Von Tierkönigen, Rittertugenden und hesindegefälliger Berufung

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05. Travia 1046 BF, Reichsstadt Angbar


Die Nachmittagssonne färbte die gepflasterten Straßen Angbars in warmes Gold, als Iralda von Ochs aus einem kleinen Laden trat. Der Duft von Tinte und Papier hing noch an ihren Händen. Plötzlich kam Wind auf und riss ihr die sorgfältig geordneten Blätter aus der Tasche. Sie flogen wie Schmetterlinge durch die Luft, und obwohl sie ihnen nachgriff, konnte sie keinen erwischen.

„Oh, wartet!“ rief eine helle Stimme.

Ein Mädchen mit zerzaustem, braunem Haar rannte herbei. Flink und geschickt fing sie ein Blatt nach dem anderen ein. Dann kam sie zu Iralda zurück und reichte ihr die geretteten Papiere mit leuchtenden Augen.

„Den Zwölfen zum Gruße! Thalessia vom Kargen Land.” Nun verneigte sich das Mädchen. “Hier habt Ihr Eure Blätter zurück. Ich hoffe, es fehlt keins!”

Iralda stellte sich ebenfalls vor und bedankte sich. In Thalessias Augen blitzte die Neugierde auf. “Malt Ihr? Ihr habt Farben und Papier!“

Iralda lächelte und strich sich eine Locke hinters Ohr. „Ich zeichne, aber nur zum Üben.“ Sie holte eine Skizze hervor und zeigte sie dem Mädchen. Darauf war ein Reh zu sehen, schlank gezeichnet mit sanften Linien, die Augen wirkten lebendig.

Thalessia staunte. „Oh, das ist wunderschön!“ Sie berührte das Blatt vorsichtig. „Ist es ein besonderes Reh?“

„Ja“, sagte Iralda. „Das ist Forancina, die Tierkönigin. Sie lebt in der Goldenen Aue.“

Thalessia staunte. „Die Goldene Aue… ist das in Garetien? Hier im Kosch kennen wir die Sechs Tierherren… aber es gibt auch einen Tierkönig, den der Feldmäuse nämlich. Mein Großvater hat ihn einmal getroffen!

Sie wurde durch ein Räuspern unterbrochen.

Ein älterer Mann mit wettergegerbtem Gesicht trat zu ihnen. „Thalessia“, sagte er ernst, „du hast ein gutes Werk getan, indem du das Papier gerettet hast, aber du solltest der Dame nicht einfach Dinge erzählen, von denen sie vielleicht gar nichts wissen möchte.“

Iralda schüttelte den Kopf. „Ganz im Gegenteil! Das ist sehr interessant!“

Der Mann stellte sich als Gero vom Kargen Land vor, Vogt der Grafenmark Ferdok und Großvater Thalessias. Er sah Iralda kurz an und nickte dann deutlich freundlicher. „ Hesindegefällige Neugierde… das zeigt nicht jeder Adelige hier im Kosch. Nun, ich begegnete dem König der Feldmäuse 1039 BF, zum 1000-jährigen Jubiläum des Koscher Reinheitsgebotes, und versprach ihm eine Wagenladung Getreide jährlich für die seinen, um im Gegenzug eine Mäuseplage zu beenden, die Angbar seinerzeit heimsuchte. Wie Ihr sehen könnt, halten beide Seiten die Abmachung ein.“ Er schmunzelte. “Kann ich Euch neben dieser Geschichte sonst noch weiterhelfen?” Da fiel Iralda der Anlass für ihren Besuch ein.

„Ich suche ein Geschenk für meinen Großvater“, sagte Iralda. „Er wird dreiundachtzig. Wisst Ihr einen besonderen Laden?“

Gero überlegte. „Das Kontor des Hauses Stippwitz am Neumarkt hat edle Dinge.“

Iralda schmunzelte. „Dort werde ich nichts kaufen. Mein Großvater ist Gobrom zu Stippwitz.“

Gero hob die Augenbraue. „Dann sucht Ihr wirklich etwas Einzigartiges.“

„Ja“, antwortete Iralda. „Ich werde noch ein wenig durch die Stadt gehen und mich inspirieren lassen.“

“Dann gehen wir doch gemeinsam”, schlug Gero vor. “Falls Ihr am Ende nichts findet, können wir zumindest in den Gaststuben Aventuriens essen gehen. Dort gibt es so viele verschiedene exotische Gerichte, dass Ihr zumindest eine ungewöhnliche Gaumenfreude für Euch selbst erleben werdet.“

Sie ging los, und Gero und Thalessia begleiteten sie. Gemeinsam mischten sie sich unter die Menschen in der lebendigen Stadt. Händler riefen laut, um ihre Waren anzupreisen. Es roch nach frischem Brot, Leder und Metall. Thalessia ging ruhig neben den beiden, blieb manchmal stehen, um sich die schönen Schnitzereien an den Ständen anzusehen. Sie schien jedes kleine Detail aufnehmen zu wollen. Während sie durch die Gassen spazierten, sprachen sie miteinander. Mal erzählten sie Geschichten, mal wurde es stiller.

