Isnasotarer Stammtisch - Heimreise nach Sindelsaum
Heimreise nach Sindelsaum
Im Angersteig in der Sendschaft Hartsteiger Thal, Ingerimm 1047 BF
Der Angroscho Murgrim Siebenrüb streckte sich etwas und gähnte ausgiebig. Das gestrige Treffen mit dem hiesigen Stammtisch hatte doch etwas länger gedauert und er hatte ein wenig mehr Bier zu sich genommen als er problemlos wegstecken konnte. Alt zu werden war schon wirklich ein Graus, früher hätte er ohne Probleme wohl die doppelte Menge gesoffen und wäre am nächsten Morgen trotzdem aus dem Bett gesprungen. So aber fühlte er sich noch etwas gerädert. Er hatte ein bisschen verschlafen und war dann zum vereinbarten Treffpunkt bei Arnulfs Tante marschiert. Diese hatte ihn erwartet und dann auch den versprochenen Honig ausgehändigt. Zwar etwas weniger als Murgrim gehofft hatte, aber dennoch genug, um ihn wieder ordentlich verkaufen zu können. Außerdem hatten sich beide darauf geeinigt, dass sie ihn zukünftig auch immer mit Honig versorgen würde, wenn sie eine Lieferung zu Altbaron Erlan machen würde. Doch seinen Begleiter hatte er dort nicht getroffen und so hatte Murgrim auf der kleinen Bank außerhalb des Hofes etwas gewartet. Eigentlich wollte er schon wieder auf dem Heimweg sein, doch dafür brauchte er seinen Führer.
Dann hörte der Angroscho eine Stimme und glaubte seinen Reisegefährten gehört zu haben. Er schritt etwas in Richtung des Trutzer Forstes und dort erblickte er ihn dann auch. Anscheinend hatte er sich etwas abseits aufgehalten, doch aufgrund seiner Größe war er jetzt nicht gerade gut verborgen. Murgrim wollte gerade das Wort an ihn richten, als er eine zweite, dieses Mal weibliche Stimme hörte. „Denk an das, was du mir versprochen hat. Setze dich bitte dafür ein, mein Bärchen.“ Arnulf schien etwas erwidern zu wollen, doch dann hörte Murgrim das Geräusch eines ausgiebigen Kusses. Der Zwerg rollte mit den Augen. „Diese Menschenkinder immer. Und dann noch dazu am helllichten Tage. Scham war ihnen manchmal doch sehr fern, vor allem den Jungen.“ Er hielt sich etwas abseits hinter einem Baum versteckt und konnte nun erkennen, wie sich die Begleiterin von Arnulf wieder in den Wald aufmachte. Sein Führer stand ein paar Augenblicke schweigend da und wirkte etwas weggetreten. Dann wandte er sich um und verließ mit einem seligen Blick den Wald. „Na, verlaufen?“, fragte Murgrim den Menschen, den es vor Überraschung erst einmal ziemlich riss. „Meister Siebenrüb, ich, also, ähm, verzeiht, ich habe mich verspätet.“ Murgrim sah den jungen Knappen an und bemerkte, dass dieser ebenfalls schon zum Aufbruch bereit war. „Eigentlich sollte ich jetzt etwas verärgert mit dir sein, aber so bin ich nicht. Wer war denn das Mädchen?“ Arnulfs Kopf rötete sich wie eine gute Esse und zuerst wollte er nichts antworten, doch dann rückte er doch mit der Sprache heraus. „Ihr müsst mir aber versprechen, dass ihr dies für euch behaltet, Väterchen. Das Ganze ist nicht so ganz offiziell und ich würde wohl großen Ärger mit meinem Großvater bekommen, wenn er davon wüsste.“ Murgrim hob eine Augenbraue, meinte aber dann: „Ich bin hier ja eh nicht heimisch. Daher kannst du es mir ruhig erzählen, wir Angroschim sind recht gut darin, Geheimnisse zu bewahren. Aber am besten machen wir uns jetzt auf den Weg und du berichtest mir auf der Strecke davon. So kann uns auch niemand belauschen.“ Arnulf nickte und gemeinsam machten sie sich auf den Rückweg.
