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Roterz, 1037

Sie waren zahlenmäßig geschrumpft, mussten aber die gleiche Masse bewegen wie auf dem Hinweg und der Weg zum Adlerstein zog sich in die Länge, zumal die gefangenen Schurken müde waren von ihren nächtlichen Unternehmungen und keine Zeit zum Erholen erhalten hatten. Um die Zeit sinnvoll zu nutzen, ergab sich das ein oder andere Gespräch. Sigismund wandte sich an Roban.
„Die Burgmannen haben Potential, doch sie brauchen jemanden, der sie ausbildet. Habt Ihr vielleicht in Euren Reihen jemanden, den Ihr Eurem Bruder dafür zur Verfügung stellen könntet? Ich bin mir sicher, dass mein Herr aus den Burgmannen das ein oder andere herauskitzeln könnte – anders als Ihr, gewiss, folgt Ihr doch mehr der Herrin Rondra, aber… Ich weiß nicht, was Ladislaus mit dem Herrn Baron besprochen hat, doch von dem, was ich mitbekam, habe ich den Eindruck gewonnen, dass dieser eine andere Position für uns in seinen Gedanken hat, als uns auf der Burg zu verdingen.“
Nachdenklich sah er auf Kolja, den er gemeinsam mit einem der Burgmannen auf einer Trage trug, dann blickte er auf, als er Anouk von seiner Seite fortsprang. Einer der Gefangenen hatte einen Fluchtversuch unternommen, doch die Hündin hatte dies im Ansatz bereits unterbunden. Fluchend kehrte der Tulamide in die Mitte des Weges zurück und Anouk an die Seite des Bornländers.
„Habt Ihr Fragen, Euer Edelgeboren, die sich aus dieser Unternehmung ergeben haben?“ wandte sich Ladislaus an Rondrolf, mit dem er gemeinsam einen der Gefallenen trug „… oder wollt Ihr noch etwas lernen? Ihr werdet mit Sicherheit einen guten Gutsverwalter abgeben, so, wie Ihr Euch gebt. Die Leute mögen Euch jetzt, daran wird sich, wenn Ihr so bleibt wie bisher, auch nicht allzu viel ändern. Und doch, Edelgeboren, kann ich mir vorstellen, dass Ihr gern das ein oder andere noch wissen möchtet, um Euren Leuten ein noch besserer Herr sein zu können. Vielleicht können wir ja voneinander lernen?“
Er lächelte dem Sohn des Barons zu, als just in dem Augenblick hinter der nächsten Biegung der Adlerstein vor ihnen lag. Nun würde es nicht mehr lange dauern, bis die Gerechtigkeit des Herren Praios durch den Baron wirken würde.
„Nun...“, druckste Rondrolf ein wenig herum und blinzelte Schweiß aus seinen Augen, „sofern Ihr tatsächlich in Roterz zu bleiben wünscht, wären wohl ein paar Übungsrunden mit der blanken Waffe nicht unangemessen. Zwar glaube ich nicht, jemals auch nur annähernd so gut wie Ihr oder Roban zu werden...“, ein zustimmendes Grollen erklang aus Robans Richtung, während er einen der Gefangenen mit einem Knuff zu schnellerer Gangart veranlasste, „doch zumindest sollte ich wohl lernen, mich meiner Haut zu erwehren. Und vielleicht die ein oder andere Kenntnis bezüglich dem Aufenthalt unter freiem Himmel erwerben. Ehrlich gesagt wüsste ich kaum, wie man ein brauchbares Nachtlager errichtet, geschweige denn es gegen böse Überraschungen absichert.“
„Das lässt sich gewiß einrichten“, lächelte Ladislaus.
Der Zug den Burgberg hinauf wurde erkennbar von der Stadt aus beobachtet. Vermutlich sprach sich die Neuigkeit rasch herum. Auch einige schlechte würde man der ein oder anderen Familie wohl überbringen müssen, was den Zug nicht übermässig siegreich wirken ließ. Baron Grimwulf eilte seinen Mannen entgegen, als diese den Burghof betraten. Mit versteinerter Miene betrachtete er die in Decken gewickelten Leichen.
