Der Ruf des Friedwanger Raben 1032 BF: Teil 16

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Texte der Hauptreihe:
K1. Prolog
K2. Teil 1
K3. Teil 2
K4. Teil 3
K5. Teil 4
K6. Teil 5
K7. Teil 6
K8. Teil 7
K9. Teil 8
K10. Teil 9
K11. Teil 10
K12. Teil 11
K13. Teil 12
K14. Teil 13
K15. Teil 14
K16. Teil 15
K17. Teil 16
K18. Teil 17
K19. Teil 18
K20. Teil 19
K21. Teil 20
K22. Teil 21
K23. Teil 22
K24. Teil 23
K25. Teil 24
Autor: ?

Briefspielgeschichte der Golgariten

Die Wildermark, Anfang Praios 1032 BF

Applaus von oben, der Treppe her. Es waren bleiche Hände, die hier Beifall klatschten. Eine schwarzberobte Gestalt schritt leichtfüßig den Felsen herab, einem brennenden Zauberstab hinterher, der ihr vorausschwebte wie ein süßlicher Verwesungsgeruch. „Bravo, Golgarit. Ich sehe, ein paar übereifrigen Bauerntölpeln bist du gerade noch gewachsen. Wie es sieht mit deinen arkanen Fähigkeiten aus?“ Instinktiv hob Bishdarielon den schweren Knüppel. Ein dumpfes Knacksen, dann fiel die obere Hälfte auch schon abgesplittert herunter. Er ließ den Rest fallen, wollte nach der Sichel greifen, aber auch diese schwirrte, wie von Geisterhand bewegt, ins Nirgendwo davon. Leichen-Ludeger lachte arrogant. „Ach so, du kannst ja gar nicht zaubern, habe ich ganz vergessen. Wie schade. Statt dich rechtzeitig mit den überaus interessanten Möglichkeiten zu beschäftigen, die uns ein gewisser Tharsonius von Bethana geboten hat, hast du dich lieber in irgendwelchen schummrigen Ordenshäusern verkrochen, um zu einem großen, schwarzen Vogel zu beten.“ Der Paktierer rollte bei letzteren Worten mit den Augen, dann ergriff er mit theatralischer Geste seinen Stab. Wie überaus dumm von dir, verpasste Gelegenheiten kommen nämlich nie wieder.“ Er deutete mit der magisch glosenden Fackel in Richtung des Ritters, ließ vor dessen Füßen einen Flammenstrahl in den Boden schießen. Bishdarielon zuckte nur kurz zusammen. Der Schwarze schritt verächtlich über den stöhnenden Sokramorier hinweg. Bishdarielon ließ ihn nicht aus den Augen, versuchte sich die hochbrodelnde Nervosität nicht anmerken zu lassen. Sein Knie schmerzte niederhöllisch, nun, da die Aufregung des Kampfes nachließ, konnte er sich vor Qual nur noch humpelnd fortbewegen. Aber Flucht ließ schon sein Ehrgefühl nicht zu. Er deutete um sich. „Waren das etwa deine überforderten Meuchler, Stinke-Ludeger? Gut, du scheinst verstanden zu haben, dass du mich nicht selbst umbringen darfst, wenn du nicht mächtig Ärger mit Ludwina bekommen möchtest.“ „Du bist derjenige, der mächtig Ärger mit der Königin Aarmariens bekommen wird, niemand sonst.“ Ludeger musterte ihn kalt, dann wies er auf den Passierstein um Bishdarielons Hals. „Oder hat etwa sie dir dieses Geschenk gegeben?“ Bishdarielon lächelte bemüht. „Sagen wir, ich habe es…mir ausgeliehen…das wirst du doch sicher verstehen, ränkeschmiedender Sklave der Dunklen Herrin?“ „Das verstehe ich sogar sehr gut, unglückseliger Todesbringer. Und jetzt zackig zurück zur Kuck, wenn ich bitten darf. Das Fest hat gerade erst begonnen. Aber ich warne dich: Die Hexlein werden gar nicht begeistert sein, wie du ihr Spielzeug zugerichtet hast.“ Ein Blick zu einem der Sokramorier, der sich gerade wieder aufraffen wollte. Ein kurzer, gehässiger Hieb mit dem Zauberstab ließ ihn wieder zusammen sinken. „Elende Versager. Ja, es wäre wirklich besser gewesen, sie hätten dich erschlagen. Für mich…und für dich…“

Bishdarielon überlegte kurz. Es fehlte nicht viel, und er wäre ob der Schmerzen im Kniegelenk zusammengebrochen. Was blieb ihm anderes übrig, als erstmal zu gehorchen? Allein gegen einen Magier dieses Ranges hatte er keine Chance. Er hatte einen Fluchtversuch gewagt, seine Ehre gewahrt. Niemand verlangte von ihm, das Leben einfach wegzuwerfen, am allerwenigsten der Orden. Nur wenn er die kommende Nacht überstand, hatte er die Möglichkeit, zu entwischen – und seine Freunde doch noch zu warnen.

