Das Koscher Totenbuch – Unfreiwilliger Wechsel
Burg Stippswacht, Phex 1044 BF
Schnellen Schrittes galoppierte der braune Warunker in Richtung des großen Wohnturmes auf dem Gebiet des Junkertum Stippstrunk. Dessen Reiterin hatte sich in mehrere warme Mäntel gehüllt und obwohl der Schnee sich langsam zurückzog, war es hier im Gebirge immer noch sehr kalt. Der Winterwind wehte immer noch durch die Täler und Firuns Griff lockerte sich nur nach und nach. Auf dem Hof vor dem Turm angekommen, stieg sie rasch ab, während ein Pferdeknecht ihr Tier in den nahen Stall brachte. Die Reiterin schob nun ihre Kapuze zurück und es kam das Gesicht einer Frau zum Vorschein, das früher recht ansehnlich gewesen sein musste, doch nun durch das Alter einiges von ihrem früheren Glanz verloren hatte. Dazu kamen auch die einzelnen silbernen Strähnen, in ihrem sonst pechschwarzen Haaren. Sie sah sich kurz um und dann erschallte ein lautes „Schwester Trada! Willkommen daheim.“ Ein kräftiger, kompakt gebauter Mann mit grauer werdendem Haupthaar schritt vom Eingang des Turmes auf sie zu. Auch er war bereits in die Jahre gekommen, doch seine Augen blitzten erfreut und sein Schwert hing immer noch leicht an seiner Hüfte. „Bruder Vitus, schön das du mich empfängst.“ meinte die Frau und beide umarmten sich herzlich. „Komm, komm herein, dann gibt es gleich etwas Warmes zu trinken gegen die Kälte.“ Die Frau nickte erfreut und folgte ihrem Bruder nach drinnen. Auf dem Weg in die Wohnräume erkundigte sie sich bei ihm, „Was gibt es denn so Dringendes, was unser Vater mit uns persönlich klären will?“ Vitus Blick verfinsterte sich, „Hätte ich noch Hoffnung, dann würde ich sagen, er will die Amtsgeschäfte und die Junkerswürde nun endlich an mich übertragen. Er wird mittlerweile einfach zu alt dafür, im Tsa dieses Jahres wollte er doch wirklich einen Brief an „Seine Exzellenz Berndrich vom Eberstamm, Fürst des Kosch“ schreiben.“ Trada schüttelte leicht den Kopf. „Er verwechselt mich auch immer wieder mit Mutter, seine Gedanken sind manchmal wo ganz Anders.“ „Oder in der Vergangenheit.“ meinte Vitus mit leiser Stimme.
Gemeinsam betraten Beide dann das Studierzimmers ihres Vaters. Vitus der Ältere saß in seinem Schaukelstuhl am Kamin, in dem ein warmes Feuer entzündet war. Der Junker hatte mehrere Bärenfelle über sich gezogen, so dass nur noch sein altes, weißbärtiges Gesicht herauslugte. Als Trada und ihr Bruder eintraten, bewegte er sich nicht, trotz der laut gesprochenen Begrüßungen. Erst als die beiden Stippstrunker näher kamen, da hob er seine Augenlider. „Ah Junge, Trada, wurde auch Zeit das ihr gekommen seit. Setzt euch, es gibt Wichtiges zu besprechen.“ Eine Dienerin brachte heißen Würzwein und dann waren die drei Stippstrunker alleine. „Gibt es Neuigkeiten von deinem Jungen Trada?“ erkundigte sich Vitus der Ältere forsch, nachdem alle einen Schluck getrunken hatten. „Nein, mein armer Hanno gilt noch immer in Tobrien als vermisst.“ Meinte Trada traurig, doch bevor sie fortfahren konnte, unterbrach sie ihr Vater. „Pff, vermisst, tot ist er, was denn sonst. Der Dummkopf, ich hab’s doch gesagt! Besser für uns wäre es gewesen wenn sein Vater auch gleich mitgezogen wäre. Nun sind wir wieder am Anfang und haben nichts um Firnsgraten mal für unsere Familie zu vereinnahmen.“ Die herzlosen Worte ihres Vaters schmerzten Trada sehr. Vor allem, da es nie ihr Wunsch gewesen war, den um einige Jahre älteren Ritter Guldebart von Dunkelforst zu heiraten. Es war ausschließlich der Plan ihres ehrgeizigen Vaters gewesen sie mit dem hünenhaften Waldschrat zu vermählen. Doch Sie hatte sich gefügt und Vitus der Ältere hatte gehofft, durch die gemeinsamen Kinder einmal Einfluss auf das Rittergut Firnsgraten nehmen zu können. Jedoch waren all ihre Kinder schon früh im Kindbett verstorben bis auf Hanno, das einzige überlebende Kind. Doch dieser war während einem Feldzug zur Befriedigung Tobriens verschollen. Lange hatte sie gehofft, das er nur verschwunden war, doch mit den Jahren, die ins Land gezogen waren, hatte sich auch ihre Hoffnung langsam aufgelöst.