„Melcher, Boltsa und Angbart“, sagte er tonlos. „Drei treue Seelen! Senkt die Flagge auf Halbmast, um ihr Andenken zu ehren.“
„Vater, bei allem Respekt vor den Gefallenen“, begann Rondrolf angesichts einer derart unstandesgemässen Ehre, verstummte aber, als ihn ein zorniger Blick seines Vaters traf.
„Auf Halbmast! Wie Hochgeboren wünscht!“ setzte er rasch nach. Während einer der Wächter eilte, um die Flagge zu senken, schritt der Baron mit finsterer Miene die Reihe der Gefangenen ab, die man vor ihm auf die Knie gezwungen hatte.
„Wir sind ein anständiges Land, das anständige Leute bewohnen“, erklärte er laut vernehmlich. „Auch wenn jeder von euch verdient hätte, gleich hier wie ein räudiger Hund erschlagen zu werden, gestehe ich euch einen Prozeß zu, wie der Herr Praios es gebietet. Ein jeder wird Gelegenheit haben, sich zu äußern, und ich werde zuhören – auch wenn ich nicht glaube, dass ich irgendetwas hören werde, was euch vor dem Galgen rettet!“
Keiner der Gefangenen antwortete, und außer Hogg hob auch niemand den Blick. Anschließend drückte der Baron allen Beteiligten der erfolgreichen Räuberjagd die Hand. Zum Schluß ergriff er Ladislaus´ Hand.
„Im Namen der Baronie und in meinem eigenen: habt Dank für Eure Dienste, für Eure Tapferkeit, für die Festnahme dieses Gesindels, und nicht zuletzt dafür, dass Ihr meine Söhne wohlbehalten zurück gebracht habt! Sagt, kann ich Euch diesen Dienst irgendwie vergelten?“
„Es war mir eine Ehre, Eure Söhne auf diesem Vorhaben begleiten zu dürfen, um des Herren Praios Gerechtigkeit wieder Einzug halten zu lassen. Der Tod dreier Eurer Mannen tut mir aufrichtig leid. Sie waren uns eine große Unterstützung.“
Er räusperte sich, dann sank er auf ein Knie nieder.
„Euer Hochgeboren, sofern es nicht vermessen und sofern es möglich ist, würdet Ihr mich zu einem glücklichen Mann machen, wenn ich ein kleines Lehen im Hochgebirge erhalten könnte. Ich möchte wieder ein Zuhause haben, nachdem ich viele Jahre gegen die Schrecken und Gefahren der Schwarzen Lande kämpfte. Ich möchte im Kosch wieder Fuß fassen. Ich möchte eines fernen Tages in der Lage sein können, das Vorhaben meines Vaters, möge er Eingang in der Zwölfe Paradies gefunden haben, wirklich werden zu lassen. Und ich möchte Menschen ein Zuhause bieten können, wie es den Damen Travia und Peraine gefällt. Möge mir der Herr Firun für dieses Ziel Durchhaltevermögen verleihen.“
Er hielt inne, schwieg. Er hatte noch nie in seinem Leben um etwas Derartiges gebeten und hoffte inständig, dass es nicht vermessen und die richtige Wortwahl war. Eine Sekunde ließ der Baron verstreichen, ehe er antwortete.
„Erhebt Euch, Herr von Wildreigen“, sagte er und ergriff die Hand des Ritters, als dieser wieder aufstand. „Wie könnte ich so närrisch sein, derlei Anliegen auszuschlagen? Der Adel ist rar gesät in diesen Bergen, und jeder, der so treu und fähig ist wie Ihr, soll mir stets willkommen sein! Seht dies als Zusage, Euch als meinen Vasallen zu begrüßen. Welches Lehen Ihr übernehmt, darüber wollen wir sprechen, wenn wir alle zur Ruhe gekommen sind und diesem Gesindel Gerechtigkeit widerfahren ist!“
Dem wollte niemand etwas hinzufügen. Nicht nur den Burgmannen, auch den Adligen steckte die kurze Reise in den Knochen, und man war dankbar für die Annehmlichkeiten, die einem in der Burg zuteil wurde.
