Moorbrück verschlingt seinen Baron

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Ausgabe Nummer 49 - Efferd 1032 BF


MOORBRÜCK. Nebelschwaden ziehen wie rastlose Seelen durch Schilf und blattlose Weiden, verschlungende Pfade führen zwischen schmatzenden Tümpeln und Morast ins Nichts, grellfarbene Pilze und Schwämme wuchern auf den umgestürzten Stämmen uralter Bäume, Irrlichter locken flackernd in die Stille... Einst lag hier das blühende Land von Farnhain, mit sanften Wiesen, stolzen Wäldern und schmucken Dörfern. Vor vierhundert Jahren aber belegten die Magierkriege das Land mit einem bösen Fluch, und all die Schönheit versank in unheiligem Morast. Heute gibt es wohl kaum einen unheimlicheren Ort im Koscherland als die Sümpfe von Moorbrück.

Seit Generationen schon mühten sich wackere Barone, dem Moor neues Land abzuringen und all den albtraumhaften Schauergeschichten von wandelnden Leichnamen, ruhelosen Geistern und grauenvollen Ungeheuern ein Ende zu setzen. Zuletzt verrichtete Baron Darian Grantel von Grantelweiher diesen mühsamen Dienst – doch ebenso glücklos wie seine Vorgänger.
Zunächst erwies sich der Spross aus dem alten einheimischen Geschlecht derer zu Grantelweiher als tatkräftig und hoffnungsverheißend. Noch in der Trollpfortenschlacht hatte er wagemutig gegen Dämonen und andere Schrecklichkeiten gekämpft und manchem von ihnen das Licht ausgeblasen, wie die überlebenden Kämpen der Partisanengarde berichteten. Doch war das Wesen des Barons nach diesen Schrecknissen verändert. Dies verschlimmerte sich, als bald darauf der Familienpatriarch und wichtigste Ratgeber seines Enkels Darian, der greise Junker Radulf Grantel, im Alter von weit über hundert Götterläufen starb.

Baron Darian ließ die Aufbauarbeiten an der zerfallenen Burg Birkendamm und die immer wieder von Rückschlägen geplagten Versuche der Trockenlegung des Sumpfes ins Stocken geraten, obgleich er sich dafür beim Ferdoker Handelshaus Neisbeck eine gehörige Menge Dukaten geliehen hatte. Stattdessen rief er immer häufiger seine Veteranen Sabbert Goldig und Burgumil Scheffler zu sich, um mit ihnen bei Bier und Koschwasser zusammen zu sitzen und sich Schlachtgeschichten zu erzählen.

Baronin Najescha Grantel sah das mit Sorge, und ihr Schmerz wurde noch größer, als ihre jüngste Tochter Govena im Jahrhundertwinter an einer Lungenentzündung starb. Schließlich verzweifelte sie vollends, als ihre Tochter Gunelde eines Tages verschwand, und man munkelte, das Ding aus den Sümpfen habe sie geholt. Von Unruhe geplagt, lief die Baronin auf der Suche nach ihrem Kind ins Moor und fand dort selbst den Tod. Die einzigen Äußerungen des Barons waren von nun an wüste Flüche auf das Moor und die Dämonen. Auch sein Sohn Growin, der letzte verbliebene Spross, blieb fortan stumm. Als sein Namenspate, der Ferdoker Graf, den Knaben zu sich an den Hof holen wollte, lehnte Baron Darian dies brüsk ab und reagierte fortan gar nicht mehr auf Nachrichten aus Ferdok, gleich ob es Befehle seines Lehnsherrn waren oder Schuldforderungen der Neisbecks. Ja, er ließ gar den gräflichen Gesandten Morwald Gerling züchtigen, als dieser ihn auf dem Familiensitz Grantelweiher aufsuchte, und er drohte, künftigen Boten würde es nicht so glimpflich ergehen. Diese demütigende Tat soll johlendes Gelächter unter den Grantelweiherern ausgelöst haben – offenbarte jedoch auch den gefährlichen Gemütszustand des schicksalsgebeutelten Barons von Moorbrück.

So verwundert es nicht, dass Baron Darian seine Beherrschung vollends verlor, als das jüngste Gerücht an seine Ohren drang: Burgumil Scheffler, der langjährige und streitbare Vogt von Moorbrück, sei im Sumpf erschlagen worden. Die einen sprachen von der Rückkehr des Sumpfungeheuers, die anderen von Opfern der Magierschlachten, die aus ihren Grüften aufgestanden seien.
Entschlossen, diesem abergläubischen Geschwätz ein Ende zu bereiten, ließ Baron Darian mit hochrotem Haupt und wilden Flüchen auf den Lippen noch am Abend die Pferde satteln und ritt in Begleitung seiner Partisanengarde von Gut Grantelweiher hinein ins verfluchte Kernland.

