Mit Klinge, Zauberstab und List

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Ausgabe Nummer 43 - Ingerimm 1029 BF

Mit Klinge, Zauberstab und List

Wie ein Elenviner Wehrdorf erobert wurde

Im Phex 1029 trat in den Nordmarken der alljährliche Adelsrat zusammen. Neben recht ernsten Ereignissen (siehe Titelgeschichte dieser Ausgabe) fanden dort auch weit erbaulichere Begebenheiten statt, wie im Folgenden geschildert.

An einem milden Phexentag sitze ich in Hlûtharshof nahe Elenvina und will Euch, die Ihr gemütlich in der Heimat geblieben seid, vom Landtag des Hinterkosch berichten. Um mich herum rumpeln Ochsenkarren, hochbeladen mit Hausrat, klopft und hämmert es. Aber dieses Treiben ist keine Vorbereitung zur Flucht, wie wir sie in den letzten Jahren so oft erleben mussten — dieses Treiben ist erleichterte Rückkehr, nachdem der Ort eingenommen und so vor Zerstörung bewahrt worden ist. Wie das?! — Dazu muss ich ein wenig ausholen.

Baugrund für die Reichshauptstadt

Manchen wird es noch gar nicht recht bewusst geworden sein, aber: Nicht mehr Gareth ist die Hauptstadt des Raulschen Reiches, sondern Elenvina, also die Hauptstadt des Hinterkosch! Oder, wie der Reichserzkanzler Hartuwal vom Großen Fluss es ausdrückte: Gareth sei das Herz, Elenvina nun jedoch das Haupt des Reiches. In der Reichshauptstadt aber muss alles unterkommen, was der Kaiserin beim Regieren hilft: Minister und Gesandte, Kanzlisten, Schreiber und Siegelbewahrer, deren Dienstboten wiederum und all deren Familien. Papier, Pergament und Siegelwachs sind zu lagern, die vielen Verzeichnisse, Akten und Orden und was man sonst alles braucht, um ein Reich in des Herrn Praios Namen recht und gut zu führen.

Elenvina ist aber schon recht dicht bebaut, also muss Platz her, wo man all die neuen Gebäude errichten kann. Und um einen solchen Baugrund ging es auf diesem Landtag hauptsächlich, jedenfalls soweit ich das mitbekommen habe. Immerhin standen drei Möglichkeiten zur Auswahl: ein Gut in der Nähe Elenvinas, von dem auch der herzogliche Wein stammt, eine Sumpfbrache direkt am Großen Fluss und eben Hlûtharshof, welches mitnichten nur ein Hof, sondern ein ganzes Wehrdorf vor den Grenzen der Stadt ist. Allerdings soll bei dem erstgenannten Bauplatz ein Grab gefunden worden sein, der Sumpf erschien zu unsicher, und beim Wehrdorf würden all dessen Einwohner ihr Heim verlieren.

Es scheint, dass die herzögliche Baumeisterin Selinde von Neidenstein das Weingut vorzog, der Illuminator Jorgast von Bollharschen-Schleiffenröchte das Wehrdorf (wobei ich nicht weiß, was ein Herr Illuminatus zu einem Baugelände zu sagen hat), der Reichskanzler Hartuwal vom Großen Fluss aber den Sumpf. (Einige Respektlose munkelten hier, ein Sumpf sei gerade der richtige Ort für ein Kanzleiviertel. Empörend!) Jedenfalls kam es zu einem Streitgespräch zwischen dem Herrn Reichskanzler und dem Herrn Illuminatus, an dessen Ende eine Art Wette stand: Könne Hlûtharshof gegen Söldner und gar Magie gehalten werden, dann sei der Ort sicher genug für Kanzleien, wenn nicht, dann nicht. Derweil sollten Weingut und Sumpf ebenfalls auf ihre Tauglichkeit als Bauplatz geprüft werden.

