Wengenholmer Geister - Auf dem Erlenschloss

Aus KoschWiki
Version vom 25. Oktober 2023, 15:48 Uhr von Kunar (D | B)
(Unterschiede) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschiede) | Nächstjüngere Version → (Unterschiede)
Zur Navigation springen Zur Suche springen


Erlenschloss, Ende Firun 1041

Roban war mit jeder Meile unruhiger geworden. Er rutschte im Sattel hin und her, ließ die Pfeife kaum noch ausgehen, auf deren Stiel sich die Bissspuren sammelten, als habe sie ein Biber bearbeitet, und machte überhaupt den Eindruck, als wäre er lieber in den Borrewald zurück gekehrt. „Was ist los mit Euch?“ Niam von Grimsau trieb ihr Tier neben ihn. „Ihr macht ein Gesicht, als würden zehn Jahre Kerkerhaft auf Euch warten, und nicht ein Landesvater, der überglücklich sein wird, seinen Verwandten in die Arme schließen zu können!“ Roban zog die Brauen zusammen und so heftig an der Pfeife, dass die Glut hell wurde wie ein Schmiedefeuer. Eine graue Qualmwolke stieg aus seinen Mundwinkeln, ehe er antwortete. „Schlechtes Terrain für einen alten Waldschrat wie mich! Vor dem Feind bezahlt man einen Fehltritt schlimmstenfalls mit dem Leben oder kann ihn rasch wieder ausbügeln – dann hat der Feind ohnehin keine Gelegenheit mehr, davon zu erzählen. Aber wenn man dort“, er deutete mit einem Nicken nach vorn, wo sich das Rosenschloss aus dem winterlichen Grau schälte, „einen Fehltritt tut – und ich lasse kaum einen Fettnapf aus, wie Ihr wisst – läuft das meiner Familie noch Generationen hinterher.“ Roban schüttelte resigniert den Kopf. Niam begann zu lachen. „Das erzählt ihr mir? Einer von Grimsau?“ Sie lachte weiter. „Ich kann euch gerne eine Geschichte erzählen, welche Auswirkungen ein Fehltritt, und sei es nur ein klitzekleiner, abgetrennter Eberkopf, aus welchen Gründen auch immer, auf die ganze Familie haben kann!“ Roban musste ebenfalls etwas schmunzeln. „Sag ich doch! Ein Klotzkopf wie ich sollte Höfe meiden. Kommt ohnehin nichts Gutes bei rum!“ „Habt Ihr nicht auf bei diesem Wettbacken mitgemacht vor einiger Zeit?“ fragte Aedin von Eschenquell neugierig. „Als einer der….sagen wir, weniger erfolgreichen Kandidaten?“ „Bin volles Pfund auf die Schnauze gefallen!“ knurrte Roban mit einem schiefen Grinsen. „Ich und backen! Genauso gut hätte man ein paar Goblins an den Ofen stellen können, und vermutlich wären sogar die besser gewesen als ich mit meinen zwei linken Pratzen. Und wie ich sagte – strolche ich bei Hofe rum, kommt nichts Gutes bei raus!“ „Fernbleiben könnt Ihr aber auch nicht!“ lachte Niam. „Ihr wart im Borrewald zu munter, als das wir Euch einfach vergessen könnten. Und wenn Ihr keine passende Entschuldigung für Eure Absens parat habt…“ „Auf dem Weg an Altersschwäche verblichen?“ schlug Roban vor und erntete weitere Lacher. „Vom Hanghasen geholt? Vom Valpoding gefressen?“ „Es ist schön, wenn ein Lachen die letzten Schritte begleitet“, rief Harrad von Eberstamm-Weidenhag, als er das Schlosstor erreichte. „Eine passende Untermalung für einen schönen Moment.“ Kaum war die Gruppe abgesessen, war auch schon der Kammerherr des Fürsten, Perval von Nadoret, bei ihnen, um sie in die Kaminstube zu leiten. Es bliebt keine Zeit, um sich den Schmutz der Reise abzuwaschen oder in saubere Kleidung zu wechseln. Stattdessen ging es nun aus der eisigen Kälte des Schlosshofes in die glühende Hitze des Kaminzimmers, so zumindest kam es den Reisenden vor. Dort erwartete sie bereits der Fürst Höchstselbst. Es hielt Anshold nicht in seinem Sessel, als er die Gruppe erblickte.

