Welch ein Anblick!

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Ausgabe Nummer 71 - Rahja 1044 BF

Welch ein Anblick!

Angbarer Seefest endet mit Rahjawunder

ANGBAR, Rahja 1044 BF. Alle Jahre wieder reist der Rahja-Geweihte Debrek vom Bach aus Gareth nach Angbar, um das allseits beliebte Seefest zu leiten. Doch dieses Mal erreichte zu Beginn des Wonnemondes den Rat der Stadt eine traurige Kunde: Der mittlerweile fast 70-jährige Debrek habe es nur bis Steinbrücken geschafft; dort liege er krank darnieder, und es sei ausgeschlossen, dass er bis zum Tag des Festes genesen und die Reise nach Angbar schaffen werde.

Da war nun guter Rat teuer. Die einzige Geweihte der Schönen Göttin, die zu dieser Zeit in Angbar weilte, war Silvana da Galba aus dem Tempel zu Belhanka, die sich freilich nur auf der Durchreise befand. Und zwar wirklich nur auf der Durchreise, wie sie später offenherzig dem KOSCH-KURIER gestand: „Bis vor kurzem hielt ich nämlich den Kosch für einen trostlosen Landstrich, wo man Wein nur für Soßen verwendet und der Schall der Schmiedehämmer die sanften Klänge der Laute übertönt“, erklärte sie lächelnd. „Ich wollte eigentlich schnellstmöglich weiter. Ach, ich hatte ja keine Ahnung, wie sehr ich mich im Irrtum befand.“

Was war geschehen? Nachdem die Botschaft aus Steinbrücken eingetroffen war, wandte sich der Stadtrat in aller Eile an Ihro Gnaden mit der Bitte, doch dieses Jahr die Rolle der Seefestgeweihten zu übernehmen. Diesen Wunsch konnte die Lehrerin der Leidenschaft natürlich nicht abschlagen, auch wenn sie keine großen Erwartungen an das Fest hatte, wie sie erzählte.

Doch dann kam der Abend des Rahja-Neumonds, und die Götter bescherten den frommen Bürgern ein Wetter wie im Märchenbuch: Rosenrot hingen die Wolken im fernen Westen über dem Koschgebirge, im Osten zog bereits die samtblaue Nacht heran, und die ersten von Phexens Sternen begannen, am Alveranszelt zu funkeln. Der See lag glatt und schweigend da, doch von der Stadt, vom Ufer her, drang der Lärm geschäftigen Treibens und frohe Musik über die Wasser.

Nach und nach begann es auf dem See zu funkeln, von Hunderten und Aberhunderten Lichtern. Jedes Schiff, jedes Boot und jede noch so kleine Nussschale wurde zu Wasser gelassen und mit Fackeln, Laternen und bunten Lampions geschmückt, so dass der See bald wie ein Abbild des Sternenhimmels aussah. Am prächtigsten aber war die heilige Barke, welche die Seefestgeweihte hinüber nach Cellastein bringen sollte. Der Rumpf war weinrot getüncht, am Steven prangte die Figur einer schneeweißen Stute, und auf jeder Seite ragten sechs Ruder in der gleichen Farbe ins Wasser. Dieses Jahr oblag es der Zunft der Zuckerbäcker, die Mannschaft zu stellen; das versprach ein frohes Fest, gelten die Zuckerbäcker doch als lebensfroh und lustig – kein Wunder, wenn man tagein, tagaus mit süßem Backwerk und anderen Köstlichkeiten zu tun hat.

Ihre Gnaden Silvana stand am Bug, bezaubernd schön im Schein der Kerzen, mit ihrem langen, im Abendwind wehenden Haar und ihrem roten Kleid aus feinsten Stoffen, welche die Reize ihres jungen Körpers kaum zu verhüllen mochten – und es auch gar nicht sollten. Das Schönste aber war die Freude und das ungläubige Staunen, das auf dem lieblichen Gesicht lag. Das kann der Verfasser dieser Zeilen mit Fug und Recht behaupten, denn er hatte das Glück, in einem Nachen ganz in der Nähe zu sitzen und alles mit eigenen Augen zu sehen.

Und welch ein Anblick bot sich diesen Augen! Der ganze See glänzte und funkelte von den Lichtern der zahllosen Boote, welche die Barke der Göttin umringten und ihr das Geleit nach Cellastein gaben. Und vor uns lag die Insel mit ihrem Rahjatempel, der nur in dieser einen Nacht des Jahres betreten wird.*

„Das ist so schön, so wunderschön“, hörte ich die Geweihte an Bord ihres Schiffes seufzen, und überwältigt von dem Anblick sank die Belhankerin auf die Knie und sandte ein Gebet zu Ihrer Herrin. Da geschah nun etwas Sonder-, etwas Wunderbares! Aus dem Tempel am Ufer drang plötzlich ein warmes, rubinrotes Leuchten, und übers Wasser vernahm man leisen, sphärischen Gesang: „Naht euch dem Strande! Naht euch dem Lande!“ – zumindest glaube ich, diese Worte gehört zu haben, und andere Teilnehmer des Festes haben es mir später bestätigt.

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Was hernach geschah, lässt sich nicht schildern. Es war ein herrliches Fest, so rauschend, so ausgelassen, wie es keiner je zuvor erlebt hat – ausgenommen vielleicht die Ältesten und die Angroschim, die sich noch an die Zeiten Bardos und Cellas erinnern.

Erst im Morgengrauen, als der Horizont im Osten sich rosig verfärbte, wankten die letzten nach Hause, glücklich und sorgenfrei – unter ihnen auch der Verfasser dieser Zeilen.

Ihro Gnaden Silvana da Galba jedoch versprach, im nächsten Götterlauf wiederzukommen, um die Rolle der Seefestgeweihten zu übernehmen. Die Ernsteren unter den Bürgern hoben bei diesen Worten die Brauen, doch viele, viele sah ich heftig nicken, vor allem die Gesellinnen und Lehrburschen der Zuckerbäckerzunft.

  • Traditionell bleibt der oder die Festtagsgeweihte bis zum Ende des Rahja-Mondes im Tempel auf Cellastein, doch dies hatte Debrek vom Bach aufgrund seines Alters in den letzten Jahren nicht mehr getan. Die Zukunft wird zeigen, ob dem Heiligtum nun wieder eine längere Nutzung beschieden sein wird.

Karolus Linneger