Kaum hatten sie Angersteig etwas hinter sich gelassen, da rückte der große Knappe mit der Sprache heraus. So erfuhr Murgrim, dass es sich bei dem Mädchen um die jüngste Tochter der Grasmeier-Familie handelte und beide sich schon regelmäßig seit drei Götterläufen trafen. „Das Problem ist aber, Meister Siebenrüb, dass mein Großvater strikt gegen diesen Zusammenschluss ist. Er meint, es wäre nicht standesgemäß, da wir von Adel sind und die Grasmeiers nicht.“ Murgrim nickte, denn ihm war wohl bekannt, wie sehr die menschlichen Blaublütigen auf die Reinheit ihrer Stammbäume achtgaben. Aber anders als bei einem ordentlichen, angrosch-gefälligen Ahnenverzeichnis hatte Murgrim nicht so ganz verstanden, warum bei den Menschen manche Ehen gut und andere wieder schlecht waren. „Vater Angrosch wollte, dass es bei uns Angroschim mehr Angroschos als Angroschnas gibt. Daher ist jedem Angroscho daran gelegen, für sich eine Frau zu finden, doch nicht alle kommen zum Zuge, denn es gibt einfach zu wenige Töchter Angroschs. Daher wäre es auch für unsere adligen Familien äußerst ungewöhnlich, sich einer Heirat nur zu verweigern, wenn die Braut oder der Bräutigam lediglich von einem niedrigeren Rang ist. Angrosch hat uns alle gleich geschaffen und nur durch große Taten steigen wir in Väterchens Gunst.“ Arnulf seufzte und meinte: „Nun ja, ich denke auch nicht, dass die Grasmeier-Familie etwas gegen unsere Beziehung hätte, aber mein Großvater hat mir schon mehr als einmal gesagt, dass ich eine andere Adlige heiraten soll und falls, die Götter mögen es verhüten, meinem Bruder etwas passiert, ich der Erbe werde und den Familiennamen weiterführen muss.“ Murgrim strich sich durch den Bart. „Aber würdest du das nicht so oder so?“ Der Knappe nickte zustimmend. „Ich denke, das ist wohl kein Problem, die Grasmeiers sind zwar etwas wohlhabend, aber beim Namenswiegen würde sich ohne Zweifel mein Name durchsetzen. Außerdem würde es ihnen sicherlich auch gefallen, wenn eine weitere Person ihres Hauses in den Adel eintritt.“ Scharfsinnig meinte Murgrim: „Und darum ging es, als du mit der guten Janne geredet habt?“ Ertappt strich sich Arnulf über den Hinterkopf. „So ist es. Sie bat mich darum, dass wir heiraten, sobald ich meinen Ritterschlag erhalten habe. Aber das wird nicht so einfach, vor allem, wenn sich Großvater weigert, der Eheschließung seinen Segen zu geben. Ich hab schließlich selber nichts, weder Gut noch Vermögen, was einen Hausstand möglich machen würde.“
Murgrim dachte kurz nach und meinte dann: „Also scheitert es eigentlich nur an ihrem niedrigeren Stand. Aber warum ernennst du sie nicht zur Edlen, sobald du ein vollwertiger Ritter seit?“ „Das geht nicht.“, meinte Arnulf erschrocken und schüttelte den Kopf. „Selbst als Ritter kann ich nicht so einfach jemanden in den Adelsstand erheben, das könnte nur ein Baron.“ „Also jemand wie unser guter Herr Halmar?“ Zögernd nickte Arnulf und Murgrim fuhr fort: „Dann redet doch einmal mit ihm. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er dies ablehnen wird, die Sindelsaumer sind ein bodenständiger, ordentlicher Haufen.“ Arnulf sah den Angroscho mit großen Augen an. „Das kann ich doch nicht machen, Väterchen. Wie würde denn das kommen? Für eine solche Gunst müsste ich schon etwas Besonderes geleistet haben.“ Murgrim stöhnte spielerisch auf und meinte dann: „Ach, ihr Menschen seid schon so ein Völkchen. Ihr denkt auch, dass Stand euch unterscheidet, aber sowohl Kaiserin als auch Gemeiner gehen auf die gleiche Art zum Abort, daher könnt ihr nicht so unterschiedlich sein.“ Arnulf stockte und musste dann laut loslachen, als er diesen Vergleich gehört hatte. Nachdem er sich wieder beruhigt hatte, meinte Murgrim in freundlichem Tonfall: „Ich kann dir nur diesen Rat geben, da ich schon länger hier auf Angroschs Welt lebe und mir der Schöpfer im Alter die ein oder andere Weisheit geschenkt hat. Schieb es nicht auf die lange Bank. Ihr Menschen lebt eh nur so kurz, daher gilt es umso mehr, Nägel mit Köpfen zu machen. Wenn du diese Frau liebst, so halte um ihre Hand an und zeige deiner Familie, wie gut sie zu dir passt. Falls ihnen dein Wohl am Herzen liegt, und das glaube ich schon, werden sie euch nicht ewig die Anerkennung verweigern können.“ Arnulf begann über die Worte des Angroschos nachzugrübeln, während sie gemeinsam weiter gut Strecke machten und die prächtige Bergwelt der Wengenholmer Gipfel unter dem blau-weißen Himmel bestaunen konnten.
Einige Tage später auf der Straße nach Sindelsaum
Erfreut sah sich Murgrim um. Vorgestern hatten sie wohl die Grenze der Grafschaft Wengenholm zur Baronie Sindelsaum hinter sich gelassen. Sie waren doch besser vorwärts gekommen, als er sich gedacht hatte. Nun würde es nicht mehr lange dauern und er würde endlich sein Geschäft wieder aufschließen können. Sicherlich hatten einige seiner Stammkunden schon auf seine Rückkehr gewartet. Dazu hatte er den gewünschten Honig mit dabei, alles in allem eine erfolgreiche Reise. Auch zu seinem Reisebegleiter hatte er mittlerweile eine Art von Freundschaft aufbauen können und der junge Mensch hatte ihn auf dem Rückweg doch einige Fragen des Lebens gestellt, die Murgrim so gut er konnte beantwortet hatte. Der junge Knappe schien ihn ebenfalls zu mögen, denn er hatte Murgrim einige Dinge verraten, die wohl nur wenige Außenstehende wussten und so gezeigt, dass er ihm vertraute. Der Angroscho fuhr sich durch seinen Bart. „Diese Menschen immer. Kaum glaubt man, alle von ihnen zu kennen, schon überraschen sie einen wieder.“ Aber manchmal war ihre Gesellschaft ihm weitaus lieber als die der rauflustigen Ambosszwerge oder der peniblen und sturen Erzzwerge. Dann dachte er wieder an die gemeinsame Stammtischrunde vor kurzem und er berichtigte sich selbst. „Alle Erzzwerge durfte man jetzt auch nicht gerade über einen Kamm scheren.“ Der Zwerg strafte sich. „Nun noch etwas weiter die Straße entlang nach Praios, heimwärts.“