Neuankömmlinge auf Rabenhorst: V. Weitere Gespräche

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Autor: Sisimbria, Philipp Reich, Fabian Schlums, Stefan Flüchter

V. Weitere Gespräche

Kloster Rabenhorst, Mark Greifenfurt, Anfang Ingerimm 1031 n.B.F.

Beteiligte:

  • Lyeria (Ritterin Golgaris, Adjutantin des Abts)
  • Timokles Hydidon von Mylamas (Knappe Golgaris) (SC)
  • Tauterfirn (Knappe Golgaris) (SC)
  • Bogumil Spadaduro (Deuter Golgaris) (SC)
  • Firnjana 'Finja' Rotenzenn (Bogumils Mündel) (SC)


Als Lyeria die mittägliche Zusammenkunft aufgehoben und die Order zur Rückkehr an die täglichen Pflichten gegeben hatte, erhob sich auch Tauterfirn mit der Ruhe, die einem borongefälligen Streiter angemessen ist, auch wenn es innerlich nicht ganz so ruhig zuging. Genau deshalb freute er sich auch auf die Aufgabe, die ihm für heute zugewiesen worden war, denn sie würde dazu beitragen, dass er seine Ruhe wiederfände und er zeitgleich genug Zeit zum Nachdenken hatte - was beides dem Sanften sehr zuträglich war.

Ruhigen Schrittes trat er auf den Radgang hinaus, holte sich einen Reisigbesen und begann, den Radgang zu kehren. Gleichmäßig und gemessen, wie der Schlag des Rabenflügels, waren die Bewegungen, mit denen er kehrte, und fürwahr, sie taten ihre Wirkung. Bald schon kehrte wieder Ruhe ein in ihm und seine Stärke - Geduld - trat wieder hervor. Die Arbeit tat ihm gut. Als der Radgang gefegt war, folgten die Stallungen und zuletzt der Innenhof.

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Finja blieb zunächst sich selbst überlassen. Zu Hause hätte sie gewußt, welche Arbeiten noch zu erledigen waren. Zu Hause ... Hier, in dem Kloster der stillen Kämpfer, scheute sie sich, ungefragt irgendetwas zu tun, was ihr möglicherweise nicht zustand. Auch hatte ihr noch niemand ihre oder Meister Bogumils Unterkunft gezeigt, wo sie ihr weniges Hab und Gut hätte auspacken können.

"Vielleicht bleiben wir ja auch gar nicht hier'', ging ihr durch den Kopf. Teils hoffte sie es, teils wurde ihr bei dem Gedanken beklommen zumute. Sie fühlte sich alleingelassen und fremd. Zu Hause war sie gern allein gewesen, hatte in Ruhe die Kate aufgeräumt, den Boronanger gepflegt, den Garten in Ordnung gehalten. Dazwischen hatte sie Vögeln zugeschaut oder ihren Blick übers Land schweifen lassen und ihre Gedanken gleich hinterher. Aber dieses Zuhause hatte sie verlassen, wie vorher Trollingsvenn und davor ... davor ... Angst schnürte ihr die Kehle zu, und sie fröstelte trotz der wärmenden Mittagssonne.

Sie riß sich zusammen, schaute noch einmal nach dem Pferd und dem Muli, denen es prächtig ging, und lehnte sich dann in eine Ecke, von der aus sie dem seltsamen kahlköpfigen Golgariten beim Fegen zusehen und zugleich einen Blick auf etwaige Treiben im Hof erhaschen konnte. Bald folgte sie den regelmäßigen Schwüngen des Besens und wurde ruhiger.

Die borongefällige Ruhe durchfloss sie immer mehr und die durch die Strapazen der Reise erzeugte Müdigkeit, welche bisher durch die vielen neuen Eindrücke verdrängt worden war, kam wieder zum Vorschein. Doch währte dieser Zustand der Ruhe nur kurz, da sie durch unangenehm laute Worte aus dem Traum gerissen wurde: "Ihr seid Finja, wenn ich mich nicht täusche. Kann ich Euch irgendwie behilflich sein? Mein Name ist übrigens Timokles Hydidon a Mylamas dyll Kyphos, man nennt mich aber Timokles oder Polypynthanos manchmal oder nur Bruder, ach was, das hatten wir ja schon. Timokles passt."