„Euer Durchlaucht...“, setzte Harrad an, doch Anshold winkte ab, schritt auf ihn und umarmte seinen sichtlich verdutzten Verwandten freudig. „Ach, lassen wir doch die Formalitäten, werter Vetter! Es ist mir eine Freude, Dich nach so vielen Jahren wiederzusehen… sei willkommen zu Hause!“ Harrads Augen begannen zu glänzen. Zwar hatte er einen angenehmen Empfang erwartet, nachdem er nun von allen Anschuldigungen reingewaschen worden war, aber mit einer solch herzlichen Begrüßung hatte er dennoch nicht gerechnet. Schließlich löste sich der Fürst aus der kräftigen Umarmung und widmete sich den weiteren Neuankömmlingen. „Viburn, Halmar und all Ihr anderen… das habt Ihr gut gemacht! Ihr habt dem Fürstenhaus einen wertvollen Dienst erwiesen und eine große persönliche Sorge von meinen Schultern genommen. Bleibt für einige Tage auf dem Erlenschloss als meine Gäste, um Euch auszuruhen!“ Nun trat der Seneschalk Kuniswart vor, der sichtlich erleichtert seinen Freund Viburn herzlich begrüßte. „Was hat Euch aufgehalten, altes Haus?“ „Wir wurden von Räubern um die beiden Vogelfreien Drugol und Ulfried gefangengenommen und erst das beherzte Eingreifen dieser Recken hier hat uns zu unserer Freiheit verholfen.“ „Wie aufregend!“ Anshold freute sich bereits sichtlich auf die Heldengeschichte seiner Gesandten, doch seine Gattin Nadyana legte ihm eine Hand auf die Schulter und schaute ihn mit einem breiten Lächeln an. Der Fürst verstand den Wink. „Aber natürlich, meine Liebste! Wo bleiben meine Manieren? Ihr seid sicher alle geschafft von all den Strapazen. Ich habe bereits im Speisezimmer den Ofen anfachen lassen und nach Erfrischungen und einem kleinen Mahl geschickt.“ „Es gibt dort auch ein paar Sessel direkt am Ofen. Das ist ja auch viel gemütlicher als an einem großen Tisch.“, fügte Cantzler Nirwulf wohlwissend hinzu. „Dann halten wir es doch so“, fügte Voltan von Falkenhag hinzu. „ Wir haben hier mit dem fürstlichen Vetter und Viburn noch so einiges zu besprechen. Es gibt viel zu erfahren und zu bereden. Um der traviagefälligen Gastfreundschaft zur Ehre zu gereichen, wäre es unhöflich, wenn sich die anderen nicht zum Ausruhen zurückziehen dürften.“

„Wenn Ihr mir bitte folgen würdet?“, erklang nun hinter den Besuchern eine Halmar vertraute Stimme. Perainhild! Was hatte er seine Gattin vermisst! Am liebsten wäre er ihr sofort um den Hals gefallen, hielt sich aber noch zurück, bis sie aus dem Kaminzimmer waren. Zuletzt hörten die anderen noch Fürst Anshold reden. „Naja, jetzt setzt euch erst einmal und erzählt. Das klingt ja alles sehr spannend...“

Das Speisezimmer erwies sich als richtig gemütliche Stube. Roban atmete erleichtert aus, dass er sich nicht wie erwartet blamiert hatte, und griff schnell nach einem bereitstehenden Krug. Die anderen taten es ihm nach füllten sich auch die Teller mit kleinen Häppchen.

Der Bergvogt entledigte er sich zunächst seines dicken Pelzmantels und hievte sich dann in einen der gemütlich anmutenden Lehnsessel, noch bevor alle anderen Platz genommen hatten. Mit geschlossenen Augen und zufriedenem Gesichtsausdruck suchte er anschließend eine möglichst bequeme Sitzposition, was die Kettenglieder seiner Rüstung zum Scheppern brachte. Doch auch dies konnte Tharnax in diesem Moment nicht stören, hörte er sie ja fast schon nicht mehr. In den Jahrzehnten, seitdem er ihn trug, war der Toschkrilpanzer so etwas wie eine zweite Haut für ihn geworden. Ein tiefer Seufzer bestätigte schließlich, dass er eine für sich angemessene Position gefunden hatte. Demnach blieb nur noch eines zu tun. Selig lächelnd griff er an seinen breiten Gürtel und kramte in seinem Tabakbeutel nach der beinernen Pfeife, um sie zu stopfen und sie sogleich mit einem Kienspan aus dem Kamin zu entzünden. Sollten doch die hohen Herrschaften erzählen, die konnten das ohnehin viel besser als er.

