Ankunft in Moorbrück - 16. Phex 1032 BF

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Es war noch dunkel, als Roban erwachte. Eines der Zicklein hatte sich auf seinen Arm gelegt, das unangenehme Stechen der frischen Wunden hatte ihn geweckt. Er gab dem Tier einen Klaps, dass es mit leisem Meckern von ihm abrückte, und wartete, bis sich seine Augen an die Dunkelheit im Stall gewöhnt hatten.
Dann stand er auf, stieg vorsichtig über die schlafenden Tiere hinweg und schlich an Madalein und Rainfried vorbei Richtung Tür, nicht ohne einen leicht neidischen Seitenblick auf den Grimsauer - derlei Zweisamkeit war ihm bislang stets versagt geblieben, und wenn er sich weiterhin benahm wie ein Ork ohne Manieren würde das wohl auch so bleiben. Aber man konnte schlecht von heute auf Morgen raus aus seiner Haut, also blieb nur ein kaum hörbarer Seufzer und ein weiterer guter Vorsatz.
So leise wie den Stall durchschritt Roban auch die Wohnstube. Die Luft war abgestanden, zu viele Menschen auf zu engem Raum, und es war ein Balanceakt, über sämtliche Schläfer hinweg bis zur Tür zu gelangen, erst recht, wenn man noch seine Beinkleider von einem Dachbalken angeln musste, aber auch das gelang ihm.
Die Kühle des Morgens sprang ihn regelrecht an, als er die Tür öffnete, jagte den letzten Rest Müdigkeit aus seinen Knochen und ließ ihn tief durchatmen.
„Guten Morgen, Roban - wünsche, wohl geruht zu haben!“ kam eine vertraute, aber müde klingende Stimme von der kleinen Sitzbank neben der Tür.
Reto? Was in Borons Namen tust du denn hier? Kannst du nicht schlafen?“
Reto lächelte leicht vorwurfsvoll.
„Wir haben Wache gehalten! Du warst so rasch zwischen den Ziegen verschwunden, dass man dich nicht mehr einteilen konnte, und wecken wollte dich auch niemand mehr.“
„Gewacht?“
Roban konnte ein Grinsen nicht unterdrücken.
„Schön, dann hau dich noch ein, zwei Stunden hin. Bis der Vogt erwacht, geht gewiss noch einige Zeit ins Land, der schnarcht wie eine Andergaster Baumsäge!“
Reto von Tarnelfurt nickte dankbar und erhob sich ächzend, um im Haus zu verschwinden. Als sich die Tür hinter ihm schloss, schüttelte Roban den Kopf. Wachen! So vorsichtig er auch war, Wachen hatte man sich hier wahrlich schenken können. Rumpel lebte hier vermutlich seit Jahren, und der würde bei Nacht auch keine Patrouillen ums Haus laufen, also war der Hof eine sichere Zuflucht, die man nicht extra bewachen musste. Vermutlich waren die anderen durch das Erlebte überreizt und damit übervorsichtig, aber das war besser als zu leichtsinnig, denn das konnte sie hier im Sumpf allzu rasch den Kopf kosten.
Roban ging zur Viehtränke, um sich erst einmal zu waschen. Das eisige Wasser belebte Körper und Geist, die dicke Decke diente als Trockentuch, und den Dreck von der Hose konnte man inzwischen abklopfen. Das Praiosauge schickte einen ersten rötlichen Schimmer über den Horizont, als er sich mit Schwert und Hammer aufstellte und die Muskeln lockerte. Der gestrige Tag hatte gezeigt, wie wichtig es war, in Form zu bleiben und den Waffengang zu üben, und die frühe Stunde würde ihn wohl vor unerwünschtem Publikum bewahren - so würde nur Rondra selbst sehen, wie er seine Eisen schwang.
Reto begab sich erst einmal zu Feuerstelle, leider berührte er dabei den Ritter vom Kargen Land, der kurz aufschrak.
