Zwei Bolzen und ein Boronrad - Falsche Verdächtige

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Texte der Hauptreihe:
K3. Falsche Verdächtige
16. Tra 1040 BF am Morgen
Falsche Verdächtige
Die gestohlene Armbrust

Kapitel 3

Die Hilfe des Bergkönigs
Autor: Geron
Hügelsaum und Sindelsaum, 16. Travia 1040 BF

Am nächsten Morgen war Gamsbart nach einem reichlichen Frühstück sofort zum Dachsbau aufgebrochen und hatte dem Baron ausführlich Bericht erstattet. Baron Erlan von Sindelsaum hatte den für heute geplanten Festtag abgesagt und versicherte Gamsbart, dass er sich voll auf ihn verlasse. Im Anschluss war Gamsbart zur Wache gegangen. Dort warteten seine drei Untergebenen, eine übernächtigte Wolfberta und ein Stapel Stiefel, Schuhe und anderes Schuhwerk auf ihn.
Wolfberta hatte auch die Nacht über nichts außer Unschuldsbeteuerungen aus den Gefangen herausbekommen, aber sie wollte sie heute noch einmal ´in die Mangel nehmen´, wie sie sich ausdrückte. Auch wenn er hier strenggenommen das Kommando hatte, ließ Gamsbart sie gewähren. So war die stolze Hauptfrau ihm wenigstens nicht im Weg.
Bald darauf waren er und seine Leute in Hügelsaum ausgeschwärmt und versuchten, den Tagesablauf der sechs Schausteller und des Mordopfers zu rekonstruieren. Sie alle sollten sich merken, wann jemand wo gesehen worden war. Wenn sie ihre Sichtungen später abgleichen würden, würde sich schon herausstellen, wer wann gefehlt hatte.
Es war überraschend anstrengend, die Befragungen vorzunehmen, immerhin waren die Hügelsaumer, ebenso wie die Sindelsaumer, äußerst neugierig, und so entspannen sich viele langwierige Gespräche, ohne dass sich dabei viel ergab. Natürlich waren viele Bewohner und Zugereiste über den Mord bestürzt, während manch ein Händler eher dem ausgefallenen Festtag nachtrauerte, gingen ihnen so doch einige Einnahmen durch die Lappen.
Erst Garix Apfelbach, der Pfandleiher und Kuriositätenhändler, konnte ihnen weiterhelfen, denn er war, so schien es, der letzte, der Eulrich gesehen hatte, denn der Magier war noch kurz vor dem Beginn der Vorstellung der Schausteller bei ihm gewesen und hatte eine Bestellung aus Punin abgeholt. Er wusste das so genau, weil er im Anschluss selbst zur Vorstellung aufgebrochen war und um ein Haar den Anfang verpasst hätte.

