Wassermassen fluten den Dachsbuckel

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Ausgabe Nummer 74 - Phex 1045 BF

Wassermassen fluten den Dachsbuckel

Traf das fürstliche Bergwerk ein Unglück oder ein Angriff?

ERZDORF, Tsa 1045 BF. Erst zwölf Jahre ist es her, dass die Finsterzwerge die fürstlichen Minen in Albumin fluteten, als sie von den Koscher Truppen vertrieben wurden. Mit Unterstützung Bergkönig Gilemons wurde damals ein ausgeklügeltes System von Pumpen, Schrauben und Kesselketten gebaut, angetrieben durch große Wasserräder, wozu man einige Bergbäche in die obersten Ebenen der Minen umleitete. Doch was die Stollen vor zehn Jahren trockenlegte, sorgte nun am Dachsbuckel für eine Katastrophe.

Im Winter von Hesinde bis Tsa arbeiten die Erzdorfer einzig in den Stollen des Dachsbuckels. Die Zugänge zu den beiden anderen, höher gelegenen Minen sind derweil stets durch Schneemassen versperrt. Wenn es im Frühling taut, wird die Arbeit auch in Rotstein und Gobbelwand wieder aufgenommen. Dies ist ein gefährlicher Moment. Die Schmelzwassermassen suchen sich ihren Weg nicht nur durch Bachtäler, sondern auch unterirdisch durch Höhlen und Spalten, und die Bergleute wachen eifrig darüber, ob nicht irgendwo unter Tage ein Bruch sich anbahnt.

Doch am 2. Tsa hatte Firun die Albuminer Berge noch fest im eisigen Griff, der Schnee lag schritthoch in glänzender Pracht auf den Almen und selbst in Erzdorf mussten noch jeden Morgen die Wege freigeschaufelt werden. So traf es Balgrim Sohn des Borgrim, den Wasserkunstwärter im Dachsbuckel, ganz unvorbereitet, als er plötzlich ein fürchterlich anschwellendes Donnern, Rauschen und Gurgeln vernahm aus der Richtung, wo ein Kanal Wasser vom Buckelbach in die Mine brachte. Balgrim verlor keine Zeit damit, hinzusehen – er wusste wohl, was geschah. Laut blies er in sein Signalhorn, während er zum großen Minentor rannte. Fast so laut wie sein Blasen krachte auch das Wasserrad, als es von einströmenden Fluten aus der Halterung gerissen wurde und an der Stollenwand zerschellte. Der größere Teil des Wassers stürzte die Schächte hinab, durch die das Ketten- und Kesselwerk der Wasserkunst lief; dennoch watete Balgrim schon bis zu den Knien durchs schäumende Nass, als er die Rampe erreichte, die zum Ausgang hochführte. Das Hornsignal war inzwischen rundum in der Mine aufgenommen worden, und aus allen Richtungen liefen Arbeiter herbei, die meisten triefend nass. Die Vorarbeiterin Nale Beißbart versuchte verzweifelt, einen Überblick zu gewinnen und aus den verstörten Mineuren herauszubringen, wie die Lage in den verschiedenen Ebenen war, doch saß der Schrecken tief, und mancher starrte nur ins Leere, zitterte oder murmelte vor sich hin. Balgrim wusste selbst kaum, wo ihm der Kopf stand, und dankte dem Großen Vater, als eine mächtige Stimme durch den Stollen hallte und zur Ordnung rief: Der fürstliche Vogt war gekommen, Feron von Nadoret, denn das Tosen der Flut hatte man auch auf der Stolzenburg vernommen. Er hatte auch sogleich die Pläne der Minen herbeischaffen lassen und ließ sich nun von Balgrim und Nale die Lage erklären. Als Erstes befahl er, dem Bach den Zugang zu der Mine zu versperren, so gut es ging. Zudem schickte er Kundschafter aus, um zu erforschen, warum der Buckelbach so plötzlich und schrecklich angeschwollen und mit wie viel Wasser noch zu rechnen war.

Tatsächlich begann sich der Zufluss schon von selbst abzuschwächen. Die drei untersten Ebenen waren aber bereits vollgelaufen. Das bedeutete auch, dass der Zugang zu den höher gelegenen Stollen des Nebenwerks Bromzrom blockiert war. Die dort zugeteilten zwölf Arbeiter (alles Zwerge) wurden sämtlich vermisst und waren zweifellos eingeschlossen. Die Gefahr, dass sie ertrinken mussten, konnte immerhin in wenigen Stunden gebannt werden, als der Bach wieder zu seiner normalen Größe zurückgekehrt und der Einfluss in die Stollen versperrt war. An Wasser mangelte es ihnen natürlich nicht, und Angroschim können gut (wenn auch nicht gerne) einige Wochen ohne Nahrung überleben – doch die Luft würde ihnen schneller ausgehen, denn zu dem Nebenwerk gab es keine Lüftungsschächte.

