Neulich in Sindelsaum - Eine Reise die ist nicht lustig

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12. Rahja 1042, Sindelsaum

Gamsbart Wangenmoos fluchte innerlich wie ein Rohrspatz. Er hatte deutlich den kürzesten Grashalm gezogen.
Ilme Liebanger, seine dickliche Untergebene schaute ihn mitleidig an, Marbold Eschengrunder einer der barönlichen Gardisten konnte sich seine Schadensfreunde derweil nicht verkneifen. "Ha. Da hat es ja den richtigen getroffen. Ausgerechnet der dicke Dorfwaibel muss den Weg bis in die Berge hatschen, um bei den Grießgrämen auf dem Berg den Zehnt abzuholen.“ Feixte der Gardist. Die gute Laune des gebürtigen Garethers breitete sich bei den anderen aus, waren sie doch alle froh nicht bei den als etwas unheimlich geltenden Zwergen vorsprechen zu müssen.
Etwas später am Abend schlurfte Gamsbart daheim in den Flur, und obgleich ihm verlockende Düfte entgegen schlugen hob sich seine Laune nicht.
Alma kam aus der Küche heraus und drückte ihm zwei Teller in die Hand. "Setz dich schon mal hin, dass Essen kommt gleich." Sie wirkte gut gelaunt, hatte sie doch Koschklöße in einer Pilzrahmsoße gekocht, eines von Gamsbarts Leibgerichten.
Während des Essens blieb Gamsbart recht einsilbig und schaufelte sich seine sechs Klöße eher lustlos herein.
"Was schaust du den drei wie vier Tage Regenwetter? Schmeckt dir meine Küche etwa nicht? Warst du Mittags schon wieder in der Brücke bei Orlan anstatt deine Stullen zu essen."
Gamsbart winkte ab "Nein das ist es nicht. Ich mach mir nur wegen der Arbeit Gedanken. Ich soll nach Ingrahall und dort den Zehnt der Dörfler abholen."
Alma blieb der Mund offen stehen "Du sollst nach Ingrahall? Warum ausgerechnet du? Jeder weiß doch, dass die da etwas komisch sind und weit weg ist es noch."
Gamsbart zuckte mit den Schultern. "Ich habe den kürzesten Halm gezogen. Ich werde also hingehen müssen."
"Kannst du dich denn nicht krank stellen?" Alma wirkte verzweifelt. "Musst du da nicht bald zehn Meilen durch einen düsteren Tunnel?"
Gamsbart nickte. "Ja schon, aber jeden Windstag fährt der Ambrax Sandsteiner da mit einer Lorre hoch. Es wird also schon passen. Nur weil die Leute in Ingrahall etwas eigen sind werden sie mich nicht gleich fressen." Gamsbart versuchte seine aufgebrachte Frau und sich selbst zu beruhigen.
"Was haben denn die anderen gesagt, die die letzten Jahre da hoch mussten?"
Gamsbart zuckte erneut mit den Schultern "Ach die haben doof rumgewitzelt, aber was konkretes hat eigentlich keiner gesagt"
Alma seufzte. "Wie lange wirst du fort sein? Drei Nächte?"
Gamsbart nickte. "Vier vielleicht, je nachdem wie gut ich vorrankomme."

Am nächsten Morgen brach Gamsbart auf. Alma begleitete ihn noch bis an den Rand von Hügelsaum. Sie verabschiedete ihn als ob er nach Schwarztobrien und nicht zu einem Ingerimmkloster ziehen würde. Gamsbart ächzte unter dem Gewicht seines Rucksacks, ließ sich seiner Gattin gegenüber aber nichts anmerken. Sie hatte es nur gut gemeint, aber er hatte genug Proviant für ein halbes Regiment dabei.
Kaum war er also außer Sichtweite beschloss Gamsbart ein zweites Frühstück abzuhalten. Das gute Essen wollte er nicht wegschmeißen und so würde seine Last ein wenig leichter werden. Wenig später war er eingedöst, hatte er sich doch mit Feuereifer in die Gewichtsreduzierung seines Rucksackes geworfen.

