Nisper Gewisper - Das Herz des Grafen

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Nispe, 1032

In gräulichem Schimmer zeichneten sich die Höhen der Koschberge am Horizont ab. Irgendwo dort draußen saß sie nun, jene Dame, die ihm das Herz gestohlen hatte und vielleicht gar nichts davon ahnte.
Und doch, Wilbur, der am Fenster seines Schlafgemachs saß, war sich sicher, dass es ihr nicht verborgen geblieben sein konnte. Auch sie würde fühlen, dass sie beide füreinander bestimmt waren ... von Rahja selbst.
Der Gedanke an die Liebesgöttin ließ zartes Rosa in das blasse Gesicht des jungen Grafen steigen. Noch vor einem knappen Jahr hatte er kaum an die Ewigschöne gedacht ... waren ihm andere der Zwölfe näher. Efferd, der Gott des Sees, an dem er aufgewachsen war und den ihn sein Vater auf seiner Jacht nahe gebracht hatte – was waren das für wunderschöne und unbeschwerte Stunden. Auch Travia, die jene Behaglichkeit zu schenken vermochte, die er seit dem Tod seiner Eltern nur so selten spürte ... vor allem aber Hesinde, die ihm Wissen, spannende Erzählungen und die Freude an Neuem und die Phantasie schenkte, die sein Leben so lebenswert werden ließ.
An Rahja aber, deren barbusige Statue einst im Schlafgemach seiner Eltern stand, war er stets verschämt vorbeigehuscht. Dabei war sie es, die nicht nur die Liebe, sondern auch die Musik und die Kunst werden ließ.
Verträumt lugte er aus dem Fenster hinaus, über den See auf ein kleines Ruderboot, das über die in der Abendsonne rot glitzernde Oberfläche fuhr. Er stellte sich vor, dass er mit Mechtessa in diesem Boot sitzen würde – ganz alleine. Dann fiel Wilburs Blick beiläufig auf die Jacht vor Schloss Grauensee – Elida, das Schiff, das den Namen seiner Mutter trug ... sein Schiff. Ihm überkam ein Gedanke, der ihn wohlig schauern ließ.
Sorgsam darauf achtend, dass keiner etwas mitbekam – auch Truchsess Voltan nicht, mit dem er eben noch Rogolan geübt und zu Abend gegessen hatte. Voltan war ihm ein väterlicher Berater geworden, dem er blind vertraute ... doch Wilbur wusste, dass er ihm seinen Plan ausreden würde. Sie waren alle allzu besorgt um ihn – doch ihm war klar, dass er dieser Eingebung folgen müsse. Sein Herz führte ihn – es war Rahjas Wille – sie würde ihn zu seiner Geliebten führen.
Er nutzte die Schleichwege und Bedienstetengänge um hinunter zur Tür zu gelangen, die zum Anlegesteg führte. In der Wachkammer nahm er den Schlüssel vom Haken. Die Abendschicht war längst auf einem der Türme und am Haupteingang, die Tagesschicht schlief derweil fest im Nebenraum. Er konnte ihr leises, gleichmäßiges Atmen hören. Der Schlüsselbund klimperte leise – doch das Atmen blieb weiter ungestört.
Er wickelte einen Teil seines Mantels um den Bund um die Tür so leise wie möglich aufzusperren und schlich die Treppe hinab und auf den Steg. Es war kühl an diesem Abend – doch er durfte nicht weichen und sein Ziel weiter verfolgen. Die Jacht lag gut vor Blicken geschützt, alleine das runde Madamal am feuerroten Himmel beobachtete ihn. Er band das Tau los, stieg ins Schiff und hisste das blaue Segel, wie es ihm sein Vater einst gezeigt hatte. Langsam glitt die Elida dem Ruderboot entgegen ... er wusste, dass seine Geliebte auf diesem Boot auf ihn warten würde ... er spürte es.
Das Boot war noch weit entfernt, doch für den jungen Grafen erschien es zu greifen nah. Er sah ihre Augen, ihre bezaubernden Augen, die er auf dem Ball vor einigen Monaten zum ersten mal sah – und die ihn gleich gefangen nahmen. Der Wind trug das Schiff immer weiter nach Süden ... eine kühle Brise, die Wilbur jedoch nicht bemerken wollte. Zu schön waren die Bilder in ihm, die Erinnerungen an ihre dunklen Locken.
Erst ein knarren riss ihn unsanft zurück in sie Wirklichkeit. Die Jacht war mittlerweile näher am Ruderboot als am mehrere Meilen entfernten Grafenschloss, als sich der Unterliek des Segels in einer unerwartet scharfen Bö löste und wie ein hölzerner Arm auf den Grafen zuschoss. Ein Schlag auf den Kopf tauchte die Traumbilder in Dunkelheit. Alles was Wilbur noch zu vernehmen glaubte war das Eintauchen in kühles Wasser.

