Unter dem Schleier - Die Sache mit dem Sterben

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Burg Rabenwacht, 27. Ingerimm 1042

„Als sie starb, da saß ich an ihrem Bett. Ich hielt ihre Hand“, erinnerte sich die Geweihte, „Ihre letzten Gedanken galten Dir. Ihre letztes Wort, war Dein Name: Eira.“

„Ich hätte bei ihr sein sollen. Ich hätte an ihrem Bett sitzen und ihre Hand halten sollen“, die Ritterin raufte sich ihre Haare, „Ich. Ich ganz allein! Und nicht Du.“

Líadáin schluckte: „Ich habe nie daran gezweifelt, dass sie wusste, wann und wie sie sterben würde. Es ruhte bereits geraume Zeit in ihr, das habe ich gespürt und dieses Wissen lastete schwer auf ihrer Seele.“ Demütig den damaligen Ereignissen gegenüber senkte sie ihren Kopf. „Es mag für Dich schwer, vielleicht sogar unverständlich klingen, aber hätte sie gewollt, dass Du dort an ihrem Sterbebett bist, dann wäre es genauso geschehen.“

Die Junkerin schüttelte verständnislos ihren Kopf: „Wie kannst Du nur so etwas sagen?“

„Wenn diejenigen an unserem Sterbebett stehen, die uns lieben, dann halten sie uns fest. Mit aller Macht halten sie den Sterbenden fest. Sie halten ihn so fest, dass er einfach nicht gehen kann. Ich habe es so oft gesehen und erlebt, blutige Distel, so oft. Auch Du hättest sie festgehalten, ganz fest und Sanja hätte nicht...“

„Ich hab sie... GELIEBT!“

„Und sie Dich, blutige Distel“, versuchte die Geweihte beruhigend auf sie einzuwirken. „Doch manchmal, ja manchmal ist es besser, wenn einem jemand zur Seite steht, der weiß wie das geht“, ihre Gesichtsausdruck wurde ernst, „Mit dem Sterben.“

Die Junkerin lachte kehlig: „Und wer sollte das besser wissen als...“

„... ich? Eine seiner Dienerinnen?“, einen Moment blickte sie ihre Schwester fragend an, „Ich werde als Vorbotin des Todes betrachtet. Nicht ganz zu unrecht, denn meist eilt mein Herr mir voraus oder aber hinterher. Irgendwie bringe ich daher schon den Tod...“

Eira schwieg.

„All die Fragen und Zweifel, die Dich seitdem plagen, ich kenne sie sehr gut. Nicht nur von anderen, sondern auch von mir selbst. Oft habe ich mich gefragt, was mein Herr mir für eine Rolle zugedacht hat. Und glaub mir, ich hätte sie Dir auch gerne lebendig zurückgebracht, aber...“, Líadáins Stimme brach, „... es lag nicht in meiner Macht. Es lag einfach nicht... in meiner Macht.“

„Wenn sie nicht in Angbar gewesen wäre...“, hob die Ritterin da an, „Sie war doch noch so jung. Sie hatte ihr ganzes Leben noch vor sich.“

„Doch ihre Seele war alt. Viel älter als ihr Äußeres erkennen ließ.“

„Wie kannst Du...“, zischte ihre Schwester da, „Wie kannst Du nur SO ETWAS sagen? Du kanntest sie doch gar nicht!“

Die Geweihte schaute ihre Schwester lang an, dann erklärte sie: „Ein jeder von uns kannte sie. Auf eine ganz eigene und auch andere Art und Weise. Für Dich war sie Deine Liebste und für mich eine Ratsuchende.“

„Sie war alles für mich. ALLES. Und als ich sie verlor, da... da verlor ich nicht nur alles, sondern starb auch mit ihr. Mein Leben ist seitdem ein einziges Sterben. Jeden Tag. Und jeden Tag frage ich mich, wie lange es dauern wird, bevor ich ihr folge...“ Eira hielt einen Moment inne. „Über die letzten beiden Götterläufe ist sie mir immer mehr und mehr entglitten. Ich habe es gespürt, aber ich konnte nichts dagegen tun. Einen halben Götterlauf war sie fort und kam verändert zurück. Plötzlich war sie mir seltsam fremd. Als wäre sie eine andere...“ Sie schluckte schwer. „Und doch war sie so froh, so voller Lebensmut. Nie zuvor habe ich sie so gesehen. Sie war irgendwie… befreit. Als wäre ihr eine schwere Last von ihren Schultern genommen worden.“

Líadáin holte Atem. Der schwierigste Teil stand nun unmittelbar bevor. „Sie hat einen Teil des vermeintlichen Fluches gebrochen. Das hat sie verändert, auch wenn sie immer noch ein- und dieselbe war. In ihre Pläne hat sie mich nicht eingeweiht. Den halben Götterlauf, den sie nicht bei Dir war, war sie bei mir im Tempel in Angbar. Ich habe geschwiegen. Nichts gesagt. All die Götterläufe nicht. Ich habe es ihr geschworen. Sie fürchtete den Fluch. Nicht genug, dass sie in den Namenlosen Tagen geboren worden war, sie trug auch Madas Gabe – Madas Fluch – in sich.“

Eiras Nackenhaare stellten sich auf: „Welchen Teil des Fluches hat sie gebrochen? Welchen, weiße Nelke?“

Die Boroni gab ihr darauf keine Antwort, statt lenkte sie das Thema in eine andere Richtung: „Hast Du Dich nie gefragt, warum sie Madas Gabe nicht dazu eingesetzt hat ihr eigenes Leben zu retten?“

„Weil...“, stammelte die Ritterin vollkommen fassungslos, „Weil... weil... weil... Wen hat sie... geschützt? Wer war wichtiger als sie selbst? Wer war so wichtig, dass sie ihr Leben, ihr eigenes Leben ließ? Wer? WER? Rede endlich, weiße Nelke. WER?“

Líadáin blickte ihre Schwester an: „Ihre Tochter. Sie gab ihr Leben um das ihrer Tochter zu retten...“