Zur Mittagsstunde sammelten sie sich wieder in der Wache. Auch Baron Erlan war dazu gestoßen und hörte den Berichten aufmerksam zu. Auf einer Schiefertafel trugen sie die Sichtungen der Schausteller ein. Schnell war klar, dass keiner der sechs zur Zeit der Vorstellung lange genug unbeobachtet gewesen war, als dass er oder sie den Weg bis zu Eulrichs Haus zurücklegen und rechtzeitig wieder zurück gewesen sein konnte.
„Die Schausteller waren es also nicht.“, schlussfolgerte Gamsbart. „Trotzdem bleiben sie erst einmal in Verwahrung. Könnte ja sein, dass sich doch noch etwas ergibt.“
„Und wer war's dann?“, fragte der Baron in die Runde, schien aber keine sofortige Antwort zu erwarten, denn er stand auf und begab sich zur Tür. „Heute Abend hätte ich gerne einen weiteren Bericht. Ich habe außerdem Wolfberta angewiesen, die Zugangswege zu überwachen, damit sich niemand einfach so davonmacht. Ich habe angeordnet, dass niemand die beiden Dörfer verlässt, bis der Mord geklärt ist.“
Gamsbart nickte. Einmal mehr bildeten sich Schweißperlchen auf seiner Stirn. Er stand ungern unter so viel Druck, aber auch wenn ihm bereits klar war, dass die Schausteller es nicht gewesen sein konnten, machte er sich mit Ilme und einem Pferdekarren voll mit ihrem Schuhwerk zu Eulrichs Haus auf. Er wollte die Fußabdrücke dort mit denen des Schuhwerkes der Schausteller vergleichen. Vielleicht hatte sich ja doch einer von ihnen davonstehlen können. Es war immerhin nicht ausgeschlossen, dass sich einer der Augenzeugen schlichtweg vertan hatte.
Bei Eulrichs Haus erwartet sie ein gelangweilter Marbold Eschengrunder. Der Garetier hatte offenbar den undankbaren Auftrag bekommen, das Haus zu bewachen. Belustigt schaute der Waffenknecht dem Dorfwaibel und seiner Gehilfin dabei zu, wie sie Schuh nach Schuh mit den Fußabdrücken verglichen. „Die Abdrücke wirken schon irgendwie merkwürdig.“ Gamsbart nickte, auch ihm kamen sie seltsam vor, aber er kam nicht darauf, wieso. „So läuft jedenfalls keiner.“ „Hmmm“, Gamsbart hörte Ilme kaum zu. Er versuchte sich den Ablauf vor Augen zu führen. Irgendetwas hatte er bisher übersehen. Nur was?
Der Täter musste sich etwa hier angeschlichen haben und Eulrich in den Rücken geschossen haben. Es hatte keine Schleifspuren gegeben, also musste der Magier gleich regungslos zu Boden gestürzt worden sein. Der Täter musste dann erneut geschossen haben. Das Bild des toten Magiers war für Gamsbart deutlich sichtbar. Wenn der Magier aber bereits am Boden lag als der Schuss abgegangen war, dann hätte er in einem anderen Winkel einschlagen müssen, selbst wenn der Täter direkt über ihm gestanden hätte. Die beiden Bolzen hatten aber beide einen sehr ähnlichen Einschlagswinkel gehabt. Es mussten also eher zwei Täter gewesen sein. Wenn es aber zwei Täter gewesen waren, die mehr oder weniger gleichzeitig geschossen hatten, dann mussten sie auch zwei Armbrüste benutzt haben, denn die Bolzen mussten fast gleichzeitig abgeschossen worden sein. Die Schwere Windenarmbrust des Zwerges wäre auch nie schnell genug nachgeladen gewesen, als dass sie kurz hintereinander abgeschossen worden sein könnte. Wenn aber zwei Armbrüste benutzt worden waren, dann fehlte ihnen ein Mordwerkzeug. Gamsbart konnte sich daran erinnern, dass ihm Harosch seine Armbrust gezeigt hatte. Den Zwergen fehlte also nur die eine. Freilich hatten die Mörder auch selbst eine Armbrust mitbringen können - oder aber die Zwerge waren es selbst gewesen und hatten die Armbrust den Schaustellern nur untergeschoben.
Er musste unbedingt noch einmal die Zwerge befragen. Mit einem lapidaren „Komm, Ilma“ hetzte er wieder Richtung Sindelsaum zurück und ließ einen verdutzten Marbold mit einem Haufen Schuhe zurück. Je näher Gamsbart Sindelsaum kam, desto sicherer wurde er sich, dass die beiden Erzzwerge die Mörder gewesen sein mussten. Zwei Bolzen vom gleichen Winkel aus abgeschossen und dazu zwei baugleiche Armbrüste legten den Schluss nahe. Nur warum hatten sie den Magier übers Nirgendmeer geschickt? Gehörten die beiden zu der Gruppe Erzzwerge, die seit dem Zug des Alagrimm alles magische hassten? Am Dachsbau hielt Gamsbart sich nicht mehr lange auf und beorderte einige Gardisten, ihm zu folgen. Die folgten seinem Befehl eher widerwillig, hatte es doch zu regnen begonnen, aber er duldete keinen Widerspruch, und so fügten sie sich.
Bei der Unterkunft der Zwerge angekommen, stieß Gambart die Tür schwungvoll auf, doch der Schober war bis auf den Karren der Erzzwerge leer. Eine schnelle Durchsuchung bestätigte, dass sich die Zwerge vom Acker gemacht haben mussten. Dafür fanden sie zwei Paare großer Holzüberschuhe. Daher waren also die merkwürdigen Schuhabdrücke gekommen. Die Zwerge hatten mit den Überschuhen versucht, menschliche Fußspuren nachzuahmen.
Gamsbart hatte das sichere Gefühl, dass die Zwerge mittlerweile weit außerhalb ihres Zugriffsbereichs waren, aber Baron Erlan entsandte dennoch Reiterscharen in alle Himmelsrichtungen.
Gamsbart machte sich derweil daran, die eingesperrten Schausteller freizulassen. Die Erleichterung war den Leuten an den Gesichtern abzulesen. „Wir danken euch, Herr.“, murmelte einer von ihren unterwürfig, „aber wo ist denn unser Schuhwerk?“, fragte ein anderer. Gamsbart erblasste für einen Moment und hatte sich schnell wieder gefangen.
„Das wird euch in Kürze gebracht werden.“ Die Schuhe lagen freilich immer noch bei Eulrichs Haus herum. Auf Gamsbarts Bitte hin schickte Baron Erlan seinen Pagen Quendan, um Marbold zu bitten, die Schuhe doch bitte nach Sindelsaum zurückzubringen.
Gamswart saß derweil im Dachsbau im Kaminzimmer des Barons und wartete gemeinsam mit diesem auf die Nachrichten, die die Reiter bringen würden. Ein furchtbar quietschender Karren ließ die beiden Männer zum Fenster hinausblicken. Dort war ein vom Nieselregen durchnässter Marbold zu sehen, der einen mit Schuhwerk hochbeladenen Karren ins Dorf zurückbrachte. Während der Waffenknecht sich offensichtlich über den Regen und den Auftrag ärgerte, schien der kleine Quendan, der Page des Barons, die Karrenfahrt im Regen zu genießen, jedenfalls rief er dem Esel und auch Marbold immer wieder Anfeuerungsrufe zu. Irgendwann, es war schon sehr spät geworden, machte sich Gamsbart auf den Heimweg. Da die Reiter noch immer nicht zurück gekehrt waren, war Gamsbart mittlerweile davon überzeugt, dass die Zwerge wohl über oder unter aller Berge waren.
Sein Verdacht sollte sich in den folgenden Tagen bestätige. In Schröterbach hatte man die drei Zwerge tatsächlich noch gesehen, in Eberfang aber waren sie bereits nicht mehr aufgetaucht. Es stand zu vermuten, dass sie mittlerweile daheim unter Berge waren und sich damit der barönlichen Gerichtsbarkeit entzogen hatten.