Nottel fluchte leise vor sich hin, während er schwitzend die schweren Ruder in das schwarze, dichte Wasser des Sees tauchte. Es war schon spät, als er seinen Herrn, Ritter Stordan, auf Pervalia abgesetzt hatte. Wie hatte er sich bereits auf einen entspannten Abend bei gutem Essen und Trinken in der legendären Pfalz gefreut!
Doch Pustekuchen! Der alte Steenback bestand darauf, dass Nottel noch heute abend nach Steenback zurückrudern solle, nur um morgen früh gemeinsam mit Jorm wieder nach Pervalia zurück zu rudern!
Was für eine bescheuerte Idee! Jorm hätte doch das zweite Boot nehmen und nachkommen können und außerdem hätte das seiner allerdurchlauchtigsten Senilheit auch früher einfallen können. Manchmal hatte man mit dem alten Zausel schon sein Kreuz zu tragen.
Wie sehr beneidete er doch den Mann im kleinen Segelschiff, der in einiger Entfernung hinter ihm segelte. Mühelos blies der frische Wind das kleine Schiff voran, allein bewegt durch das blaue Segel, das in der Dämmerung fast schwarz schien.
Nottel fing an zu träumen. Wie wäre es wohl, wenn dort sein Liebster, schön, elegant und liebreizend hinter ihm her führe? Nottel sehnte sich so sehr nach einem jugendlichen, zarten und feinfühligen Gefährten, doch die Realität sah ganz anders aus.
Von Geburt an hinkend, dazu dicklich und selbst im Sommer leichenblass, war Nottel das genaue Gegenteil von einem attraktiven jungen Mann. Seine kräftigen Hände konnten zwar ungekochte Iltokknollen zerdrücken, aber eine feine Feder zu führen und romantische Lyrik niederzuschreiben, dazu waren sie nicht imstande.
Hier draußen auf dem See, ganz allein mit sich und seinen Sehnsüchten, fühlte Nottel sich frei. Zu Hause in Steenback konnte er sich solchen Tagträumen nur selten hingeben. Sein Herr und die anderen Bewohner würden ihn grün und blau prügeln, wenn sie von seinen Neigungen erfahren würden.
Ein bisschen schämte er sich ja auch selbst dafür, immerhin war die Liebe zwischen Männern nicht im Sinne der Herrin Travia, so hatte man es ihm beigebracht. Aber wenn das stimmte, warum ließ Travia es dann zu, dass er solche Gedanken hegte? Wollten die Götter ihn prüfen?
Inzwischen hatte die kleine Yacht sichtbar aufgeholt und war nur noch wenige Hundert Schritt entfernt. Doch was machte der Segler dort? Es schien, als würde er aufstehen und in seine, Nottels, Richtung blicken. In diesem Moment bekam die kleine Jolle deutliche Schlagseite und der Unterliek des Segels schlug den Segler aus dem Boot. Nottel schrie stumm auf. Dann blickte er entsetzt in Richtung des Bootes, das still und behutsam seinen Weg fortsetzte.
Nur die Wellen rechts hinter der Yacht verrieten, was hier schreckliches geschehen war. Nottel zögerte nicht lange und wendete sein Ruderboot. Seine Arme schmerzten, als er endlich die Stelle erreicht hatte, an der der Segler ins Wasser gefallen sein musste. Keuchend vor Anstrengung hielt Nottel inne und spähte in die Dunkelheit. Ihm fehlte die Kraft, um um Hilfe zu rufen.
In einigen Schritt Entfernung trieb der Leib eines jungen Mannes. Das Gesicht war nach oben gewandt, es war umrahmt von hellbraunen, halblangen Haaren. Mit Wasser vermischtes Blut rann über seine blasse Stirn, die Haut war zart und makellos – er schien kaum älter als sechzehn Jahre alt zu sein. Reglos taumelte der Körper sanft auf den Wellen des Sees, die Arme weit ausgestreckt, nur sein einfaches hellblaues Gewand schien sich zu bewegen. Nottel starrte gebannt auf das Bild, sein Herz raste, seine Gedanken schwankten zwischen ungläubiger Bewunderung der Schönheit dieses Jünglings und wilder Angst dass er tot sein könnte.
Er fuhr näher heran – versuchte ihn erst mit dem Ruder oben zu halten, dann irgendwie zu packen – doch der Reglose war schwer ... immer wieder glitt er aus Nottels Händen zurück in den dunkelrot glitzernden See. Der verzweifelte Blick des Dieners fiel auf ein Boot in einiger Entfernung.

„...und zwei Fässer Wein kommen dann noch aus Angbar. Da hat man mir ein gutes Angebot gemacht.“
Haushofmeister Alarich Wengenfold schloss seine Aufzählung und sah ausgesprochen zufrieden mit sich aus.
„Hmmm“, machte Korisande. Sie hatte gar nicht wirklich zugehört, sondern stattdessen den Angbarer See betrachtet, der in der untergehenden Sonne wunderschön aussah.
„Wohlgeboren, Ihr solltet vielleicht meinen Worten ein wenig mehr Aufmerksamkeit schenken. Dieses Seefest war schließlich Eure Idee.“
Korisande musste lachen.