Er humpelte hangabwärts, stützte sich an den Bäumen, an den düsteren Krähenschwärmen vorbei nach unten, misstrauisch darauf bedacht, den Nekromanten hinter ihm nie völlig aus den Augen zu lassen. Dennoch, Ludeger unternahm keinerlei Anstalten für einen heimtückischen Angriff. „Geht es mit dem Bein?“ fragte er heuchlerisch. „Oder soll ich einen Heilzauber darauf sprechen?“ „Leck mich doch am Allerwertesten. Deine Stunde schlägt auch noch, boronsverfluchter Knochenschänder.“

Nach einem schweigenden Nachtmarsch erreichten sie wieder die Lichtung, wo sich Ludwina erneut auf ihrem Thron niedergelassen hatte. Um sie herum hatte sich ihr „Hofstaat“ versammelt und palaverte aufgeregt im Schein des Lagerfeuers. Offenbar war sein Fehlen bereits aufgefallen. Er hinkte näher, Sinnbild eines geschlagenen Kriegers. Im Nu hatte ihn das Hexenvolk umringt. Hasserfüllte Blicke trafen ihn. Der Zorn war größer, als er erwartet hatte. Fast schon sehnte er sich nach der kalten Feindseligkeit seines Bewachers Ludeger zurück. Besenstiele stießen ihn an, Reißigbündel kratzten über sein Gesicht, Katzen fauchten, Schlangen zischten, Spucke traf ihm ins Gesicht, gefolgt von einer glitschigen Kröte, die ihm tatsächlich an den Kopf sprang – und ätzenden Schmerz hinterließ: ein echter Spießrutenlauf. Warzige Nasen und Kinne wurden wütend vorgereckt, zwischen fauligen, krummen Zähne wilde Flüche ausgestoßen, einstweilen (hoffentlich) nur rein weltlicher Natur. Dann stand er am See, vor der buckligen, weißhaarigen Ludwina mit ihrer mächtigen Hörnerhaube, die Answin, ihren Raben, auf dem Arm hielt. Sie hob gebieterisch die Hand, aber das Toben beruhigte sich nur langsam. „Du hast also zu fliehen versucht.“ Die Stimme der Alten klang krächzend, aber vollkommen ruhig. Ein gutes Zeichen? Immerhin war sie die Mutter seines seligen Vetters, was konnte ihm eigentlich schon geschehen? „Hättest du das an meiner Stelle nicht auch getan?“ erwiderte er gelassen. „Ich habe Euch gewarnt, Majestät.“ Ludeger, der von hinten wieder näher geschlichen war, betonte den Titel spöttisch. „Man kann diesen Golgariten einfach nicht trauen. Drei Sokramorier, die ihn aufhalten wollten, hat er übelst zugerichtet, oben an der Felswand. Ich bin sicher, er hätte sie getötet, wäre ich nicht dazwischen gegangen…“ Er ließ die Flammen seines Zauberstabs verlöschen, stieß die Spitze gegen das Knie des Boronkriegers, der vor Schmerz einknickte und um ein Haar zusammengebrochen wäre. „Das ist eben die grausame Mordlust dieses Ordens: Dass sie einen Gegner selbst dann über das Nirgendmeer schicken wollen, wenn er schon besiegt ist. Gerade dann…Ihr Glauben verlangt es von ihnen. Töten, töten, töten. Und wenn wir dann ihre unschuldigen Opfer wiederzubeleben versuchen, heißt es gleich, Nekromantie.“ Bishdarielons Faust schloss sich wütend um den Stab mit dem Drachenschädel. „Das ist eine Lü…aaahhhh.“ Ein glühender Schmerz in der Hand ließ ihn loslassen. Heftig rieb er sich über die Brust. Die Handfläche war nicht verbrannt, es war „nur“ ein magischer Biss gewesen. „Schweigt“, zischte Ludwina Ihr knochiger Finger ruckte vor. „Das ist Hekatas Federstein, nicht wahr?