Vom Räblein, das auszog ein Rabe zu werden - Traum

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Texte der Hauptreihe:
K1. Traum
Autor: Nale, Growin

Tempel unserer gütigen Etilia zu Kammhütten, Travia 1044 BF

„Räblein, es freut mich dich wiederzusehen“, begrüßte Líadáin ni Rían ihre Schülerin im Tempel erfreut, wurde dann jedoch sogleich merkwürdig ernst: „Ich spürte aber, dass dir etwas Bedeutsames auf dem Herzen liegt. Was führt dich zu mir?“

Abwartend blickte sie Marbolieb Tempeltreu an.

„Ich... ich hatte einen Traum. Einen bedeutsamen Traum. Einen, den ich noch nie zuvor hatte“, berichtete die Novizin noch immer sichtlich aufgewühlt, „Ich versuchte zu laufen, kam aber nicht von der Stelle. Aber ich konnte sehen – weit sehen – den See gen Westen, die Berge gen Westen, den Großen Fluss. Ich überschritt den Großen Fluss und begab mich unter einem blutroten Mond gen Süden. Eine Welle der Erschauderung, der Verunsicherung überkam mich. Letztendlich erreichte ich das Hohe Gebirge und überquerte es. Weiter im Süden sah ich einen großen Raben inmitten einer riesigen Metropole, vielfach größer als Angbar. Der Rabe erschien mich zu erwarten. Ich irrte durch die Gassen jener gewaltigen Stadt. Als ich den Raben schlussendlich erreichte, breitete er als Willkommen seine Schwingen aus und nahm mich unter seine Flügel.“

Ein sanftes Lächeln zierte die Wangen der Geweihten.

„Glaubt Ihr... hm... glaubt Ihr, dass die Zeit gekommen ist?“, hob die Tempeltreu verunsichert an, „Glaubt Ihr, dass es nun Zeit ist, nach... hm... Punin zu ziehen? Ich meine... ich bin doch noch... jung und... und muss noch viel lernen.“

„Ach Räblein, lernen wirst du hoffentlich dein Leben lang. Aber du hast viel erlebt in der letzten Zeit, wenn ich deine Briefe nur halbwegs richtig deute. Und glaube mir, es ist nicht ein bestimmtes Alter, welches du erreichen musst, damit Boron dich ruft. Es ist deine innere Reife und deine Erfahrung – und manchmal ruft der Herr einen auch, weil er erkennt, dass sein geweihter Diener wichtige Dinge in seinem Namen zu bewältigen hat.“

„Also denkt Ihr... dass die Zeit nun gekommen ist?“, wollte Marbolieb noch immer verunsichert wissen, „Dass ich nun nach Punin ziehen soll, um meine Weihe zu erhalten?“

„Die Antwort kennst du! Wie anders würdest du deinen Traum deuten, Räblein?“, erwiderte die Prätorin etwas schmunzelnd, weil es ihr gar allzu offensichtlich schien, „Nur ist es für mich gerade etwas schwierig, den Tempel für eine solch lange Reise zu verlassen...“

Die Novizin schaute ihre Lehrmeisterin einige Augenblick verständnislos an, ehe sie fragte, „Dass... dass heißt, dass Ihr mich nicht begleitet?“ Sie schluckte. „Aber... aber... aber das ist doch so üblich. Das ist immer so üblich und... und... und wer soll mich denn dann begleiten?“

Beschwichtigend nickte die Rían nun: „Selbstverständlich würde ich dich begleiten, Räblein, aber das müsste bis zum kommenden Frühjahr warten. Bald schon kommt der Mond des Herren und hernach wird der Winter auf dem Greifenpass einkehren. Ich könnte selbstverständlich einen der Brüder oder Schwestern hier im Tempel – oder aus Angbar – bitten... aber fast drängt sich bei mir der Gedanke, dass jene illustren Zwerge und der Ritter, mit denen du die letzten Monate umhergezogen bist, gute Begleiter wären?“ Und weil Marbolieb noch immer etwas verständnislos dreinblickte, fügte die hinzu: „Einer von ihnen ist doch ein Geweihter des Ingerimm – oder Angrosch, wie er sagen wird?“

„Ja“, seufzte die Novizin da etwas schwermütig, „Er sagt immer Angrosch, aber Angrosch ist doch auch nur ein anderes Wort für den Herrn Ingerimm, welcher einer der Zwölfe ist. Aber dennoch... dennoch bin ich betrübt darüber, dass Ihr nicht mitkommen könnt. Gerne hätte ich Euch an meiner Seite gehabt.“ Marbolieb wirkte nachdenklich und auch ein wenig traurig. „Aber... aber ich werde Euch schreiben. Ganz bestimmt. Aber einen weiteren Glaubensbruder oder eine Glaubensschwester brauche ich nicht an meiner Seite, denn... denn keiner könnte Euch ersetzten und keiner von ihnen kennt mich so gut wie Ihr es tut. Und Xuronim... Xuronim ist ohnehin unsere Stimme der Vernunft. Ein sehr vernünftiger Zwerg, auch wenn er den Herrn Ingerimm wohl immerzu Angrosch nennen wird.“ Wieder seufzte sie. „Ich muss ihn und die andere aber erst fragen. Ich meine... es ist ja nicht selbstverständlich, dass sie mich begleiten.“

„Wie gesagt; im kommenden Phexmond stünde ich dir zur Seite!“

„Aber wenn er mich doch jetzt zu sich ruft?“, warf Novizin da ein und zuckte etwas hilflos mit den Schultern.

Liadain nickte verständnisvoll, ging aber nicht weiter darauf ein, sondern sagte: „Solange du aber unterwegs sein wirst, nimm einstweilen dies mit.“ Sie überreichte Marbolieb die Figur eines kleinen, aus weißem Holz geschnitzten Raben, welchen man an einem Lederband um den Hals tragen konnte. „Wir wissen nicht, woher es kommt oder was für ein Holz es ist. Es ist alt und zeigt meiner Ansicht nach das Symbol der Heiligen sehr gut. Es möge dir Halt geben in Situationen des Zweifel.“

„Habt dank“, die Novizin nahm den Raben entgegen und betrachtete ihn einen Augenblick aufmerksam, „Ich werde ihn immer bei mir tragen und immer an Euch denken.“