Ritter Boromils Gespür für das Moor - Bei den Hügelzwergen

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Kargen im Frühling 1032 nach Bosparans Fall

Es war ein angenehmer Frühlingstag, als im Licht der späten Nachmittagssonne ein Reiter das Städtchen Kargen erreichte und zielstrebig auf ein Haus zusteuerte. Ein ganz in schwarz gekleideter Mann öffnete. "Ah, Greifbert, willkommen!" "Sei gegrüßt, Onkel Foldan!" Die beiden Männer vom Kargen Land redeten sich stets mit ihrem Zweitnamen an, da ihre borongefälligen Vornamen immer wieder Anlass zu Verwechslungen boten – vor allem, wenn auch noch der Dritte im Bunde, Boronar, anwesend war, Boronwyns Sohn und Boromils Vetter. "Ich muss Dir wohl gratulieren, stolzer Landbesitzer", sagte Boronwyn mit einem Grinsen und funkelnden Augen. "Danke, Onkel. Ich sehe, Du bist immer noch der Alte", reagierte Boromil halb dankbar, halb kopfschüttelnd auf das Feixen. "Nun, ich gehe davon aus, dass Du meinen Brief bekommen hast." "Ja, das habe ich. Komm, lass uns doch ein Stück gehen, während wir reden.", schlug Boronwyn vor. Er band sein eigenes Pferd los und gemeinsam gingen sie durch die Straßen Kargens – wohin, das wollte der Onkel seinem Neffen noch nicht verraten. "Wenn ich das richtig verstanden habe, suchst Du händeringend Siedler und dachtest, Du fragst mal bei Deinem Verwandten, dem Zwergenfreund nach, richtig?" "Naja, so in etwa..." Boromil fühlte sich ein wenig ertappt. Man vergaß leicht, was für ein Menschen- und Zwergenkenner der immer zu einem Scherz aufgelegte Boronwyn war. Doch nun wurde er etwas ernster. "Du musst bedenken, dass Hügelzwerge nicht unbedingt der Typ Angroscho ist, der Lust auf Abenteuer hat. Und in dem nicht gerade als gemütlich bekannten Moorbrück zu siedeln kann man wohl als Abenteuer bezeichnen." "Schon, aber es gibt auch einige Dinge, die meine Siedlung zu bieten hat." "Tatsächlich? Dann lass mal hören. Und stell Dir dabei vor, ich wäre ein misstrauischer Zwerg, der nette Nachbarn, gutes Essen und Bequemlichkeit über alles schätzt." "Zunächst einmal siedele ich nicht im Moor, sondern an dessen Rand, wo es saftige Wiesen, einen Wald und einen Fluss in der Nähe gibt. Auf den Wiesen kann man Ziegen weiden lassen, der Wald gibt Holz für Feuer und vielleicht einige Pilze und im Fluss läßt sich nach Fischen angeln. Und da wir neu siedeln, gibt es auch vorerst keinen, der uns die Felder neidet oder uns streitig macht. Was wir an Land urbar machen, können wir so bestellen, wie es uns gefällt!" "Schon nicht schlecht! Aber welchen Grund sollte jemand haben, die beschwerliche Reise dorthin, ja sogar einen ganzen Umzug auf sich zu nehmen, wo er doch hier ein ganz angenehmes Leben führt?" "Vielleicht gilt das ja nicht für alle. Es gibt immer ein paar Unzufriedene, die sich nach etwas Abwechslung sehnen, und je sicherer man lebt, desto mehr wünschen sie es sich!" "Aber wie willst Du sicher gehen, dass diese Unzufriedenen sich bei Dir wohler fühlen?" "Jedem werde ich es natürlich nicht recht machen können. Wenn jedoch jemand der Meinung ist, er wüsste besser, was man wo pflanzen sollte und wie man eine Behausung so richtig gemütlich macht, dann will ich mir gerne diese Vorschläge anhören!" "Das klingt ganz vernünftig. Ich befürchte dennoch, dass es nicht allzu viele geben wird, die sich auf das Abenteuer Neusiedlung einlassen werden." "Viele nicht, aber ein paar werden mir völlig ausreichen! Da fällt mir ein... ich hatte ja einen zweiten Neubelehnten erwähnt, der ebenfalls gerne Zwerge unter seinen Siedlern hätte." Nun zog Boronwyn die Augenbrauen hoch. "Mit Verlaub, Greifbert... es ist sehr schwierig, jemanden davon zu überzeugen, in die Siedlung eines Menschen zu ziehen, wenn dieser Mensch nicht einmal persönlich anwesend ist, geschweige denn ein vertrauenswürdiger Fürsprecher in Form eines nahen Verwandten! Warum ist dieser Kerl denn nicht selbst mitgekommen, wenn er Zwerge so gern hat?" "Tja, genau weiß ich das auch nicht. Vielleicht geht es ihm so wie mir, dass er alle möglichen Leute ansprechen muss. Außerdem ist er nicht unbedingt ein so guter Redner." Die beiden hatten inzwischen den Ortsrand erreicht. Boronwyn schwang sich in den Sattel. "Sitz auf, Boromil. Wir reiten nach Skretin. Dort gibt es eine Hügelzwergensippe und im Umkreis leben weitere! Wir sind heute abend bei den Dornenstrauchs zum Essen eingeladen!" "Ehrlich gesagt, hatte ich gehofft, dass Du Dich bereits als mein Fürsprecher betätigen könntest..." "Eins nach dem anderen! Zunächst einmal werden wir hügelzwergische Gastfreundschaft genießen!"