„Verzeiht, ich will nur zur Feuerstelle“, entschuldigte sich Reto sofort, was Boromil nur mit einer unwilligen Murren beantwortete und sich wieder in seine Decke eindrehte. Vom Aufschrecken des Ritters vom Kargen Land wurde jedoch auch Erborn geweckt, und als dieser sich aufrichtete, um zu sehen, was los war, zog er einen Teil der Decke von Perainfried zu Seite, so dass dieser erwachte.
Schöner Schlamassel, dachte sich Reto, da will man was Gutes tun und reißt hier alle aus dem Schlaf. Wie hatte Roban es nur hinbekommen, hier durch zu laufen, ohne jemanden zu wecken?
Nun hatte er endlich die Feuerstelle erreicht und warf zwei bis drei Brocken trockenen Torf ins Feuer. Etwas anblasen, dann glühte das Feuer sichtlich auf. Wenigstens hatte es in der Nacht aufgehört zu regnen, man sollte also heute Aufbrechen können. Reto wärmte sich gerade die Hände am Feuer, als Perainfried zu ihm trat, noch in seine Decke gehüllt.
„Ich würde heute gerne nach ein paar stärkenden Kräutern suchen, die Gegend scheint mir geeignet. Allein ich würde gerne Erborn als Schutz an meiner Seite wissen, kommt ihr ohne uns zurecht?“
„Das wird schon hinhauen, hätte Erborn zwar gerne dabei, aber es ist mir lieber, euch gut behütet zu wissen.“
Etwas leiser fügte er hinzu: „Ich möchte euch jedoch Beide dabei haben, wenn wir Standort fünf begutachten.“
Perainfried verstand.
„Nun, wir sollten schon mal etwas Wasser erhitzen, etwas Warmes wird uns allen gut tun. Ich werde Rumpel beim Ziegenmelken zur Hand gehen, er scheint ja gerade aufzuwachen.“
Dabei deutete er auf die Kammer unter der Decke, aus der die Füße des Bewohners herausschauten, die sich nun auch schon bewegten.

Rainfried wurde durch die nasse, raue Zunge einer Ziege geweckt, die über sein Ohr schleckte, gefolgt von einem Meckern, ebenfalls sehr nahe am Ohr. Er legte seine Hand auf das Maul der Ziege und drückte sie von seinem Kopf weg. Mit einem empörten Meckern ob der zweiten Ablehnung von Zuneigung innerhalb kurzer Zeit drehte sich das junge, weißbraun gefleckte Zicklein weg.
Der Grimsauer richtete den Oberkörper auf, um sich umzusehen, konnte aber Roban nicht im Stall ausmachen. Vorsichtig, um Madalein nicht zu wecken, stand er auf, die Decke um sich gewickelt, warf noch einen Blick auf die unter ihm liegende Geweihte und verließ leise den Stall. Draußen hörte er, dass im Inneren der Kate bereits leises Treiben war. Es sah ganz danach aus, als wollte niemand allzuviel Zeit verlieren.
Als er die Tür der Kate öffnete, sah er bereits Reto, Bruder Perainfried und Erborn. Der Geweihte setzte gerade einen Kessel Wasser zum Kochen auf die Feuerstelle.
"Einen guten Morgen, in Praios' Namen."
Leise begrüßte er die bereits wachen Anwesenden.
"Habt ihr Ritter Roban gesehen? Er legte sich zur Nachtruhe im Stall, ist aber nicht mehr dort."
Reto nickte kurz.
"Er ist bereits auf. Ich habe ihn vorhin getroffen, als er sich ankleiden gehen wollte. Er wird sich wohl waschen."
"Guten Morgen."
Rumpels Stimme kam von der Deckenkammer herunter.
"Hätte einer der edlen Herren die Güte, die Leiter wieder festzuhalten?"
Mit einem Seufzen hielt Erborn die Leiter fest, und Rumpel kletterte vorsichtig nach unten.
