Unter dem Schleier - Ohne Vater

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Tempel unserer gütigen Etilia, 26. Travia 1043

„Räblein?“, hob Líadáin ni Rían an, „Sie war bei Euch, Bruder?“

Hal von Boltansroden nickte, setzte sich auf den Gebetsteppich neben ihr und erwiderte: „So ist es, Schwester.“

Da senkte die Geweihte demütig ihr Haupt: „Dann wisst Ihr nun wohl alles...“

Erneut nickte er: „Im Augenblick ist sie noch verwirrt und auch wütend. Für sie ist Dere aus den Fugen geraten. Doch das wird sich geben, auch wenn es Zeit brauchen wird...“

Líadáin seufzte: „Was müsst Ihr jetzt nur von mir denken...“

„Das Ihr gewiss gute Gründe hattet zu tun, was Ihr tatet“, antwortete Hal da schlicht, „Und das Ihr für Räblein stets immer nur das beste gewollt und sie daher besonders beschützt habt.“

„Ich habe es stets versucht und dabei doch versagt.“

„Menschen sind wir und keine Götter und selbst sie sind nicht vollkommen. Wie könnten wir es da sein?“

„Wenn es nach mir gegangen wäre, dann hätte sie es nie erfahren“, gestand die Rían, „Sie wäre auf ewig geblieben, was sie war: Ein Findelkind. Keine Mutter, keinen Vater. Es wäre besser für sie gewesen. Doch jetzt...“ Sie zuckte mit den Schultern. „... jetzt wird sie nach ihrer Mutter suchen.“ Líadáin seufzte. „Und all den Dreck aufwühlen, vor dem ich sie stets zu schützen suchte.“

„Sie ist gefestigt und ihr Dienst am Schweigsamen gibt ihr Kraft.“

„Und dennoch ist das, was hätte sein können verführerisch. Vor allem für so eine junge Seele“, sie schenkte ihm einen besorgten Blick, „Vor allem dann, wenn das, was man aufwühlt nur Dreck und noch mehr Dreck ist.“

„Sie hat Euch!“

Die Geweihte lachte kehlig.

„Sie mag Euch im Moment zürnen, doch früher oder später wird sie in Eure Arme zurückkehren. So lange müsst Ihr ihre Ablehnung ertragen, auch wenn es Euch noch so schwer fällt.“

Nun nickte sie: „Ich hoffe sehr, dass das Wandeln auf den Spuren ihrer Mutter sie nicht zu weit von mir forttreibt.“

Einen Moment schwiegen beide.

„Hochwürden“, hob Hal vorsichtig an, „Ist es wahr, dass Sanja von Pul ihre Mutter ist? Ich meine... war?“

Die Prätorin nickte: „So ist es. Sanja suchte bei mir Rat und Hilfe. Ich fürchte jedoch, dass ich an ihr schuldig geworden und meine mir von unserem Herrn übertragenen Aufgabe nicht gut genug nachgekommen bin. Ich konnte ihr nicht helfen. Zu groß ihre Angst vor diesem ominösen Fluch. Zu groß ihre Angst meine Schwester, die sie von Herzen liebte, zu verlieren. Am Ende konnte ich ihr nur das Sterben erleichtern. Mehr vermochte ich für sie nicht auszurichten. Bis heute erschließt es sich mir nicht, wie sie zu ihrem Kind kam. Gewiss haben sich die Götter etwas dabei gedacht, auch wenn ich wohl nie erfahren werden, was es gewesen ist.“

Erneut Schweigen.

„Hochwürden“, dem Geweihten stand das Unbehagen ins Gesicht, „Ich glaube, ich kenne ihren Vater...“

Líadáin holte hörbar Atem, drehte ihren Kopf zu ihm und blickte ihm direkt in die Augen: „Bruder, so lange Ihr nur glaubt ihren Vater zu kennen und Euch nicht sicher seid, was Ihr noch nicht einmal sein könntet, selbst wenn Ihr in Betracht kämt, werdet Ihr schweigen. Sie hatte gewiss gute Gründe, warum sie niemanden – nicht einmal mir – seinen Namen anvertraute. Von einer guten Reputation zeugt dies freilich nicht. So halte ich es für besser, wenn diese Person niemals in ihr Leben tritt. Sie wird ihr nur Schaden und noch mehr Dreck aufwühlen und davon gibt es bereits genug.“

Das Herz des Geweihten schlug schnell. Sein Mund wurde trocken.

Marbolieb braucht keinen Vater, Bruder. Sie hat uns. Wir sind ihre Familie. Wir sind alles was sie braucht“, in ihrem Blick lag Hoffnung.

„Ihr habt recht, Schwester“, Hal nickte und rang sich ein Lächeln ab, „Räblein hat uns. Wir sind ihre Familie.“