Der Ingerimmsmarkt zu Angbar

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Ausgabe Nummer 15 - Phex 1019 BF

Der Ingerimmsmarkt zu Angbar

Hochberühmt ist die alljährlich im Ingerimmsmonde in der Capitale unseres Landes abgehaltene Warenschau. In der Tat wird dieser Markt für eine der reichsten Versammlungen an einem Ort der zwölfgöttlichen Lande gehalten, und – bei Praiones Wahrhaftigkeit – das ist er auch!

Angbar ist, was die Volkszahl anbelangt, die elfte Stadt des Reiches, aber an Wohlhabenheit, Tätigkeit und Prosperität rangiert sie weit vor Warunk, Beilunk, Tuzak und Jergan, vor Rommilys und Perricum gar, und wenn man ehedem Angbar in den Schriften recht hoch erheben wollte, so schrieb man voll Stolz, es prange mit sieben Kleinodien: dem Ingerimmstempel und dem Fürstenpalast Thalessia, dem Patriarchenpalais und der Bundes-Säule, der „Halle der Kämpfer“ und dem Haus der Zünfte, und schlußendlich eben dem Ingerimmsmarkt. Letzterer aber, und der Handel schlechthin, stünden obenan.

Schon zur Mondmitte ziehen zur schönsten Frühjahrszeit von Geleitreitern geschützte Kaufmannskarawanen aus allen Teilen des Reiches gen Angbar, und gar die fehdefreudigen Landgrafen Greifax von Gratenfels gewährten ihren Untertanen zu allen Zeiten Zoll- und Mautbefreiung für den Handel mit Angbar zur Ingerimmszeit.

Phexens Glück des Zufalls ließ mich den diesjährigen Ingerimmsmarkt sehen, und der Reichtum, den ich alldorten vorfand, war ganz und gar grenzenlos. Besonders dort, wo die Goldschmiede ihre Läden haben und wo die zwergischen Geldwechsler den guten Ducaten zu horrendem Cours in Zwergentaler oder in fremdländische Münze tauschen, sah ich Werte, die meine Augen nimmermals zuvor erblickten.

Die guten Götter hatten den Kaufleuten, Kunst- und Waffenschmieden zusammengeholfen gen Angbar, damit sie dorten ehrbarlich ihre Rechenschaft miteinander sich Zahlung antun konnten, soviel es sich jetztund gebührte. Was Wunder, daß zur bunten Meßzeit auch manchem Einheimischen und Fremdländischen besonderes Vergnügen daraus entspringt, den Markt mit all seinen Buden und seinem Kurzweil mit viel Anteil zu durchstreichen.

Umsäumt von hochgebauten Patrizierhäusern hatten die Bürger und ihre fremden Gäste gespannt auf das Einläuten der Warenschau gewartet. Nachdem vom Ingerimmtempel die letzten dumpfen Glockenschläge verhallt waren und die aufgezogene Reichsfahne für jedermann sichtbar die Meßfreiheit bezeugte, brauste das Markttreiben wie der entfesselte Gebelaus los.

Die Luft ward sogleich erfüllt mit dem Lärm von vielen tausend Stimmen, das Volk umstand dichtgedrängt Buden und Stände, und dem buntschweifenden Auge ward mancherlei geboten; wild kreischende Gaukler in der Masquarade tulamidischer Derwische vollführten Schwerttänze über blanken, kreuzweise gelegten Bidenhändern und zelebrierten auch ansonsten großartigsten Mummenschanz. Wenig weiter bemühte eine zwergische Blaskapelle zu zünftigen koscher Weisen, untermalt vom dumpfen Klang kräftiger Hammerschläge, da das erste Fuderfaß Freibier angestochen wurde.

Präsentierten auf dem eigentlichen Marktplatz noch die Grob- und Kunstschmiede, sowie die Harnischmacher ihre mannigfaltigsten Erzeugnisse von höchster Güte, so hatte man in der weit über die Stadt- und Landesgrenzen hinaus bekannten Schwertfegergasse den Waffenschmieden und -händlern eine absonderliche, vom anderen Commercio etwas separierte, aber doch nahebeigelegene Budengasse eingeräumt, damit das Waffenvolk beisammen besser correspondieren konnte und auf daß die Kaufwilligen selbiges ohne besondere Mühe und Nachfragen fänden und darob gutes Genügen haben konnten.

Auf einer Achtelmeile gaben sich dort die besten und meistgerühmten Schmiede des Reiches ein Stelldichein mit ihren Gesellen hintendrein: der brilliante, ansässige Meister Grisom, Sohn des Grorben, ebenso wie Meister Thorn Eisinger aus Gareth und die die Eleganz liebenden Gebrüder Sfazzio aus Punin, dazu Comissionäre der feinsten Wehrheimer und Perricumer Werkstätten.

Allzu oft gerieten die berühmten Schmiedemeister wegen unterschiedlicher Auffassung der Feinheiten und Raffinessen ihres Handwerkes aneinander, und das gemeine Volk –aufmerksam geworden auf das sich anschließende Disputiergeschrei – umlagerte die Hadernden, gaffte und stritt alsbald auf das Fleißigste mit. Wenn ein Zwerg darunter war, der wußte gewiß kluges zur Ingerimmskunst zu sagen , doch mir war, als wolle hier auch manch ein Großsprecher mittun.

Der Ruf der Klingen nun, die am 21. Praioslauf des Ingerimm-Mondes vollendet werden, dem hehren Tag der Waffenschmiede, oder besser, der Nimbus, der sie umgibt, ist legendär und es deucht müßig, sonders viele der Worte darüber zu verlieren.

Darum wußte seinerzeit auch Fürst Polto vom Eberstamm, der schon anno 812 v. H. verlauten ließ:

„Da aber jene gottgegebene Kunst der Schwert-Schmiederei in Unseren güldenen Mauern Anwendung findet, so haben Wir das volle Recht, ihren Ruhm zu verteidigen und erfüllen nur Unsere Pflicht, wenn Wir die Reinheit des heroischen Stahls von jedweder Beschmutzung bewahren (...) in Angbar aber müssen die am XXI. Ingerimms-Tag zum Verkauf ausgestellten Waffen vorher geprüft und gebilligt werden von einem oder zwei zu diesem Zwecke angestellten und besoldeten Licentiaten Unserer Hof-Cantlzey.“

Bis hinein in unsere Praiosläufe hat sich darob das Amt der Schwertgreven erhalten, die im Einvernehmen von Fürst und Zunftrat ernannt werden. Demzufolge dürfen nur wenige auserwählte Klingen, zumeist ohnehin die Prunkstücke im Sortiment der verschiedenen Anbieter, das Signet ANG-XXI. ING als Gütezeichen tragen.

Wie emsiges Bienenvolk eilen die Schmiede, Eisenwerker, Kaufleute, Patrizier, Gaukler und Meßmusikanten drei Praiosläufe lang durcheinander, von der Warenmenge berauscht, oft mit schweren Rechnungsbüchern bepackt und von Reisedienern begleitet. Fast alle waren froh, wenn abermaliges Leuten der Glocken des Ingerimmstempels mit einem Schlag alle Geschäfte beendete.

Schon am darauffolgenden Morgen, dem 25. Tag des Feuermondes, wie er bei den Angroschim heißt, stoben die Ortsfremden wieder in alle Himmelsrichtungen heimwärts. Der große Ingerimmsmarkt war vorbei, mit dem Abfahren der letzten Wagengespanne fand auch die drangvolle Enge in den Straßen und Gassen der Seestadt ihr Ende. Bis zum nächsten Jahr.

Tiftal ui Stepahan