Tsatag - Nur ein Traum?

Aus KoschWiki
Zur Navigation springen Zur Suche springen


Nur ein Traum?

Blasius vom Eberstamm blinzelte. Es war ein warmer Frühlingstag. Um ihn herum waren grüne Wiesen. Fröhlich zwitscherten die Vögel. Es musste Ingerimm sein. Er stand am Anfang einer Allee aus Bäumen. Er blickte auf. Es waren Birnbäume. Im Herbst würden sie reichlich Fürstenbirnen für das einfache Volk tragen ...

„Na, das bist du ja endlich!“, hörte er eine wohlvertraute, leicht knarzige Stimme. „Mutter ...“ Blasius wollte zunächst seinen Augen nicht trauen, doch da stand Thalessia von Eberstamm-Ehrenstein-Eberstamm vor ihm, wie er sie immer gekannt hatte, mit dem strengen Blick und dem leicht verkniffenen Mund. Blasius umarmte sie herzlich. „Ja, ja, mein Junge, ist ja schon gut! Kommt, die anderen warten schon auf dich.“ Gemeinsam gingen sie nun die Allee entlang, und überall sah Blasius nach und nach vertraute Gestalten.

Als erstes grüßten ihn sein Vetter Gurvan von Eberstamm-Ehrenstein und dessen Mutter Efferdane, beide im Ornat der Praioskirche, das sie als Geweihte auswies. Doch war diesmal kein Ernst in ihrem Blick, Fröhlichkeit zeichnete ihre Gesichter.

Danach kam ein lautes Lachen. „Sei willkommen, Vetter! Was habe ich dich vermisst!“, rief Ardo, der alte Haudegen. Er wusste, wie man feierte: Fest in seinem Arm hielt er seine Frau Godelind von Luring, in dem anderen einen Krug Ferdoker Bier, so wie in alten Zeiten. Blasius musste schmunzeln.

Dann hörte er ein Kind lachen. Ein etwa sieben Götterläufe alter Knabe lief herum und erfreute sich des Lebens. Als sich Blasius näherte, blieb er stehen und blickte ihn mit großen Augen an. „Ulfried ...“, erkannte Blasius und musste vor Rührung schlucken. Dann hörte er das Geschrei eines Neugeborenen. Eine Zwergin wiegte das Kind hin und her und sprach ihm gut zu: „Ja, kleiner Holduin Hal, ist ja gut ...“ „Brimoscha Hopfinger ...“, flüsterte Blasius, als er die Amme erkannte, die sich einst auch um ihn gekümmert hatte. Nun schaute sie zu ihm auf und drehte den Kleinen zu ihm. Sobald er Blasius’ gewahr wurde, hörte er auf zu weinen und gluckste ihm stattdessen fröhlich zu.

Als er seine beiden Enkel sah, musste sich Blasius durch die Augen wischen. „Die beiden sind schon rührend, nicht wahr?“, sprach eine ihm wohlbekannte Stimme. Ein Geweihter der Hesinde schritt auf ihn zu, sanft lächelnd. „Vater ...“ „Idamil!“, platzte es aus Blasius heraus, und er konnte nicht anders, als ihn fest an sich zu drücken und in seinen Armen eine Weile zu schluchzen. Endlich lösten sie sich voneinander und Blasius schaute seinen Sohn ungläubig von Kopf bis Fuß an. Da stand er, unversehrt ... „Gehe ruhig weiter, wir haben später noch genug Zeit zu reden.“ So verblieben sie für den Moment, und staunend schritt Blasius voran.

Da stand sein Bruder Geldor von Eberstamm-Mersingen vor ihm, so wie er ihn als Marschall Weidens in Erinnerung hatte: gerüstet und mit ernstem Gesicht. Doch plötzlich wurden seine Züge weicher, und er umarmte leidenschaftlich eine Frau im Wappenrock der Löwengarde: Duretha von Mersingen, seine Gattin, für die er damals in Rekordzeit über den Greifenpass gefahren war, um ihr so schnell wie möglich wieder nahe zu sein. „Geldor“, schüttelte Blasius ungläubig den Kopf. „Bruder“, antwortete dieser ihm, die Augen fröhlich blitzend, der Blick friedlich und entspannt.

Nun sah er eine weitere gerüstete Frau, diesmal in der Uniform der Schatzgarde: Er erkannte sie als seine Nichte Firuna von Eberstamm-Weidenhag, und nicht eine Schramme war an ihrem Leib. Blasius blieb vor Staunen der Mund offen. „Ist schon gut, Onkel“, erklang eine freundliche Stimme. Das war Efferdane von Eberstamm-Mersingen, seine Lieblingsnichte! Ihre Kleidung mit dem Wappen des silbernen zweiköpfigen Wolfes auf blauem Grund war makellos und zeigte nicht einen Kratzer. Ihr Gesicht strahlte frei von allen Sorgen. Blasius liefen wieder Tränen über die Wangen... „Ist das schön, dich wiederzusehen ...“ „Es ist alles in Ordnung.“ Die Herzogin von Tobrien schmunzelte.

Blasius wurde so leicht ums Herz. Mit lange nicht dagewesener Energie schritt er voran. Jetzt sah er seinen Onkel Hlûthar, ruhig und gemütlich lächelnd, den einen Arm um seine erste Frau Verinya von Hartsteen gelegt, den anderen um seine zweite Gemahlin Travina von Auersbrück, die sich beide an ihn anschmiegten.

