Zeigt sich so der Wille Rondras?

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Ausgabe Nummer 65 - Hesinde 1043 BF

Zeigt sich so der Wille Rondras?

Vom traurigen Ende des Angbarer Schwertbruders

GARETIEN, Travia 1043 BF. Der Angbarer Schwertbruder Leodan von Tandosch ist tot. Er verstarb im 61. Lebensjahr auf der Reise zum Kloster Leuenfried in der Grafschaft Reichsforst, wo er mit Invher ni Bennain zusammentreffen wollte. Die traurige Kunde erreichte uns durch einen Bericht seiner Begleiterin, der Novizin Rondrissa von Rabenfeld, den wir im Folgenden wiedergeben:

Ich konnte mein Glück kaum fassen, als mich Hochwürden Leodan als seine Fahrtknappin für den Ritt nach Leuenfried auswählte. Schließlich bin ich weder die beste Reiterin noch die gewandteste Fechterin unter den Novizen in der Halle der Kämpfer, und mein Haus bedeutet wenig in der Provinz. Hochwürden begründete seine Wahl mit keinem Wort, als er mir Plan und Ziel der Reise erklärte. Wir würden nicht den leichten Weg über Ferdok nehmen durch die ruhige Heimat, sondern bei Steinbrücken die garetische Grenze überqueren und mitten durchs Fehdeland reiten. ‚Es ist nicht der Wille der Göttin, dass ihre Diener der Gefahr ausweichen‘, sprach Hochwürden Leodan. Zudem wolle er aus der Nähe sehen, wie die Fehde geführt werde, und unterwegs predigen und die Kämpfenden an die Prinzipien der Herrin gemahnen. Im Kloster Leuenfried erwartete er einen frostigen Empfang, denn auf den Brief, mit dem er Frau Invher seinen Ritt und dessen Grund angekündigt hatte, erhielt er nur eine kurze und sachliche Bestätigung, dass man ihn erwarte.

Am frühen Morgen des 20. Travia begann unsere Fahrt. In einer kurzen Zeremonie übergab Hochwürden das Kommando über den Tempel an Bolzer von Stanniz und empfing den Segen Rondras für sein Unternehmen. Dann stiegen wir in die Sättel, ich nahm das Packpferd am Zaum und wir verließen das gerade erst erwachende Angbar durch das Garether Tor.

Wenn ich auch stolz war, Hochwürden Leodan begleiten zu dürfen, war mir doch klar, dass uns kein vergnüglicher Ausritt bevorstand. Hochwürden war still und ernst und duldete keinerlei Trödeln, sodass wir schon am früheren Nachmittag Steinbrücken erreichten. Hier machten wir Halt, denn der Baron lud uns ein, Abend und Nacht auf Schloss Flussfels zu verbringen. Im Schloss erzählte man uns von einem garetischen Ritter, der angeblich jenseits der Brücke zu warten pflegte und Adlige, die nach Garetien wollten, zum Lanzengang aufforderte. Hochwürden hieß mich am Morgen, Gestechrüstung und Lanze, die wir auf dem Packpferd mitführten, bereitzuhalten. Doch der Ritter zeigte sich nicht und wir überquerten die Grenze mit nichts als ein paar guten Worten für die Zöllner.

Der zweite Tag brachte einen scharfen Ritt, denn Hochwürden wollte noch am Abend das 60 Meilen entfernte Hirschfurt erreichen. Wo wir dort übernachten würden, wussten wir noch nicht, denn die Reichsstadt besitzt zwar manchen Tempel, aber kein Haus der Rondra. Ein Mangel, der auch der Söldnertruppe Halmbarts Hauer aufgefallen war, die vor den Mauern lagerte. Als wir vorbeiritten, luden sie uns sofort an ihre Feuer ein. Auf mich machten diese Reisigen einen eher groben, schäbigen und zwielichtigen Eindruck, doch vielleicht konnte sich Hochwürden gerade darum die Gelegenheit nicht entgehen lassen, den Willen der Herrin zu verkünden. Bis nach Mitternacht stellte er sich den Fragen der Söldner und setzte ihnen die Gebote auseinander. Ich staunte, wie dieser sonst so schweigsame Mann leutselig wurde und es vermochte, den Blickwinkel des einfachen Soldaten mit den Idealen Alverans zu versöhnen. Gewiss würde diese Gabe auch im Gespräch mit Frau Invher treffliche Dienste leisten.