Bei gutem Essen und reichlich Bier vergingen die folgenden Stundengläser rasend schnell. Manch ein Gürtel wurde gelockert und die Ritter wurden immer redseliger, zugleich machte sich ein wohliges Völlegefühl breit. Roban und Tharnax schmauchten ihre Pfeifen und Halmar schloss die Augen, ein kurzes Nickerchen würde sicher nicht schaden. Ein leises Hüsteln ließ ihn hochschrecken. War er etwa eingeschlafen? Ihm gegenüber stand ein Fürstlicher Hellebardier und deutete auf die anderen Mitglieder der Gruppe, die sich alle langsam aufrappelten. „Der Fürst wünscht euch zu sehen.“, erklärte der Mann mit bestimmter Stimme. Müde rieb sich Halmar den Schlaf aus den Augen. Wie lange er wohl geschlafen hatte? Ein kurzer Rundumblick ließ ihn erkennen, dass er nicht der einzige gewesen war, dem das gute Essen und die Wärme die Augenlider schwer gemacht hatten. Etwas benommen folgte er dem Hellebardier, der ihnen den Weg zurück zum Kaminzimmer des Fürsten wies. Noch immer etwas schlaftrunken stand Halmar gemeinsam mit den anderen Mitgliedern seines Trupps im Kaminzimmer vor seiner Durchlaucht. Während die übrigen Anwesenden sitzen geblieben waren, war der Fürst aufgestanden, um die Retter seines Vetterns erneut zu begrüßen. „Ich weiß, dass es spät ist und ihr einige Abenteuer hinter euch habt. Harrad und Viburn haben mir von euren Heldentaten berichtet. Ich weiß euren Einsatz und eure Tapferkeit sehr zu schätzen. Es ist nun nicht das erste Mal, dass mir tapfere Adlige sehr geholfen haben und um meine Dankbarkeit auszudrücken, habe ich mich entschlossen, einen Verdienstorden zu stiften.“ Voltan von Falkenhag trat mit einer kleinen Schatulle hinzu und ihr entnahm Anshold ein kleines kupfernes Keilerabzeichen. „Der Keilerorden wird fortan für außerordentliche Tapferkeit und Verdienste um das Fürstentum verliehen werden.“ Anshold trat zu Halmar und befestigte das kleine Abzeichen an seinem Wams, dann trat er zu seinem Nebenmann und fuhr fort. Bei Bergvogt Tharnax angekommen entstand ein kurzer Moment der peinlichen Stille, als sich der Fürst unsicher war, an welcher Stelle des prächtigen Toschkrilpanzers er das Abzeichen befestigen sollte. Als er schließlich alle Anwesenden Retter mit dem Abzeichen ausgezeichnet hatte, sprach er erneut. „Mein Vater hatte einst die ehrenvolle Gesellschaft der 42 ins Leben gerufen, um die tapfersten Streiter des Fürstentums zu ehren. Hiermit stifte ich nun die Gesellschaft zu Ehren des tapferen Fürsten Halmdahls des Keilers. Pflichten wird es außer gelegentlichen Festessen keine geben, aber ihr werdet stets das Recht haben, das Keilerabzeichen als Zeichen meiner ganz besonderen Gunst zu tragen.“ Der Fürst wollte noch weiter sprechen und Halmar befürchtete fast eine ausschweifende Rede, für die Fürst Blasius berühmt-berüchtigt gewesen war. In seinem übermüdeten Zustand glaubte er nicht, dass er sich noch länger auf den Beinen halten konnte. Bevor der Fürst jedoch neu ansetzen konnte, flüsterte Voltan von Falkenhag ihm etwas ins Ohr. Anshold nickte. „Ich sehe, dass ihr alle ganz rote Augen habt und ihr euch sicher erst einmal ausruhen möchtet. Meine Diener haben euch bereits Zimmer hergerichtet. Ich wünsche euch allen eine angenehme Nachtruhe und möchte mich noch einmal in aller Form für euren selbstlosen Einsatz bedanken.“ Halmar wusste später gar nicht mehr, wie er von dem Kaminzimmer ins Schlafgemach seiner Gattin gekommen war. Bevor er einschlief, streifte seine Hand über das Keilerabzeichen. Gründungsmitglied im Keilerorden, da würde Perainhild morgen früh aber Augen machen.