Als ihr Bruder sah, wie sehr dies seine Schwester mitnahm, meinte er nur, „Vater lass es gut sein. Schwester kann hier doch nichts dafür und …“ Der scharfe Blick seines Vaters ließ ihn verstummen. Der Junker schnaubte und meinte, „Ich entscheide, wer Schuld hat. Und daher komme ich auch gleich zum Punkt. Trada du wirst in das Boronkloster Garrensand eintreten und einen Zölibat-Schwur ablegen. Damit kann sich dann dein Mann problemlos von dir scheiden lassen.“ Erschrocken keuchte Trada und ihr Bruder auf. „Was??“ fragte sie verwirrt, doch auch sie unterbrach ihr Vater unwirsch. „Du kannst in deinem Alter keine Kinder mehr zur Welt bringen und daher musst du dich von deinem Mann trennen. Nur die Weihe zu einer Gottheit und das Gelübde des Zölibats kann deine Ehe auflösen, ohne das es übles Gerede gibt.“ „Aber, aber …“ meinte Trada völlig verwirrt und ihr Vater fuhr fort. „Ritter Guldebart kann sicherlich noch Kinder machen, wir brauchen bloß etwas Jüngeres für ihn. Deine Tochter Vitus wäre dafür sicherlich die Richtige.“
Der jüngere Vitus sah seinen Vater an, als hätte er gerade von diesem einen Magenschwinger bekommen. „Meine Tsaria, aber die ist doch viel zu jung und erst zur Ausbildung als Hofdame am Grafenhof.“ Sein Vater spuckte aus, „Da lernt sie eh nur Unfug, genau so wie bei Jasine. Die setzten den Mädchen immer so Flausen von Luxus und der großen Welt in den Kopf. Nein sie ist jetzt alt genug um verheiratet zu werden. Schreib, dass sie zurückkommen soll und du Trada reitest morgen heim um dich von deinem Mann zu trennen und ihm diese Botschaft von mir mitzugeben, verstanden?“ Trada saß da, wie vom Donner gerührt. Ihr war immer bewusst gewesen, dass sie keine große Bindung zu ihrem Vater gehabt hatte, aber dass er sie noch immer so wie eine Figur auf einem Spielbrett herumschieben wollte, das verstörte sie zutiefst. Einen Moment später stand sie ruckartig auf und stürmte aus dem Zimmer, die überraschten Rufe ihres Bruders in den Ohren. Dieser sah nun zu seinem Vater, „Das hat sie sehr verletzt Vater.“ Der nippte lediglich an seinem Wein, „Du bist zu alt um dich wie ein kleiner Bursche zu verhalten. Aber wenn du meinst, dann spiel den großen Bruder und kümmere dich um sie.“ Vitus stand ärgerlich auf und wollte gerade aus der Tür gehen, als ihm sein Vater noch zurief. „Meine Entscheidung steht Junge und da ich immer noch das Familienoberhaupt bin, werden meine Befehle nicht in Frage gestellt, kapiert?“ Vitus ballte vor Ärger die Fäuste, aber so, dass sie sein Vater nicht sehen kann. „Jawohl Vater!“ Dann verschwand auch er aus dem Zimmer.
