Auferstanden - Ein Kämpfer und Streiter

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Angbar, Anfang Peraine 1042

Mit stolzgeschwellter Brust stand Ungfried Weidentreu im Innenhof der Angbarer Zitadelle und beobachtete das rege Treiben. So sehr er versuchte, den ernsten Gesichtsausdruck eines wachsamen Soldaten aufzusetzen: Er konnte nicht anders als vor Freude lächeln. Es war ein angenehmer Frühlingstag, die Praiosscheibe sannte ihre warmen Strahlen herab – und er trug seine Uniform! Es schien Ewigkeiten her zu sein, dass er das letzte Mal in kompletter Montur gewesen war. Ein herrliches Gefühl, wieder in den alten Klamotten zu stecken! Jetzt zahlte es sich aus, dass er mit über fünfzig Götterläufen kein Fett angesetzt hatte. Sicher, die einst rabenschwarzen Haare waren deutlich grauer geworden, doch sollte ihn das nicht verdrießen, denn heute war ein ganz besonderer Tag: Die Angbarer Sappeure, seine alte Truppe, wurden wieder aufgestellt!

Während er sich kerzengerade hielt, um einen möglichst zackigen Eindruck zu machen, verfolgte er mit den Augen, wer da nach und nach erschien. Die meisten Menschen waren ihm unbekannt. Natürlich, sie waren zu jung, um damals mit ihm gedient zu haben, und eher in dem Alter seines Sohnes Hanno. Aber unter den Zwergen entdeckte er einige vertraute Gesichter. Da kam doch der frühere Weibel Gurolosch Sohn des Ambrox! Dieser guckte zuerst etwas erstaunt, als sei er überrascht, Ungfried hier zu sehen, grüßte dann jedoch freundlich. Ja, was hatte der denn anderes erwartet? Dass keiner von den Menschen seine Uniform in Stand halten und hier komplett mit allem drum und dran aufmarschieren würde? Ha, da kannten sie ihn aber schlecht! Nein, diese Ordnung und Disziplin waren immer Ungfrieds Sache gewesen Sie hatten ihn gestützt, als er...

Für einen kurzen Augenblick war er irritiert. Wieso musste er an dunkle Kammern denken? Es war doch hellichter Tag unter freiem Himmel! Na, sei's drum, gerade zog ein weiterer Veteran des Weges vorrüber. Es handelte sich um Raskalosch Sohn des Ronax. Er hatte die Armbrust geschultert wie in alten Zeiten. Nur das Wappen auf der Uniform war ein anderes. "Angrosch zum Gruße, Lemgurd!" "Angrosch sei auch mit Dir! Schön, Dich zu sehen, alter Kämpe!"

Bei dieser herzlichen Begrüßung musste Ungfried lachen. Seine Tochter Birsel, die ihn begleitet hatte, schaute etwas verwirrt, weil der Zwerg ihn mit "Lemgurd" angesprochen hatte. Das war sein Spitzname bei der Truppe gewesen! Weil er "Weidentreu" hieß und nicht so schnell aufgab, wenn es brenzlich wurde, hatten sie zuerst immer "Du treuer Lemgurd" zu ihm gesagt und ihn schließlich nur noch "Lemgurd" genannt – nach dem früheren Grafen von Schetzeneck. Dabei war er noch gut weggekommen: Bibrosch Dumpfelding, Sohn des Brigox, hatten sie immer mit "Braten-Bibrosch" angesprochen... Junge, was der kochen konnte, und wie dabei improvisieren! Selbst im hinterletzten Wald hatte er noch einige Pilze und Kräuter gefunden, um ein schmackhaftes Süppchen daraus zu kochen... aber seine Braten waren wirklich eine Legende! Ungfried lachte in sich hinein. Also, bei der Verkostung war es ein Wunder gewesen, dass er sich selbst so gut gehalten hatte... da fiel ihm ein: Schweinebraten hatte er schon lange nicht mehr gegessen, eigentlich nicht mehr seit... seit... ganz kurz flammten Bilder einer Feuersbrunst vor seinem geistigen Auge auf.