„Lieber Alarich, dieses Seefest war mitnichten meine Idee, sondern wir haben es auf Ibeck gemeinsam beschlossen. Und außerdem sind es noch Wochen, bis es soweit ist. Dass du von nichts anderem mehr sprichst, seit ich dir davon erzählt habe, ist nun wahrlich nicht meine Schuld.“
Und so war es in der Tat. Außerdem hatte ihr Haushofmeister keine Ruhe gegeben, bis sie eingewilligt hatte, ihn mit nach Pervalia zu nehmen, weil er ebenfalls einen Blick auf die entstehende Kaiserpfalz werfen wollte. Korisande ahnte, dass aber noch etwas anderes dahintersteckte, denn für Alarich war sie immer noch ein kleines Mädchen, dass man besser nicht aus den Augen ließ. Vermutlich wollte er sich an den weiteren Planungen zum Fest beteiligen, damit sie keine „Dummheiten“ machte.
Sie allerdings beabsichtigte, ihn nach der Besichtigung wieder nach Lutzenstrand zurückzuschicken. Das letzte Mal war sie auch gut ohne ihn zurecht gekommen. Und was würde es für einen Eindruck machen, wenn die ganze Zeit ihr Haushofmeister neben ihr stand?
„Was ist denn das, Wohlgeboren?“
Alarich zeigte auf ein kleines Ruderboot in einiger Entfernung, in dem eine Person anscheinend auf irgendetwas im Wasser zu sehen schien. Korisande folgte seinem Fingerzeig und sah genau hin.
„Seltsam...vielleicht ist etwas aus seinem Boot gefallen? Rudert doch einmal näher hin.“
Die beiden Ruderer folgten ihrem Wunsch. Erst, als sie noch etwa zwanzig Schritt entfernt waren, konnten sie sehen, dass im Wasser ein junger Mann neben dem Boot trieb. Ob er noch am Leben war, war nicht zu erkennen, doch der Mann im Ruderboot versuchte verzweifelt, ihn in sein Boot zu zerren, schaffte es aber nicht.
Kurz entschlossen begann Korisande ihre Schuhe und ihren Umhang abzulegen.
„ Was soll das werden, Wohlgeboren?“, fragte Alarich.
„Was wohl? Ich helfe ihm!“
„Aber Ihr...Euch könnte etwas passieren!“
Korisande richtete sich langsam auf einem Bein auf und blickte in Richtung des anderen Bootes.
„Rudert näher ran, vermutlich schaffen wir es nicht zu zweit.“
„Aber Wohlgeboren, Ihr solltet wirklich nicht...“
Sie sah Alarich an.
„Entweder springst du jetzt da rein oder ich tu es.“
Er verstummte.
Einen Augenblick später landete sie im Wasser. Obwohl es schon Frühling war, war der See noch kalt und für einen Moment raubte ihr das kalte Wasser den Atem. Dann fing sie sich und begann zu schwimmen. Sie war eigentlich immer eine gute Schwimmerin gewesen und selbst jetzt, nach ihrem Unfall und der langen Zeit der Untätigkeit, reichte es noch, um einigermaßen voran zu kommen. Dennoch erschienen ihr die zwanzig Schritt zu dem im Wasser treibenden Jüngling wie eine Ewigkeit. Ab und zu tauchte ihr Kopf unter die Wasseroberfläche und sie musste daran denken, dass unter ihr nichts als viele, viele Schritt Wasser waren, die sie hinabsinken würde, wenn sie es nicht schaffte, sich oben zu halten. Außerdem waren schon nach wenigen Augenblicken ihre Kleider vollgesogen und schienen sie zusätzlich nach unten zu ziehen.
Doch trotzdem schaffte sie es, das andere Boot und den jungen Mann im Wasser zu erreichen. Diesen packte sie am Kragen seines Gewandes und hielt ihn dann, so gut sie konnte, mit einem Arm fest, damit sein Kopf nicht unter Wasser geriet. Sie paddelte noch ein kleines Stück weiter, bis sie mit der anderen Hand den Rand des Ruderbootes erreichen konnte. Untergehen würde der Junge jetzt nicht mehr. Herausziehen aber konnte sie ihn allein auch nicht.
Der Mann in dem Ruderboot – hatte sie den nicht schon irgendwo gesehen? - starrte den bewusstlosen Jüngling an. Sie wollte ihm zurufen, dass er ihn endlich herausziehen sollte, doch es kam nur ein Husten heraus. Das Ganze hatte sie mehr angestrengt, als sie gedacht hatte. Trotz der Kälte des Wassers fühlte sie, wie ihr Bein schmerzte und auch ihre Arme begannen von der ungewohnten Anstrengung zu zittern. Lange würde sie den Bewusstlosen nicht mehr halten können.
Nottel dankte den Zwölfen, dass sie ausgerechnet jetzt Hilfe gesandt hatten! Gemeinsam mit der Ritterin von Lutzenstrand und ihren Getreuen gelang es, die Edle und den Verunglückten an Bord der kleinen Jolle zu hieven. Die Lichter von Steenback leuchteten in naher Entfernung und so erhob niemand Einwände, als der stille Knecht die Ruder in diese Richtung lenkte.