Wie konnte man ihnen zu Hilfe kommen? Bis das Wasser ausgeschöpft wäre, würde es Monate dauern, zumal die Wasserkunst ja zu Kleinholz zersplittert war. Drei Optionen wurden diskutiert: einen Luft- und Fluchtschacht von oben in das Nebenwerk zu treiben, einen Abflussstollen vom Talgrund aus zur untersten Ebene – oder aber sich magische Hilfe zu verschaffen, um die Eingeschlossenen sicher durch das Wasser oder die Elemente hindurch zu retten. Allerdings gab es in Erzdorf und im ganzen Albuminer Land keine Magier. Balgrim Sohn des Borgrim wusste wohl, dass in den Bergen einige Geoden hausten, doch stellten die sich meist kritisch bis feindselig gegen den Bergbau, den sie das „Stehlen von Sumus Schätzen“ – wenn nicht sogar von „Sumus Knochen“ – nannten.

Feron von Nadoret entschied sich schließlich für den Fluchtschacht. Ein Abflussstollen würde zwar auch gegen künftige Flutunglücke helfen, doch ließ er sich kaum in der nötigen Zeit bauen, bevor die Arbeiter erstickt wären. Ein zu hastig vorgetriebener Fluchtstollen konnte allerdings die Stabilität der Mine gefährden. Daher schickte Wohlgeboren den Wasserkunstwärter nach Koschim, um kundige Hilfe zu holen. Dann befahl er nicht nur alle geretteten Arbeiter ans Werk. Er ließ auch die Kompanie Armbruster der Angbarer Sappeure antreten, die auf der Stolzenburg stationiert ist, und hieß sie Eimer und Spaten fassen. Hauptmann Ingram Dickrüb übernahm die Leitung – nach einigen Tagen unterstützt durch zwei Tunnelbaumeister aus dem Bergkönigreich sowie einen Angroschpriester, der dem Schacht zum Schutz vor weiteren Unfällen den Segen seines Gottes spendete.

Gerne würde der KOSCH-KURIER über die faszinierenden Methoden berichten, die beim Bau zur Anwendung kamen und viel mehr als Hämmern und Pickeln umfassen. Doch leider wurde unser Gewährsmann von Baumeister Brobosch Sohn des Brumosch darauf hingewiesen, dass es sich quasi um Berufsgeheimnisse der Koschimer Stollenbauer handle. Freilich liegt es uns fern, unsere Freunde – und Leser! – im Bergkönigreich zu verärgern.

Tag für Tag suchte Wohlgeboren Feron von Nadoret den Dachsbuckel auf. Zwanzig Mal erscholl „Noch nicht!“ als Antwort auf die Frage „Sind wir durch?“. Am einundzwanzigsten Tag brauchte er nicht zu fragen, denn schon auf dem Weg zur Mine rannte ihm ein freudenstrahlender Bote entgegen. Der Schacht hatte das Nebenwerk erreicht und brachte frische Luft und bald auch Retter zu den zwölf Eingeschlossenen, die – Ingerimm sei Dank! – noch alle am Leben waren, wenn auch kraftlos und ausgezehrt. An jenem Abend wurde in Erzdorf ein großes Freudenfest gefeiert – und eine Woche später nochmals, als auch die Geretten wieder genug bei Kräften waren, um mitzufeiern.

Schon wenige Tage nach dem Unglück waren die Kundschafter zurückgekehrt, die der Vogt ausgesandt hatte. Sie berichteten, dass die Wassermassen aus dem See an der Zunge des Dachsgletschers stammten. Der natürliche Damm, der die Schmelzwasser des Gletschers staute, war gebrochen – oder wohl vielmehr durchbrochen worden. Gemäß den Kundschaftern sah es aus, als hätten gewaltige Finger das Erdreich weggeschaufelt, sodass sich die eisigen Fluten ins Tal ergossen und der See innert wenigen Stunden gänzlich auslief. Verständlich, dass diese Neuigkeit – die trotz dem Befehl des Vogts nicht geheim bleiben konnte – bald zu wilden Spekulationen bei den Bewohnern Erzdorfs führten. Riesige Finger – war es etwa der Rabbatzmann gewesen? Hatte man ihn erzürnt? Oder waren es nicht Finger, sondern die Klauen des gefürchteten Drachen Greing? Am meisten hörte man aber die Vermutung, dass ein Geode einem Elementargeist die Zerstörung des Damms befohlen hätte, um den Erzabbau zu beenden. Wohlgeboren Feron von Nadoret wollte sich nicht mit Rätselraten begnügen und ließ aus Angbar Rohalswächter und Geweihte von Praios und Hesinde rufen. Deren Ankunft in Erzdorf wurde bei Redaktionsschluss immer noch erwartet, so dass wir unsere Leser, die auf eine Erklärung hoffen, vorerst vertrösten müssen.

Stordian Mönchlinger