Ungfried schüttelte etwas irritiert den Kopf. Kerl, jetzt reiß Dich mal zusammen, Deine Gedanken schweifen ja ständig ab! "Alles in Ordnung, Vater?", fragte Birsel. "Ja, natürlich. Ist ein herrliches Gefühl, hier zu sein und die Kameraden wiederzusehen... als sei es erst gestern gewesen, dass ich mit ihnen losgezogen bin." Birsel lächelte leicht, schaute aber immer noch ein wenig angespannt drein. "Mach Dir doch keine Sorgen...", beruhigte sie Ungfried, doch bevor er weitersprechen konnte, wurde weiter vorne etwas bekanntgegeben. Man wolle die Bewerber vorsprechen lassen und werde sie dann, je nach Erfahrung und angestrebtem Rang, entsprechend prüfen. Jeder würde einzeln aufgerufen werden.

Also, das kam Ungfried nun doch etwas merkwürdig vor! Was war denn das für eine seltsame Art, die Truppe zu führen? Das hatte ja gar nichts offizielles! Wo war denn der Bannerträger Grox Sohn des Groin? Warum hatte Rugen Sohn des Hartok kein Hornsignal gegeben? Ja, und überhaupt, es konnte doch noch gar nicht losgehen! Da fehlten ja noch ganz viele! Der erste Weibel Halmdahl Glockinger, Weibelin Antria Tochter der Alamne mit ihrer imposanten Axt, der Armbrustschütze Ugatosch Rübsam, Sohn des Ugrimox, der Schanzer Greifax Sohn des Garadosch, Fudrik Mümmlinger, Sohn des Fudrik, Ulfing Brodbeck, Wengel Borrestock... und Gilda Weißendorf! GILDA WEISSENDORF!

Bei dem letzten der Namen, die er im Kopf durchging, vernahm er auf einmal ein Pfeifen, das immer lauter wurde, wie ein herannahendes Geschoss, und schließlich einen Knall, der ihn schwanken ließ. Als Lemgurd die Augen öffnete, stand die Welt in Flammen. Er stand nahe bei dem Tunnel, den sie gegraben hatten und aus dem die Flammen nun herausschossen. Niemand darin konnte überlebt haben... aber sie waren doch fast alle hineingegangen! Er hörte gellende Todesschreie.

Um ihn herum rannten Menschen und Zwerge umher und versuchten verzweifelt, Flammen, die an Haaren und Kleidern loderten, zu löschen... doch diese Feuer waren von einer Art, wie Lemgurd sie nie zuvor gesehen hatte... die Farben wirkten falsch, fast boshaft, und die Flammenzungen schienen nicht zu löschen zu sein, ganz gleich, was man auch probierte. Nun eilten einige Heiler mit Spezialdecken und alchimistischen Fläschchen nach vorne, um einige der Brandopfer zu packen und doch zu retten. Ihn besprühten sie mit irgendetwas und zerrten ihn von dem Tunnel weg, aber er hatte doch gar nichts abgekriegt...

Der Rauch kratzte ihm in der Kehle und er musste hilflos husten. Dabei sog er mit der Nase die Luft ein... es roch ganz seltsam nach Schweinebraten! Überall schrien derweil Menschen und Zwerge durcheinander. Plötzlich bekam er stechende Kopfschmerzen. Er sank zu Boden, die Hände an die Schläfen gepresst, die tränenden Augen geschlossen, den Mund leise wimmernd weit aufgerissen...

"Vater!", sagte Birsel leise und traurig, als sie ihn halb zusammengesackt sah. Sie kämpfte gegen die Tränen an. So war ihr Vater zurückgekommen, damals, als sie noch ganz klein war...