“ Bishdarielon blickte um sich, suchte die Rothaarige, fand sie in der Menge aber nicht. Er nickte. „Ja, ich habe ihn gestohlen“, sagte er hastig. Er war kein guter Lügner, bei Praios, aber er fühlte sich darin in Katas Schuld. „Dieses dumme, einfältige Ding“, fügte er mit möglichst schmierigem, niederträchtigem Grinsen hinzu. „Ihr den Stein abzunehmen war wirklich ein Kinderspiel. Man musste ihr dazu nur ein paar schöne Augen machen und…“ Fürchterlicher Zorn gloste in Ludwinas Augen auf, auch wenn ihre Stimme immer noch mühsam beherrscht war. „Ein Kinderspiel also? Dankst du es der armen Hekata etwa so, dass sie dir heute das Leben gerettet hat? Dankst du mir so mein Vertrauen? Musstest du es derart grausam enttäuschen?“ Das Grinsen des Golgariten erstarb: „Nun…Sollte ich euren wahnsinnigen Plan einfach so hinnehmen? Ich musste meine Ordensbrüder warnen, dafür würde ich alles tun. “ „Alles….“ Ludwina atmete rasselnd. Der Rabe krächzte, flatterte mit den Flügeln und musterte den Golgariten feindselig. Ein matter Wink der Festkönigin, und eine Gasse entstand, in Richtung des Weihers Dort lag sie, die rothaarige Hexe Hekata und starrte in den Nachthimmel, mit geöffneten, nein, vor Entsetzen und Qual weit aufgerissenen Augen, deren Licht für immer ausgelöscht war. Lag durchnässt in einer Pfütze, ein kläglicher Anblick.

Sie trugen sie näher, auf einer improvisierten Bahre aus gekreuzten Besen, schlaff pendelte ihrer rechter Arm herab. Schon nach wenigen Schritten konnte man die blaurötlichen Würgemale um Katas Hals erkennen. Man legte sie nieder, eine schlaffe, tote Puppe. Bishdarielon schluckte, bekam weiche Knie. Er war nicht erst seit gestern Golgarit, hatte viele gute Frauen und Männern sterben sehen. Aber an die fürchterliche Gegenwart des Todes würde er sich nie gewöhnen. Geistesabwesend griff er zur blassen Stirn „seiner“ Hexe, wollte ihr die grünen, aber jetzt leblosen Augen schließen und die heiligen Worte sprechen. Ein Besenhieb auf die Finger ließ ihn innehalten. „Du wagst es auch noch, Mörder !!!“ fauchte eine blonde Hexe in buntem Lumpenzeug. Ihre linke Hand ruckte vor, die bebenden Lippen formten bereits einen Fluch. „Lass deinen verfluchten Klauen von ihr, Abschaum…“ „Nein, Waltruda“ unterbrach sie Ludwinas herrische Stimme. „Ich verstehe den Schmerz über den Tod deiner Freundin, aber er trifft uns alle hart. Der Zirkel soll entscheiden, welche Strafe diesem ungeheuerlichen Verbrechen, diesem Bruch des Festfriedens gebührt. Nun zu dir, `Ritter´ Bishdarielon, Du gibst also frank und frei zu, dass du die unglückliche Hekata erwürgt, bestohlen und ihre Leiche in den heiligen Teich geworfen hast?“ „Ich habe sie nicht bestohlen“, hörte sich Bishdarielon sagen. „Das war gelogen, um sie zu schützen. Ich wusste ja nicht…Sie hat mir den Stein freiwillig gegeben…“ Aufgeregtes Geschrei und Geschnatter. Wütende Hexenblicke trafen den Ordensritter, wie Hagel, der im Rondra auf das Korn prallt. Oben in den Bergen rumpelte und krachte in diesem Moment tatsächlich ein Gewitter. Fäuste und Besen wurden geschwungen, aber auch Spucke traf wieder sein Gesicht. „Warum sollte ich sie denn töten, meine Lebensretterin…Das hätte ich nie übers Herz gebracht. Ich war es nicht, das schwöre ich bei Praios und den übrigen Elfen.