Gemeinsam ritten sie los. Da Boronwyn oft unterwegs war, hatte er keinerlei Probleme, den Weg noch am frühen Abend zu finden. Nachdem sie Skretin erreicht hatten, ging es noch ein Stück weiter in die Umgebung. Der Empfang war überaus herzlich. "Mögen Ingerimm und Travia Euer Haus segnen!" "Boronwyn, sei willkommen! Du hast ja sogar noch jemanden mitgebracht, das ist ja eine Freude! Wie heißt denn der junge Mann?" "Hagebar, darf ich Dir meinen Neffen Boromil vorstellen?" "Sehr erfreut! Du musst noch sehr jung sein, Du hast ja noch keinen Bart!" "Ehrlich gesagt rasiere ich mich..." "Hahaha! Garescha, hast Du das gehört? Aber was lasse ich Euch in der Tür stehen, kommt herein!" Hagebar führte die beiden ins Innere der Behausung, wo sie sich direkt Richtung Tisch begaben. An dessen Ende befand sich bereits ein weiterer Angroscho, der der Farbe seiner Haare und seines Bartes nach zu urteilen bereits ein stolzes Alter erreicht hatte. Er machte einen äußerst ruhigen, ausgeglichenen Eindruck. Einzig als er Boromil erblickte, funkelten kurz seine Augen auf. "Das ist der ehrenwerte Olbyn Grambart.", stellte Hagebar den Gast vor. "Olbyn, das ist Boronwyns Neffe, Boromil vom Kargen Land." "Soso, noch einer vom Kargen Land.", brummte der Zwerg freundlich, als er Boromil die Hand schüttelte. "Boromil, was möchtest Du denn trinken? Bier oder lieber Wein?" "Ich denke, ich nehme dasselbe wie Ihr alle." "Also Wein! Schön." Mit diesen Worten begab sich Hagebar in die Küche, um ein weiteres Trinkgefäß zu holen. "Gute Antwort", flüsterte Boronwyn seinem Neffen zu. Bald darauf kam der Gastgeber zurück und schenkte allen dunkelroten Wein ein. Nun kam auch seine Frau Garescha, die sich bisher mit dem Essen abgerackert hatte, für einen gemeinsamen Trinkspruch. "Auf den heutigen Abend und unsere angenehme Gesellschaft!" Boromil nippte vorsichtig. Der Wein war süß und schmeckte gut, doch ein wenig anders als die Tropfen, die er bisher gekannt hatte. "Das ist Brombeerwein!", erklärte Garescha, die den fragenden Gesichtsausdruck Boromils richtig gedeutet hatte. Inzwischen trug sie den ersten Gang auf, der aus einer klaren Suppe bestand. Dazu reichte sie Brot, das mit einer würzigen Paste bestrichen war. "Du musst wissen, Greifbert, dass die Dornenstrauchs erfolgreiche Züchter sind. Daher stammt ihr Name." "Greifbert? Ich dachte, er heißt Boromil?", fragte Olbyn. Boronwyn erzählte, warum sich Onkel, Neffe und Vetter mit ihren Zweitnamen anredeten. "Es wurde sogar darauf geachtet, dass die Zweitnamen einen unterschiedlichen Ursprung haben. Bei meinem Sohn ist es ein Heiliger der Hesinde, der Schutzgöttin unseres Hauses, bei meinem Neffen ein typischer Adelsname, und bei mir ein echt koscher Name, der bereits in meiner Familie verwendet wurde!" "Ich würde sagen, da hast Du es mit Foldan am besten getroffen!", nickte Olbyn, der eine sichtliche Freude an der Plauderei zeigte.

