Mit allen Wassern gewaschen

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Ausgabe Nummer 23 - Rahja 1021 BF

Mit allen Wassern gewaschen

Bierpanscher in Ferdok getaucht

FERDOK. In aller Herren Länder bekannt und gerühmt wird die Ferdoker Braukunst, und kein Schankwirt, der etwas auf sich hält, hat nicht zumindest ein Faß helles Ferdoker in seinem Keller. Daß das edle Gebräu in so hohem Rufe steht, liegt vor allem an den Ferdoker Zunftgeboten, die von den Gildenmeistern mit großer Sorgfalt befolgt und vor fremden Brauern geheimgehalten werden.

Nun war vor einigen Götterläufen ein Brauer aus Honingen namens Aldo Kahlenquell in die Grafenstadt am Großen Fluß gezogen, und nach Jahr und Tag hatte er, wie es üblich ist, das Bürgerrecht erworben. Durch Fürsprache einiger Meister ward ihm tatsächlich der Eintrag in die Gildenrolle der Brauer und Brenner zuteil geworden, und alsbald erblühte sein kleines Geschäft in der Hopfengasse.

Vor kurzem nun hatte man ein Fest zu Ehren des Bilbosch, Sohn des Bax (jenem legendären Zunftmeister, der als erster das Ferdoker Dunkel gebraut) gefeiert, und dabei standen Fässer aus jedem Hause zur Probe aus. An jenem Tage aber schlossen zwei Gesellen eine Wette, daß sie die Biere aller Meister am Geschmack erkennen würden. Doch beim fünften Kruge rief der eine überrascht aus: „Holla, was macht denn fremdländisches Bier unter den Ferdokern?“ Und als ihn alle erstaunt fragten, verkündete er: „Bei meiner Gesellenehre, ich will wieder ein einfacher Lehrbursch sein, wenn dieses Bier nach Ferdoker Kunst gebraut wurde.“

Da ging ein gewaltiges Raunen durch die Menge, und man holte das Faß herbei, aus dem der Sud geschöpft worden. Und da war es, wie sich der geneigte Leser schon wird denken können, das Zeichen des Herrn Kahlenquell. Sogleich kosteten die anderen Meister und bestätigten in der Tat des Gesellen Urteil. Die Zunftoberen stellten den Beklagten zur Rede. Anfangs sträubte er sich noch, doch gestand er schließlich, es in der letzten Woche einmal „nicht so genau genommen“ zu haben, weil er durch ein längeres Siechtum in Verzug gekommen war. Und da habe er das Bier eben mit Wasser gestreckt, um die Menge zu erreichen.

Ein in aller Eile einberufenes Zunftgericht sprach die Große Rüge aus und verhängte die Tauchstrafe. Denn in der Satzung heißt es: „Wer da brauet oder nachträglich versetzet das Bier mit zuviel von Efferds Wasser, der solle in einem Behältnis in selbiges getaucht werden, bis er nach Atem ringe, sodann aber gnädig hervorgeholt werden und mit sieben mal sieben Talern seine Schuld begleichen.“

Gesagt, getan. Unter dem Johlen der zu recht aufgebrachten Bürger brachte man Meister Thaler zum Schandkäfig, der an einer großen Eiche am Flußufer hängt. Eingesperrt zwischen den engen Gittern wurde der Panscher in die Fluten des Stromes getaucht, während der Gildenmeister laut die Herzschläge zählte. Alsdann zogen die Gesellen aber eilig den Delinquenten hervor, der schon rot wie ein beleidigter Almadaner angelaufen war und sicher eine Lehre daraus gezogen hat.

Nachdem so die Schuld verbüßt war, empfing man den Kahlenquell mit einem Kruge ungepanschtem Ferdoker („damit er weiß, wie’s richtig schmecken muß!“) wieder in den Reihen der Brauergilde. Noch einen Mond hernach aber wurde der Meister Kahler hinter seinem Rücken mit dem Spottnamen „Ortfried“ benannt – denn so hieß, man mag sich erinnern, jener störrische Darpatbulle, der im vorvergangenen Jahr im Ferdoker Hafenbecken ersoffen war (siehe Kosch-Kurier Nr. 16). Also sei dies Schicksal einem jeden zur Mahnung, die alten und guten Sitten zu achten und zu ehren.

Karolus Linneger