“ Hastig wischte er die ekligen Tropfen ab. Angeblich hatte Hexenspeichel heilende Kräfte, aber er fühlte sich eher schwach und wehrlos. „Du wagst es!“ Ludwina stand auf, so abrupt und Furcht gebietend, dass selbst ihr Rabe erschrocken hoch flatterte. „Schwöre von mir aus bei den Zwölfen oder beim Namenlosen, in meinen Ohren klingt das gleich. Willst du uns und dein Opfer auch noch verspotten, mordlüsterner Boronsknecht? Warum sollte Hekata jemandem wie dir zur Flucht verhelfen wollen? Das ergibt doch keinen Sinn…“ „Ich weiß es nicht. Vielleicht, weil sie verstanden hat, dass das, was ihr vorhabt, Wahnsinn ist. Vielleicht…weil sie mich irgendwie mochte…“ „Du allein bist hier der Wahnsinnige, niemand sonst. Gerade noch hast du dein Verbrechen gestanden, nun streitest du es wieder feige ab.“ Ludwina ließ sich wieder in den Thron sinken. „Weil sie dich mochte?“ zischte Waltruda, mit Tränen in den Augen. „Was bildest du dir ein? Hekata war meine Geliebte, nie hätte sie mich betrogen, am allerwenigsten mit einem Mann…schon gar nicht einem wie dir…Du elender Meuchler, dafür wirst du büßen…“ „Ich habe Hekata nicht umgebracht, das schwöre ich bei Boron. Bei meiner Seel´. Ihr Tod geht mir ebenso nahe, glaubt mir, wie euch…“ „Wie gesagt, die Golgariten hassen euch Hexen nicht minder als die Bannstrahler…aber dafür dürfen sie ihre Feinde schamlos belügen“ säuselte Ludegers Stimme dazwischen. „Gewiss, ich mag in dieser Runde nur ein…misstrauisch beäugter Verbündeter sein, kein Freund. Auch wenn bei uns in der Warunkei, anders als hierzulande, niemals auch nur eine einzige Tochter Satuarias zum Scheiterhaufen gezerrt wurde. Aber ich lege Wert auf die Feststellung, dass, wenn Ihr nur früher auf meine Warnung gehört hättet, es gar nicht erst so weit gekommen wäre. Verzeiht, Ludwina, aber Sentimentalität aufgrund von Verwandtschaftsverhältnissen ist in einem solchem Fall von rücksichtslosem Ordensfanatismus nun wirklich fehl am Platze…“ Mit dramatischer Advokatengeste wandte sich der Paktierer Bishdarielon zu. „Gewiss habt Ihr die leichtsinnige, sinnenfrohe Hekata gemocht. Wie Ihr Euch nach Ihrem drallen, heißen Fleisch verzehrt habt, das war ja gar nicht zu übersehen. Ein klarer Fall von Lustmord, man sagt, diese nekrophilen Mönchlein erregen sich geradezu am Sterben ihrer Opfer. Hekata auf ein kleines Abenteuer in den Wald zu locken, das muss für Euch ein Kinderspiel gewesen sein, wie Ihr selbst zugegeben habt. Ich nehme an, sie hat auch nicht sehr lange leiden müssen. Eine Hexe zu erdrosseln, statt sie zu verbrennen, das gilt bei Zwölfgötterpaktierern ja sogar als strafmildernd. Vielleicht war es einfach nur ein Unfall? Als ihr versucht habt, das Amulett an euch zu reißen, da habt ihr sie womöglich versehentlich… stranguliert?“ Ein gleißnerischer Blick in die Runde, während Ludegers Finger auf dem eigenen Stein um seinen Hals lag. „Ich plädiere für Milde. Gewährt ihm einen schnellen Tod…und ich würde mich freuen, wenn ihr mir danach seine sterblichen Überreste überlassen würdet. Dann ist dieser verschlagene Ordensknecht doch noch zu etwas Nutze, bei den bleichen Lippen der Herrin der Heulenden Finsternis.