Am nächsten Tag ging es zügig weiter nach Hornbach,das wir kurz vor der Dämmerung erreichten. Am Tor meldete uns die Wache, dass Kastellanin Myrria von Hirschfurten bereits von unserem Kommen erfahren habe und uns gerne auf Burg Hornbach bewirten wolle. Als Novizin war ich selbstverständlich nicht an die Herrentafel geladen und kann daher nur berichten, dass Hochwürden sich anderntags unzufrieden nicht mit der Bewirtung, aber mit dem Gesprächsverlauf zeigte. Die Dame von Hirschfurten wollte offenbar mehr über Koscher Politik reden als über die Fehde und den Glauben.

Bis zu unserer nächsten Station, Nuzell, waren es nur ein paar Stunden. Hier gab es nun endlich einen Rondratempel, auch wenn der Ort sonst vor allem von Holzmühlen und einem Perainekloster geprägt wird und nicht besonders wehrhaft wirkt. Hier hörten wir auch erstmals davon, dass feindliche Truppen – Schlunder wahrscheinlich – im Umland Verwüstungen angerichtet hätten. Die Nuzeller seien zuversichtlich, dass die Präsenz des Tempels sie vor einem solchen Schicksal bewahren könne, und erschienen häufiger als gewohnt zu Andachten und Opfern, sagte uns der hiesige Schwertbruder, als er Hochwürden Leodan bat, als Gast die Riten zu vollziehen. Sein Name ist mir leider entfallen, doch erinnere ich mich gut eines anderen Geweihten, Rodger von Cronenfurt, mit dem sich Hochwürden ein langes Streitgespräch lieferte. Rodger stammte selbst aus einem Reichsforster Haus, seine Mutter und Schwester standen zu der Zeit unter dem Banner des Grafen von Luring im Feld. Er hielt sowohl den Anlass der Fehde als auch den Schiedsspruch Frau Invhers für gerecht vor der Herrin und zeigte wenig Achtung für Leodans Idee von Vermittlung, die von Feigheit zu wenig zu unterscheiden sei. Wollte Rodger Hochwürden zu einem Duell provozieren? Leodan ließ sich darauf nicht ein, obwohl mir alle im Tempel darauf zu warten schienen. Unser Aufbruch am nächsten Morgen war frostig – sowohl die Stimmung als auch das Wetter.

Wir hofften, zum Mittag die Stadt Untergras und am Nachmittag unser Ziel Leuenfried zu erreichen, doch das Packpferd begann kurz nach Aufbruch zu lahmen und verzögerte unser Vorankommen, sodass wir unser Mittagsmahl auf freiem Feld unter einer großen Eiche verzehrten. Wir kauten still unsere Brote mit Basaltkäse, als Hochwürden plötzlich aufsprang wie eine Koschkröte vor einem Sumpfreiher. Irgend etwas hatte ihn gestochen oder gebissen, wohl ein Käfer oder eine Zecke. An seinem Handgelenk zeige sich eine kleine rote Schwellung. Hochwürden wusch sie, wickelte sich ein Tuch darum und bat mich lachend, zuhause nicht zu erzählen, wie schreckhaft er reagiert hatte.