Ein Ruf weckte ihn auf. "Gamsbart, GAMSBART" benommen schreckte der Dorfwaibel auf. Auf dem Weg stand eine kleine Kutsche und auf ihr saß ein grauhaariger Zwerge. Gamsbart erkannte Murgrim Siebenrüb, der einen Lebensmittelladen in Hügelsaum betrieb. "Geht's dir gut Gamsbart?" erkundigte sich der Zwerg. Der Dorfwaibel nickte, noch immer etwas benommen "Jaja, ich muss wohl eingenickt sein."
"Ich halte auch gern ein Nickerchen nach einer ausgiebigen Mahlzeit." grinste Murgrim mit Blick auf den offenen Rucksack Gamsbarts.
Gamsbart lächelte etwas verlegen und klopfte sich die Krümel vom Wams, nachdem er sich aufgerappelt hatte.
"Du fährst nicht zufällig nach Schröterbach, oder?" erkundigte sich der Dorfwaibel
"Doch ganz recht. Die Bardosteinerin hat ein paar Sachen bei mir bestellt. Willst du mitfahren?"
"Ja gerne." Gamsbart war begeistert. So musste er sich nicht die Füße wund laufen und den schweren Rucksack auch nicht mehr tragen.
So war die Fahrt nach Schröterbach sehr angenehm, ließ es sich mit Murgrim doch nett plaudern. Auch in Schröterbach war es recht nett und das Abendessen angenehm, kannte er die Ritterin Larona von Bardostein doch leidlich gut. Früher, bevor die kleine Palina und Nadyana, die Töchter der Ritterin herumgerannt waren war es ruhiger gewesen, aber die Lebhaftigkeit der Mädchen lenkte Gamsbart von seinen Sorgen ab. Fast hätte er den morgigen Teil der Reise verdrängt, aber sobald er des Nachts im Bett lag ließen sich die unangenehmen Gedanken nicht mehr verdrängen.