“ „Du warst es, Ludeger, und niemand sonst“ fauchte Bishdarielon. „Du allein ziehst den Nutzen daraus. Merkt ihr das denn nicht? Ich wollte Kata nie etwas Böses…Er ist der Mörder!“ Ein Totenschädelgrinsen antwortete ihm. „Glaubt mir, an Eurer Stelle würde ich auch alles tun, um einen Feind zu verleumden. Aber es gibt ein Dutzend Zeugen, wenn nicht mehr, die gesehen haben, wo ich die letzten Stunden verbracht habe. Beim Fische Angeln am Bächlein, mit fetten Maden als Köder.“ Der Ziegenbärtige kratzte sich verstohlen unter der Schulter. „Zumindest das ist einem Magus laut Codex Albyricus doch nicht verboten, oder? Ihr habt übrigens auch von meinem Fang gekostet, ohne zu ahnen, dass er von mir, geschweige denn, dass er Eure Henkersmahlzeit war.“ Nicken und Bejahen in der Runde. „Dann habt Ihr eben jemand anderen behext, um Hekata zu ermorden…Bei meiner Seel´, der Warunker steckt hinter dem Mord, das ist doch offensichtlich.“ „Oh, Ihr beschuldigt also einen oder eine der hier Anwesenden, den Mord begangen zu haben? Sehr gewagt. Habt Ihr einen konkreten Verdacht, geschweige denn einen Beweis? Oder auch nur – den Hauch eines Beweises? Sicher nicht. Behext. Wie verächtlich Ihr dieses Wort schon aussprecht, Bishdarielon von Suunkdal. Nun kommt, Ihr habt doch im Grunde bereits gestanden, macht es Euch und uns nicht unnötig schwer…“ „Ich habe es gesehen“, meldete sich eine junge, weißblonde Hexe namens Vaihynia zu Wort. „Kata ist genau dort in den Wald hineingegangen, wo kurz zuvor dieser Golgarit verschwunden ist. Und nicht mehr herausgekommen. Sie wollte ihm folgen, ganz eindeutig. Er hat sie erwürgt, dieses Scheusal…“ Alle möglichen Gedanken rasten dem Adeligen durch den Kopf. Ihm folgen? Hekata wollte ihm folgen? Hatte sie es sich doch noch anders überlegt? Und warum? Bishdarielon starrte die tote Hexe an, auf das rötliche Würgemal um ihren schlanken, weißen Hals. Auch und gerade im Tode hatte ihr Körper noch etwas Wildes, Unzähmbares an sich. Eine marbide Schönheit. Nun bist du endgültig frei, dachte er traurig. Sag mir nur noch, wer dein Mörder ist. Die Flecken waren ziemlich breit, von einer dünnen Schnur – einer Angelschnur – stammten sie wohl nicht. Irgendwie erinnerte sie ihn an einen Erhängten, den er mal an Bord eines Piratenschiffes gesehen hatte. Oder war sie mit bloßen Händen erwürgt worden? Ludwina wird mich schon nicht gleich erwürgen. Hekatas Satz bei ihrem Abschied kam ihm in den Sinn. Erwürgen. Merkwürdig. War das hier die Strafe der Oberhexe, dafür dass Kata ihm hatte zur Flucht verhelfen wollen? Eine kleine, blauschwarze Feder stak in der linken, zur Faust geschlossenen Hand der Toten, zwischen den Fingern. Er zog sie heraus. Was war das, eine Krähen- oder eine Rabenfeder? Eine letzte Botschaft Katas, um ihren Meuchler zu entlarven? Bishdarielon musterte die Festkönigin. Irgendetwas hatte Ludwina zu verbergen, das spürte er. Hing es mit dem „Ei“ zusammen, das Hekata erwähnt hatte? War die junge Hexe gestorben, weil sie dem Geheimnis dieses Festes zu nahe gekommen war? Bishdarielon hob die nasse, verklebte Feder in die Höhe. „Gestatte mir eine Frage, Ludwina. Wenn Ludeger nicht der Täter war…Und ich auch nicht…Dann muss es jemand anderes sein. Stammt das hier am Ende von Answin, deinem Raben?