"Vielen Dank. Hoffe, die Herren haben einigermaßen schlafen können, in meinem bescheidenen Heim."
Reto sah ihn mit sehr müden Augen an.
"Könnt ihr so nah am Sumpf eigentlich unbesorgt schlafen? Habt ihr keine Angst, dass euch wilde Tiere, Räuber oder schlimmeres in der Nacht holen könnte?"
"Ach nein, eigentlich hab ich da keine Angst. Wenn ein wildes Tier kommt, dann warnen mich meine Ziegen schon rechtzeitig. Und ich weiß mich zu verteidigen."
Reto schalt sich selber einen Narren, nicht daran gedacht zu haben, dass die Kate genügend Schutz bieten würde, und trauerte den verpassten Stunden Schlaf nach.
Der Ritter vom Kargen Land war inzwischen durch das Gerede in seiner Nähe erwacht und mischte sich ins Gespräch ein, während er seine Kleider vom Balken nahm.
"Wir sind aber kein einfaches Volk. Und eine Gruppe von Adligen bietet ein lohnenswertes Ziel für Räuber. Wenn Rumpel notgedrungen ohne Wache schläft, weiß er auch nicht, was des Nachts an seinem Heim vorüber zieht."
Bei den Worten Boromils verfinsterte sich die Mine des Ziegenhirten für einen Moment, als hätte ihn eine böse Erinnerung wieder eingeholt. Als er den fragenden Blick des Ritters bemerkte, zögerte er einen Moment und brummte dann: "Jetzt wo Ihr es sagt... vor zwei Nächten haben die Ziegen laut Alarm geschlagen, und als ich rausgegangen bin, hab ich nur die Schatten von vielen komischen Tieren durch den Wald schleichen sehen. Eins hat versucht in den Stall zu gelangen! Hab der Ranz dann das Fell gegerbt! Seitdem haben Sie sich nicht mehr blicken lassen."
"Vielleicht hätten wir heute Nacht abwechselnd wachen sollen."
Rainfried schaute den Tarnelfurter an, der ihn nun nur noch müder ansah und die Hände vor die Augen legte, und den Kopf schüttelte.
"Was meint ihr wohl, warum ich so müde bin? An Rahjas Gaben liegt es nicht, kann ich euch versichern."
Ohne ein weiteres Wort griff Rainfried zu seinen und Madaleins Kleidern, die noch zum Trocknen über einem Dachbalken hangen, und verließ mit leicht gerötetem Kopf die Kate, um sich zu waschen und im Stall umzuziehen. Rumpel half inzwischen Perainfried beim Herrichten einer kleine Frühmahlzeit.
Kurz darauf erwachte einer nach dem anderen, erhob sich, kleidete sich an und man nahm ein kurzes Frühstück ein. Etwas Gutes hatte Retos Tollpatschigkeit gehabt, sie konnten bereits zu Sonnenaufgang aufbrechen.
Auch Gerling hatte sich mittlerweile aus seiner Decke geschält - es war leicht zu sehen, dass sich die Vorfreude erneut ins Moor zu ziehen, das ihm gestern fast das Leben gekostet hatte, in engen Grenzen hielt. Roban war mit seinen Übungen beinahe fertig, als die anderen aus dem Haus traten. Er schlug noch eine schnelle Kombination mit Hammer und Schwert, die seinen imaginären Gegner nacheinander getroffen hätten, dann ließ er die Waffen kurz um die Handgelenke wirbeln und neigte sich kurz in Richtung der aufgehenden Sonne.
„Garoschem und Praios zum Gruße!“ rief er dann zu den anderen hinüber. Trotz der morgendlichen Kühle schwitzte er, und es wurde höchste Zeit, auch den Ziegengeruch loszuwerden.