Ruckartig wandte sich Finja um und blickte in das Gesicht des Pförtners, der ihr schon am Morgen den Zugang zum Kloster gewährt hatte. Er grinste noch immer sehr offen, und seine Augen blickten freundlich auf das Mädchen vor ihm.

Benommen und erschrocken zugleich sah Finja den Pförtner an; sie hatte kaum die Hälfte seiner Worte verstanden. Sie war ohnehin noch nie schnell mit Antworten gewesen, aber die Gegenwart des jungen Zyklopäers machte sie auch noch verlegen, und sie merkte, wie ihr das Blut in die Wangen schoß. Erst einmal nickte sie nur lahm, dann brachte sie ein "Ja, Finja" hervor. 'Hol Luft', hörte sie im Geist die Mahnung Bogumils, aber wie denn, wo sich ihre Kehle doch anfühlte wie zugeschnürt? Irgendwie schaffte sie es doch. "Firnjana Rotenzenn", gab sie endlich deutlicher zur Antwort, "und ich ... ich meine, wir ... also, Meister Bogumil hat noch keine Unterkunft, deshalb warte ich hier."

Sie ärgerte sich über ihre lahme Antwort, über ihr Gestammele und über ihr Rotwerden. Noch mehr ärgerte sie sich über diesen grinsenden Lockenkopf, die Golgariten und alle, die schuld daran waren, daß Meister Bogumil und sie hatten hierher kommen müssen.

Ohne die Anspannung und den hochroten Kopf Finjas zu bemerken, fing der Knappe wieder an zu sprechen, ohne eine merkliche Pause zwischen seinen Worten, wie das Werk eines aufgezogenen Vinsalter Eis: "Es freut mich, deine Bekanntschaft zu machen, Firnjana Rotenzenn. Dein Meister wird noch mit meiner Mentorin sprechen, oder? Naja, wenn du willst, dann zeige ich dir die Örtlichkeiten hier. Du musst wissen, dass das Kloster noch gar nicht so lange existiert. Es ist erst im Jahr 33 der Regierung Hals gegründet worden, das heißt vor etwa ...", er machte eine kurze Rechenpause, "5 Jahren. Hast du Lust, darf ich dir mein Kloster zeigen? Ich soll ohnehin euch beiden, dir und deinem Meister, eure Zelle zeigen. Also?"

Finja nickte benommen. Wochenlang war sie jetzt mit Bogumil unterwegs gewesen, der selten viel redete. Natürlich waren sie in Gaststätten eingekehrt, hatten auf Märkten eingekauft, waren auch, wenn es sich ergab, mit anderen Reisenden mitgezogen, aber das Stimmengewirr einer Menschenmenge flog meistens an ihr vorbei wie das Tschilpen von Spatzen in den Büschen. Wenn jemand direkt mit ihr gesprochen hatte, waren das normalerweise kurze Fragen oder knappe Anweisungen gewesen. Zu gern hätte sie Timokles jetzt etwas geantwortet, aber sie hatte Mühe, überhaupt etwas von seinem Wortschwall zu verstehen.

Timokles wartete eine kurze Zeit, bevor er wieder anhob zu sprechen. Mochte sie ein Schweigegelübde ablegt haben? Dafür hatte sie aber schon reichlich viel gesprochen. Oder vielleicht war sie im Kopf auch nur ein bisschen langsam oder auch ihr Mundwerk, naja, eine Eigenschaft, welche einem Golgariten durchaus zustehen dürfte, besann sich der Knappe. Aber auch er selbst hatte Fortschritte auf diesem Gebiet gemacht, wenn auch nur marginale.

Das Gespräch war also für einige Zeit auf Eis gelegt - eine Zeit, die beide für Überlegungen brauchten.

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Bogumil war wieder Lyeria gefolgt. Es gab noch viel zu besprechen, und um Finja würde sich jemand kümmern. Außerdem kam sie auch allein gut zurecht.