"Was ist los? Schmeckt Dir der Wein nicht?", fragte nun Hagebar betroffen, als er bemerkte, dass Boromil nur vorsichtig trank. "Doch, doch", beeilte sich dieser zu sagen, "es ist nur so: So einen edlen Tropfen bekomme ich nicht alle Tage serviert. Den kann ich nicht so einfach herunterstürzen, sondern sollte ihn angemessen genießen!" Hagebar lachte kurz und winkte ab. "Mach Dir keine Sorgen, wir haben genug Wein für den ganzen Abend!" Dann schlug er Boronwyn auf die Schulter. "Na, Manieren hat Dein Neffe jedenfalls! Das ist doch direkt sympathisch!" Boromil bemerkte indes, dass das Brot recht scharf gewürzt war und den Durst beschleunigte. Doch er musste aufpassen, nicht zuviel von dem Wein zu trinken, er vertrug ja nicht viel! Schnell löffelte er sein Suppenschälchen leer. Nun brachten die Dornenstrauchs mehrere Sorten dampfenden Fleisches, dazu Koschklöße und Beerenkompott. Während die Angroschim zulangten, als ob es kein Morgen gäbe, nahm sich Boromil vorsichtig von jeder Art Fleisch ein kleines Stück. "Keine falsche Bescheidenheit! Lang ruhig zu!", schmunzelte Garescha und schob ihm den Topf mit den Klößen entgegen. "Nun ja, mein Neffe muss sich etwas zurückhalten. Er hat schließlich etwas zu erzählen. Vor kurzem ist er belehnt worden, und stellt Euch vor, die Initiative ging vom Fürsten persönlich aus!" Hagebar hielt tatsächlich einen Moment mit dem Essen inne. "Was Du nicht sagst! Wohin hat Dich denn die Gunst seiner Durchlaucht geführt?" "In die Grafschaft Ferdok. Mein Lehnsherr ist ein Berater Graf Growins, der als Vogt fungiert." Bei dieser Ankündigung zogen die Zwerge die Augenbrauen hoch und tauschten bedeutsame Blicke aus. Doch nun käme der schwierige Teil, dachte sich Boromil. Vorsichtig tastete er sich weiter an die ganze Wahrheit heran. "Es hängt mit unserer weitläufigen Verwandtschaft mit dem früheren Baronshaus von Farnhain zusammen. Ich soll ein neues Rittergut errichten in der Nähe der Warna, bei Grantelweiher." Hagebar hatte noch nicht ganz verstanden. "Hm... den Namen habe ich doch letztens noch in irgendeinem Zusammenhang gehört. Hilf mir auf die Sprünge, Boronwyn!" "Nun, man hört immer wieder irgendwelche Sachen aus Moorbrück, aber das..." "Moorbrück, natürlich! Brrr! An so einem ungemütlichen, finsteren Ort musst Du siedeln, junger Mann? Du tust mir aufrichtig leid!" Aus Hagebars Blick sprach ehrliches Bedauern. Boromil beschloss, die jüngste Vergangenheit der Baronie nicht explizit anzusprechen. "Jede Ecke, an der keine rechtschaffenen Menschen und Angroschim siedeln, ist finster! Genau deswegen wollen wir das ja ändern." "Aber der Sumpf und seine Kreaturen! Und die Räuber!", fiel nun Garescha ein. "Ich siedele ganz am Rand, wo es saftige Wiesen und einen schönen Wald hat und der Fluss ist auch nicht weit. Ich habe übrigens höchstpersönlich eine mehrtägige Besichtigung des Sumpfes mitgemacht und es offenbar überlebt! Das regte sogar den Appetit an.", erlaubte er sich einen kleinen Verweis auf die Runde. Wie hatte es sein Onkel nur geschafft, seine Figur bis auf einen leichten Bauchansatz zu halten? Mit einer solchen regelmäßigen Verpflegung müsste doch jeder aufgehen wie ein Hefeteig! "Und was die Sicherheit betrifft: Es siedeln insgesamt sechs Ritter, die unter sich mindestens zwanzig Leute haben. Wir haben bereits untereinander ausgemacht, dass wir uns gegenseitig unterstützen wollen. Zwei von ihnen haben im Krieg im Osten gekämpft, ein weiterer tat sich im Kampf gegen den Alagrimm hervor! Unter den Neusiedlern befinden sich einige weitere kampferprobte Veteranen. Roban Grobhand von Koschtal etwa verfügt über eine ehemalige Angbarer Sappeurin!" "Eine Zwergin? Noch dazu eine, die etwas vom Tunnelgraben versteht? Das wäre doch etwas für den jungen Pilzanger!", unterbrach Olbyn. "Eine Sippe von Pilzzüchtern, die hier ganz in der Nähe wohnt", flüsterte Boronwyn seinem Neffen zu. "Na, was meinst Du, Hagebar?", ließ Olbyn nicht locker. Doch der war offenbar noch nicht von diesem Gedanken überzeugt. "Nach Moorbrück, nur um eine Frau zu finden... warum sollte er das auf sich nehmen?" "Weil er schon seit vielen Jahren eine sucht und hier keine gefunden hat, die zu ihm passt!", konterte Olbyn. "Ihm ist es eben wichtiger als anderen, eine Gefährtin zu haben. Da würde es mich auch nicht mehr wundern, wenn er bis nach Moorbrück zieht, um einer Dame den Hof zu machen!" "Ein wenig Galanterie hat noch keinem Angroscho geschadet!", pflichtete ihm Garescha bei. "Auch wenn sie merkwürdige Blüten treiben würde, wenn der junge Pilzanger sich wirklich darauf einlassen würde." "Ich werde es ihm erzählen, wenn ich die Familie nächste Woche besuche. Es mag uns unvernünftig erscheinen, aber es wird seine Entscheidung sein, und es wäre ja auch nicht schicklich, ihm eine solche Information einfach vorzuenthalten, nicht war, Boromil?" "Richtig, Onkel!" Bis hierher hatte er es geschafft, dachte sich Boromil. Ob Boronwyn nun endlich ansprechen würde, dass auch in Boromils Siedlung weitere Angroschim höchst willkommen wären? Aber nein, die Hoffnung war vergebens. Stattdessen schnitt sein Onkel vermehrt zwergische Themen an und erkundigte sich nach allen möglichen Vorkommnissen und Personen der Umgebung. Das schienen dankbare Themen zu sein, denn die drei Zwerge waren sichtlich gelöst und freuten sich offenbar, mit ihrem menschlichen Freund darüber zu reden.

