Neues aus Hohentrutz - Die Gesandtschaft (2)

Aus KoschWiki
Zur Navigation springen Zur Suche springen


 Wappen Mittelreich.svg  
Fehler beim Erstellen des Vorschaubildes: Datei fehlt
   Wappen Grafschaft Ferdok.svg  
 
Fehler beim Erstellen des Vorschaubildes: Datei fehlt
 
1033 BF
Die Gesandtschaft (2)
Die Gesandtschaft (1)


Kapitel 9

Der Kurier

Inhaltliche Fortsetzung von Ritter Boromils Gespür für das Moor - Eine Magierin kommt selten allein

Im Sumpf von Moorbrück, kurz vor Sonnenuntergang, 1033

"Sind wir bald da?"
Danja Salderken kämpfte mit ihrer Selbstbeherrschung.
Sie war eine friedfertige Person, die ihrer Arbeit nachging und keiner Kreatur ein Leid wünschte, doch jetzt hatte sie das Gefühl, zur Mörderin werden zu können.
Jalosch Pilzanger war in ihren Augen kein typischer Angroscho. In den Geschichten ihrer Kindheit bestand das kleine Volk aus Schmieden, Handwerkern und Kriegern, alle mit wallendem Bart, klirrendem Kettenhemd und brummelnder Stimme.
Eine brummelnde Stimme und einen recht anständigen Bart nannte auch dieser Jalosch sein eigen. Aber er – und wohl auch seine gesamte Familie – züchtete allerlei Pilze, wie er ihr lang und breit erklärt und dabei ein erstaunliches Fachwissen präsentiert hatte. Ein Kettenhemd trug er nicht, und er machte auch nicht dein Eindruck, als würde er sich besonders gern in eines zwängen.
Als einzige Waffe trug er eine kurze Axt, die zu Danjas Erstaunen während einer Rast als Sitzgelegenheit gedient hatte, eine Idee, auf die wohl nur ein koscher Zwerg kommen konnte. Womöglich gab es noch Schwerter mit Essbesteck im Griff, oder Streitkolben mit geheimem Schnapsreservoir.
Und er war überhaupt nicht so geduldig, wie man es den Angroschim nachsagte. Wenn Thurescha eine Aufgabe anging, dann verbiss sie sich darin und ruhte nicht eher, bis die Arbeit getan war. Sie hasste es, dabei gestört zu werden, war konzentriert und sprach wenig.
Jalosch hatte sie seit ihrem Aufbruch aus Neuvaloor schon genau siebenundzwanzig Mal gefragt, wie weit es noch war. SIEBENUNDZWANZIG MAL! Danja hatte sich am Anfang noch bemüht, ihm umfassende Auskunft zu geben, über die Entfernung, die Widrigkeiten der Strecke, die spärlichen Orientierungspunkte, die das Moor bot, doch Jalosch schien einer Art Tagtraum nachzuhängen und kaum ihren Worten zu lauschen. Bisweilen blieb er stehen, pflückte eine der spärlichen Blumen ab und kreierte so einen kleinen Strauß, den er Thurescha überreichen wollte.
Und immer wieder diese Frage. Er jammerte nicht und klagte nicht, er fragte einfach, als habe er die Antwort nicht schon Dutzende Male gehört, nein, er fragte wie jemand, der es kaum erwarten konnte, sein Ziel endlich zu erreichen.
Die zwei Boronis, Liaiella und Balinor, waren zwar auch keine besonders angenehme Reisebegleitung, aber wenigstens schwiegen sie, wie es ihrem Glauben entsprach.
"Verzeiht, aber ich..."
"JA, beim Erzheiligen Argelion!" keifte Danja. "Es ist noch mindestens eine Wegstunde! Und damit nur eine Viertelstunde weniger als vor einer Viertelstunde, als Ihr das letzte Mal gefragt habt!"
Jalosch blickte sie verständnislos an, als begreife er nicht, warum sie derlei wütend war, und sofort fühlte die Maga sich peinlich berührt. Auch die zwei Boron-Diener hatten innegehalten. Balinor hob fragend die Brauen, ohne ein Wort von sich zu geben.
Danja stieß einen resignierten Seufzer aus. Jetzt gab sie sich hier mitten im Moor eine derartige Blösse vor einem wildfremden Zwerg und zwei ebenso fremden Geweihten..
Sie wollte gerade zu einer Entschuldigung ansetzen, als Jalosch plötzlich lächelte.
"Ja, richtig", erklärte er freundlich. "Aber es drängt mich eben, dieses Hohentrutz möglichst bald zu erreichen und das bezaubernde Geschöpf zu erblicken, dass dort seine Heimstatt genommen hat!"
Danjas Ärger verflog so rasch, wie er gekommen war.
"Bezauberndes Geschöpf", diese Bezeichnung mit der grummelnden, spatenschwingenden Thurescha in Einklang zu bringen, fiel ihr schwer, aber möglicherweise war der Geschmack der Zwerge anders. Falls nicht, würde Jalosch eine böse Überraschung in Hohentrutz erleben und vermutlich schon morgen früh enttäuscht wieder aufbrechen, und diese ganze Reise war umsonst. Aber zumindest die Geweihten würden ihrem Ziel so oder so näher kommen, ergo war die Reise selbst dann nicht völlig vergebens.
"Außerdem", fuhr Jalosch fort, "bedrängt mich der Verdacht, dass wir diese Wegstunde nicht vor Anbruch der Nacht werden bewältigen können! Die Xomschog steht bereits tief und in angroschgefälligem Rot", er deutete auf das Praiosauge, dass schon beinahe den Horizont berührte, "und Nebel scheint aufzusteigen. Von einer Siedlung ist nichts in Sicht, auch nicht von den Wegmarkierungen, die ihr erwähnt habt!"
Erst jetzt bemerkte Danja, dass Jalosch recht hatte. Sie hatten die Strecke nach Hohentrutz nicht geschafft, obwohl sie zügig marschiert waren und den rechten Weg nicht verfehlt hatten. Hatten sie das wirklich nicht?
In Gedanken ging sie die zurückgelegte Strecke noch einmal durch. Nein, alles richtig. Sie blickte zu Boden, grübelte nach. Dann fiel ihr Blick auf die Ursache dieses Dilemmas...
Jaloschs Beine! Es waren eigentlich ganz normale Beine, aber eben kurz, die Beine eines Zwergen eben. Und auch wenn Jalosch zügig ausschritt, so waren seine Schritte logischerweise nicht ganz so lang wie die eines Menschen. Ergo legte er in der gleichen Zeit eine geringere Distanz zurück, und da sie alle sich wohl unbewusst dem geringeren Tempo des Angroscho angepasst hatten...
"Ihr habt recht!" gestand sie etwas kleinlaut. Eine derartige Offensichtlichkeit zu übersehen...
Liaiella schien zu bemerken, wie verlegen die Maga plötzlich war.
"Wir sollten marschieren, solange wir Licht haben, und dann ein Lager aufschlagen", schlug sie leise und in ruhigem Ton vor.
"Einen wirklich geeigneten Lagerplatz gibt es hier scheinbar nicht, aber im Moor ist jeder trockene Flecken Boden wohl so gut wie der andere!"
Danja nickte, und der Pilzzüchter stieß einen tiefen Seufzer aus, vermutlich nicht wegen der unangenehmen Vorstellung einer Nacht im Sumpf, sondern eher wegen der Tatsache, das Ziel seines Sehnens heute nicht mehr zu erreichen.
Aber er widersprach nicht, klagte nicht, sondern marschierte schicksalsergeben weiter, wohl entschlossen, auch diese Hürde zu überwinden.