Ungfried Weidentreus Körper hatte die Schrecken des Krieges unbeschadet überstanden – aber sein Geist war an der Trollpforte zerbrochen worden. Nachdem er in den Kosch zurückgebracht worden war, hatte der einstige Bergschütze aus dem Wengenholm viele Jahre bei den Noioniten in Garrensand verbracht. Als die Nachricht herumging, dass die Angbarer Sappeure wieder auferstehen sollten, hatte seine Tochter ihm den Wunsch nicht abschlagen können, mit ihm nach Angbar zu reisen – um der alten Zeiten willen. Dass dabei auch alte und nie verheilte Wunden wieder zum Vorschein kommen würden, hatte sie befürchtet, aber inständig gehofft, dass es nicht passieren würde.

"Lemgurd", sprach jemand leise und fest in die Dunkelheit hinein, "Lemgurd, Du bist in Sicherheit. Ich bin bei Dir. Wir sind in Angbar." Ungfried zwinkerte. Die Stimme kannte er... da war doch... "Buddella! Du bist hier... und lebst." Die Angesprochene nickte und gab ihm ihre Hand. Er spürte ihre Wärme... sie war Wirklichkeit! "Oh, Vater..." Birsel fasste ihn an den Arm. Er nahm sie wieder wahr. "Oh, ja, äh, Buddella, das ist meine Tochter Birsel. Birsel, das ist Buddella Jochstrunk, Tochter der Bregga. Sie ist Oberweibelin... äh, nein... Du bist jetzt Ingerimmgeweihte?" Ungfried nahm erst jetzt Buddellas Robe und die kleine Laterne wahr. Aber der Hammer an ihrem Gürtel war ihm vertraut... einiges war gleich geblieben, wie schön! Buddella gab ihm einige Momente, um sich zu sammeln. "Ja, ich habe mich nach der Schlacht weihen lassen. Damals ist viel geschehen, das mir sehr schwer fiel, loszulassen... Angrosch hat mir geholfen, wieder die Freude zu sehen."

"Ich weiß, wovon Du sprichst... es gibt Tage, da fühle ich mich ganz normal, habe aber einige Gedächtnislücken... und dann bin ich plötzlich wieder mitten im Kampf. Meine letzte Schlacht, sie scheint nie enden zu wollen... ich bin manchmal so müde..." Ungfried zitterte leicht, den Tränen nahe. So verletzlich hatte er sich wenigen Leuten gegenüber gezeigt, aber Buddella, der musste er nichts vormachen. Seine alte Kameradin nickte verständnisvoll. "Manche Krankheiten der Seele brauchen länger zum Heilen als die ärgste Verwundung. Es ist ein langer Weg zurück, aber er ist es wert, dass man ihn geht. Für Deine Familie wird es sicher nicht einfach sein, aber Du hast offensichtlich eine Tochter, die Dich liebt und will, dass es Dir gut geht." Ungfried umarmte Birsel, während Buddella fortfuhr: "Ich habe oft für Dich gebetet, auf dass die Flamme des Lebens wieder stärker in Dir brennen möge! Nur besuchen wollte ich Dich als Geweihte nicht, denn ich hörte wohl, dass Feuer Dir noch sehr zu schaffen macht. Doch ich war immer zuversichtlich, dass auch für Dich bessere Tage kommen würden... Es heißt, es gebe für alles eine Zeit. Nun ist es an der Zeit, nach langem Kampf wieder nach Hause zu kommen, und diesmal richtig. Lemgurd, Du musst keine Uniform tragen, um ein anständiger Kerl zu sein. Du hattest die Disziplin schon, bevor Du zur Truppe kamst. Lass uns gemeinsam zu den neuen Kommandanten gehen und Dich offiziell verabschieden lassen. Die Angbarer Sappeure, die in einem Monat ihr Regimentsbanner bekommen, werden eine neue Generation sein. Du hattest ein Leben vor den Sappeuren und Du sollst auch eines danach haben." Birsel lächelte sehnsüchtig bei den Worten der Geweihten. "Ja", sagte Ungfried ganz schlicht, "ich sehne mich danach, bei meiner Frau Berisa zu sein und wieder Bergbauer zu werden." Und so trat er seinen letzten Gang in der alten Uniform der Angbarer Sappeure an, mit der einen Hand Buddellas Hand haltend, mit der anderen die Birsels...