Für Boromil hingegen war der Kampf mit dem üppigen Essen wieder voll entbrannt. Jetzt wurden gefüllte Teigtaschen gereicht, ergänzt durch mehrere Salate. Allein das hätte ihn an manchem Tag bereits satt machen können! Zusätzlich entfaltete der Wein inzwischen seine Wirkung. Obwohl er zurückhaltend getrunken hatte, hatte er inzwischen das Maß erreicht, das er benötigte, um leicht angetrunken zu werden. Es fiel ihm schwer, den Gesprächen zu folgen, da er die Personen, die erwähnt wurden, nicht kannte. Hinzu kam die einsetzende Müdigkeit, die ein voller Magen verursachte. Irgendwie gelang es ihm, von dem schweren, süßen Nachtisch nur einen kleinen Happen zu bekommen, den er noch so gerade verputzen konnte. Wenn jetzt noch etwas kam, müsste er sich definitiv geschlagen geben! Boronwyn musste das bemerkt haben, denn auch wenn er lange kein Ende zu finden schien in der Konversation mit seinen zwergischen Freunden, so machte er nun einen Vorschlag: "Nach so einem guten Essen geht doch nichts über eine anständige Pfeife, was, Olbyn?" Der Angesprochene nickte. "Greifbert, vielleicht möchtest Du ihm draußen Gesellschaft leisten. Du siehst aus, als könntest Du ein wenig frische Luft vertragen. Ich würde Euch gerne begleiten, aber ich habe noch etwas mit Hagebar und Garescha zu besprechen." "Sehr gerne!", beeilte sich Boromil das Angebot anzunehmen. Ein kleiner Spaziergang würde ihm gut tun. Es war zwar noch nicht Sommer, aber eine milde Frühlingsnacht, in der man es gut draußen aushielt. Olbyn war sichtlich erfreut, nicht alleine seine Pfeife genießen zu müssen, und führte den jungen Ritter vom Kargen Land quer durch die Siedlung bis zu einer Bank unter einem großen Baum. "Hier sitzt man besonders angenehm.", erklärte er, worauf er seine Pfeife und den Tabak auspackte. Boromil setzte sich stumm neben ihn und blickte in den Nachthimmel, an dem die Sterne funkelten. Olbyn seinerseits redete selbst eine ganze Weile nicht, sondern paffte gemütlich und blies Kringel in die Luft.