Doch schon bald nach unserem Aufbruch fühlte sich Hochwürden zusehend schwächer, er bekam rasch Fieber und vermochte kaum noch zu sehen. Obwohl wir nur noch etwa eine Stunde von Untergras entfernt waren, beschlossen wir umzukehren nach Nuzell, weil wir uns Hilfe vom Haus der Herrin und dem Perainestift erhofften. Die Diener der Gütigen Göttin nahmen uns sofort auf und gaben uns zwei Zellen zur Nutzung. Die Hüterin der Saat selbst leitete die Liturgie, mit der Peraine um ihren Beistand angerufen wurde, und bemühte sich, der Ursache von Hochwürdens Leiden auf den Grund zu kommen. Doch außer dem besagten rötlichen Stich war nichts zu erkennen. Immerhin sank das Fieber im Verlauf der zweiten Nacht etwas. Als Hochwürden anderntags erwachte, berichtete er von einem Traum. Er war in Marano, wo ihm in den Ruinen des Klosters Mythrael begegnete und Mut zusprach. Er war überzeugt, eine Botschaft der Herrin erhalten zu haben und nach Marano reisen zu müssen, um Heilung zu finden. Das einstige Zentrum des Bunds des wahren Glaubens liegt nur etwa zwei Tagesritte von Nuzell entfernt. In seinem Zustand, beschwor die Hüterin der Saat meinen Schwertbruder, müsse er von diesem Plan dennoch dringend absehen, ja als seine Ärztin verbiete sie ihm den Ritt sogar. Diese Rede allerdings bestärkte Hochwürden Leodan nur in seinem Willen, und so brachen wir noch im Verlauf des Morgens auf wenigstens begleitet von einem Peraineakoluthen.

Es war ein entsetzliches EElebnis. Schon nach wenige Meilen war zu sehen, dass das Fieber zurückkam und Hochürdens Körper immer wieder durchschüttelte. Seine Haut war totenbleich und schweißüberströmt. Dennoch klammerte er sich im Sattel fest und hielt den Blick stramm nach vorn gerichtet. Wenn ich ihn anredete, reagierte er kaum, und wenn, dann schien er mich mit jemandem zu verwechseln. Kurz vor Mittag fiel Leodan von Tandosch unvermittelt vom Pferd und blieb reglos liegen. Zu Tode erschrocken eilte ich herbei und versuchte ihm aufzuhelfen, doch er war nicht bei Bewusstsein. Sein Kopf war blutüberströmt, sein Atem rasselnd und stoßweise. Der Minderbruder versicherte mir, das Blut ströme lediglich aus einer Platzwunde und sei kein Grund zu Besorgnis, nachdem er einen Verband angelegt hatte. Wir betteten Hochwürden in den Schatten eines massigen Findlings am Straßenrand; ich hielt seinen Kopf in meinem Schoß und wusch seine glühende Stirn mit einem nassen Tuch, während der Akoluth zurück ins nächste Bauerndorf preschte, um Hilfe zu holen. Nach etwa einer halben Stunde hörte Schwertbruder Leodan von Tandosch zu atmen auf. Die Bauern mit ihrem Heuwagen konnten nur noch seine Leiche zurück ins Haus der Rondra von Nuzell bringen. Alle im Tempel waren fürchterlich betroffen. Doch sehe ich wohl, wie sie hinter der Hand tuscheln und sich bestätigt füh- len. Kann ich es ihnen verübeln? Ein so kläglicher Tod für einen ihren glühendsten Diener! Was will uns die Herrin damit sagen? Muss also wirklich ein Blutzoll gezahlt werden in Garetien, will die Löwin ihre Hallen füllen mit den Opfern der Fehde? Morgen werden wir Hochwürdens sterbliche Reste dem Feuer übergeben, dann nehme ich die Asche mit nach Angbar, damit sie der Familie in den Nordmarken überstellt werden kann.“

Ein Leben für Rondra

Leodan von Tandosch wurde 1023 BF zum Schwertbruder des Angbarer Rondratempels ernannt, nachdem sein Vorgänger Gisbrun von Wengenholm im Kampf gegen Borbarad gefallen war. Er kam aus den Nordmarken, wo seine Mutter über die Baronie Tandosch herrschte. Leodan war der erstgeborene Sohn, doch fühlte er sich früh in den Dienst Rondras berufen, sodass er den Baronsthron seinem Bruder Irian überließ. Schwertbruder Leodan war in Angbar bekannt für seine Ruhe, ja geradezu Schweigsamkeit, aber auch für seinen eisblauen Blick, mit dem er seinen knappen Worten stets Autorität zu verleihen wusste. Er hinterlässt einen Sohn, der im Außerkosch als Ritter dient.