„Sagt uns, Alma und Bolzer“, wandte Edelbrecht sich an die beiden Ortskundigen, als sich alle zum Aufbruch rüsteten, „wie lange werden wir von hier aus zum nächstgelegenen Standort benötigen?“
Die so Angesprochenen blieben dem jungen Edelmann jedoch zunächst eine Antwort schuldig und steckten vielmehr ihre Köpfe zusammen, um miteinander zu tuscheln. Offenbar waren sie uneins über die einzuschlagende Richtung und jeder versuchte nun den anderen von seiner Auffassung zu überzeugen, wobei ihre Gestik mit der Zeit immer hektischer wurde.
Rumpel war mit der Gesellschaft vors Haus getreten. Skeptisch betrachtete er die Führer und dann die Gesellschaft.
„Mit Travias Gesetzen scheinen es die Herrschaften ja nicht so genau zu nehmen!“
Missbilligend ging sein Blick zu den Geweihten.
„Ich bot euch Dach und Schutz, und ihr vergeltet mir es nicht mal mit eurem Woher und wohin, noch mit euren Namen! Armer Kosch, wenn das deine Zukunft ist!“
„Recht habt Ihr, Rumpel“, Roban kehrte von der kleinen Tränke zurück, die er jetzt schon zum zweiten Mal besucht hatte, stellte die anderen und sich selbst vor, wobei er sich bemühte, die Reihenfolge dem Stand entsprechend zu halten - allerdings entging ihm nicht, wie Boromil vom Kargen Land einige Mal tadelnd die Brauen hob, vermutlich hatte mal wieder daneben gehauen. Er klärte den Bauern auch über ihre Absichten auf, und man sah Rumpel an, was er von diesem Projekt und seinen Teilnehmern hielt. Vermutlich dachte er bei sich, dass die Gesellschaft wohl besser das nächste Noioniten-Kloster aufsuchen sollte statt den nächsten Siedlungsplatz.
Als die anderen sich daran machten, die Pferde für den Marsch vorzubereiten, drückte Roban Rumpel noch schnell zwei Silberstücke in die Hand.
„Für Eure vortreffliche Gastfreundschaft“, sagte er leise und grinste. Rumpel nickte und rang sich ein Lächeln ab.
„Naja, ganz so tief scheinen die Koscher Lande wohl doch noch nicht gesunken zu sein“, brummte er.
Edelbrecht verdrehte genervt die Augen. Wenn die Führer schon jetzt die Orientierung verloren hatten, konnte es ja heiter werden. Da fiel sein Blick auf Vogt Gerling, der klein und dicklich zwischen den Rittern und ihren Begleitern stand, die soeben ihre Pferde fertig gesattelt hatten. Unbemerkt von den anderen zerdrückte Morwald Gerling eine kleine Träne in seinem rechten Auge und starrte missmutig an den Himmel. Edelbrecht trat auf seinen Lehnsherrn zu.
„Hochgeboren?“ - Gerling schreckte aus seinen Gedanken hoch.
Edelbrecht verbeugte sich in bester höfischer Manier und fuhr fort: „Dürfte ich Euch wohl nach Eurem gestrigen Unglück mein Pferd antragen? Firunlieb ist ein gemütliches zuverlässiges Ross und wird Euch mit Freuden an unser Ziel bringen. Ich hingegen werde mein Möglichstes versuchen, Euch allen so schnell als möglich zu Fuß zu folgen!“
„Seid tausendfach bedankt, Herr von Borking!“ erwiderte Vogt Gerling rasch. Zwar war ihm die aufrichtige Trauer und die Skepsis, dieses Angebot ausgerechnet vom Borkinger zu erhalten, anzusehen, aber ebenso die Dankbarkeit, dass ihm so rasch und ohne jede Bitte ein Reittier angetragen wurde. Vielleicht steckte ja doch ein guter Kern im bisher so feindseligen Neusiedler. Boromil nickte Edelbrecht kurz anerkennend zu, auch wenn Edelbrecht sich seiner Beweggründe selbst nicht ganz sicher war.
