Unter Schurken - Albuminer Allerlei

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Hinterkosch, 1021

Allzu ausführlich wurden die Erklärungen des Bornländers nicht – zum einen wollte er seine Reisegenossen nicht mit ausschweifenden Einzelheiten langweilen, zum anderen hatte der Bornländer sich in den 12 Götterläufen, die er nun schon im Koschland ansässig war, in manchem an die Gewohnheiten der Landleute angepaßt – und wenn er auch nicht (wie die Mehrzahl seiner alteingessenen Amtsbrüder) bei noch so guten Ernten bestetig über sein hartes Los klagte, so zog er es doch vor, seine zahlreichen geschäftlichen Aktivitäten nicht allzu offensichtlich zu gestalten.
Daß die See-Fähre von Weidenhain nach Rohalssteg von ihm zusammen mit dem Baron von Rohalssteg eingerichtet worden war, war allgemein bekannt, aber daß auch der Gastwirt am Fähranleger sein Pächter war, oder von Beteiligung an den Fürstlich Koscher Kutschbetrieben brauchte niemand zu wissen. Auch der Wiesner nicht – noch war sich Merwerd nicht wirklich sicher, was er von dem Spielmann zu halten hatte. In manchen Dingen verstanden sich die beiden Männer indes prächtig: Der Vinansamter erinnerte sich jenes Abends im Traviamond des ersten Jahres, in dem wieder ein Edler zu Toroschs Aue saß: Nachdem er den lieben langen Tag mit seinem Verwalter Willan von Ödenhof die Ernteabrechnungen durchgeführt hatte, hatte er sich, als Praios’ Antlitz sich schon zu neigen anschickte, auf sein Roß geschwungen und war gen Westen geritten. Nicht schlecht hatte der Edle auf Toroschs Aue von seiner Schale Albuminer Allerlei aufgeschaut, daß ihm das Fett vom Kinn auf den Tisch troff, als unvermittelt und ohne einen Knecht der hochgeborene Baron vor ihm gestanden hatte. Doch war dem verdutzten Wolfhardt sein Waffenträger Dragosch beigesprungen, der, bevor noch sein Herr den im Mund verbliebenen Happen heruntergewürgt hatte, rasch einen weiteren Krug Ferdoker herangetragen hatte.
“Wenn das nicht ein hoher Besuch ist – das muß gefeiert werden.“
Manch weiterer Krug – mehr, als das nicht eben üppige Säckel des Edlen eigentlich gestattet hätte – gesellte sich im Lauf des Abends hinzu, und bald hatten Baron und Edler über Fragen der Kunst disputiert (wo der Wiesner voll künstlerischem Eifer war, da gab sich der Vinansamter oft erst nach einer genauen Analyse von einem Werk begeistert) und schließlich festgestellt, daß sie, einer wie der andere, leicht in schwermütige Stimmung geraten konnten. Längst schon hatten die Vöglein ihre Stimmen erneut erhoben, als der Vinansamter sich in den Sattel hievte und sich im ersten Licht des Morgens durchs Tasselbachtal heimwärts tragen ließ. Die Melancholie der Nacht war verflogen, wie sie gekommen war – und Merwerd wollte sich ihr auch heute nicht hingeben...