“ Erneut Toben der Umstehenden. Ludwina verschaffte sich mühsam Ruhe. „Ich habe noch nie gehört, dass ein Rabe einen Menschen erwürgt hätte“, sagte sie, mit abgründigem Spott. „Oder willst du etwa mich beschuldigen? Was soll das? Möchtest du noch Zwietracht in unseren Reihen säen, bevor du deine gerechte Strafe erhältst?“ „Nein. Ich möchte, dass der wahre Täter seine gerechte Strafe erhält…Denn ich bin unschuldig, das schwöre ich bei allen guten Göttern!“ „Du wagst es!“ Waltruda schlug ihm auf den Mund. „Schweig endlich!“ Bishdarielon starrte sie entgeistert an, die Feder fiel zu Boden. Die eisblauen Augen der Frau bohrten sich in die seinen. Einen Moment lang leistete sein Geist Widerstand gegen die Misshandlung. Er wollte etwas sagen, protestieren, bekam aber nur ein mattes Lallen heraus. Seine Zunge lag schwer wie Blei im Mund, er hörte sich an wie der letzte Dorfdepp. Er musste sich verteidigen, rechtfertigen, die augenscheinlich sonnenklaren Umstände für sich sprechen lassen…aber gerade das konnte er nicht mehr…sprechen. Im Gegenteil, es kostete ihm Mühe, sich hier nicht vor allen Augen einfach voll zu speicheln. „Nu…ah…na….ahhahha…g´g…hnnnn….hnnnn…naaah…“ „Nun spielt er auch noch den sabbernden Blödsinnigen, um seinen Hals aus der Schlinge zu ziehen…“ Ludeger schüttelte den Kopf. Mit grandioser Geste nahm er seinen Umhang ab und bedeckte damit die tote Hexe. „Genug des unwürdigen Schauspiels. Lasst uns zum Ende kommen.“ „Bringt sie fort, in ihre Hütte“, nickte Ludwina. „Auch wenn es schwer fällt, wir sind hier um zu feiern. Nein, wir sind es Hekata geradezu schuldig. Die zwölf Tage des Mittsommer werden immer auch zu Ehren des Koal´karrah und der Kûk begangen. Zu Ehren des Großen Raben und der Großen Eule. Der Rabe geleitet die Seelen der Verstorbenen von Sumus Reich in die Geisterwelt, die Eule überbringt uns von dort das geheime Wissen und die Botschaften der Toten, lässt die Seelen der Auserwählten wiederkehren und kündet neues Leben an. Waltruda, nachdem es deine Geliebte war, die von dem Golgariten ermordet wurde, gestatte ich dir, eine Strafe vorzuschlagen.“ Waltruda blickte weinend der Bahre hinterher, auf der Hekata zur Hütte getragen wurde. Sie fasste sich wieder, streichelte die Schlange, die ihr aus dem Ärmel ringelte. „Es kann nur eine Strafe geben“ sagte Waltruda in die entstandene Stille hinein. Die kleine Natter züngelte aufgeregt, schmiegte sich an den Hals der Hexe. „Ich schlage vor, das Fest heute wieder auf die alte Weise zu feiern.“ Ein erstauntes, aber auch freudiges Gemurmel und Raunen in der Menge. Ludwina blickte beinahe erschrocken. „Du weißt, dass das seit vielen Götterläufen nicht mehr üblich ist…Den Gefiederten ein solches Opfer darzubringen.“ „Dieser Ort wurde durch Hekatas Tod frevlerisch geschändet, womöglich gar entweiht. Er muss büssen…“ „Büssen! Büssen!“ echote es dumpf aus der Hexenschar. Ludwina zögerte. „Er ist von meinem Blute, trotz allem.“ „Umso wertvoller das Opfer…umso größer die Gerechtigkeit. Du hast es selbst gesagt: Wir alle sind es Hekata schuldig.