„Vermutlich werden wir ohnehin bald wieder absatteln müssen“, meinte Roban, als er sein Hemd einige Male gegen die Hausecke schlug, wobei Lehmbrocken herabfielen wie welkes Laub.
„Falls es Euch nicht stört, Edelbrecht, leiste ich Euch als Fußgänger Gesellschaft. Oder wie steht es, Bolzer und Alma, eignet sich der von euch gewählte Weg besser für Pferde als der gestrige?“
Die beiden Ortskundigen tauschten einen Blick, der Bände sprach! Wirklich einig schienen sie noch immer nicht zu sein.
„Mir schwebt eine Route vor, auf der die hohen Herrschaften den größten Teil des Weges auf dem Pferderücken zurück legen können“, verkündete Alma dann so laut, dass es jeder hören konnte.
„Könnense nich!“ widersprach Bolzer sofort.
„Außerdem führt dieser Weg durch...“, schlagartig verstummte der Torfstecher, als werde ihm jetzt erst bewusst, was er gesagt hatte, „du weiß´ schon“, fügte er leiser hinzu.
Mit lauter Stimme fuhr Reto dazwischen.
„Also, wenn wir den Standort ohne Pferde erreichen können und bis zum Einbruch der Nacht wieder hier sein können, dann bin ich dafür, dass wir alle auf die Pferde verzichten. Ansonsten müssten wir ja jemanden irgendwo bei den Pferden zurücklassen, und wer sollte dies sein? Außerdem, wer weiß, ob sich das Wetter hält? Nein, ich denke ohne Pferde sind wir besser dran, das glaubst du doch auch, Bolzer, oder?“
Dieser nickte grinsend und stellte dabei seine braunen Zähne zur Schau - zufrieden, dass wenigstens einer der hohen Herrschaften aus dem gestrigen Tag gelernt hatte. Alma dagegen war offenbar wenig erfreut Bolzers Meinung bestätigt zu sehen und stand mit verschränkten Armen neben ihm.
„Um auf Eure Frage zu antworten, werter Roban - ich wäre hocherfreut, wenn Ihr mir ein wenig Gesellschaft leisten würdet“, sprach Edelbrecht den Grobhänder an. Neben Boromil vom Kargen Land schien ihm Roban einer der bodenständigsten der Gefährten zu sein und einer, mit dem Edelbrecht selbst wohl wenig Probleme bekommen würde. Auch zierte ihn weniger Standesdünkel und Stolz auf seine Bildung als so manch anderen.
„Verzeiht, wenn ich Euch nicht zustimmen kann, Ritter von Tarnelfurt“, entgegnete Edelbrecht des weiteren, noch ehe Bolzer Spatenschwingh zu Wort kam.
„Aber ich denke doch, dass es jetzt in unser aller Interesse liegt, die Besichtigung der Standorte so schnell wie möglich zu beenden, auf dass wir endlich mit dem Aufbau der Siedlungen beginnen können. Erst konnten es alle kaum erwarten und wollten sofort loslegen, unterschätzten vollkommen die vom Ding ausgehende Gefahr, und nun verbringen wir Tag auf Tag damit, durch den Sumpf zu wandern und lassen wertvolle Zeit verstreichen! Das kann nicht im Sinne der Baronie und der Grafschaft sein. Darüber hinaus wäre es meiner Meinung nach auch nicht sonderlich traviagefällig, wenn wir die Gastfreundschaft des werten Herrn hier erneut in Anspruch nehmen. Herr Rumpel hat uns nach bestem Wissen und Gewissen geholfen, und nun möge es auch gut sein. Wenn wir alle zusammenhalten, wird uns eine Übernachtung im Sumpf sicherlich nicht schaden.“
Neugierig blickte Edelbrecht in die Gesichter seiner Gefährten und versuchte aus ihren Mienen so etwas wie Zustimmung oder Ablehnung herauszulesen.
Man konnte Ärger im Blick von Reto erkennen, als dieser antwortete.