Nachdem mit vereinten Kräften der bewusstlose junge Mann – und sie selbst – an Bord gezogen waren, bekam Korisande nicht viel von der Rückfahrt mit. Zitternd saß sie in der kleinen Jolle und hoffte, bald an ein warmes Feuer und zu trockener Kleidung zu kommen. Den vorwurfsvollen Blicken Alarichs vom anderen Boot aus wich sie aus, so gut sie konnte.
Erst als sie in Steenback, dem nächstgelegenen Ort, anlandeten, schaute sie auf und bemerkte schon eine kleine Versammlung von Leuten. Am Bootssteg angekommen, erwarteten bereits einige Männer und Frauen die beiden Boote. Offenbar war das Geschehen auf dem See nicht unbemerkt geblieben.
Einer von ihnen, ein grauhaariger, stämmiger alter Mann mit Augenklappe, erhob das Wort: „Nottel, was hast du bloß wieder angestellt?“
Vorwurfsvoll kam der Alte auf den jungen Diener zu. Kurz vor dem Boot angekommen, blieb er abrupt stehen und selbst im flackernden Schein der Fackeln konnte man sehen, wie sämtliche Farbe aus seinem Gesicht wich.
„Bei den Zwölfen, das ist ja unser Herr Graf! Ist er…?“
Die Dorfbewohner, die hinter Korsten zurückgeblieben waren, kamen nun raunend auf die beiden Boote zu und versammelten sich hinter ihrem Schulzen. In den Booten saßen, ein wenig bedröppelt, eine junge Ritterin und ein kleiner Diener, beide patschnass. Dazu die Diener der Herrin von Lutzenstrand und ein lebloser Wilbur vom See. Betretenes Schweigen machte sich breit. Offenbar wussten die Leute nicht, was zu tun war und so richteten sich alle Augen auf die arme Korisande.
Diese fühlte sich, als hätte man ihr gerade das Ruder des Bootes über den Kopf gezogen. Der Graf? Das war Wilbur vom See, den sie da grade aus dem Wasser gefischt hatten?
„Bei allen Zwölfen…“, murmelte sie. Sie mussten ihn wieder aufwecken, sonst war das eine Katastrophe von kaum auszumalendem Ausmaß…
Sie begann, den Jüngling zu schütteln, während sie dem alten Mann, der eben mit dem Diener gesprochen hatte, zurief: „Guter Mann, wir brauchen hier Hilfe! Irgendwen, der weiß, wie man ihn wieder aufweckt! Und schnell!“
Sie beugte sich über den bewusstlosen Grafen. Er schien noch zu atmen. Es war noch nicht zu spät, wenn er schnell Hilfe bekam.
Das Raunen unter den Dorfbewohnern hatte wieder angehoben. Leider drangen nur Wortfetzen wie „…weiß auch nicht…“, „… na sowas…“ oder „…der arme Herr Graf, er war noch so jung…“ nach vorne, wo Korisande und Nottel neben dem schwach atmenden Jüngling knieten. Dieser nasse, bleiche Knabe sollte Graf Wilbur sein?
Unterdessen hatte Korsten, der eben noch der Rädelsführer der Gesellschaft gewesen war, offenbar die Sprache verloren. Stocksteif stand er bei der ungewohnten Gesellschaft und wusste genauso wenig, was zu tun war, wie der Rest der Leute. Bei Peraine, wurden Ritter nicht für sowas ausgebildet? Und überhaupt, er würde sicher keinen Finger an den Grafen legen. Was, wenn er dabei zu Boron führe? Man würde ihn, Korsten, verantwortlich machen!
Nottel und Korisande blickten verzweifelt zwischen Wilbur und den Steenbackern hin und her. Alarich, der Haushofmeister von Lutzenstrand, war der erste, der etwas Handfestes beisteuerte. Mit den Decken aus dem Bestand des Reisegepäcks deckte er den armen Grafen zu. Aber damit war´s der Herrlichkeit auch schon vorbei. Immerhin hielt Nottel dem hohen Herrn tapfer die Hand.
In der Menge, die inzwischen merklich gewachsen war, machte sich auf einmal Unruhe breit. Eine junge Frau mit einer dicken Hornbrille bahnte sich ihren Weg durch die Menge. In ihren Armen trug sie einen dicken Folianten, den sie wie einen Rammbock einsetzte, um sich durch die phlegmatischen Gaffer zu drängeln. Beim Verunglückten angekommen, verschaffte sie sich einen kurzen Überblick. Im flackernden Licht der Fackeln wirkten ihren Augen übergroß hinter den dicken Gläsern. Das gelb-grüne Kleid der Geweihten flatterte im Abendwind.
