Jung-Rude

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Ausgabe Nummer 22 - Ingerimm 1021 BF

Jung-Rude

’s ist Traviamond, ’s ist Erntezeit,

Die Felder leuchten weit und breit

Von Ährengold und Erntesegen;

Es drängen sich Bauern auf allen Wegen

Hin zu den Tempeln und heiligen Stellen,

Zu Frau Perainens schlichten Kapellen,

Die Wagen geschmückt mit Blumenkränzen,

Die Kinder springen in Reigen und Tänzen;

Die ganze Stadt ein Dankesgebet,

Das der Wind zum Kaiserhaus freudig weht.


Im Kaiserhaus, im obersten Zimmer

Erfreut sich der Herrscher an glänzenden Schimmer:

Die Locken golden, so gold wie das Korn,

Die Blicke blau, in Träumen verlorn,

Die Hand hält Figuren, Soldaten aus Zinn,

Und damit spielt er der Schlachten Gewinn.

Sein Lachen hallt wie Glockenklang

Durch Saal und Kammer, durch Hof und Gang,

Und treu ihm zur Seit’ steht die alte Gertrude,

Die Amme des Kaisers, des Kaisers Jung-Rude.


Im Saal daneben zu Rate man sitzt,

Purpurner Wein im Becher blitzt,

Doch blitzt nicht alleine der goldene Tand,

Es schimmert Stahl unter’m reinen Gewand,

Es leuchten die Augen in wissendem Plan —

Die Stunde rückt näher, bald ist sie heran.

„Der Kaiser ist machtlos, ist noch ein Kind!“

Spricht einer, und schon erklingt es geschwind:

„Geh du uns voran, wir halten die Treu

Und gründen das heilige Reich heut’ aufs Neu!“


Der Festtagszug draußen erreicht nun die Mauern,

Da hören die Menschen mit Grauen und Schauern,

Wie Stahl auf Stahl voll Grimm erklingt

Und mancher Schrei ins Freie dringt,

Und Rauch und Schwaden vom Kaiserhaus

Quellen auf Plätze und Straßen hinaus.

Das Tor wird geöffnet, es taumelt herbei

Des Kaisers Mundschenk — mit einem Schrei

Fällt er aufs Pflaster, in sterbender Hast

Noch haucht er: „Verrat in Kaisers Palast!“


Im Kaiserhaus, im obersten Zimmer,

Jung-Rude lacht und spielt noch immer,

Die hellen Figuren, sie standen zur Schlacht,

Die meisten Helden schon niedergemacht.

Der Tod hält Ernte, das Ende in Sicht,

Den Lärm des Schlachtens — hört ihr ihn nicht?

Hörst du nicht die Schritte, treue Gertrude?

Was spielst du noch weiter, törichter Rude?

Die Pforte birst — Gestalten, weiß-rot —

Stahl blitzt — ein Schrei — der Kaiser ist tot …


Wolfhardt von der Wiesen