Für Hartuwal, gegen die Flussgarde

Das Sumpfgelände zu erforschen, lockte mich wenig, noch weniger, womöglich die Ruhe eines Toten zu stören — Boron behüt’! Die Erstürmung eines Wehrdorfes mit braven Bauern und Bürgern wollte mir auch nicht gefallen, bis ich hörte, dass diese als Wehrübung durchgeführt werden sollte. Eine Wehrübung mit Magie?! — Genau dies! Zu meiner Erleichterung war einer der beiden Zauberer — das andere war, um genau zu sein, eine Zauberin — ein Heiler, und ich schnappte auch das Wort „Illusionen“ auf. Da war ich beruhigt! Wir sehen ja alle mit angenehmem Grusel den Jahrmarktszauberern zu, wenn sie ihre Ungeheuer erschaffen, die der Held dann erschlägt. Mit solchen Trugbildern versprach das Unternehmen sogar ganz lustig zu werden, also ging ich mit. Ein bisschen seltsam war es ja schon, auf der Seite der Angreifer und Dämonenbeschwörer zu stehen, auch wenn alles nur Schein und das ja auch die Seite des Reichserzkanzlers war. Noch mulmiger wurde mir, als ich daran dachte, dass der Herr Illuminatus womöglich Bannstrahler zur Verteidigung des Wehrdorfes abstellen würde! Zum Glück wählte er nur ein Banner Flussgardisten. Angeblich, so ging die Überlegung, um eine Niederlage weniger peinlich erscheinen zu lassen, ich glaube aber eher, damit die Kräfte gerechter verteilt waren.

Heerschau

Wir bekamen ein paar Dutzend Bewaffnete gestellt, dazu einen Söldnerhaufen und hatten Adlige als Befehliger, allerdings... Die Elenviner Bewaffneten waren eine Art Strafkommando. Gelichter, dem man keine Pike und keinen Säbel gern in die Hand drückt, oder arme Schlucker, die noch nie mehr als ein Messer geführt und damit höchstens Beutel geschnitten hatten. Die Söldner ein Haufen Andergaster, leidlich ausgerüstet, aber die Hauptfrau blau wie ein Küferlehrling bei der Fasstaufe, und der Rest mit Speien und dem „Beschwören“ des Flinken Difar beschäftigt. Hier muss ich sagen: Nicht alle Zauberer sind hochnäsig und zimperlich! Der Heiler jedenfalls ging kurzerhand hinter die Büsche und prüfte genau, wer wirklich krank war. Denen, immer noch an die zwei Dutzend, kochte er einen lindernden Tee. Außerdem fand er heraus, dass ein Fass Trinkwasser faulig geworden war. (Mit einem guten Bier wäre das nicht passiert!) Unsere Hauptbefehligerin war sogar eine Sturmfels, eine Baroness. Allerdings noch recht jung und unerfaren. Der zweite Befehliger — so sah er sich selbst — war zwar ein Hinterkoscher, aber immerhin Angroscho, noch dazu ein Vogt. Der dritte Adlige war... nun ja, wie soll ich sagen? Reichsedler von Gareth und Gesandter Ihrer Kaiserlichen Majestät, aber so richtig adlig wirkte er eigentlich nicht. Unsere verehrte Kaiserin hat bei Herrn Muggenschlag wohl nicht mehr die Zeit gehabt, ihn passend zu kleiden und in die Geheimnisse des Adels einzuweihen. Jedenfalls kam er mir mehr wie ein Phexdiener vor. Er war auch zwischendurch weg und beriet sich später mehr mit dem Magier als mit seinen Standesgenossen.

Was lange währt...

