Odilbert und Niope - Wolfhardts Lied

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Schloss Grauensee, 4. Travia 1042 BF

Oh, es war ein herrliches Fest! Nadyana konnte sich gar nicht sattsehen an all dem Prunk, dem Glanz und der Schönheit! Und sie tanzte! Tanzte! Das war das Beste von allem! Sie wünschte, dass dieser Abend niemals zu Ende gehen möge!
Aber zumindest dieser Tanz ging nun zu Ende, und danach schwiegen die Instrumente für eine Weile, während sich die Musikanten einen Trunk und eine Pause gönnten.
Nadyana stand am Fenster und fächerte sich Luft zu. Dabei spürte sie (und nicht zum ersten Mal an diesem Abend), dass viele Blicke sie nicht nur streiften, sondern eine Weile auf ihr ruhten, ja, sie geradezu musterten. Zwar war ihre Verlobung mit Wolfhardt von der Wiesen noch nicht bekannt gegeben worden, doch sicher hatten in der Grafschaft die Gerüchte schon längst die Runde gemacht, und spätestens nach diesem Abend dürfte kein Zweifel mehr bestehen, dass in den Reihen des hügelländischen Adels Frau Rahja ein neues Band geknüpft hatte. »Die kleine Garnelhaun und der Baron? Potztausend!«, hatte sie vorhin jemand sagen hören, als sie an einer Gruppe von älteren Damen vorbeiging. Nadyana lächelte.
In diesem Moment hörte sie neben sich eine andere Stimme: »Jetzt wäre ein günstiger Zeitpunkt, Hochgeboren. Wenn Ihr es wünscht, will ich für Euch um Ruhe bitten.« Sie blickte nach rechts und sah den Haushofmeister bei Wolfhardt stehen. Dieser nickte.
»Sehr gerne.«
Der Haushofmeister schritt in die Mitte des Saales und stampfte mit seinem Stab auf den Boden. »Seine Hochgeboren, Wolfhardt von der Wiesen, möchte dem hochwohlgeborenen Brautpaar ...« Er stockte kurz und suchte offenbar nach dem passenden Wort. »Ein carmen nuptiale singen!«, rief einer der Gäste, ein eleganter Garetier, gut gelaunt in das Schweigen hinein.
»Genau was ich sagen wollte«, brummte der Haushofmeister mit schiefem Lächeln und bat mit einer würdigen Geste die Umstehenden, ein wenig Platz für den Baron zu schaffen. Der hatte sich von einem Pagen seine Harfe reichen lassen; nun trat er in die Mitte, verneigte sich vor dem Brautpaar und schloss die Augen.
Nadyana hielt den Atem an. Sie hörte das Pochen ihres eigenen Herzens. Dann erklangen die ersten Töne von Wolfhardts Harfe, festlich und prachtvoll, und als das Vorspiel beendet war, fing er selbst an zu singen:
»Travias Mond ist nun gekommen, schmückt das Land mit goldnem Glanz,
Und es prangt auf junger Stirne festlich-bunt der Hochzeitskranz.

Ja, den bunten Schmuck der Bräute trägt des Grafen Schwester heut’,
Davon kündet allenthalben hell und froh das Festgeläut.

Froh und festlich hört man’s schallen: Hartsteen und das Hügelland
Reichen sich vor dem Altare auf Schloss Grauensee die Hand.

Und der Graue See ist selber Zeuge bei dem heilgen Bund,
Denn in seinen Wellen spiegelt sich das Glück der Hochzeitsstund’.

Aber nicht nur eine Stunde sei das Glück dem Brautpaar hold:
Nein, ein ganzes, langes Leben soll es glänzen, hell wie Gold!

Hell wie Gold, so soll es glänzen, doch beständig sein wie Erz,
Und wie Feuer soll es wärmen Herd und Halle, Heim und Herz.

Über Herz und Halle wache gnädig die Frau Travia,
Heut’, zur frohen Feierstunde, und so manches gute Jahr.«