Der Baron organisierte die Bestattung der Gefallenen und die Versorgung der Hinterbliebenen, während seine Frau sich um ein festliches Mahl kümmerte und die Küchenmannschaft auf Trab hielt. Trotz aller Eile vergingen über zwei Stunden, ehe man sich im Rittersaal einfand.
Ladislaus freute sich, Marano wiederzusehen und auch dem Knaben war die Freude anzumerken, denn er flog förmlich in die Arme des Ritters. Dem zukünftigen Vasallen des Barons von Roterz war das nur recht, ein Kind von knapp sieben Jahren sollte sich auch so benehmen dürfen und er schenkt der ehemalige Baronin über dem Buben hinweg ein breites Lächeln.
Kolja, der verletzte Hund, streckte sich vor dem Ofen aus. Die Wärme tat ihm gut und seine Gefährtin leistete ihm Gesellschaft, während sich nach und nach alle im Rittersaal einfanden. Rondrolf, Roban, Ladislaus, Sigismund und die verbliebenen mitgereisten Burgmannen standen schweigend beisammen und blickten ins Feuer, jeder in seine eigenen Gedanken vertieft, und warteten geduldig, bis der Baron ebenfalls den Rittersaal betrat.
„Der Trübsal sei nun genug geblasen“, verkündete dieser, nachdem auch er eine Weile schweigend ins Feuer geblickt hätte. „Unsere Gefallenen hätten nicht gewollt, dass der Sieg durch ihren Tod mehr als nötig getrübt wird. Setzen wir uns und ehren ihren Einsatz durch ein Fest, das diesem Sieg angemessen ist.“
Dem wollte niemand widersprechen, schon gar nicht die Kameraden der Gefallenen angesichts der seltenen Gelegenheit, an der herrschaftlichen Tafel zu schmausen. Robans Art, sich auch mit Gemeinen gern zu verbrüdern, brach weitere Hürden zwischen Adel und Dienerschaft ab, so dass es bald schon munter und recht laut zuging. Ladislaus beobachtete schmunzelnd, wie Baronin Idumelda Marano umsorgte wie ein leibliches Kind. Offenbar vermisste sie die Präsenz von Kindern in ihrer Nähe, hatte doch keiner der Söhne bislang für Nachwuchs – oder auch nur für die Voraussetzung von solchem – gesorgt.
Baron Grimwulf selbst nutzte die Gelegenheit, Ladislaus zwei mögliche Lehen vorzustellen, wobei Rondrolf einige Details ergänzte. Beide klangen reizvoll, und Ladislaus ließ sich Zeit, ehe er sich kurz vor Mitternacht entschied.
„Hochgeboren, wie schon gesagt, trete ich gern in Eure Dienste, und wenn es beliebt, würde ich mich gern in Blaudorf am Blaubunten See niederlassen.“
Der Baron nickte lächelnd.
„So ist es entschieden, Ritter Ladislaus. Am morgigen Tage werde ich also zweimal meines Amtes walten, einmal als strenger Richter und einmal als stolzer Lehnsherr, der sich glücklich schätzen kann, einen derart fähigen Vasall in seine Dienste stellen zu können!“
Ladislaus verneigte sich standesgemäß als Vasall vor seinem Lehnsherrn, bevor er von diesem aufgerichtet wurde und beide Männer lächelten sich an. Beide profitierten von diesem Entschluss, ohne Frage. Auf koscher Art besiegelten sie den neuen Bund und den Beginn eines potentiell positiven Verhältnisses der beiden Häuser mit einem großen Humpen Bier.
Etwa ein Stundenglas nach Mitternacht kam die Feier langsam zum Erliegen. Der nächste Tag versprach arbeitsam zu werden und die Menschen begaben sich in die wohltuende Umarmung des Sanften.