„Verzeiht, Wohlgeboren, aber wir haben ein Pferd, einen Tag und fast das Leben verloren, weil wir mit Pferden unterwegs waren und nicht wegen eures Dings! Was glaubtet ihr denn, in welcher Zeit wir mit der Erkundung fertig wären? Selbst wenn wir erst in ein paar Wochen mit der Besiedlung beginnen, was soll es schaden? Ich will die Traviagefälligkeit von Bauer Rumpel auch gar nicht abstreiten, doch hat er doch nur seinen zukünftigen Lehnsherrn ein Obdach gewährt. Wenn wir in angemessen bezahlen, bietet er uns sicher für weitere Nächte ein Obdach. Ich bin zwar der einzige, der zumindest ein Zelt mit sich führt, dennoch plane ich nicht im Moor zu nächtigen, wenn es hier eine trockene Kate hat. Sicherlich vermag uns Erborn auch etwas zu jagen oder Perainfried uns etwas anderes zu Essen zu besorgen, was Bauer Rumpels Speise sicher aufwerten würde. Ihr tut mit eurer Rede nichts, als Unruhe zu verbreiten und die einzigen brauchbaren Geländekundigen damit zu überfordern, einen Weg ins Moor für ein Halbbanner Reiter zu finden.“
Damit beendete er seine Rede und schaute herausfordernd in die Runde.
„Verzeiht, Ritter von Tarnelfurt, aber ich war es nicht der seine halbe Gefolgschaft von daheim mitgenommen hat. Wie der Ritter vom Kargen Land habe ich es nicht für nötig gefunden, die Anzahl der Mitreisenden in die Höhe zu treiben. Wenn Ihr also jetzt das Problem ansprecht, ein Halbbanner durch den Sumpf führen zu müssen, so fasst Euch bitte an Euren eigenen Gesichtserker, wen wir dafür verantwortlich machen müssen!“
Edelbrecht war zornesrot angelaufen und seine Hand hatte sich unwillkürlich um den Griff seines Langschwerts gelegt.
„Ich erinnere euch an eure Rede, wenn ihr demnächst etwas von Erborn Erjagtem esst oder euch Bruder Perainfried zusammenflickt oder aufpäppelt,“ dann wandte er sich kopfschüttelend dem Vogt zu. Vogt Gerling sah sich gefordert für Ruhe zu sorgen. Er zog eine kleine Abschrift der Siedlungskarte, die Devota mit Kohlestift gefertigt hatte, aus seiner Weste und ging damit zu Bolzer, Alma und Rumpel.
„Wo, glaubt Ihr, liegt Rumpels Kate - wo auf dieser Karte befinden wir uns gerade?“
Auch wenn die Angaben der drei nicht ganz eindeutig waren, pendelte sich die vermutliche Lage auf die Grenze zu Hammerschlag am östlichen Rand des Moores ein. Rumpel betrachtete den Plan besonders neugierig und schien sich seiner Sache am sichersten zu sein. Alma und Bolzer dagegen waren es gewohnt sich auf ihre Ortskenntnis, den Instinkt für Gefahren und den Orientierungssinn zu verlassen - im Kartenlesen waren sie offenbar nicht geübt.
„Fein, wenn dem so ist, sollten wir um das Moor herumreiten können, richtig?“
Bolzer schüttelte den Kopf.
„Ne, Herr Vogt - auch am Rand kann man nich’ immer wissen welche Gebiete sich der Sumpf geholt hat und wo es ihm gefiel, sich zurückzuziehen. Pferde und Moor ... das verträcht sich nich’!“
Der Vogt knurrte unzufrieden. Die Vorstellung, zu Fuß weiterzureisen behagte ihn gar nicht. Es musterte Alma in der Hoffnung, sie würde Bolzers Ablehnung widersprechen ... doch sie nickte widerwillig zu den Worten des Torfstechers.