Die Planungen zogen sich entsetzlich in die Länge. Wäre der Herr von Gareth nicht gewesen, hätte man wohl bis zum Ende der Frist beraten, die uns gesetzt worden war. Der Edle kundschaftete immerhin die Lage aus. Einmal wurde ein Lauscher verfolgt und einmal ein Pfeil in unser Lager geschossen, mit der frechen Nachricht: ‚Wir warten!’ Sonst bekam ich nicht viel mit, denn einer der Söldner-Weibel, Kordan Rotrüb, entpuppte sich als wackerer Koscher, mit dem sich gut plaudern ließ.

Zu den Waffen!

Irgendwann waren der Garether Edle und der Heilmagus fort, angeblich, um einen Geheimgang ins Wehrdorf zu finden und die Flussgarde mit Schlafgift außer Gefecht zu setzen. Nicht sehr rondragefällig, aber wir waren in dieser Übung ja auch die Bösen. Die anderen zogen gegen die drei Tore von Hlûtharshof. Ich war schon ein bisschen enttäuscht, weil ich keine Drachen und Ungeheuer (unechte natürlich!) zu sehen bekommen würde. — Just in dem Moment hob die Zauberin vor dem Tor die Arme und deklamierte etwas, und... Ich dachte wirklich und wahrhaftig, das wär’ der Rabbatzmann, der da vor mir aus dem Boden kam! Groß wie ein Oger und doppelt so breit, dabei jedoch ganz aus Stein. Aber nicht wie ein Standbild, sondern wie ein Nussmännchen, wenn man es beweglich auf Zwirn auffädelt, nur eben nicht aus Nüssen und Kernen, sondern aus Felsbrocken! Einige der Andergaster rannten davon und rissen mich mit, so dass ich Weiteres nur aus der Entfernung mitbekam. Kordan erzählte mir nachher, der Steinmann habe mit der Magierin gehandelt wie ein Angroscho auf der Angbarer Warenschau! Es ging um das Tor und irgendeinen Geröllbrocken, immerhin auch um die Ordnung der Steine, da wussten wir wenigstens, dass dieser Felsenwicht kein Dämon war. Das Tor und die Mauer schlug er trotzdem kurz und klein, wie ein Steinschlag, der alles umreißt.

Dann ging alles sehr rasch: wir stürmten hinein, und auch von den anderen Seiten her drangen die Unsrigen in das Dorf ein, Herr von Gareth und der Magier hatten irgendwie ein weiteres Tor aufbekommen. Ziemlich schnell waren die letzten Verteidiger am Dorfbrunnen eingekreist. Aus Angst vor einem Zauber stürzte der Hauptmann hinein (er wurde sofort wieder herausgezogen), und sein Adjutant reichte die Fahne des Gardebanners an den Edlen von Gareth weiter.

Ende gut, alles gut

Zurück in Elenvina, gab es erst einmal wieder langwierige Beratungen, zu denen ich nicht zugelassen war. Da hat der Herr Heilmagus wohl auch unsere Beutefahne überreicht, was den Reichserzkanzler allerdings nicht sonderlich beeindruckt zu haben scheint, schade! Der Sumpf am Großen Fluss stand offenbar unterm Schutz des Flussvaters höchstselbst, und mit dem wird sich niemand anlegen! Dafür war das Grab beim Weingut gar kein richtiges Grab, jedenfalls nicht von einem götterfürchtigen Menschen, dafür wurden dort Kammern und Säle eines alten königlichen Schlosses gefunden. So wurde beschlossen, die neue auf die alte Residenz zu bauen.

Die braven Hlûtharshofer, die schon mit Sack und Pack geflohen waren, konnten wieder heimkehren in ihr Dorf, und weil wir an den Feiern in der Herzogenburg ja ohnehin nicht hätten teilnehmen können, haben Kordan und ich lieber dort mitgefeiert, also hier in Hlûtharshof, wo ich jetzt auch diesen Bericht geschrieben habe.

Filomena Siebenmaer

Anmerkung:

Einen höchst lehrreichen Bericht über den Einsatz der Magie bei der Erstürmung des Wehrdorfes findet der geneigte Leser auf Seite 12 dieser Ausgabe.