Neues aus Drift - Am großen Fluss

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Drift, Anfang Praios1042

Josper von Kemlar hatte sich mit Girte Crumacker im Drifter Stadthaus verabredet, doch die Stadtvögtin kam zu spät. Er schaute aus den geöffneten Butzenglasfenstern auf die Hauptstraße der kleinen Stadt. Sie hatte den Krieg erstaunlich gut überstanden und man könnte meinen der Tod Narmurs habe das Städtchen ein wenig aufleben lassen. Josper schaute genau auf den Marktplatz, auf welchem mehr als ein Dutzend Stände aufgebaut waren und ihre Waren anboten. Er konnte sich nicht erinnern, dass der Markt unter Narmurs Herrschaft jemals so groß gewesen war.
Eine Tür flog auf und Girte winkte Jopser in ihre Schreibstube: „Verzeih die Verspätung, aber ich war in Gesprächen mit den Flusslotsen gebunden“. Josper verzog die Augenbrauen und ging gar nicht erst auf diese dreiste Anrede ein: „Ich werde, wie ihr sicher wisst, mit dem Rest meiner Männer nach Ferdok aufbrechen, um die Reihen der Garde wieder aufzustocken.“ „Warum haltet ihr die Musterung nicht hier ab?“, fragte Girte. „Damit womöglich noch Mordbrenner der Aufständischen in mein Kommando treten? Oder die Getreuen des kleinen Barons die Garde unterwandern? - Mitnichten. Außerdem werde ich über Nadoret reisen und da kommt ihr ins Spiel.“, sprach Josper. „Achja?“, antwortete die Drifter Stadtvögtin. „Wie euch sicherlich nicht entgangen ist, habt ihr eure Position Narmur zu verdanken, welcher mit den Nadoretern im Bunde war. Das macht euch so gesehen auch zu einem Verbündeten der Alttreuen. Wir wollen verhindern, dass Brumil und seines Gleichen zu viel Einfluss gewinnen.“ „Ich kann mich nicht erinnern, eine Seite gewählt zu haben“, meinte Girte. „Aber ich kann mich sehr wohl daran erinnern, wie ihr euch von Narmur euer Amt zu einem sehr guten Preis erkauft habt. Wer weiß, vielleicht vergibt Brumil das Amt ja neu? Ihr habt ihn ja keineswegs unterstützt. Wäre es da nicht von Vorteil, einige adelige Verbündete zu haben, Frau Crumacker?“.
„Und was genau soll ich als eure Verbündete tun?“.
„Für´s erste wird es reichen, die Ohren offen zu halten und dafür zu sorgen, dass alles so bleibt wie es ist. Ich werde mich wieder mit euch treffen, wenn ich aus Ferdok zurück bin.“ „Nun denn, dann schauen wir mal, wie sich diese Partnerschaft entwickelt“, sprach Girte und reichte dem Junker die Hand.
„Vortrefflich wird sie sich entwickeln“, sprach Josper und schlug ein.
Etwas später brach Josper mit einigen seiner Knechte und zwei Gardisten auf. Er hatte sich ein Flussschiff angemietet, welches gemächlich den Großen Fluss hinauf getreidelt wurde. In zwei Tagen sollten sie Nadoret erreichen und er grübelte jetzt schon, weshalb genau Hakan ihn treffen wollte. Er hoffte, dass es nicht nur um die Verteilung der Kriegsbeute ging, sondern er auch einige Pläne hatte, um etwas gegen die Machtverschiebung in Drift zu unternehmen, vielleicht konnte er sich dadurch erneut den Alttreuen beweisen, diesmal womöglich mit besserem Ausgang.

Langsam gleitete das Flussschiff auf dem großen Fluss. Es wurde von zwei bulligen Ochsen gezogen, welche auf der Treidelstraße vor sich hin trotteten. Es gehörte einem Elenviner Händler. Da das Geld durch die Reparaturen, welche die Plünderung Cirrenackers nach sich gezogen hatte, etwas knapp geworden war, hatte sich Josper kein eigenes Schiff leisten können. Zumindest hatte er ein eigenes kleines Zimmer bekommen, gleich neben der Kajüte des Händlers. Der Kahn hatte Flachs geladen, welches in Ferdok gegen Ferdoker Helles und Metallwaren aus der Goldenen Au eingetauscht werden sollte.
Es war schon Mittag, als sie den Nadoreter Hafen erreichten. Aufgrund des Stapelrechtes mussten alle vorbeikommenden Lastschiffe hier halten und ihre Ladung löschen, worüber der Kaufmann schon die ganze Zeit schimpfte. Josper stieg über die Landungsbrücke und besah sich den Hafenmarkt. Kaum hatte er festen Boden unter sich, trat ein Nadoreter Gardist an ihn heran und sprach sogleich: „Seid ihr Josper von Kemlar? Ich wurde beauftragt nach euch Ausschau zu halten. Gleich werden einige Knechte kommen und sich um euer Gepäck kümmern. Eure Kutsche wird ebenso bald eintreffen, ihr könnt solange in der Hafenstube warten.“ Josper war vollkommen überrascht und wirkte überrumpelt. Er hatte eigentlich vorgehabt auf eigene Faust zuerst seinen Vetter in Borking zu besuchen und danach zu Hakan zu kommen, aber scheinbar hatte der Nadoreter Kantzler andere Vorstellungen. Leicht verärgert folgte er dem Gardisten. „Nun denn, ich hoffe, das Warten auf mein Eintreffen hat euch nicht zu lange von eurer Arbeit abgehalten, ich hätte den Weg auf´s Schloss wohl auch alleine gefunden.“
Zusammen gingen die beiden in die Hafenstube, die wirkte als sei sie auf seinen Besuch vorbereitet worden. Er wurde in die Stube des Hafenmeisters geführt, in welcher ein bequemer Sessel stand und eine kleine Anrichte, auf der ein Glas und eine Karaffe Wein standen. Kurze Zeit später trat wieder ein Gardist herein und bat Josper ihm zur Kutsche zu folgen, welche nun vor der Hafenstube bereitstand.