Mit einem erleichterten Stöhnen ließ sich der Bergvogt auf die weißen Laken in dem ihm zugewiesenen Zimmer fallen. Ächzend protestierte das aus edlem Holz gedrechselte Bett unter der plötzlichen Last. Tharnax hatte sich nicht die Mühe gemacht sich zu entkleiden. Das wäre viel zu aufwendig gewesen, gerade jetzt wo er derart vollgefressen war, dass seine Bewegungsfreiheit in der Rüstung noch mehr als ohnehin schon eingeschränkt war. Sicher, der Panzer war nicht gerade bequem in der Horizontalen, aber Müdigkeit und Völlegefühl waren die dominanteren Gefühle. Außerdem hatte Tharnax zu anderen Zeiten häufiger in Rüstung geschlafen, im Feld, auch wenn dies bereits einige Jahre her war. Lediglich die Stiefel hatte er sich im Stehen abgestreift. Aber auch dies war nur möglich gewesen, da ihm der Diener, welcher ihm aufs Zimmer gebracht hatte, auch die Schnürung gelöst hatte. Natürlich hätte Tharnax den jungen Burschen auch gleich bitten können ihm die Stiefel auszuziehen, aber dies wäre seiner Meinung nach arg garstig gewesen, denn der sich ausbreitende Gestank war atemberaubend. Mit zwei Fingern nestelte Tharnax den kleinen Orden ab. Der Fürst hatte die Nadel kurzerhand einfach zwischen Platten- und Kettenglieder der Rüstung gesteckt. Der Zwerg hob seinen Kopf, um das Stück Kupfer zu betrachten. Langsam strich sein schwieliger Daumen über den kunstvoll gearbeiteten Keilerkopf. Es war ein wahres Schmuckstück und es würde eine große Ehre sein ihn zu tragen. Zufrieden ließ der Bergvogt seinen Kopf nach hinten fallen und schloss die Augen. Schon wenig später war ein lautes Schnarchen zu vernehmen, welches selbst die Wände des altehrwürdigen Schlosses nicht imstande waren vollständig im Zaum zu halten.

Nur eine Tür weiter starrte Roban aus dem Fenster in die Nacht. Das Schnarchen von nebenan hatte er nur mit einem kurzen Stirnrunzeln quittiert – Angroschim waren halt nicht nur gute Kämper und Trinker, sondern auch veritable Schnarcher. Seine Glieder fühlten sich an, als hätte man sie mit Blei ausgegossen, aber sein Kopf war noch zu voll mit allem möglichen Mist. Er hatte die Faust um den Keilerorden geschlossen. Seine Gedanken gingen zurück zu dem Tag, als man ihm das letzte Mal einen Orden angesteckt hatte. Tobrien…die Erinnerungen klebten an ihm wie Teer an den Stiefeln. Damals hatte man ihn ausgezeichnet, weil er überlebt hatte, davor oft genug, weil er genügend Dämonenknechte umgebracht hatte. Die Dinger lagen in Moorbrück in einer Holzkiste unter dem Bett. Sie bedeuteten ihm schon lange nichts mehr, und die Erinnerung an die kleinen Metalldinger waren oft zu schmerzhaft, um sie sich auch nur anzusehen. Aber der kleine Keiler war anders. Nicht nur, weil es die erste Auszeichnung war, die er vom Haus vom Eberstamm erhalten hatte. Allein das machte ihn kostbar. Und er hatte ihn für einen Dienst bekommen, den er für selbstverständlich erachtete. Dem Fürstenhaus beizustehen sah er als Pflicht, die jedem Koscher in die Wiege gelegt war. Wie ein Vater hatte er alte Blasius seine Koscher regiert, streng, wenn er musste, und gütig, wenn er konnte. Was andere als Schwäche bezeichnet hatte, war seine größte Stärke gewesen – ein Fürst, der nicht gefürchtet, sondern geliebt wurde, und der die Liebe zurück gab. Wenn Anshold als Fürst nur halb so gut wurde, wie sein Vater gewesen war, sah man weiterhin stabilen, glücklichen Zeiten entgegen. Beinahe vorsichtig legte Roban den Keilerkopf auf den kleinen Nachttisch. Verpflichtungen außer Festessen sollte es keine geben, hatte Fürst Anshold versprochen. Er lachte kurz auf. „Und ob ich mich verpflichtet fühle, mein Fürst, Euch und Eurem Hause! Darauf könnt Ihr einen lassen!“