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Die Ritterin war nach dem Essen wieder in die Schreibstube im Wohnturm zurückgekehrt. Dort ließ sie sich nieder, und schon bald befanden sie und ihr Gast - oder neuer Bruder - in derselben Position wie vorher, als hätte das Mahl gar nicht stattgefunden.

"Bruder, ich will Euch noch einige Anweisungen mit auf den Weg geben, die du einhalten musst, wenn du hier auf dem Rabenhorst bleiben willst. Nämlich ist unser Tageszyklus eingebettet in die Fünfheit des Heiligen Rades. Man widmet sich verschiedenen Tätigkeiten zu bestimmten Tageszeiten zur Ehre des Raben und der Kirche. Im Zentrum stehe jedoch stets Boron selbst, ewig und in steter Ruhe, wie auch die Nabe des Rades stets ruhig steht. Falls dich noch eine Frage quält, dann stelle sie nun. Zwar kannst du auch unsere Confratres und Consorores bei größeren Irritationes fragen, doch solltest du nicht die heilige Ruhe und Stille an diesem Ort über das Maß stören. Hast du noch Fragen, Bruder?"

Fast reglos hatte Bogumil die 'Anweisungen' angehört, nur dann und wann leicht den Kopf gesenkt, zum Zeichen des Verstehens. Dabei hatte er seine Augen nicht von Lyeria gewandt, sondern sie prüfend gemustert. Was hatte in dem Brief gestanden? ging ihm durch den Kopf, und wen oder was meinte die junge Ritterin vor sich zu haben, daß sie glaubte, ihn zu Ruhe und Stille anhalten zu müssen? Wo mochte sie erzogen worden sein, daß sie so viel Wert auf ihr Bosparano legte? Oder war das Usus in diesem Orden, in diesem ... Monasterio? Und welche Bürde trug sie mit sich herum?

Als die Ritterin geendet hatte, ließ Bogumil ihre Worte noch einen Augenblick lang nachklingen, dann nickte er wieder bedächtig. "Welches werden meine Tätigkeiten hier sein?" fragte er ruhig. "Wo werden mein Mündel und ich unser Cubile, ein Dormitorium finden?"

Lyeria durchforschte das Gesicht des Neuankömmlings. Sie glaubte ihm ein Zeichen des Unmuts anzusehen, da er kaum merklich mit dem rechten Auge zuckte. War dieser "Gesandte" aus Punin womöglich ungehalten über seinen neuen Aktionsradius, oder war dieser Almadani doch mehr als nur eine seelsorgerische Unterstützung vom Raben von Punin? Sie verscheuchte diese Gedanken wieder, schließlich konnte es genauso gut eine Täuschung oder eine Missdeutung dieses kaum merklichen Zuckens gewesen sein. Sie war schließlich noch nicht so weit vorangedrungen in diesem Bereich der Seelenkunde, ihr Leib war mehr auf den Kampf ausgerichtet. Doch mochte der Abt selbst über den Neuling entscheiden.

Wieder erhob sie ihre Stimme und sprach: "Für dich und dein Mündel wird eine Zelle gerichtet werden, Bruder. Mein Knappe Timokles wird euch dorthin geleiten."

Dankend neigte Bogumil den Kopf.

"Was dein Aufgabengebiet anbelangt, so wirst du Gelegenheit haben, darüber mit dem Abt selbst zu sprechen. Er möchte dich sehen, Bruder. Erscheine kurz vor dem Abendgottesdienst zur Zeit der Abenddämmerung in seinen Gemächern im obersten Stock des Wohnturms. Bis dahin habe ich auch sogleich eine Aufgabe für dich. In etwa zwei Stunden zum nächsten Gongschlag beginnt die vierte Phase des fünffachen Tages, die dem geflügelten Träger der Seelen, Golgari, gewidmet ist, und zwar findet eine Unterrichtsstunde für die Knappen statt. Falls du willst, kannst du die Knappen unterrichten, Geweihter aus Punin. Die Unterweisung wird in einem Zimmer neben dem Speisesaal stattfinden."

Erneut nickte der Neuankömmling.

