Wolfsjagd zu Wengenholm - Walbrod

Aus KoschWiki
Version vom 2. April 2021, 22:10 Uhr von Replacer (D | B) (Textersetzung - „Wengenholm“ durch „Wengenholm“)
Zur Navigation springen Zur Suche springen


Wengenholm, 1023

Lucrann kniete auf der Erde. Er spürte, wie der Griff um seine Kehle sich lockerte. Dort stand Walbrod, drei Schritt nur vor ihm, ein Pfeil stak ihm in seiner Schulter. Lucranns Hand tastete suchend über den Boden, wo seine Waffe liegen mußte. Seine Finger schlossen sich um einen Stein. Er hob ihn auf. Er warf. Ein Schrei, mehr Schreck und Überraschung als Schmerz. Doch Walbrod wankte, er taumelte und stürzte von der Klippe. Sein Leib schlug krachend auf die Erde, mit zuckenden Gliedern blieb er am Fuße seines Felsenthrones liegen.

Die Wölfe hielten inne. Dann wichen sie lautlos zurück. Graf Jallik erhob sich. Seine Hände, Knie und Wangen waren zerschürft, doch er war dem Sprung des Wolfes um Haaresbreite entgangen.

Die andern umringten ihn schützend, die Waffen vorgestreckt. Aber keiner der Wölfe machte Anstalten zu einem erneuten Angriff. In ihren Augen schimmerte Furcht. Der Graf schritt auf den gebrochenen Körper seines Feindes zu. Dieser versuchte, mit letzter Kraft sich aufzurichten. Sein Auge stand offen, die Lippen bebten. „Er lebt noch!“ rief der Wengenholmer aus.

„Vorsicht! Er webt noch einen Zauber!“ mahnte Lucardus von Hirschingen. Und er behielt recht. Doch diese Worte, die von den Lippen Walbrods kamen, galten nicht dem Grafen, nicht den siegreichen Gegnern, sondern seinem eignen Leib: Kaum hat er seinen Spruch beendet, da legt sich eine dumpfe Starre über seine Glieder. Brust und Hals überziehen sich mit dünnem Bast. Die Haare werden zu Nadeln, die Arme zu Ästen, die Finger zu Zweigen. Der Fuß gräbt sich als Wurzel in den harten Grund, das Gesicht wird vom Wipfel verschlungen. So steht Walbrod nun da als hölzerner Baum.

Ein Flattern ist in den Lüften, und von der Himmelshöhe herab läßt sich eine Eule zur Erde nieder. Ihr Gefieder ist weiß wie der Schnee, und sie sucht Halt auf einem Aste jenes Baums, der einmal Walbrod war.

Da tönt’s vom Eingang des Tales stürmisch her aus vielen Hörnern, und die Wölfe fliehen jaulend den Schall der großen Jägerschar. Alleine bleiben die Edlen auf der Felsenhöhe zurück, bis nach einiger Zeit Fackeln die Nebelnacht durchdringen und der Jagdtroß unter Meister Pannlapp erscheint. „Herr Graf!“ ruft er. „Wir kommen doch zur rechten Zeit?“ ruft er hinauf, als er die Gestalt des Herrn gewahr wird. „Um eine kleine Weile zu spät, doch hat euer Horn die letzten Feinde versprengt“, gibt der Graf zurück.

„Wie fandet ihr her?“ „Seltsam war’s, Herr Graf! Eine Eule, weiß wie Schnee, ließ vor meinen Füßen eine Botschaft fallen, in Euren Ring gewunden. Darauf stand, wir sollten folgen, wer auch immer die Nachricht brächte. Und die Eule flog vor uns her, und wann immer wir säumten, da hielt sie inne und schien auf uns zu warten. So kamen wir zu einem Felsentore, wo wir Eure Rosse fanden bar jeder Bewachung, und ich ahnte Schlimmes.“

„Wahrlich! Eine Eule! Seltsam sind die Wege der alten Isgrimma!“ rief der Baron von Geistmark aus. „So ist dies eine Botin des Waldweibes – oder bist du’s gar selbst in verwandelter Gestalt, Gevatterin?“

frug er den Nachtvogel in der Farbe des Tages. Doch dieser gurrte nur einen leisen Gruß aus dem Wipfel hinab zu den Menschen und erhob sich wieder in die Lüfte. Alsbald verschwand er im Nebel.