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Am nächsten Morgen unternahmen die drei Stippstrunker einen kleinen Spaziergang am Ufer der Sindel. Es war der Vorschlag des jüngeren Vitus gewesen, damit sich alle noch einmal aufgrund des gestrigen Tages aussprechen konnten. Sein Vater wirkte genau so mürrisch wie am Tag zuvor, war aber einverstanden gewesen. Er war früher auch gerne am Ufer der Sindel gegangen. Nun war es beschwerlicher für ihn mit seinem Stock, doch er schien sich vor seinen Kindern keine Blöße geben zu wollen und schritt vorweg. Trada wirkte übernächtigt und bleich, war aber auch mitgekommen. Sie wollte das Gehörte von Gestern noch einmal mit ihrem Vater besprechen, doch dieser unterbrach sie schon nach kurzer Zeit. „Es ist alles gesagt Tochter. Tu deine Pflicht gegenüber unserem Haus und mach es uns nicht allen schwerer als es sein muss.“ Damit war für das Familienoberhaupt die Sache beendet und die restliche Zeit über sprach dann auch nur noch ihr Vater in einer Art von Monolog.
Trada schien so, als könne sie die Tränen nur noch kurze Zeit zurückhalten. Vitus seufzte und wandte sich dann an ein inneres Gebet, dass er auch schon gestern einige Male gebetet hatte. „Ihr 12 Götter und ihr ehrwürdige Ahnen meines Hauses. Ich habe meine Entscheidung getroffen und ich weiß, dass sie falsch und ehrlos ist. Aber wenn ich nicht handle, dann wird großes Leid über meine Familie und die Menschen, die ich liebe kommen. Daher bitte ich euch noch einmal eindringlich, gebt mir ein Zeichen oder haltet mich auf, denn ich werde tun, was getan werden muss.“ Er öffnete die Augen und sie waren am Mittelstück des Weges angekommen. Nichts rührte sich, doch dann sprach ihr Vater der am Ufer der Sindel stand. „Daher solltet ihr verstehen, … Trada jetzt nimm dich zusammen und hör sofort auf zu flennen. Du bringst nur Schande über dich und deine Familie wenn du …“ Doch weiter kam Vitus der Ältere nicht.
Schnell wie Meister Phexens Fuchs, war sein Sohn an ihn herangetreten, seine Augen so kalt wie die Winter Firuns und sein Gesichtsausdruck war versteinert wie der eines Borongeweihten. Der folgende Stoß war kräftig und beförderte Vitus den Älteren ohne Probleme über den Uferrand. Die Augen des alten Junkers weiteten sich vor Schreck als er rücklings in den eiskalten Fluss stürzte. Trada kreischte auf und wollte dann schnell in Richtung des Flusses laufen, doch ihr Bruder hielt sie eisern fest. „Sieh nicht hin Schwester!“ und er hielt ihr die Hand vor die Augen. Beide hörten noch einen letzten angsterfüllten Schrei, dann war der Körper ihres Vaters in den Fluten verschwunden. „Was, was hast du getan??“ stotterte Trada ungläubig. „Meine Schwester und meine Tochter beschützt, so wie es mich mein Vater einst gelehrt hat, als er noch ein Mann von Ehre und nicht diese vom Alter und Gram zerfressene Kreatur war.“ Erklärte Vitus mit eiserner Stimme, dann drehte er sich wieder zur Sindel um. „Dies hier war ein bedauerlicher Unfall. Du hast gesehen, wie er am Ufer ausgerutscht und hinein gefallen ist, oder?“ Nach einigem Zögern nickte Trada schließlich und mit ruhiger Stimme fuhr Vitus der Jüngere fort. „Das was gestern besprochen wurde, vergiss es einfach. Es ist nie gesagt worden. Nun lass uns in Richtung des Turmes laufen und das Gesinde alarmieren. Wir müssen es wie einen Unfall aussehen lassen und da ist es wichtig, dass wir gleich nach ihm suchen. Folge mir kleine Schwester, dein Bruder passt auf dich auf.“ Trada wischte sich über das Gesicht und meinte dann, „Natürlich, großer Bruder.“
Vitus der Ältere von Stippstrunk wurde später tot in Sindelsaum ans Ufer gespült. Am Körper fand man mehrere Prell- und Schürfwunden, da er wohl gegen einige Felsen und Treibholz geprallt war. Ob ihn diese Wunden, die Kälte oder das Wasser an sich getötet hatten, konnte man nicht mehr feststellen. Das Einzige was man jedoch noch ganz genau erkennen konnte, waren die vor Schrecken geweiteten Augen des Verstorbenen.
So schloss sich eine weitere Seite im Koscher Totenbuch.