Berichte von der Keilerkompanie - Lagerfeuer und Latrinen

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Lagerfeuer und Latrinen

Borrewald, Anfang Travia 1048 BF

Nebel zog in bleichen Bändern zwischen den knorrigen Stämmen. In der Ferne knarzten Äste, ein Käuzchen rief klagend. Die Männer und Frauen der drei Züge schliefen in kleinen Gruppen, eingerollt in ihre Decken, die Waffen stets griffbereit. Über einem Feuer köchelte ein Topf mit dünnem Eintopf, die flackernden Flammen warfen Lichtschatten über die Gesichter der vier, die darum saßen: Baerwin von Hartsteig, Alrune vom Rosenschloss, Rigolosch Sohn des Barox und Kuniswart Bocksbart.
Die Karten des Borrewalds lagen zwischen ihnen ausgebreitet, beschwert mit Steinen und Klingen. „Morgen folgen wir dem alten Hohlweg bis zu einem kreisrunden Waldsee“, sagte Alrune leise. „Der Hirte sprach von einem Pfad westlich davon, kaum mehr als ein Wildwechsel.“
Rigolosch und Baerwin tauschten Blicke, dann brummte Rigolosch: „Gesprochen hat er das nicht. War eher ein stotterndes Würgen. Mit Blut und Tränen.“
„Er hat geredet. Das zählt.“
„Seine Zunge lag ihm nur deshalb so locker, weil euer Gero ihn behandelt hat wie einen Wegelagerer. Der ist wie ein Kettenhund, der alles zerfleischt, was ihm zu nah kommt.“
Alrunes Blick verengte sich. „Dieser Hirte dachte, er kann uns behandeln wie Dorfbüttel. Wir sind eine fürstliche Kompanie und haben ein Ziel. Er hat geredet, während eure Leute noch in den Brombeerranken hingen und Vogelspuren für Fährten hielten.“
„Vogelspuren!“ Kuniswart tippte sich mit dem Finger an die Stirn und fuhr Alrune an: „Das war 'ne Harpyie – mindestens! Und außerdem: Wer solche Typen wie Gero kommandiert, hat kein Recht, sich über andere zu beschweren. Dieser Gero reicht allein für ein Blutbad – da braucht es keinen Borrewaldbund!
Und was ist mit dieser rothaarigen Alrike? Die blickt drein, als höre sie Stimmen, die sonst niemand hört. Ich will niemanden in meiner Nähe, der mit gespannter Armbrust schweigend hinter mir geht und plötzlich kichert!“
Rigolosch nickte eifrig. „Und dann dieser dümmliche Riesenkerl, der aussieht, als hätte man ihn im Kornspeicher aufgezogen. Wenn er sich bückt, denkt man, ein Haus stürzt ein. Wenn er spricht, glaubt man, ein Kind sucht seine Mutter.“
Alrune seufzte. „Ja, Morlin ist nicht gerade der Hellste. Aber er kann gut mit den Pferden und befolgt Befehle bedingungslos … wenn er sie denn versteht.“
„Und wenn er sie nicht versteht, dann steht er dumm da und macht ein Gesicht, als müsste er kacken!“ warf Rigolosch ein. Kuniswart lachte los. Baerwin hob beschwichtigend die Hand. „Lasst uns nicht streiten. Wir haben einen Auftrag und der Edelhauptmann hat nunmal unsere Züge gemeinsam auf Patrouille geschickt.“ Er beugte sich über die Karte: „Ich schlage vor, Alrune reitet morgen mit ihren Leuten vor und erkundet die Lage, dann ...“
Er verstummte, als ein dumpfer metallischer Laut durch die Nacht schnitt, gefolgt von einem unterdrückten Schrei. – das Geräusch einer schießenden Armbrust.
Blicke fuhren herum. Schon lag Alrunes Hand auf dem Griff ihrer Waffe. Stimmen riefen durch die Finsternis. Äste knackten im Unterholz, und binnen Augenblicken war das Lager in Bewegung. Zwei Soldaten tauchten im flackernden Lichtschein auf. Sie stützten einen der Träger aus Baerwins Einheit. Der Mann hatte eine blutende Wunde am Bein, die Hose halb heruntergezogen, ein Bolzen steckte tief in seinem Stiefel.
„Armbrust! Von Osten!“, rief einer der Soldaten.
Baerwin trat vor. „Wer hat geschossen?“
„Ich.“
Alrike trat aus dem Dunkel. Die Armbrust hing noch an ihrer Seite, ihr Gesicht war regungslos. „Er schlich durch den Wald.“ „Er war Wasserlassen!“ rief einer der Soldaten fassungslos.
„Die Latrine ist südlich des Lagers. Das wurde bekanntgegeben“, sagte Alrike trocken.
Rigolosch sprang auf. „Du bist ja komplett irre! – Hast du gerufen? Oder schießt du immer, bevor du fragst?“
Alrike blinzelte langsam. „Die Latrine ist südlich. Er hätte sich dort nicht aufhalten dürfen. Ich hielt ihn für einen Angreifer.“
Baerwin vergrub das Gesicht in der Hand, atmete tief durch. „Cildariel soll sich die Wunde ansehen.“
Alrune trat vor und stellte sich Alrike direkt gegenüber. Ihre Stimme war leise, aber schneidend. „Wenn du noch einmal ohne Befehl schießt, dann werde ich dich an deinen Gaul fesseln lassen. Mit den Füßen nach oben! Klar?“
Alrike erwiderte den Blick ohne zu blinzeln, sagte aber nichts.
„Jetzt zurück auf deinen Posten. Und diesmal: ohne Zwischenfälle.“
Alrune wandte sich ab, warf einen letzten Blick auf den verletzten Mann und presste die Lippen zusammen. Dann trat sie zurück ans Feuer, die Hand noch immer auf dem Knauf ihres Schwertes.
Rigolosch raunte lakonisch: „Ich habs ja gesagt. Wir brauchen den Borrewaldbund nicht für ein Blutbad.“