Doch wehe... so grundlos schienen die Gerüchte nicht gewesen zu sein. Am dreizehnten Tage kehrte ein einziger Partisanengardist, der alte Sabbert, völlig verstört und halbtot zurück. Bei sich trug er eine grausige Last: den kopflosen Körper des alten Barons Darian. Erkannt wurde er alleine am Siegelring... denn der grauhaarige Wächter war zu keinem klaren Satz mehr fähig, der über den Hergang dieses schrecklichen Todes Aufschluss gab. Verzagend gab man den Partisanen schließlich in die Obhut des Boronklosters Garrensand. Der verstümmelte Leichnam wurde in der Familiengruft der Grantels beigesetzt. Die Scheckensnachricht breitete sich aus wie die Zorganpocken – von Weiler zu Weiler, von Hütte zu Hütte. Schon stand zu befürchten, dass nun auch die letzten Bauernfamilien des Landes ihre Sachen packen würden, um trotz aller Verbote und Strafen diesem unwirtlichen Ort den Rücken zu kehren. Lieber in Unfreiheit in der Ferne leben, als in einem verfluchten Land, dem selbst der Schild des Barons keinen Schutz mehr bot.
Diese Meldung, vor allem aber die Nachricht des unwürdigen Todes seines Va- sallen, erreichte freilich auch den guten Fürsten Blasius auf Burg Fürstenhort. Erschüttert rief er seine Vertrauten zusammen, um Rat zu halten. Dabei fasste er einen ebenso mutigen wie tatkräftigen Entschluss: Sechs der furchtlosesten und beharrlichsten Adelsgeschlechter des Kosch sollten jeweils einen der Ihren benennen. Diese sechs Tapferen würden vom Fürsten mit Baumaterial und jeweils 500 Dukaten ausgestattet und erhielten ein Lehen am Rande des Moorbrücker Sumpfes. Mit diesem Grundstock und der Zusicherung von zwölf Jahren Steuerfreiheit sollten sie neue Siedlungen gründen. Entschlossen müsse man diesen uralten Schandfleck unserer Provinz fortan bekämpfen und endlich wieder urbar machen. Nicht Flucht solle die Tat der Stunde sein, sondern Tapferkeit! Ein Hoch auf das ritterliche Herz unseres Fürsten!

Die Leitung und Koordination dieses Vorhabens liegt fürs erste in den Händen von Morwald Gerling, just jenes Diplomaten, der noch wenige Monde zuvor von Baron Darian vertrieben worden war. Wie es heißt, soll der kugelrunde Gesandte schon manch heikle Aufgabe für Graf Growin von Ferdok erledigt haben. Der neue Vogt von Moorbrück freue sich schon darauf, endlich wieder Ordnung unter seinen Untertanen zu verbreiten (die ihn vor kurzem noch verspotteten und aus ihrer Stadt vertrieben). Der Thron des Barons von Moorbrück bleibt bis auf weiteres vakant, zumal der Sohn des alten Herrn, Growin Grantel von Grantelweiher, erst vierzehn Jahre zählt und fortan den Rest seiner Knappenzeit bei seinem Paten Graf Growin verbringen soll.

Man darf gespannt sein, welche Methoden diese, im Wesen bisweilen sehr unterschiedlichen Neusiedler anwenden werden. Der Fürst hat ausdrücklich alle götter- und gesetzesgefälligen Methoden erlaubt – vom Schwertarm, Zwergenbeistand, Geweihtenhilfe bis zur Magie... Hauptsache der Kampf gegen den verfluchten Sumpf werde endlich begonnen. Wenn es überhaupt Erfolge gibt, werden sie nicht schnell vonstatten gehen... doch jeder kleine Schritt bei der Besiedlung, jede neue Hütte und jeder trockene Acker Land sind ein Schritt fort vom Fluch der Magierkriege. Wollen wir den Tapferen der Götter Segen und alles Glück wünschen – auf dass Moorbrück dereinst wieder erblühe wie seinerzeit das legendäre Farnhain.

Die neuen Moorbrücker Vasallen
Fürwahr illustre Familiennamen finden sich in den Reihen der Neubelehnten, die an der Seite Vogt Gerlings eine neue Zeit in den geplagten Landen anbrechen lassen - so die Götter wollen:

Edelbrecht von Borking
Reto von Tarnelfurt
Boromil vom Kargen Land
Grimm Goldmund von Koschtal
Roban Grobhand von Koschtal
Rainfried von Grimsau

Losiane Misthügel