"Ich habe Deinen Verwandten Foldan in seiner Jugendzeit gekannt", sagte er unvermittelt. "Er sah Dir sehr ähnlich, genauso bartlos und die Haare waren ebenfalls recht hell." Boromil dachte sich: Wie kann das sein? Mein Onkel hat sich, wie Vater erzählt, doch schon recht früh einen Bart stehen lassen und auf sein dunkles Haar war er so stolz, dass er es nie gefärbt hat. Schon wollte er das bedächtig einwenden, auch wenn er es etwas unhöflich empfand, dem freundlichen Angroscho so direkt zu widersprechen, als ihm sein Irrtum bewusst wurde. Olbyn hatte nicht seinen Onkel Boronwyn Foldan gemeint, sondern seinen Vorfahren, der vor über 150 Jahren gelebt hatte! Für einen Zwergen war das natürlich eine ganz andere Zeitspanne; Ereignisse von damals waren etwas, an das man sich noch gut erinnern konnte. Boromils Augen weiteten sich. Beeindruckt fragte er: "Ihr meint Foldan vom Kargen Land, der zur Zeiten Fürst Idamils des Fischers lebte?" "Genau den!", antwortete Olbyn lächelnd, der offenbar erwartet hatte, dass Boromil eine Weile brauchen würde, um zu verstehen. "Weißt Du, ich war nicht immer so angesehen wie heute, und auch wir Angroschim sind irgendwann mal jung." Olbyn lachte und nahm einen tiefen Zug aus der Pfeife, bevor er weitersprach. "Damals hatte ich noch richtig Flausen im Kopf. Dafür, dass ich aus einer ehrbaren hügelzwegischen Handwerkersippe stamme, war ich ein wenig aus der Art geschlagen. Ich wollte unbedingt etwas von der Welt sehen, ein wenig herumkommen, wie man so schön sagt. So zog ich durch die Gegend und verdiente mir Essen und Unterkunft durch die Arbeit, die ich feilbot. In einer Taverne, ich weiß es noch, als wär es gestern gewesen, traf ich einen jungen Edelmann, der von zu Hause ausgerissen war. Er war frisch zum Ritter geschlagen worden, hatte aber keinerlei Lust, als Höfling zu enden, wie er nicht müde wurde zu wiederholen. Da es zu jener Zeit recht friedlich im Kosch zuging – was waren das im Nachhinein für wunderbare Jahre des Aufbaus und des Wohlstands! - boten sich nur wenige Gelegenheiten, um sich als Krieger auszuzeichnen. Auch schien das nicht in Foldans Sinne zu sein, denn selbst wenn er, wie er selbst sagte, keinem anständigen Zweikampf aus dem Weg ging, so war doch das ständige Stehen unter Waffen nicht seine Sache." Olbyn lachte, während Boromil an seinen Lippen hing. "Jedenfalls hatte sich der Sprössling eines Adelshauses mit altehrwürdigem Namen in den Kopf gesetzt, seine Lebensaufgabe zu suchen, indem er durch den Kosch reiste und sein Erspartes in Gasthäusern ausgab. Irgendwie war mir der Bursche sympathisch, er war ja nicht tumb. Daher beschloss ich, – ausgerechnet ich, der ich doch kaum mehr Ahnung vom Leben hatte! - ihn unter meine Fittiche zu nehmen und ein wenig auf ihn aufzupassen.

Schon nach kurzer Zeit waren wir Freunde, die sich mit ihren Fähigkeiten gut ergänzten: Er hatte die Manieren, um Leute anzusprechen, ich die geschickten Finger, um ordentliche Arbeit zu verrichten. Wir bildeten also ein gutes Gespann und kamen gut über die Runden, auch wenn wir natürlich nicht viel zurücklegen konnten. Ich trank lieber einige Biere mehr, er ließ manche Schankmaid auf seinem Schoß sitzen und gewann ihr Herz durch schöne Worte und kleine Geschenke." Boromil runzelte die Stirn. Das waren Details, die er nicht unbedingt wissen musste... Olbyn fuhr indes fort: "Wir haben einige Jahre lang jedenfalls so manche Ecke des Kosch gesehen, ohne allerdings ein liederliches Leben als Gauner oder Beutelschneider geführt zu haben. Umso verwunderter waren wir, als man plötzlich begann, Erkundigungen über uns anstellte. Uns wohlgesonnene Herbergsleute warnten uns eines Abends, dass am Mittag ein Büttel in Begleitung eines Reiters in edler Kleidung dagewesen sei und nach einem Foldan gefragt hätte. Sie hätten finstere Mienen gemacht und sehr ernst geklungen. Meinen menschlichen Freund, auf den die Beschreibung passte, könnten sie ja wohl nicht gemeint haben, wir wären ja immer anständig, aber dennoch machten sie sich Sorgen um uns. Wir waren uns keiner Schuld bewusst, hatten aber auch nicht die geringste Lust, als unschuldig Verurteilte an den Pranger zu kommen. Wir reisten am nächsten Tag in aller Frühe ab. Doch die Verfolger ließen uns keine Ruhe. Es mussten mehr als diese zwei sein, denn egal, wohin wir uns wandten, überall tauchten sie früher oder später auf. Wir waren inzwischen in der Baronie Metenar, gar nicht weit von meiner Heimat entfernt, als sie uns auf freiem Felde zwischen zwei Ortschaften einholten. Wir hatten keine Chance, ihnen zu entkommen. Sie waren beritten und hatten uns bald eingekreist. Ihr Anführer, nie werde ich sein grimmiges Gesicht vergessen, ritt mit offenem Visier und erhobener Lanze auf uns zu. Mein Gefährte versuchte mir Mut zu machen. "Nur ruhig Blut", meinte er, "die Reiter sind keine Räuber, sondern stehen im Dienst eines Adeligen. Die können uns nicht einfach so töten. Da wir nichts ausgefressen haben, zumindest nichts, dessen wir uns bewusst wären, werden sie uns allerhöchstens für ein paar Tage festsetzen." Um mehr miteinander zu reden, war keine Zeit, denn dann war der Hauptmann der Gruppe heran und sprach meinen Freund an. "Ihr seid Foldan vom Kargen Land?" "In der Tat, der bin ich.", sprach dieser mit fester Stimme. "Wir sind die Truppen des Barons von Metenar und suchen Euch, um in einer dringenden Angelegenheit mit Euch zu sprechen." "Des Barons von Metenar?" Foldan schien fieberhaft nachzudenken. "Aber... der Baron von Metenar ist doch Alphak, das heißt, jemand aus meiner Familie... seit einigen Jahren. Weshalb wünscht er mich denn zu sprechen?" "Ihr seid im Irrtum!", donnerte der Hauptmann zurück. "Alphak vom Kargen Land ist nicht länger der Baron von Metenar." Bei diesen Worten bekam ich weiche Knie. Hatte es einen Umsturz gegeben, von dem wir nichts mitbekommen hatten? Hatte jemand den Barons beseitigt und wollte seine nahen Verwandten ebenfalls aus dem Weg räumen? Inzwischen hatten uns die anderen Reiter umkreist. Jetzt zogen sie ihre Schwerter. Der Anführer hob wieder an zu sprechen, doch nun mischte sich Trauer in seine Stimme. "Alphak vom Kargen Land ist tot." Der nächste Satz hingegen war nicht traurig, sondern ernst und feierlich. "Ihr, Foldan vom Kargen Land, seid der neue Baron von Metenar. Wir haben Euch gesucht, damit Ihr Euer neues Amt antreten könnt." Dann rief er laut: "Lang lebe der Baron von Metenar! Lang lebe Foldan vom Kargen Land!", und alle seine Begleiter stimmten in das Rufen mit ein und reckten die Schwerter in die Höhe. Die Reiter, welche ja nun Foldan unterstellt waren, gaben uns Geleit bis zur Hauptstadt der Baronie.