Mit näselnder Stimme begann sie zu sprechen: „Was, äh, also, ich meine, ah, ich sehe schon! Tja, also, gibt er noch Lebenszeichen von sich? Wer hat ihn, also, gefunden? Hat er, tja, viel Wasser geschluckt? Warum hat er, ich meine, Blut auf der Stirne? Ist die Arteria temporalis superficialis, also, in Mitleidenschaft gezogen worden?“
Während sich Nottel und Korisande bemühten, die Fragen der seltsamen Frau zu beantworten, kniete diese nieder und drückte dem verdutzten Alarich das dicke Buch in die Hände. Mhmm, die Geschichte des Angbarer Sees, von Hirwulf, Sohn des Horgrim. Sah alt aus, der Wälzer…
Mit fachmännischen, Verzeihung, fachfraulichen Griffen behandelte sie Wilbur und pumpte das Wasser aus seinen Lungen. Als sie mit beiden Fäusten und mit aller Kraft auf seinen Brustkorb einschlug, wollte Korsten empört eingreifen, doch der rasche Griff der Lutzenstranderin hinderte ihn daran. Nach einer endlos scheinenden Zeit spuckte Wilbur einen Schwall Wasser und schnappte erstmals nach Luft.
Die junge Frau schlug sich die schweissnassen Haare aus der Stirn und blickte kurzsichtig durch ihre dicke Brille in die Runde. Im Fackelschein sah sie dabei aus wie eine Mischung aus einer Hexe und ihrer Kröte.
„Ich glaube, äh, das war´s. Jetzt, also, tragt ihn, ähm, in die „Wacht“, setzt ihn ans Feuer und hüllt ihn, tja, in warme Decken. Und gebt ihm nichts Heißes zu trinken, kapiert?! Ach ja, ich, äh, bin, tja Gidiane Vana von Steenback. Wisst ihr zufällig, wo, also, wo mein Großonkel ist?“

Derweil hatte sich der alte Ritter Stordan gemeinsam mit Kastellan Bardo von Bardostein bereits zum zweiten mal auf den Weg durch den Lustgarten vor der künftigen Kaiserpfalz gemacht. Einige Gäste weilten noch im Schloss, denn neben Stordan hatte Bardo noch einige andere Freunde des Grafenhauses versammelt – nicht zuletzt um sein priviligiertes Amt zu untermauern und sich in der Rolle des Gastgebers zu gefallen.
Das Schloss war weitgehend eingerüstet und auch der vermeintliche Garten wirkte in weiten Strecken eher wie der Vorhof einer Baugrube. Zwischen grob behauenen Steinen standen etwas angewitterte Statuen – Allegorien der Künste und Lüste, darunter eine Nixe, die Stordan eben aus ihren Sandsteinaugen zuzwinkerte.
„Ich verstehe das nicht ... sie müssten längst da sein!“, machte Bardo seiner Ungeduld Luft. Zum wiederholten Male zog er sein Fernrohr hervor und hielt Ausschau nach dem erwarteten Boot. Es war zwar schon ziemlich finster, doch auch eine Schiffslaterne, wie sie die Boote üblicherweise mit sich führten, wenn es dunkelte, ließ sich nicht erspähen.

Am Anlegestieg von Steenback hatte sich Korisande unterdessen aus dem Boot gequält. Ihre Kleidung hatte aufgehört, vor sich hin zu tropfen, aber inzwischen fror sie so sehr, dass sie sich beherrschen musste, damit ihre Zähne nicht aufeinander schlugen. Erst beunruhigt, dann erleichtert, hatte sie mit angesehen, wie die junge Frau dem Grafen das Wasser aus dem Körper…nun ja, beinahe geprügelt hatte. Nun wandte sie sich an die Geweihte, die sich soeben als Gidiane Vana von Steenback vorgestellt hatte.
„Euer Gnaden, mein Name ist Ritterin Korisande von Lutzenstrand. Ich nehme an, Euer Großonkel ist auf der Insel Pervalia, wohin auch ich unterwegs war. Dort soll ein Treffen stattfinden.“
Die Steenbacker begannen beim Namen ihres Nachbardorfes zu murmeln, was Korisande gekonnt überhörte. Nachdenklich blickte sie auf den jungen Grafen, der immer noch ab und zu hustete und nach Luft schnappte, während er anscheinend noch damit kämpfte, wieder zu Bewusstsein zu kommen.
„Es scheint, Ihr versteht etwas davon. Wird er bald wieder wach werden? Wenn ja, dann sollten wir ihm rasch etwas Trockenes anziehen und ihn dann ebenfalls nach Pervalia bringen. Ich denke mir, dass er bald überall gesucht werden wird und wenn er dann sicher bei seinem Großvater auf Pervalia weilt, wird niemand unnötig in Sorge sein.“
Vor allem würde sich dann hoffentlich nur unter den Wenigsten die Geschichte verbreiten, dass man Graf Wilbur vom See mutterseelenallein auf dem Angbarer See gefunden hatte. Was hatte er bloß dort zu suchen gehabt?