Als die Dunkelheit sich über das Land legte, war der Nebel bereits so dicht, dass man kaum fünfzig Schritt weit sehen konnte, und sie machten halt.
"Gibt es eigentlich wilde Tiere im Sumpf?" fragte Jalosch, während sie einen dürren Busch für ein Lagerfeuer auseinander nahmen.
"Ja", sagte Danja tonlos. "Sumpfrantzen, möglicherweise große Echsen, Riesenspringegel...ach, und Krabben von gewaltiger Größe!"
"Oh!" sagte Jalosch nur und rutschte auf seiner Axt hin und her, als erwäge er, ob die Waffe in seinen Händen nicht doch besser aufgehoben war als unter dem Hinterteil.
"Der Herr Boron wird über unseren Schlaf wachen!" versprach Liaiella, und Danja musste der frommen Zuversicht der beiden Geweihten ihren Respekt zollen. Angesichts dieser Situation derart auf göttlichen Beistand zu vertrauen, an einem Ort wie diesem, dazu gehörte schon einiges.
Sie bereiteten ein kärgliches Abendmahl aus getrockneten Pilzen, die Jalosch bei sich trug, und er nervte auch nicht weiter mit seinen Fragen, wog nur nachdenklich seinen Blumenstrauß in den Händen und starrte in die Nacht.
Plötzlich sprang er auf und deutete in den Nebel.
"Dort! Seht doch!" rief er. "Ein Zeichen Angroschs!"
Alle Köpfe fuhren herum.
Tatsächlich, undeutlich war durch den Nebel ein rötlicher Schimmer zu sehen, wie von Feuer. Die Richtung stimmte, dort etwa musste Hohentrutz liegen, und die Größe des Scheins ließ auf ein recht ansehnliches Feuer schließen, also kein Lagerfeuer oder ähnliches.
"Auf, Jalosch Pilzanger, Ihro Gnaden!" drängte sie. "Es mag kein Zeichen Angroschs sein, aber es ist das Zeichen eines Ritters, dessen Verstand ich wohl unterschätzt habe. Mit ein wenig Glück werden wir alle unser Ziel noch heute erreichen können!"