Es war noch früh am Morgen als Gamsbart das Haus des Ambrax Sandsteiners erreichte. Obwohl die Sonne noch nicht richtig aufgegangen war wartete Ambrax bereits ungeduldig auf seinen Fahrgast. „Grüß dich Ambrax.“ Grüßte Gamsbart den Zwergen, kannte er ihn doch aus dem Dorfleben. Der Zwerg war des Öfteren in Sindelsaum zu finden, wenngleich er hier, in Schröterbach lebte.
„Grüß dich Gamsbart, du bist spät dran. Komm steig auf, dann können wir los.“ Begrüßte ihn der Zwerg. Er hatte es offensichtlich eilig.
Etwas wiederwillig stieg Gamsbart auf das Gefährt, dass von gleich vier Zwergenponys gezogen wurde. Die Ladefläche war bis zum Rand mit Lebensmitteln beladen.
Kaum saß Gamsbart auf dem Kutschbock zog das Gefährt auch bereits an und rumpelte, auf zwei eisernen Schienen in einen düsteren Tunnel hinein. Eine einzelne Laterne erhellte den Tunnel etwas, doch war außer erdrückender Dunkelheit nicht viel zu sehen. Rasch verlor sich das Licht des Tunneleingangs und zurück blieben nur unheimliche Schatten und merkwürdige Geräusche. Es kam Gamsbart so vor als ob es bergauf ging, aber ganz sicher war er sich nicht. Obwohl er bereits 44 Sommer zählte war er noch nie in Ingrahall gewesen. Ihm, wie auch den meisten Bewohnern Sindelsaums sagte die verbissene Art mit der Ingerimm angeblich in Ingrahall verehrt wurde wenig zu.
Es ging schier endlos durch die Dunkelheit, aber Ambrax und seine Ponys schienen zu wissen wo es langging. Immerhin wusste der Zwerg mit allerlei Geschichten die Zeit und vertreiben und hatte, ganz wie Gamsbart einen Proviantpacken dabei der auch bis nach Brabak gereicht hätte. Nachdem sich Gamsbart irgendwann ein wenig an die Dunkelheit gewöhnt hatte ließ sich die Reise eigentlich ganz gut überstehen. Bei guter Unterhaltung und gutem Essen verging die Zeit dann doch irgendwie und endlich kam wieder Licht in Sicht. Wie lange sie im Tunnel gewesen waren war Gamsbart völlig schleierhaft, hatte er doch jedes Gefühl für Zeit verloren. Es waren wohl etliche Stundengläser gewesen.
Als sie aus dem Tunnel hervor kamen hatte Gamsbart sämtliche Gedanken darüber wie viel Zeit vergangen war vergessen. Stattdessen bestaunte er das Kloster, dass in den Koschbergen förmlich zu verschwinden schien. Etliche hundert Stufen, 320 wie ihm Ambrax erzählte führten von dem kleinen Dorf aus nach oben.
Das Dorf an sich war recht trostlos, wie Gamsbart fand. Zur Zeit seiner Ankunft war es darüber hinaus wie ausgestorben und die einzige Taverne im Ort hatte keine Gäste. "Die Leute kommen nur zum arbeiten hierher. Das Kloster führt ein strenges Regiment, aber sie zahlen auch sehr gut. Drum sind die Leute die hier wohnen entweder sehr fromm, oder geldgierig. Des Tages schuften sie alle oben im Kloster und nur des Abends finden sich einige hier ein." erklärte Ambrax, der Gamsbarts verwirrte Blicke richtig gedeutet hat.
Es gab also nicht viel zu tun. Daher half Gamsbart Ambrax dabei die Vorräte abzuladen, die er mitgebracht hatte. Etwas später gesellte sich ein ernster Zwerg zu ihnen. Ohne seinen Namen zu verraten überprüfte er, dass Ambrax die korrekten Waren geliefert hatte, obwohl der Hügelzwerg schon etliche Jahrzehnte seine Funktion ausfüllte und nicht wie jemand aussah den man als unzuverlässig einstufen musste. Im Anschluss deutete der Zwerg auf einige Kisten und ging die Abgaben mit Gamsbart durch. Viel war es nicht, durfte das Kloster doch die meisten Abgaben selbst behalten. Gamsbart war kein Schreiber und kannte sich mit den genauen Regelungen nicht aus, aber Grimwulf von Borking, der Vogt des Barons, hatte ihm eine Liste gegeben, so glichen die beiden Männer ihre jeweiligen Listen ab und beluden danach Ambrax Wagen mit den kläglichen Abgaben und den Erzeugnissen des Klosters die Ambrax `ins Tal` bringen sollte.
Darüber war es bereits spät geworden und so gingen Ambrax und Gamsbart zum Essen ins `Ogerpunsch`, mittlerweile war es dort recht voll geworden, neigte sich der Tag doch dem Ende zu und etliche Bewohner des Dorfes nahmen ihre Abendmahlzeit ein. Ambrax war freilich wohlbekannt und erhielt eine freundliche Aufnahme, auch Gamsbart lauschten die Gäste gerne, erhielten sie hier oben in Ingrahall doch nur selten Kunde aus dem Tal.
Es war viel zu früh am nächsten Morgen als Gamsbart aufgeweckte von der, nach einem Donnerschlag klingenden, Klosterglocke geweckt wurde. Das ganze Dorf war bereits auf den Beinen und machte sich auf den steilen Weg ins Kloster hinauf. Wer hier leben wollte musste zur morgendlichen Andacht erscheinen. Das galt freilich auch für Gäste. Bisher hatte sich Gamsbart gewundert warum seine Kameraden so ungern hierhergekommen waren. Gut der der Tunnel war unheimlich und das Dorf wirkte sehr verdrießlich, aber er hatte sich das alles viel schlimmer vorgestellt. Nun aber saß er im Ingerimmdienst und verstand warum die Reise nach Ingrahall im Dorf nicht gerade beliebt war. Einen so langen und vor allem lauten Gottesdienst hatte Gamsbart noch nie erlebt. Darüber hinaus wurden ausschließlich von den Heldentaten des kleinen Volkes berichtet. Menschen wurden hingegen keine erwähnt. Nach einer gefühlten Ewigkeit war er endlich vorbei und Gamsbart freute sich nahezu darauf die nächsten Stunden in einem dunklen und sehr ruhigen Tunnel zu verbringen.
Am späten Nachmittag erreichten Ambrax und Gamsbart dann Schröterbach und Gamsbart konnte den Zehnt auf die Zehntkutsche der Bardosteinerin umladen. Er freute sich bereits auf das Abendessen im Kreis des Haushaltes der Rittern und auf die morgendliche Ankunft in Sindelsaum. Obwohl er nur eine Nacht dort gewesen war kam es ihm so vor, als wäre er in eine komplett andere Welt eingetaucht. Ingrahall war nichts für ihn. Nächstes Jahr musste hoffentlich jemand anders dahin. Eine letzte Frage fiel ihm dann aber doch noch ein "Du Ambrax, warum tust du dir das an? Die Ingrahaller wirken ja sehr verkniffen." Der Zwerg lachte. "Auf dich vielleicht, aber wenn die sie erst einmal ein paar Jahrzehnte kennst wirst du feststellen, dass sie eigentlich ganz nette Gesellen sind. Sie sind auch sehr auf den Ausgleich der verschiedenen Zwergenvölker bedacht. Ingrahall ist einer der wenigen Orte Aventuriens in dem Zwerge aus jedem Volk eine Heimat gefunden haben. Das Kloster ist darum oft eine ausgleichende Stimme, wenn wir uns etwa mal wieder mit den Erzzwergen zanken."
Da staunte Gamsbart nicht schlecht und rückte das Kloster für ihn in ein anderes Licht. Als Mensch, mit einer überschaubaren Lebensspanne würde er aber weiterhin Besuche in dem Kloster vermeiden beschloss er. Es war wohl einfach mehr für Zwerge gedacht.