„ Also,“ fuhr sie fort, „ich würde sagen, Euer Gnaden gehen voran in die „Wacht“, ihr zwei“ – sie zeigte auf zwei kräftig aussehende Dörfler – „tragt den Grafen, aber bitte vorsichtig. Und sobald er wieder beisammen ist, rudern wir ihn auf die Insel.“
Nach einigen unschlüssigen Blicken und einigem Gemurmel setzten sich die Dorfbewohner in Bewegung. Auch die junge Geweihte riss Alarich ihren Folianten wieder aus der Hand und marschierte entschlossen voran.
Korisande stützte sich dieses Mal dankbar auf Alarichs angebotenen Arm. Sie brauchte dringend einen heißen Tee, am besten einen mit einem großen Schnaps darin…
Hoffentlich würde dann auch der Graf rasch wieder zu sich kommen. Wenn sie noch heute Pervalia erreichten, konnten sie vielleicht verhindern, dass schon morgen die halbe Grafschaft nach ihrem verschwundenen Herrscher suchte und dem jungen Mann eine Menge peinlicher Fragen ersparen.
In Steenback hatte sich unterdessen in der „Wacht“ eine stattliche Runde um das prasselnde Kaminfeuer versammelt. Wirt Schopperbügel schleppte eifrig Decken und alkoholische Kaltgetränke herbei und gab jedem seinen Krug. Lediglich den Humpen der Ritterin von Lutzenstrand stellte er etwas unsanft vor deren Füße. Korisande hatte längst bemerkt, dass sie bei der hiesigen Bevölkerung nicht willkommen war und ließ es mit einem leisen Seufzen über sich ergehen ... es gab nun Wichtigeres.
Die tapferen Helfer genossen die Wärme von innen und außen und langsam löste sich die Stimmung. Während Korisande und Nottel immer wieder von der wundersamen Rettung erzählen mussten, hatte sich Alarich mit der Geweihten und dem Dorfschulzen an einen Tisch gesetzt.
„Sagt, Korsten, könnt ihr uns heute noch eine Passage nach Pervalia verschaffen? Die Dame von Lutzenstrand wünscht zudem, dass der Herr Ermst vom See, Herr von Bardostein und auch der Herr von Steenback heute noch informiert werden. Unsere Jungs sind erschöpft und ihr würdet mir einen großen Gefallen tun, wenn ihr vielleicht…“
„Mhmm, tja, es ist schon Nacht ... da wird man wohl kaum...“, als der kalte Blick Alarichs ihn traf ergänzte er jedoch rasch, „... das wäre wohl zu machen. Ich werde gleich alles vorbereiten, keine Bange“, sagte Korsten, erhob sich und verließ nach einem kurzen Gruß die Taverne.
„Und nun zu euch, euer Gnaden. Sagt, meint ihr, dass Hochwohlgeboren heute noch nach Pervalia gebracht werden können?“
Die Geweihte sah den besorgten Haushofmeister durch ihre dicken Gläser seltsam grübelnd an.
„Ich, also, ja, ich meine, dass Ruhe immer noch das Beste ist. Mens sana in corpore sano, nicht wahr?“
Alarich nickte nur eifrig, auch wenn er den letzten Teil nicht verstanden hatte. Sein Bosparano war doch etwas eingeschlafen, wie er sich eingestehen musste.
Gidiane redete unbeirrt weiter: „Ich, also, ich bin keine, äh, Heilerin, nicht wahr. Aber die Damen vom Dreischwesternorden, also, die sollten Hochwohlgeboren vielleicht, also, einmal inspizieren. Ist er, also, der Herr Graf, denn schon wieder, also, bei Bewusstsein?“
Herrje, Alarich machte ein ganz unglückliches Gesicht, als er mit einem Blick in die Runde feststellte, dass sich in all der Ruhe nach dem Sturm offenbar niemand mehr um den armen Grafen zu kümmern schien! Hastig blickte er sich im Schankraum um. Überall fröhliche und entspannte Gesichter, einige vom Bier bereits gerötet.
Der dicke Nottel saß inmitten einer Runde Bauern, die ihm auf die Schultern klopften, doch irgendwie sah er nicht so aus, als wenn er das besonders genießen würde. Stattdessen blickte der Diener verträumt in die Ecke neben dem Kamin. Alarichs Blick wanderte ebenfalls dorthin.
„Peraine sei gelobt!“ seufzte Alarich und erhob sich, um zu seiner Herrin zu gehen, die dort neben dem schlafenden Wilbur vom See kniete und seine Hand hielt. Die Geweihte der Hesinde folgte ihm.

Der alte Steenbacker hatte ihn zuletzt abgelenkt mit seinen Fragen, ob die Statuen im Park wohlmöglich lebendig seien. Woher der Ritter nur diese Ideen hatte? Solch hanebüchener Unsinn übertraf gar das kühnste Seemannsgarn, dass Bardo ab und an zu spinnen pflegte. Wie dem auch sei, zuletzt hatte er sich darüber den Kopf zerbrochen und war über diesen Gedanken mit seinem Begleiter wieder zurückgekehrt in den bewohnbaren Teil des Schlosses, wo für die bereits eingetroffenen und auch die erwarteten Gäste Quartiere vorbereitet worden waren. Meister Nimosch hatte zwar geflucht wie ein Kesselflicker, als er erfuhr, dass die Bauarbeiten für einige Tage ruhen müssten, da Gäste anwesend seien, aber wozu war Bardo Kastellan? Er hatte hier das Sagen und da musste sich auch ein cholerischer alter Zwergenbaumeister fügen, gleichwie brillant er sein möge.