Gero erkundigte sich, was es Neues aus Garetien gäbe. Als unmittelbarer Nachbar und durch die Reichsstraße VI verbunden, hatte er ein besonderes Interesse daran, was im Land jenseits der Rakula vorging.

Iralda erfuhr ferner, dass Gero mit Thalessia nach Angbar gereist war, um den Rondratempel zu besuchen, denn die Kirche war nach vielen schwierigen Jahren endlich wieder stärker geworden. Thalessia als Zweitgeborene sollte eine ritterliche Ausbildung bekommen, obwohl sie ganz der Familientradition nacheiferte und an Wissen interessiert war. Auch wenn Gero von den ritterlichen Tugenden sprach, die im Kosch eine starke Tradition hatten, so strahlte seine Enkeltochter, als Iralda von ihren Reisen und ungewöhnlichen Missionen erzählte. “Ich hoffe, dass ich auch so viel reisen darf, wenn ich in die Knappschaft gehe!” “Mein Kind, das ist nicht an Dir zu entscheiden! Du musst lernen, zu folgen.” “Aber Großvater, das schließt sich doch nicht aus… Papa war mit Angrawen schon in Greifenfurt! Vielleicht treffe ich auf jemanden, der ständig unterwegs ist, so wie Onkel Boromil!” “Bevor er sein Lehen bekam, hat Boromil sich viele Jahre in Geduld geübt… ganz wie ein Ritter es tun muss!” So ging es noch eine Weile hin und her, das Kind schwankend zwischen ritterlicher Erziehung und Aufregung, der Großvater hin- und hergerissen zwischen der Freude, dass Thalessia Neugierde auf die Welt zeigte, und dem Mahnen, auf dem weiteren Weg den Tugenden eines Ritters zu folgen. „Manche glauben, dass ein Ritter nur dem Schwert verpflichtet sei – doch das ist ein Irrtum. Rittertum bedeutet nicht nur Kampf und Pflicht, sondern auch Erkenntnis, Suche und das Streben nach Wahrheit. Für mich schließen sich ritterliche Tugend und Wissensdurst nicht aus. Im Gegenteil: Sie bedingen einander.

Meine Queste in der Wüste Gor hat mir dies eindrücklich vor Augen geführt, als ich gemeinsam mit anderen Rittern, Mitgliedern und Freunden des Garetischen Bundes der Ritter in Angedenken des tugendhaften König Alriks gen Süden zog, getragen von seinem Vermächtnis und dem Geist ritterlicher Tugend. Es war eine Reise voller Prüfungen – sengende Hitze, unwegsames Gelände, die stumme Bedrohung der Einsamkeit. Und doch war es gerade dieser Weg, der mir die Tiefe des Rittertums offenbarte.

In den uralten Höhlen des Tafelbergs bargen wir unter großen Gefahren eine Reliquie: einen Panzerhandschuh, der einst Kaiser Alrik gehört haben soll. Ein Stück Geschichte, welches wir dem Kaiserhaus übergaben, wo er nun in Ehren gehalten wird.“ Gero nickte ernst. “Siehst Du, Thalessia, so sieht es aus, wenn Wissensdurst durch eine gute ritterliche Erziehung gestützt wird! Dann stehen die Reisen und Abenteuer nicht im Vordergrund; nein, man erlebt sie vielmehr, weil man sich einer größeren Sache verpflichtet hat!”

Iralda fühlte sich wohl und leicht, bis plötzlich ein lauter Gong erklang. Die Turmuhr schlug, und sie hielt inne.

„Oh“, sagte sie lächelnd. „Ich habe immer noch kein Geschenk. Ich glaube, ich werde eines zeichnen.“

Dann sah sie zu Thalessia und sagte freundlich: „Und was deine Enkeltochter betrifft – ich nehme sie gern als meine Knappin. Es wäre mir eine Freude.“

Thalessia sagte nichts, aber ihre Augen leuchteten. Sie senkte leicht den Kopf und lächelte leise und zufrieden.

“Das wäre eine große Ehre! Und ich glaube, bei Euch ist sie gut aufgehoben. Meinen Sohn Boromil habe ich damals bei Erlan von Sindelsaum in die Knappschaft gegeben… weniger zum Schwertschwingen als vielmehr zur Erziehung mit einer soliden Bildung. Ich ahne, dass es mit meiner Enkelin ganz ähnlich sein wird. Natürlich soll ihr Vater selbst noch zustimmen, doch es würde mich sehr wundern, wenn er dieses Angebot ablehnen würde. Eine weitgereiste Baronin, die dem Kaiserhaus selbst geholfen hat - was soll man als Koscher Ritter mehr wünschen?”



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5. Tra 1046 BF
Von Tierkönigen, Rittertugenden und hesindegefälliger Berufung


Kapitel 1