Ich konnte das alles nicht fassen. Es war doch alles andere als selbstverständlich, dass ein Baron den gleichen Familiennamen trug wie sein Nachfolger. Die Baronswürde konnte durchaus wechseln, je nachdem, wie sich der letzte Amtsträger verhalten hatte. Und nun war die von Metenar ausgerechnet Foldan, meinem Gefährten, zugefallen. Foldan, der seinerzeit von zu Hause weggegangen war, aber immerhin ein zwölfgöttergefälliges Leben geführt hatte, zufrieden mit den kleinen Freuden, die sein bescheidener Lebenswandel ihm geboten hatte.

Die Jahre der Wanderschaft hatten ihn geprägt, sie hatten ihm das Sprunghafte und Unstetige ausgetrieben. Gleichzeitig hatte er ein Herz für die einfachen Leute bekommen, besonders die tüchtigen Handwerker waren ihm lieb. Darum gibt es in den Chroniken keine größeren erwähnenswerte Ereignisse über ihn wie Händel mit den Nachbarn oder ehrgeizige Bauprojekte. Lieber setzte er kluge Ideen seiner Vorgänger fort, etwa neue Brunnen und Getreidespeicher oder besser befestigte Straßen, die dem Handel und überhaupt allen Reisenden dienten. Mit größeren Geldsummen hatte er keine Erfahrung, doch wurde dieser Mangel glücklicherweise durch einen fähigen Angroscho aufgefangen, der ihn in Finanzfragen beriet. Foldans Herrschaft verlief ruhig und stetig, und vielleicht war gerade das der Grund, warum er sich über vierzig Jahre auf dem Posten hielt, den er so plötzlich erlangt hatte. Allerdings trugen die, die ihm nachfolgten, nicht mehr den Namen seines Hauses, und überhaupt war es bald mit den ruhigen Zeiten vorbei." Olbyn musste nicht deutlicher werden. Boromil wusste, dass der Zwerg auf den Erzverräter Porquid anspielte. Er hatte sich die Geschichte fasziniert angehört – nichts von alldem war ihm bisher bekannt gewesen! Dennoch gestattete er sich nun eine Frage: "Was ist aus Eurer Freundschaft geworden?"