Nun packte Bardo aber wieder die Unruhe, denn er machte sich Sorgen, warum die Ritterin von Lutzenstrand und ihr Haushofmeister noch nicht eingetroffen waren. Zum einen brachte dies sein geplantes Programm durcheinander, zum anderen würde es ein schlechtes Licht auf ihn werfen, wenn einem seiner Gäste etwas zustoßen sollte – und sei es nur auf der Anreise. Also bestieg Bardo einen Balkon des Schlosses, von dem man einen guten Blick über den See hatte und ließ wieder seinen mit dem Fernrohr bewehrten Blick über den See schweifen.
Und tatsächlich, diesmal konnte er ein Licht erspähen, das sich dem Anleger Pervalias näherte. Schnell entschuldigte er sich bei den anderen Gästen, um die Neuankömmlinge am Anleger in Empfang zu nehmen.

Stordan war etwas verschnupft auf sein Gästezimmer gegangen. Der junge Bardostein hielt ihn wohl für verrückt oder senil. Dabei hatte er doch nur darauf aufmerksam gemacht, dass die Statue ihm zugezwinkert hatte! Was für ein eitler Geck! Der würde sich noch wundern, wenn seine Statuen sich einst selbst zum Frühstück einladen und beim Herrn Seefahrer im Wintergarten Platz nehmen würden.
Hesinde sei Dank wäre Stordan dann nicht mehr hier auf dieser verfluchten Insel, soviel war klar! Wenn er Nottel nur nicht mit dem Boot weggeschickt hätte, dann hätte er jetzt nach Hause fahren können.
Aber was soll´s, mit ein paar neckischen Statuen würde er sicher auch alleine fertig werden. Außerdem hatten sie sich ja noch gar nicht feindselig verhalten. Vielleicht wollten sie Stordan auch etwas Wichtiges mitteilen? In diese Frage versunken schlief der treue Recke schließlich ein.
Derweil war das Boot am Ufer der nächtlich beleuchteten Insel Pervalia angelandet. Zwei Bürger Steenbacks waren als Boten ausgesandt worden und schilderten in bunten Worten das Unglück des Grafen – und verkündeten dass er im Morgengrauen gemeinsam mit der Ritterin von Lutzenstrand, ihrem Vetter Nottel und noch einigen anderen, deren Namen sie sich nicht gemerkt hätten, auf Pervalia ankommen würde. Jedenfalls dann, wenn es ihm wieder besser ginge.

Mittlerweile kniete die Geweihte Gidiane neben Korisande und Alarich. Sie hatte frische Decken gebracht, die am Lagerfeuer gewärmt worden waren. Langsam fühlte sich der Graf wieder wie ein Mensch an, nicht mehr wie ein Necker. Seine Augen öffneten sich zu dünnen Schlitzen und trafen auf Korisande und Gidiane.
Kaum hörbar wisperte er die Worte: „Was ist geschehen?“
„ Seid unbesorgt, Hochwohlgeboren“, erwiderte Korisande rasch. „Ihr seid in Sicherheit. Ihr hattet einen Unfall mit dem Boot. Aber nun werdet Ihr bald wieder wohlauf sein.“
Der junge Graf schaute immer noch reichlich verwirrt und sie sprach schnell weiter.
„Ihr seid in Steenback, in der Taverne. Vielleicht nicht ganz der angemessene Ort für Euch, doch es war am schnellsten zu erreichen. Wenn Ihr Euch besser fühlt, bringen wir Euch zu Eurem Großvater nach Pervalia.“
Wilbur vom See brachte nur ein Nicken zustande, wobei ihm jedoch immer noch der Kopf zu schmerzen schien.
„ Vorsichtig…“, brummelte die junge Geweihte neben ihr. „Nicht zu viel bewegen. Ist nicht gut, also, für den Kopf.“
„Dann meint Ihr, er sollte heute Nacht besser noch hier liegen bleiben?“, fragte Korisande.
„ Also, wie gesagt, ich bin keine Heilerin…“, wiederholte Gidiane. „Aber ich denke, schaden wird es nicht. Und warm ist es auch hier.“
„Na gut.“
Korisande wandte sich wieder an den Grafen. Sie ergriff den Becher mit Wasser, den Alarich in der Hand hatte.
„Habt Ihr Durst, Hochwohlgeboren?“
Als Wilbur nickte, hob sie den Becher an seinen Mund und versuchte, ihm vorsichtig ein paar Schlucke Wasser einzuflößen. Es klappte einigermaßen, doch der Becher war kaum halb leer, als dies den Grafen schon so erschöpft zu haben schien, dass er wieder zurück in seine Decken sank.