Bevor Blasius über die Szene nachdenken konnte, wurde er durch eine ihm wohlvertraute Stimme aus seinen Gedanken gerissen. „Liebster, endlich sehen wir uns wieder.“ Blasius konnte es nicht fassen. „Liebste!“ Strahlend nahm er die Hand seiner Frau Gunelida von Quintian-Quandt in die seine, und sie küssten sich zum ersten Mal seit so vielen Jahren. Eine gefühlte Ewigkeit hielten sie sich in den Armen. All die Müdigkeit fiel von ihm ab. „Mach dir keine Sorgen, wir haben Zeit ...“, flüsterte sie ihm zu. Sie lösten sich voneinander und lachten unbeschwert. Blasius fühlte sich wieder wie ein junger Mann. War das herrlich!

„Ho, ho, vergiss mal die anderen Gäste nicht!“, polterte es da hinter ihm. Blasius drehte sich um und erkannte seinen Schwager Bosper von Weidenhag. Der alte Haudrauf hatte schon ein Glas in der Hand und winkte ihn heran, auf dass er weitergehe. Neben ihm stand Blasius' Onkel Lithwin, das genaue Gegenteil, ruhig und ernst, ganz wie man sich einen Praiosgeweihten vorstellte. Er verbeugte sich feierlich.

Die nächste Gruppe trug das Wappen der Falkenhags. Es waren Graf Praiodan mit seiner Gattin Praiodane, einer weiteren Tante Blasius'. Und er staunte nicht schlecht, als er seinen Vetter Orsino erblickte. Doch ausgerechnet er, der so viele rauschende Feste gefeiert hatte, war nachdenklich, als ob er mit den Gedanken woanders wäre, und nickte Blasius nur kurz zu.

Am Ende der Allee war eine große Festtafel aufgebaut, und wohl alle, denen Blasius über den Weg gelaufen war, würden daran Platz finden. Drei ältere Herrschaften hatten sich bereits gesetzt und begrüßten ihn, als ob er ein kleiner Junge wäre. „Ach, das ist ja unser Blasius!“ „Gut sieht er aus.“ „Ja, er macht uns allen viel Freude!“ Es waren Anglinde vom Eberstamm und ihr Mann Alrik von Ehrenstein, die Eltern Thalessias und Blasius' Großeltern. Und die dritte Person am Tisch war Elida von Andergast, seine Großmutter väterlicherseits. Blasius spürte, wie ihm vor Freude das Herz im Leibe hüpfte.

Nun hakte sich Thalessia, die die ganze Zeit stumm an seiner Seite geblieben war, bei ihm ein und führte ihn zu einem Hügel neben der Tafel. Im Schatten einiger Bäume saß ein Mann auf einer großen Decke. Es sah nach einem gemütlichen Picknick aus, doch der Mann war edel gekleidet und trug eine Krone. Als er erkannte, wer es war, schlug Blasius die freie Hand vor den Mund, und ein weiteres Mal kamen ihm die Tränen hoch. Mit stockender Stimme sagte er leise: „Vater ...“

„Ah, mein Sohn, sei willkommen!“ Blasius war bis ins Mark erschüttert. Da war sein Vater, wie er ihn in Erinnerung hatte ... doch nicht ernst und zum Krieg gerüstet wie beim letzten Mal, als sie sich gesehen hatten, sondern im Festgewand und guter Laune. Berndrich vom Eberstamm breitete seine Arme aus, um ihn auf den freien Platz auf die Decke einzuladen. Thalessia ließ ihn derweil los. „Bevor wir zusammen an die große Tafel für die lange Feier gehen, wollte ich noch einmal mit dir reden.“ Blasius schritt zur Decke, setzte sich und starrte wie gebannt auf seinen Vater.

Ein paar Augenblicke guckte Berndrich stumm und friedlich auf seinen Sohn, dann hub er an zu sprechen. „Blasius, wir haben beide die Pflichten eines Fürsten des Kosch auf uns genommen, und länger als ich hast du auf dem Thron gesessen und die Geschicke unserer Koscher Heimat gelenkt. Ich weiß, dass du dir in deinen jungen Jahren nie sicher warst, ob du mal ein ordentlicher Herrscher werden würdest. Ich finde, du hast deine Sache sehr gut gemacht! Durch viele schwierige Zeiten hast du die Koscher geführt. Um das Land ist es gut bestellt, und auch das Haus Eberstamm ist wiedererstarkt.“ Blasius spürte, wie eine große Last von ihm abfiel. „Danke, Vater, es tut so gut, das von dir zu hören.“ Berndrich brummte zufrieden. „Nichts zu danken. Das hast du dir wohlverdient!“ Er legte eine kleine Pause ein, dann fuhr er fort. „Einen Dienst kannst du unserer Familie noch heute erweisen: Bleib doch eine Weile hier und berichte mir, was in der Zwischenzeit alles passiert ist, seit ich weg war.“ „Das will ich gerne tun, Vater!“ Und er fing an zu erzählen. Und während er früher gerne Geschichten gelauscht hatte, war er nun selbst der Erzähler.

Es gab keine Eile. Es war ein herrlicher Tag. Die Luft war frisch. Die Praiosscheibe schien milde.