“ Ludwina seufzte, sah die Zustimmung der Töchter Satuarias. Statt einem Befehl brachte die Festkönigin am Ende nur ein knappes Nicken zustande. Bishdarielon wollte protestieren – was hatte das alles zu bedeuten? -, sich wehren, da wurde er auch schon von groben Händen gepackt, in Richtung des Scheiterhaufens gezerrt. Sie pressten ihn johlend zu Boden, irgendjemand stopfte ihm getrocknete, verschrumpelte Brocken zwischen die Zähne. „Iss das“ zischte eine zahnlose Alte. „Gute Hexenpilzlein, schmackhafte Hexenpilzlein. Iss, und dein Tod wird dir leichter fallen! Ludwina will es so, leider!“ Sie hielt ihm den Mund zu, mit runzligen, krallenverunzierter Hand, ihm blieb nichts anderes übrig als zu kauen und zu schlucken. Die Pilze schmeckten nussig und bitter. Giftig. Die Wirkung setzte erstaunlich schnell ein. Er fühlte sich mit einem mal leicht und unbeschwert, als würde er schweben. Die Furcht verschwand zu einem Nichts.

Wenn das sein Ende war, war es nicht unangenehm. Am liebsten hätte er die ganze Nacht mitgetanzt und gefeiert – Hekata, wo war eigentlich Hekata? – aber der Zirkel schien anderes mit ihm im Sinn zu haben. Etwas ungemein Wichtiges, Bedeutungsvolles. Sei´s drum.

Sie ließen ihn los. Er stand auf, begann zu kichern. Die Hexen mussten ihn gar nicht mehr festhalten. Er würde gehorchen, was immer sie ihm befahlen.

Als er wieder klar denken konnte, stand er auf dem Scheiterhaufen, starrte aus dem runden Gitterkorb, der der Kopf des Brennenden Praiosmanns war, verborgen unter einer großen weißen Kapuze. Es roch nach Pech, Stroh, Harz und Reisig. Seine Hände ließen sich nicht bewegen, denn sie waren in den Armröhren der Figur festgebunden, ebenso wie seine Beine feststaken. Es half kein Rucken und kein Zucken, er war jetzt Teil der Figur, des überlebensgroßen Bannstrahlers. Stroh und Tannenzweige stachen überall in seine Haut, es war heiß unter der Robe, Schweiß rann ihm von der glühenden Stirn. Sprechen konnte er nicht mehr, nur noch hilflos lallen – und zusehen, wie die Hexen und ihre Gespielen, splitterfasernackt und mit Kränzen geschmückt, mit schrillem Johlen und Gesang um das Lagerfeuer tanzten. Immer wieder warf einer der Festgäste eine Art Mehl in die Flammen, die sofort drachenfeuergleich in den Nachthimmel brausten. Ein wunderbarer, schrecklich-schöner Anblick, nicht von dieser Welt. Rotes Licht und schwarze Schatten beherrschten die Szenerie. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis die Hexen um ein sehr großes Feuer tanzen würden. Um ihn in der Mitte. Die Angst ließ sein Herz rasen. Er versuchte sich aufzubäumen, vergebens, stöhnte ungehört in dumpfer Panik. In der Ferne stand der Warunker Nekromant, als Zaungast, und winkte ihm höhnisch mit dem Schnitter (oder dem Zauberstab?) zu. Dann verschwand er im Wald. Bishdarielon spürte, wie die Wirkung der Pilze wieder zunahm. Denn wie sonst war es zu erklären, dass er über seinen eingezwängten, benebelten Kopf hinweg eine große Krähe in Richtung der Bäume gleiten sah, dem Magier hinterher: Eine Krähe, aus deren Rumpf sich anstelle von Krallenfüßen zwei lange, schuppige, schleimige Tentakel ringelten...? Höhnisches Gelächter hallte in Bishdarielons Kopf wieder.

Wir bekommen eure Seelen. Wir bekommen sie alle…