Vom Räblein, das auszog ein Rabe zu werden - Bruder Bederich

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Texte der Hauptreihe:
K1. Traum
Autor: Nale

8. Travia 1044 BF

Sogleich machten wir uns nach Rottan auf, das wir noch am selben Nachmittag erreichten. Der Himmel war bedeckt. Es nieselte leicht. Ob uns die Götter damit schon eine Warnung geschickt hatten? Oh Schweigsamer, langsam beginne ich überall deine Zeichen zu sehen...

Wir kamen im „Fuchs & Hase“ unter. Xuronim nahm sich dort ein Einzelzimmer, während uns anderen ein Platz im Schlafsaal genügt. Anschließend entschieden wir uns, den Hopfentempel aufzusuchen, um dort nach den entsetzlichen Vorkommnissen zu fragen. Die Vorsteherin des Peraine-Tempels Laiga Mikail begrüßte uns freundlich. Sie erzählte uns, dass Peregrin seinen toten Freund Jasper in den Peraine-Tempel gebracht habe, bevor vor voller Angst und Furcht davongelaufen sei. Der Tote sei von Bisswunden übersät gewesen, als ob ihn viele wilde Tiere angegriffen hätten. Seine Kehle sei herausgerissen worden. Ob es ein Wolf gewesen sei? Doch schloss sie diese Vermutung kurz darauf aus, denn ein Wolf fraß seine Opfer… Bei einer kräftigen Kürbissuppe fügte sie dann noch hinzu, dass auch Schafe und Rinder angegriffen worden seien. Es seien Tiere unterschiedlicher Bauern gewesen, keines davon sei jedoch gefressen worden. Die Menschen trauten sich mittlerweile nachts nicht mehr hinaus. Weiter wusste sie noch zu berichten, dass das Blut des Toten fast gänzlich schwarz gewesen sei. Das war ungewöhnlich!

Jasper habe zu einer Gruppe Halbstarker gehört, zu der auch Elkor Zwirnwursch (Sohn wohlhabender Rinderbauern), Hesina Kelrun (Tochter des Bürgermeisters), Gosperbald Winhügler (Sohn von Rübenbauern) und Mirja Dunghanger (kleine Schwester Jaspers, seit kurzem verschwunden) gehört hätten. Zusammen hätten sich diese Gruppe immer herumgetrieben, wie es eben junge Leute tun. Ob sie sich auch in den Ruinen von Vadocia (Alt-Ferdok) oder im Badehaus herumgetrieben hatten, konnte sie freilich nicht sagen.

Nachdem wir unser Mahl beendet hatte, suchte ich zusammen mit Bram und Xuronim den Boronanger auf. Dort, so hatte uns die Prätorin mitgeteilt, sei Bruder Bederich gerade dabei, den Toten zu begraben. Die anderen machten sich in die Taverne „Rübensaft“ auf, um sich dort umzuhören.

Auf dem Weg zum Boronanger nieselte es. Erst leicht, dann zunehmend stärker. Der Wind wurde stärker. Der Himmel zog sich mehr und mehr zu. Es dämmerte bereits. Es war Bram, der zuerst die Gestalt am Boden liegen sah. Ein dunkle Gestalt. Noch bildete ich mir ein, dass es zwar Bruder Bederich sein konnte, aber dass es nicht bedeuten musste, dass er tot war. Doch er war es. Als wir den mit Eichen umsäumten Boronanger betraten und an das frische Grab, auf dem mein Glaubensbruder lag, eilten, da sahen wir es bereits: Bruder Bederich war tot. Ermordet. Seine Kehle war aufgerissen. Sein Blut war ganz dunkel, ganz so wie es die Prätorin bei dem toten Jasper beschrieben hatte. In der Hand hielt mein Glaubensbruder ein Boronsrad aus Holz. Er hatte es wohl einst als Anhänger an einer silbernen Kette getragen. Die Kette fanden wir zerrissen. Den Anhänger hatte er so fest in seiner Hand oder viel eher Faust gehalten haben, dass die Ecken ganz blutig waren. Oh Schweigsamer, was verlangst du mir nur ab? Dort lag einer meiner Glaubensbrüder! Und er war tot! Tot!

In jenem Augenblick sah Bram etwas zwischen den Bäumen huschen. Für einen kurzen Augenblick sahen auch wir es: Es war ein junger Mann, doch er war viel zu schnell für einen Menschen. Ob es ein Wolfsmensch gewesen war? Ein Besessener? Ein von den Göttern Verfluchter? Was war hier eigentlich los?

Ich sah mir Bruder Bederich genauer an. Er schien mehrere gebrochene Rippen zu haben, als habe ihn jemand kräftig gestoßen. Die Kratzer an den Armen zeugten davon, dass er sich hatte schützen wollen. Und die klaffende Wunde am Hals rührte wohl ursprünglich von einem Biss. Und zur Krönung schien etwas am frischen Grab gescharrt zu haben. War es Bruder Bederich gewesen? War es das Monster gewesen? Während Bram und Xuronim den Körper des Bestatteten freilegten, einfach weil sie kräftiger waren als ich, ging ich zu einem der nächsten Höfe und holte einen Karren. Dort erzählte man mir, dass man Mirja Dunhanger noch heute am oder auf dem Boronanger gesehen habe. Es war jene Mirja, bei der uns sie Peraine-Geweihte gesagt hatte, dass sie verschwunden sei. Was war hier los? Volbard Dunghanger begleitet mich mit einer Karre. Als wir zusammen den Boronanger erreichten, war er augenblicklich von Angst erfüllte. Als er Xuronim am Grab Jaspers sah, da war er sichtlich verwirrt. Ich erklärt ihm – und hoffe, dass du es mir verzeihen kannst, Schweigsamer – dass wir das Grab wieder verschlossen, nachdem es jemand geöffnet habe. Nachdem dieses getan war, luden wir meinen toten Glaubensbruder auf die Karre auf und brachten ihn in den Peraine-Tempel. Wir nahmen auch die Habseligkeiten des Geweihten an uns. Auf dem Weg durch das Dorf trafen wir niemanden. Es war ungewöhnlich still. Die Peraine-Geweihte hatte bereits geruht und war sichtliche erschüttert, als wir ihr vom Tod Bederichs berichteten. Sie erklärte uns, dass er am Grab gewacht habe, weil er etwas von den Göttern verfluchtes als Ursache für dessen Tod vermutetet hatte. Auch sie spüre es, erklärte sie uns, es schien ihr, als sei es mitten unter ihnen. Auch mir war nicht wohl. Ich blieb bei meinen Glaubensbruder im Tempel. Ich konnte ihn doch nicht alleine lassen! Bram und Xuronim gingen zu den anderen in die Taverne „Rübensaft“, am nächsten Morgen wollten wir uns wieder hier treffen.

Oh Schweigsamer, was für eine Prüfung hast du mir da zugedacht? Bin ich ihr denn überhaupt gewachsen? Was soll ich nur tun? Und was ist, wenn ich scheitere? Oh Herr, bitte steh mir bei! Und bitte geleite meinen Bruder sicher über das Nirgendmeer! Ich bete für ihn. Für ihn und seine Seele.