Etwas später im Salon des Schlosses Nadoret:
„Willkommen auf Schloss Nadoret und verzeiht die Entführung, aber ich wollte sichergehen, dass ich euch so früh wie möglich spreche. Zurzeit bin ich leider sehr beschäftigt und konnte daher nicht auf euch warten.“, sagte Hakan, nachdem er sich in den Sessel gesetzt hatte. „Es war eine sehr angenehme Entführung, euer Hochwohlgeboren.“, sagte Josper.
„Bevor wir zum Kern des Gespräches kommen, möchte ich euch erst einmal für eure Treue dem Hause Nadoret gegenüber danken. Und diese Loyalität soll sich auch auszahlen.“ Hakan schnippte mit den Fingern. Daraufhin öffnete sich die Salontür und ein Bediensteter wuchtete eine Schatulle herein, stellte sie vor Josper auf den Tisch und öffnete diese. Dem Drifter Hauptmann funkelten goldene Dukaten entgegen. „Euer Anteil am Sindelsaumer Lösegeld. Sie haben noch nicht alles bezahlt, aber ich habe für euch den Rest aus unseren Münzbeständen auszahlen lassen. Wir haben noch ein wenig dazugegeben, euer Gut wurde von Brumils Schergen ja in Mitleidenschaft gezogen.“
Josper schaute auf den Berg Dukaten und blickte dann Hakan in die Augen. „Ich danke euch, Cantzler, aber ihr müsst wissen, dass ich aus Treue meinem Baron und seinen Verbündeten gegenüber in die Schlacht gezogen bin, nicht wegen des Geldes, wie ein Söldner.“
„Gewiss, gewiss. Daran hege ich keine Zweifel, aber Verbündete helfen sich doch gegenseitig, natürlich aus Treue einander gegenüber. Das bringt mich dann auch zum Kern des Gespräches, Hauptmann.“ Hakan machte eine kleine Pause, in der er an seinem Glas Wein nippte. „Brumil ist nun Baron, mit diesem Fakt müssen wir leben. Und mit einem neuen Zwergenbaron in unserer Grafschaft wird natürlich auch Growins Position gestärkt. Doch die Grafschaft besteht zum Glück nicht nur aus Baronien. Seht, dem Hause Nadoret gehören das Gut Zwischenbrücken und Durstein und ihr als Alttreuer Verbündeter habt ja noch das Fuxengut und die Hauptmannsposition inne. Damit können wir ein unangenehmer Stachel sein und aufpassen, dass Brumil sich nicht die ganze Baronie Untertan macht.“ Hakan nahm wieder einen Schluck Wein. „Was genau schwebt euch vor, Kantzler?“, fragte Josper.
„Mittelfristig solltet ihr erst einmal eure Position halten. Eure Idee, die Garde auf eure eigene Kosten etwas größer zu halten als geplant, war wirklich sehr gut. Die entstehenden Kosten trägt natürlich das Hause Nadoret. Es war auch eine gute Entscheidung, die Musterung in Ferdok abzuhalten, um Brumils Gesindel aus der Garde zu halten. Begebt euch also direkt nach Ferdok und werbt eure Männer an.“
„So war es geplant euer Hochwohlgeboren.“
„Ich weiß, Hauptmann, verlasst danach aber noch nicht Ferdok, sondern begebt euch zum Handelshaus Neisbeck“, sprach Hakan und schnippte mit den Fingern. Sofort kam wieder der Diener herein, diesmal mit einem Stück Pergament. „Auf diesem Pergament steht der Name unseres Kontaktmannes, trefft euch mit ihm und versucht herauszufinden, wie die Neisbecks ihre Dankbarkeit Narmur und uns gegenüber zeigen wollen. Schließlich haben sie von den Kämpfen in Drift sehr profitiert, sie sind ja dort mittlerweile das größte Handelshaus.“
„Sehr wohl, ich werde mein Möglichstes tun“, sprach Josper mit einer Innbrunst, wie sie eigentlich nur ein Untertan seinem Baron gegenüber entgegenbringt.
„Das freut mich. Aber ich habe noch eine Aufgabe für euch. Da ich, wie schon erwähnt, zurzeit sehr beschäftigt bin, würde ich euch bitten einigen Bekannten im Namen der Alttreuen einen Besuch abzustatten. Mit einigen habt ihr ja schon zusammen gefochten, beispielsweise Erzbart von Drabenburg. Anderen sollten wieder einmal von uns besucht werden, wie Reto Hluthar. Und es wäre auch gut, wenn ihr nach Bolzerich von Uztrutz seht, der Pechvogel hat ja in letzter Zeit sehr gelitten, wenn auch durch seine eigene Unfähigkeit verursacht. Ich würde ihn aber trotzdem ungerne verlieren. Alle Namen stehen natürlich auch nochmal auf dem Pergament.“
„Es ehrt mich, dass ihr mich mit einer solch wichtigen Aufgabe betrau. Ich werde, sobald es meine Pflichten als Hauptmann zulassen. Zu der Reise aufbrechen.“
„Das freut mich mein Sohn. Das Haus Nadoret und die Alttreuen vertrauen auf euch. Und nun lasst uns auf uns auf unsere Siege, unsere Gewinne und eine glorreiche Zukunft trinken.“, sprach Hakan und ergriff sein Glas.