Olbyn feixte. "Eine der ersten Amtshandlungen Foldans war es, mich zum offiziellen Handwerker des Barons von Metenar zu mache. Das war eine seiner letzten schelmischen Taten und wohl der Unterstützung geschuldet, die ich ihm in seinen Jugendjahren gegeben hatte. Aber mit der Verantwortung, die ihm sein neues Amt brachte, erfüllten ihn ein Ernst und eine Reife, die ich vorher noch nicht bei ihm gekannt hatte. Es fiel ihm Besseres ein, als jeden Abend zu feiern und dabei die Kassen der Baronie zu leeren – zum Glück, nicht dass wir uns falsch verstehen! Aber so gerne ich auch an seiner Seite war, so merkte ich doch, dass mir dieses Leben inmitten von menschlichen Bediensteten, von Bütteln und Beamten, nicht lag. Schweren Herzens fasste ich den Entschluss, wieder auf Wanderschaft zu gehen, und verabschiedete mich herzlich von Foldan. So zog ich noch eine Weile durchs Land. Aber es war nicht mehr dasselbe. Es fehlte einfach die Unbeschwertheit der früheren Jahre und ich hatte mich daran gewöhnt, nicht alleine zu reisen.

Daher beschloss ich, in meine Heimat zurückzukehren. Ich hatte keine genauen Pläne und wollte nur in den Werkstätten meiner Sippe eine Anstellung finden. Meine Verwandten waren heilfroh, dass ich wieder da war und offensichtlich endlich die Vorzüge eines behaglichen Heimes zu schätzen wusste. Doch ich hatte die Rechnung ohne Foldan gemacht, dem ich erzählt hatte, woher ich stammte. Wenige Wochen nach meiner Rückkehr tauchte er in seinen besten Kleidern und mit einem Trupp Gardisten auf – dies alles natürlich nur, um Eindruck zu schinden, was ihm auch gelang. Es war ein wunderbares Wiedersehen und er freute sich, dass ich ebenfalls einen guten Platz gefunden hatte. Jedoch verkündete er vor allen anderen, dass ich ihm ein treuer Freund in schwierigen Jahren gewesen sei, dass er meine Handwerkskunst überaus schätze und dass er es umso mehr bedauere, dass ich meine Stelle als Handwerker des Barons von Metenar aufgegeben und es vorgezogen habe, in den Kreis meiner Familie zurückzugehen. Aber was solle er, ein menschlicher Adeliger, da machen, Familienbande seien eben stärker, die Treue eines Zwergen zu den seinen und überhaupt, die Koscher Tugenden der Heimatliebe und Bescheidenheit und so weiter..." Olbyn lachte erneut. "Das war sicherlich etwas dick aufgetragen, aber im Kern stimmte es ja. So gesprochen schlug es hohe Wellen, zumal mir Foldan all diese Punkte auf einem Empfehlungsschreiben noch einmal bestätigte. Auf einmal war ich Olbyn Grambart, der Freund des Barons von Metenar, der aber gleichzeitig lieber unter einfachen Hügelzwergen lebte als bei einem menschlichen Würdenträger. Ich konnte mich vor persönlichen Aufträgen kaum retten und wurde ständig zum Essen eingeladen.

Die Sache hatte nur eine Kehrseite: Foldan saß in Metenar, ich hier, und wir beide steckten bis über Kopf in Arbeit. Wir sahen uns viel seltener, als uns lieb war, aber der Kontakt brach nie ganz ab. Und als ein anderer Hauptmann mit mehreren Gardisten eines Tages vor meiner Tür erschien und mir die Botschaft überbrachte, Foldan sei verstorben, da war das der traurigste Tag meines Lebens." Olbyn seufzte. "Das ist wohl der Preis, den ein Angroscho zahlen muss, wenn er sich mit einem kurzlebigen Menschen einläßt. Aber ich bereue nichts und möchte keinen Tag missen, an dem wir zu zweit durch den Kosch gewandert sind. Ja, ich bin stolz, Foldan vom Kargen Land gekannt zu haben!

Und als Du, der Du Foldan so ähnlich siehst, vorhin bei den Dornenstrauchs durch die Tür getreten bist und als einer vom Kargen Land vorgestellt wurdest, da kamen all die Erinnerungen an die alten Zeiten hoch. Tja, auch wir Zwerge werden manchmal sentimental, wenn wir älter werden." Der Angroscho blickte gen Himmel, seine Augen glänzten feucht.

Dann fing er sich jedoch wieder. "Doch ich wäre nicht angesehen geblieben, wenn ich immer nur geredet hätte!" Er schlug sich mit der rechten Faust in die linke Hand. "Ich sehe eine Möglichkeit, wie ich Dich in Deinem Siedlungsvorhaben unterstützen könnte. Einer meiner Großneffen, Ingramosch ist sein Name, ist von einem ähnlichen Reise- und Abenteuerfieber befallen wie ich damals! Er wollte schon alleine losziehen, doch noch konnte meine Autorität das verhindern. Es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis er sich auch mir widersetzen wird, ich kenne das aus eigener Erfahrung. Jedenfalls meine ich, wenn ich sein Ausreißen schon nicht verhindern kann, dann kann ich ihn wenigstens mit jemandem ziehen lassen, dem das nützen wird und der mir sympathisch ist. Nebeneinander werdet Ihr aussehen wie Foldan und ich damals!"

