich den Text aufzusagen, den er im Schlafe konnte: „Unter dem Schutz der Zwölfe, schwöre ich, Eulrich zu Zwietrutz, von nun an Schlachtreiter meines Herrn Anshold vom Eberstamm und dem Hause Eberstamm zu sein. Ich schwöre, sein Lehensmann zu sein, mit allen Rechten und Pflichten, seinem Ruf stets zu folgen und all meine Fähigkeiten und mein Leben in seinen Dienst zu stellen, wie es recht und billig ist.“

„Schlachtreiter Eulrich zu Zwietrutz, Ritter von Firnholm, steht auf, empfangt das Siegel und unterzeichnet dieses Pergament.“ Eulrich folgte den Worten des Cantzlers, wenngleich er überrascht war, wie schnell die Zeremonie erfolgte, dass sie ohne den Fürsten erfolgte und dass sie ohne umfassenden Austausch erfolgte.

Nach der Unterzeichnung nahm Nirwulf das unterschrieben Pergament und machte sich daran, wieder aus der Tür zu verschwinden, durch die er gerade erst gekommen war. An der Tür drehte er sich langsam um, er grinste. War dies ein gutes oder ein schlechtes Zeichen? Eulrichs Unsicherheit kehrte zurück.

„Schlachtreiter Eulrich“, paffte er dampfend aus. „Wir sehen uns in exakt 7 Tagen wieder hier. Trefft alle Vorkehrungen, den Fürsten zu treffen und anschließend direkt nach Firnholm aufzubrechen.“