Boromil blickte vom Fenster seines Zimmers aus zu den Sternen. „Phex, Du bist sehr großzügig gewesen mit Deinem Glück in letzter Zeit. Da werde ich Meister Phexgnade eine ordentliche Summe in Deinem Namen spenden müssen, damit sich Dein Vertrauensvorschuss in mich auch gelohnt hat.“, dachte sich der Ritter. Was nicht alles hätte schiefgehen können und doch gut ausgegangen war! Als es darauf ankam, waren sie der feindlichen Übermacht nicht in die Falle getappt, hatten den Söldner befragen können, den Kampf gut überstanden und mit den Vogelfreien eine Verhandlungslösung gefunden. Noch dazu Harrads Reaktion auf sein Eingeständnis… alleine das nahm eine unglaubliche Last von seinen Schultern. Fürst Anshold saß erst wenige Monde auf dem Keilerthron, und doch hatte Boromil ihm bereits zweimal in entscheidender Angelegenheit gedient. Der Orden und die Mitgliedschaft im Keilerorden mochten ihm in Zukunft so manchen Weg ebnen, was für ihn als Kleinadeligen im Moorbrücker Sumpf umso bedeutender war, als er sonst nicht viel Gelegenheit hatte, sich ins Gespräch zu bringen. Das Strahlen von Phexens Sternen war in dieser Nacht besonders schön. Boromil überkam ein Frieden, wie er ihn seit langer Zeit nicht mehr gespürt hatte.

Ingramosch ging hochzufrieden zu Bett. Zwar war er gut satt geworden, stellte sich jedoch aus alter hügelzwergischer Gewohnheit noch einen Teller mit Knabberkram und einen Krug auf den Nachttisch. Man wusste ja nie, ob man in der Nacht nicht noch einmal wach wurde und dann Hunger hatte!

Er konnte sein Glück kaum fassen und strich über den Orden, um sicherzugehen, dass es keine Einbildung war. Wenn er den bei seiner Sippe vorzeigte… er lachte still in sich hinein. Dann würden alle verstummen, die sich immer besorgt über seine Abenteuer-Ambitionen geäußert hatten! Nein, korrigierte er sich, einer hatte es gut mit ihm gemeint: Sein Großonkel Olbyn. Der hatte ihn seinerzeit zu Ritter Boromil nach Moorbrück ziehen lassen.

Kurz hielt Ingramosch inne, als er sich eine letzte Kräuterpastille vor der Nacht in den Mund schieben wollte. Ihm wurde gewahr, dass er durch die Auszeichnung und Anerkennung des Fürsten noch zu höheren Ehren gekommen war als sein hochgeachteter Verwandter in seinen jungen Jahren. Dabei hatte er sich während der Suche nach Harrad an Boromils Seite die meiste Zeit während der Reise im Hintergrund gehalten… jedoch, in der Stunde der Entscheidung hatte er nicht gezaudert, das war auch wieder wahr.

Mit einem seligen Lächeln auf den Lippen schlief Ingramosch ein. Was für ein Erfolg! Wenn es irgendetwas gab, mit dem man unter Hügelzwergen Ansehen genoss, dann regelmäßig zu hervorragendem Essen eingeladen zu werden.

Niam von Grimsau saß im Nachtgewand auf dem Stuhl in der Kammer, die ihr zugewiesen wurde, vor sich auf dem Tisch einen Becher, eine halb volle Flasche Wein und den kupfernen Keilerkopf. „Welch Ironie.“ Ein leises, kehliges Lachen entfuhr ihr. „Mein Vorfahr legt dem damaligen Fürsten einen Keilerkopf auf den Tisch, und wird dafür geächtet.“ Niam nahm einen tiefen Schluck aus dem Becher. „Und ein paar Jahrhunderte später steckt mir der jetzige Fürst einen Keilerkopf an, und erweist mir damit eine große Ehre.“ Niam leerte den Becher und schenkte sich nach. „Wie sich die Zeiten doch ändern.“ Ein weiterer Schluck des Rebensafts fand seinen Weg. „Doch eins ändert sich nicht. Im Wein liegt Wahrheit.“ Sie hob den Becher, schon deutlich gezeichnet vom schweren Tropfen. „Auf Euch, mein Fürst. Und auf dich, Vetter. Mögen sich eure Wege in anderer Weise kreuzen, als die der Häuser von Eberstamm und von Grimsau der Vergangenheit!“. Da der Becher schon wieder leer war, stellte Niam ihn taumelnd auf den Tisch und griff sich die restliche Flasche. „Und morgen geht es wieder ab in den Sumpf! Zu den armen rackernden Seelen, die hoffen, sich da was aufbauen zu können, zu den spaßigen Untoten, die immer mal wieder vorbeikommen, und zu den vielen Flaschen torfigen Weins, der vielleicht nicht ganz so gut schmeckt, wie du süßes Leckerli hier,“, sie fixierte die Flasche, „aber ganz genauso gut das viele Abschlachten vergessen lässt.“ Nur wenige Minuten später hörte man aus dem Zimmer tiefes weinschwangeres Schnarchen. Niam war im Stuhl eingeschlafen, in der einen Hand locker die Weinflasche, in der anderen fest umklammert den kupfernen Eberkopf.