„Na, großartig! Na, wie dem auch sei, es macht keinen Sinn, ein weiteres Ross zu verlieren. Eine Erfahrung wie die gestrige reicht mir! Dennoch halte ich es für wenig sinnvoll, hierher zurückzukehren, ehe wir nicht alle drei noch fehlenden Standorte besichtigt haben. Diese Kate mag sicher sein, aber sie liegt alles andere als zentral zwischen den noch offenen Siedlungsplätzen.“
Der Vogt ging kurz grübelnd hin und her - keine der möglichen Optionen schien ihm zu behagen. Schließlich hatte er offenbar einen Entschluss gefasst.
„Wir werden die Tiere hier lassen, bis wir wieder zurück sind! Das kann ein paar Tage dauern. Futter und sauberes Wasser gibt es hier - ich werde Rumpel ein paar Silberlinge hier lassen, die ihn entschädigen. Wir werden die Standorte vier bis sechs zu Fuß aufsuchen. So sind wir sicherer unterwegs und verlieren dennoch so wenig Zeit wie möglich.“
Der Vogt blickte in die Runde der Ritter, die großteils mit dieser Entscheidung zufrieden schienen.
„Stellt sich noch die Frage, ob uns Rumpel nicht begleiten sollte - er scheint sich gut auszukennen und zudem für einen Ziegenhirten recht wehrhaft zu sein. Dann könnten wir stattdessen einen anderen unserer Begleiter hier lassen, der sich für die paar Tage um unsere Rösser und seine Ziegen kümmert“, schlug Boromil vor.
Nun, der Vogt hatte entschieden, zwar nicht ganz im Sinne von Reto, aber immerhin. Nun galt es jedoch auf die geänderte Lage zu reagieren.
„Bruder Perainfried, Erborn, ihr habt es gehört. Das ändert natürlich einiges. Ich denke, ihr solltet dennoch nach Kräutern suchen und etwas Bissfestes jagen. Erborn, du wirst unserer Spur sicher folgen können, daher halten wir es wie geplant, nur, dass ihr uns zu Standort vier folgt und hoffentlich heute Abend zu uns stoßen werdet. Erborn, lass uns alles für eine Übernachtung im Freien von den Satteltaschen in unsere Rucksäcke verteilen.“
Reto wandte sich an die anderen Ritter.
„Ich denke ob der geänderten Situation bin ich in etwa einem halben Stundenglas abmarschbereit.“
Reto und Erborn gingen zu ihren Pferden, um fleißig umzupacken, dabei bewies Erborn ziemliches Geschick beim Verstauen der Zeltplanen an den Rucksäcken.
Rumpels Gesicht spiegelte seinen Zwiespalt. Einerseits zeigte eine steile Stirnfalte seine Sorge um seine Ziegen und über die Expedition im Sumpf. Andererseits leuchteten seine grüne Augen voll Dankbarkeit, mal wieder menschliche Gesellschaft zu haben.
Bruder Perainfried zeigte er eine Stelle in der Nähe, an der Kräuter wuchsen. Erborn nannte er eine Stelle, wo Enten oder auch Rebhühner zu finden seien. Dann kramte er lange in seiner Truhe und packte einen Rucksack. Zum Schluss stierte er lange hinein und mit einem Seufzen schloss er sie wieder. Dann schnappte er sich einen Streitkolben, den er hinterm Bett versteckt hatte, und wog ihn prüfend und stellte ihn schließlich zufrieden zu seinem Rucksack. Dann schnappte er sich ein paar Lederstiefel und hielt sie der Rahjageweihten Madalein hin.
„Hier, euer Gnaden! Die eignen sich besser für den Sumpf. Sie gehörten mal meiner Tochter, aber sie hat sie kaum getragen.“
Verdutzt starrte die Geweihte die Stiefel an. Gute Arbeit, und sowas konnte sich ein Moorbauer leisten?
Roban stieß Reto in die Seite, als der Ziegenbauer vor das Haus trat.