Dann erhob sich Lyeria. "Ich hoffe, du wirst deinen Aufenthalt hier genießen." Die letzten Worte hatte sie etwas zu scharf gesprochen, und sie ärgerte sich sogleich über ihre Unachtsamkeit. "Ich habe nun wieder zu tun, Boron mit dir."

"Und mit Euch, Schwester", erwiderte Bogumil, der sich ebenfalls erhoben hatte, ruhig und verbeugte sich. Dann verließ er Lyerias Stube.

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Lyeria war froh, als der Neuankömmling wieder verschwunden war. Irgendwie war ihr seine Nähe unangenehm. Sei es wegen der Ungewissheit, ob es sich bei ihm nur um einen Bruder im Geiste handelte, welcher Obdach und Platz für eine gute Tat suchte, oder doch um einen Spion - nein, so etwas durfte sie nicht einmal denken! Die lange Zeit, die sie mit Zahlen und Texten zugebracht hatte, musste ihre Sinne vernebelt haben. Sie brauchte dringend wieder Zeit für Meditation, Gebet und die körperliche Übung, soviel stand fest. Aber dennoch sollte man den Neuankömmling vorerst nicht in der Nähe des Noionitenturmes einsetzen, überlegte sie, schließlich weilten hochrangige Patienten dort. Doch genug davon, erst einmal waren nun die Bilanzen zu erstellen.

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Nachdenklich ging Bogumil wieder in den Hof hinunter. Die abweisende Haltung der Golgaritin beunruhigte ihn. Was hatte in dem Brief gestanden? Und wie hatte die Ritterin es verstanden? War er tatsächlich strafversetzt worden? Aber ließ man einen Strafversetzten die Knappen unterrichten? Ja, wohl schon, unter Aufsicht allemal. Oder hielt sie ihn für einen Flüchtling, woher oder wovor auch immer, nur ein weiteres Maul, das pflichtgemäß zu stopfen war? Oder - der Gedanke amüsierte ihn beinahe - hielt sie ihn für einen 'Espione' oder verdeckten Visitator Punins, der unliebsame Veränderungen bringen konnte? Fürchtete sie sogar etwas Bestimmtes? Und dann: welcher Art mochte der Abt sein? Warum war er nicht zur Mahlzeit erschienen? - Müßige Gedanken.

Bogumil versuchte sich auf die anstehende Aufgabe zu konzentrieren. Unterricht ... Sicher, er hatte die Leute des Dorfes Gluckenhang in der Lehre der Zwölfgötter und gelegentlich auch weltlicheren Dingen unterwiesen, war zeitweise der einzige Lehrer Baroneß Binyamas gewesen und in den letzten Jahren der Finjas. Aber war das vergleichbar mit Knappen des Ordens des Heiligen Golgari?

Auch hatte er gehofft ... - Ja, was? Freundlicher empfangen zu werden? Mehr Zeit zu bekommen, sich einzugewöhnen? Sich besser auf Anstehendes vorbereiten zu können? Konnte man sich auf Golgaris Ankunft vorbereiten, wenn man schon seinen Schwingenschlag hörte? Nein, man mußte allezeit bereit dazu sein. Gab Boron einer Seele Zeit, sich 'einzugewöhnen'? Wohl kaum. Wenn er sie aufnahm in seine Hallen, sollte sie dankbar sein und geschehen lassen, was geschah. Bereitete Boron einer Seele einen freundlichen Empfang? Möglich, aber eher unwahrscheinlich. Er nahm sie auf, wie es seine göttliche Pflicht und Aufgabe war im Gefüge der Welt, und wies ihr den Platz in der Ewigkeit zu, der ihr zustand. Was also fürchtete, hoffte oder erwartete er hier, auf Dere, in einem Kämpferkloster im unwirtlichen Greifenfurt?

Er trat auf den Hof hinaus und atmete tief durch. Es roch nach Frühsommer, selbst hier. Dann sah er sich um, ob er irgendwo Finja, Timokles oder sonst irgendwen entdeckte, er ihm seine Zelle zeigen konnte.

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Text: Friederike Stein, Philipp Reich, Fabian Schlums