„ Schlaft ruhig noch ein wenig“, sagte Korisande. „Wenn es Euch morgen besser geht, rudern wir los.“
Wilbur nickte noch einmal schwach und war wenige Augenblicke später eingeschlafen.
„Lassen wir ihn lieber allein“, flüsterte Gidiane. Alarich und Korisande folgten ihr zu einem Tisch hinüber.
Seufzend bemerkte Korisande dabei, dass der Wirt der Taverne sie noch immer musterte, als hätte sie gerade sein größtes Bierfass beschlagnahmt und in den Angbarer See geschüttet. Sie ignorierte es so gut wie möglich. Um diese dumme alte Fehde konnte sie sich jetzt nicht auch noch kümmern.
„Meint Ihr, er wird wieder bis morgen, Euer Gnaden?“, fragte sie Gidiane. Diese hob die Schultern.
„Nun ja, ich denke, jetzt wo er im Warmen ist und das Wasser aus seinem Körper heraus ist…da müsste das Schlimmste wohl vorbei sein, nicht wahr. Aber sagt einmal, also, nur so aus Neugierde, was hat denn der Herr Graf da gemacht, so ganz allein draußen auf dem See?“
Korisande zog die Augenbrauen hoch.
„Nun ja, Euer Gnaden, das ist nichts, was man in einer vollen Taverne besprechen sollte, aber ohnehin…“, sie beugte sich zu der Geweihten hinüber und fügte flüsternd hinzu, „Ich habe nicht die geringste Ahnung.“
Ein Frösteln lief über ihren Rücken und im nächsten Moment musste sie niesen.
„Verdammt!“
Der kleine Ausflug in den See hatte ihr anscheinend eine Erkältung beschert.
„Ich glaube, ich sollte mich mal zu Hochwohlgeboren neben den Kamin gesellen.“, stellte sie fest. „Ich fühle mich ein wenig…verschnupft.“
Sie hörte sich noch einige gute Ratschläge der Geweihten an (die meisten davon beinhalteten allerdings Heilmittel, die nicht in dieser Dorftaverne verfügbar waren) und ließ Alarichs Vorwürfe über sich ergehen, dann wickelte sie sich ebenfalls in einige warme Decken und legte sich neben den Kamin.
Dort lag der Graf und starrte an die Decke. Man sah ihm seine Erschöpfung an, doch offenbar konnte er nicht schlafen. Seine rehbraunen Augen wanderten zu Korisande.
Seine noch immer fast jungenhafte, helle Stimme klang leise: „Habt Ihr mich gerettet? Wer seid ihr?“
„ Mein Name ist Korisande von Lutzenstrand, Ritterin von Lutzenstrand“, erwiderte Korisande ebenso leise. „Zusammen mit einem tatkräftigen jungen Diener namens Nottel, der dem Ritter von Steenback dient, habe ich Euch aus dem See gezogen. Nun ja, einige kräftige Ruderer haben auch noch mitgeholfen.“
Sie senkte die Stimme noch weiter, bis sie nur noch flüsterte.
„Doch sagt, Euer Hochwohlgeboren, was in aller Zwölfe Namen habt Ihr dort gesucht, ganz allein auf dem Wasser?“
„Ich, ich hatte gehofft ...“, die Dankbarkeit im Herzen Wilburs weckte in ihm die Versuchung sich der Ritterin anzuvertrauen.
Er kannte sie nicht, doch er kannte das schöne Lutzenstrand, das er als Kind hin und wieder besucht hatte. Vielleicht erschien sie ihm deshalb so vertraut. Allein, die in ihm aufkeimende Scham ließ ihn zögern. Er war verwirrt ... noch immer klang in ihm das starke Gefühl, ja die Gewissheit, nach, dass Rahja selbst ihn in dieser Nacht auf den See geführt hatte. Konnte er sich so getäuscht haben? Konnte die Göttin ihn so getäuscht haben?
Gerade sah er auf und wollte all seine Enttäuschung der vor ihm sitzenden Retterin offenbaren, als sein Augenmerk auf einen kräftigen Burschen fiel, der im Türrahmen stand und schüchtern den Grafen betrachtete. Er war kaum älter als Wilbur, vielleicht nicht schön, aber der traurige Ausdruck in seinem markanten Gesicht rührte etwas tief im Inneren des jungen Grafen.
In dem kurzen Moment, in dem sich die Blicke kreuzten offenbarte sich Wilbur ein Bild, das seine Verwirrung nur noch steigerte. Vor ihm stand ein Mann, in dessen Augen sich ungeachtet der scheinbaren Kraft Unsicherheit und Sehnsucht spiegelten, Trauer und Empfindsamkeit. Wilbur war, als würde er zum ersten mal in einen Spiegel blicken. Ihm wurde schwindelig, aus seinem Gesicht wich die leichte Farbe, die er eben noch wiedergewonnen hatte und er sank in sein Kissen zurück.