„Schau mal - ziemlich gut bewaffnet für einen Ziegenhirten!“
Reto nickte und starrte auf den Streitkolben, der wohl alt sein mochte, seinem eigenen aber verblüffend ähnelte, und der hatte einen guten Haufen Silber gekostet.
„Offenbar ist unser Gastgeber etwas mehr als nur ein Ziegenhirt!“ mutmaßte er.
Auch der Vogt wirkte leicht verwirrt, eine derartige Waffe in den Händen eines kleinen Mannes zu sehen, hakte aber nicht nach - der Moorbrücker Sumpf hatte Tücken und Gefahren, da konnte es kaum überraschen, wenn seine Bewohner sich bewaffneten.
„Gut, verlieren wir keine weitere Zeit“, drängte er zum Aufbruch, ehe noch weitere Diskussionen unter den Rittern aufflammen konnten - ihm war nicht entgangen, dass gerade der Koschtaler sich nicht unbedingt überall Freunde gemacht hatte. Offenbar hatten weder der Herr vom Kargen Land noch Rainfried von Grimsau eine hohe Meinung von dem geradliniegen und manchmal ungestümen, gar unverschämten Krieger, der jetzt mit Edelbrecht von Borking und Reto von Tarnelfurt marschierte, die Hand am Schwertgriff und den Blick stets umherschweifend, als halte er nach drohender Gefahr Ausschau.
Der strahlende Sonnenschein des Morgens ließ viele Entbehrungen des letzten Tages beinahe vergessen, und der Sumpf zeigte sich als nahezu ebene Fläche, in der die Brackwasserpfützen wie Diamanten glitzerten.
„Heute zeigt sich der Sumpf offenbar von seiner freundlichen Seite“, meinte Edelbrecht nach einer Weile. Reto nickte beifällig. Fast schon idyllisch wirkte die morgendliche Landschaft, als sei der letzte Tag nur ein böser Traum gewesen.
„Hol´s der Hanghas!“ fluchte indes Roban. „Lasst Euch bloß nicht einlullen. So friedlich dieser verfluchte Landstrich jetzt wirken mag, er ist wie ein lächelnder Drache - hinterhältig und trügerisch!“
„Ihr seid ein elender Schwarzseher, Roban“, lächelte Edelbrecht und erntete ein unwilliges Knurren.
„Möglicherweise sind die Götter uns heute hold, und wir bleiben von größerer Unbill verschont!“
„Warum also Sorgen machen - sollten wir auf Gefahren stoßen, so wird man uns gewappnet finden“, sprach der Borkinger und schlug mit der rechten Faust auf seine Brust, dass die Rüstung schepperte.
„Ich bitte Euch, erzählt doch ein wenig von Euch - mir ist sehr daran gelegen, meine Gefährten und möglichen Nachbarn näher kennenzulernen. Ihr habt in Tobrien gekämpft, wurde mir berichtet. Ist das wahr? Mir war es leider nicht gegeben, seinerzeit an der Seite der Größten der Großen zu fechten. Doch als die Capitale Gareth angegriffen wurde, bin ich mit meiner Schwertmutter Algunde von Hirschingen aufgebrochen, um für Recht und Ordnung zu streiten. Trotz all der Verwüstung ist Gareth immer noch eine großartige Stadt, findet Ihr nicht auch?“
Edelbrecht plapperte munter drauf los, nicht ohne dabei Reto von Tarnelfurt, gegen den er mittlerweile einige Vorbehalte hatte und von dem er befürchtete, dass es ihm in Bezug auf Edelbrecht ebenso erging, nicht aus den Augen zu lassen. Doch die Begeisterung über die Krone der Zivilisation, das ferne Gareth, war echt, und so hielten Reto und Roban auch die Tränen, die in seinen Augen schimmerten für aufrichtig, als er die Verwüstungen, die das Jahr des Feuers in Gareth angerichtet hatten, in den düstersten Farben beschrieb.