"Ingramosch soll mich also als Siedler nach Moorbrück begleiten? Darüber freue ich mich sehr! Will er denn nicht durch die Gegend ziehen wie sein Großonkel?"

"Wie sich genau die Flausen bei ihm auswirken, weiß ich natürlich nicht. Gut möglich, dass eine Gegend wie der Sumpf seine Lust, etwas abseits der Heimat zu erleben, mehr befriedigt als ein Umherziehen von Dorf zu Dorf. Und selbst wenn: Es gibt ja mehrere Neusiedlungen, wie ich beim Essen erfahren habe, und irgendwelche kleineren Weiler wird es doch auch in der Umgebung geben, von den Ortschaften Moorbrück und Grantelweiher ganz abgesehen. Er könnte also bei Dir eine Unterkunft haben und dennoch von Ort zu Ort reisen und nebenbei Deine Neusiedlung bekannter machen. Bei einem ordentlichen Handwerker merkt man sich schon, woher er kommt. Es mag natürlich sein, dass auch er eines Tages nach Hause zurückkehren will. Das kann bei unserer Natur jedoch einige Jahrzehnte dauern.

Wir gewinnen also beide bei diesem Vorgehen: Du bekommst einen Siedler und tüchtigen Arbeiter; ich weiß, dass Ingramosch bei jemandem unterkommt, der aus einer Familie stammt, mit der ich gute Erfahrungen gemacht habe. Also, was meinst Du?"

"Ich nehme sofort an. Doch was wird Ingramosch sagen?" "Der wird froh sein, wenn er meine Zustimmung zu seinem Weggehen bekommt! Der Rest der Familie kann ja gerne anderer Meinung sein, aber mein Wort wird schwerer wiegen." "Dann sei es abgemacht, unter der Bedingung, dass er sich wirklich nicht anders entscheidet." Olbyn und Boromil gaben sich die Hand. Dann kehrten sie zum Haus der Dornenstrauchs zurück.

Boronwyn begrüßte seinen Neffen freudig, während die Gastgeber Tee servierten. "Gute Neuigkeiten, Greifbert! Ich habe mit Hagebar und Garescha abgemacht, dass einer ihrer Neffen Dich nach Moorbrück begleitet. Er wird einige kleine Brombeersträucher mitnehmen, um sie rund um Deine Siedlung einzupflanzen. Dann soll er sie so hoch und dicht züchten, dass sie eine natürliche Abwehr gegen Feinde bilden. Und nebenbei erntet Ihr jedes Jahr immer mehr von diesen herrlichen Früchten. Einzige Bedingung: Die Dornenstrauchs wollen, wenn die Züchtung erfolgreich ist, jedes Jahr eine Lieferung Brombeeren aus Moorbrück – ob eingemacht, als Kompott oder Wein, ist egal. Die genaue Menge sollten wir am besten vertraglich festlegen. Was sagst Du dazu?"

"Ich nehme mit Freunden an!"; antwortete Boromil ungewöhnlich entschlussfreudig. Dass er sofort zusagte, bedachte sein Onkel mit einem zufriedenen Nicken. Es hatte ihn genug Überzeugungskraft gekostet, die Dornenstrauchs soweit zu bringen, da hätte ein Zögern überhaupt nicht gepasst! Garescha bot den beiden Menschen an, über Nacht zu bleiben, da der Ritt zurück im Dunkeln wirklich nicht angenehm sei. "Warum nicht?", erwiderte Boromil. "Ich reise schließlich morgen direkt nach Valpurg zurück, um noch einige Details mit meinem Vater und den dortigen Geweihten zu klären. Danach geht es weiter nach Burg Birkendamm. Hagebar, wann wird Dein Neffe abreisebereit sein?" "Na, in ein oder zwei Tagen. Wir müssen ja noch ein Abschiedsessen für ihn geben." "Bis dahin hat mein Großneffe ebenfalls gepackt!", rief Olbyn erfreut aus. Hagebar war erstaunt: "Willst Du etwa auch jemanden runter nach Moorbrück schicken?" "Und ob! Hej, Boronwyn, wenn Du den jungen Pilzanger gleich morgen besuchst, können die drei sogar zusammen reisen! Das wäre doch was!" Garescha schüttelte den Kopf. "Drei Hügelzwerge auf Reisen! Wo hat's denn so etwas schon gegeben?" "Eben, das müssen wir feiern!", rief Olbyn, und tatsächlich holte Hagebar noch eine kleine Flasche Likör hervor, mit der sie alle auf den Erfolg der Neusiedlung und die Zukunft der jungen Angroschim tranken. Als Boromil auf seinem Nachtlager unter die Decke schlüpfte, hatte er gleich mehrere Sorgen weniger.