Roban starrte in den Nebel hinaus.
Er gestand es sich nicht gern ein, aber er machte sich Sorgen. Danja war nicht unerfahren, aber der Sumpf war auch nicht ohne. Erst kürzlich wäre sie fast von einer Riesenkrabbe verspeist worden, und der Namenlose allein mochte wissen, was sonst noch so durch diese götterverdammte Gegend strolchte!
"Denkt Ihr, dass die Frau Maga das Feuer überhaupt sehen kann? Bei diesem Nebel?"
Rondred Brotbäck stand neben ihm und starrte ebenfalls in die Nacht. Als "Wächter" von Hohentrutz schien er es als seine Pflicht anzusehen, ebenfalls Ausschau nach den erwarteten Wanderern zu halten. Sogar Thurescha hatte sich zu ihnen gesellt, aus welchem Grund auch immer.
"NEIN!" blaffte Roban barsch. "Ich wollte ein Feuer machen, weil es so hübsch aussieht! Geh und hol ein paar Würstchen, die wir braten können!"
Für einen Moment blickte der Einarmige ihn verständnislos an, als wisse er nicht, ob er jetzt kuschen oder lachen musste.
"Natürlich denke ich, dass sie es sehen kann!" meckerte Roban weiter. "Wenn sie schon nahe genug dran ist, wird sie das Feuer sehen und dem Schein hoffentlich folgen!" Er presste die Lippen aufeinander. "Falls sie dem Schein überhaupt noch folgen kann", setzte er dann hinzu.
"Und...wenn der Schein noch etwas anderes anlockt?" fragte Rondred vorsichtig.
"DANN HAU ICH ES TOT UND SCHMEISS ES IN DIE NÄCHSTE DRECKPFÜTZE!" brüllte Roban wütend.
"Ist mir doch scheißegal, wer das Feuer noch sieht! Ich lass keinen da draußen verrecken, nur weil ihr euch bei dem abergläubischen Geschwätz einnässt! Wer in Hohentrutz rumstänkern will, muss erst über meine Leiche steigen, kapiert? Also sabbel nicht, sondern stoch weiter!"
Rondred nickte rasch. Die Schimpftirade war deutlich und laut genug gewesen.
"Angrosch scheint mit euch zu sein", sagte Thurescha laut. "Zumindest hat er die Draxgroschna gerettet! Weiß Angrosch, warum, aber er hat sie gerettet!"
Mit dem Spatenstiel deutete sie in den Nebel hinaus, wo sich die Umrisse vierer Gestalten abzeichneten, drei große und eine kleine.
"Gelobt seien die Götter, sämtliche Alveraniare, Heilige, Schutzpatrone und was sonst hier noch den Daumen dazwischen hatte!" seufzte Roban erleichtert. "Macht das Feuer aus, den Rest führe ich sie!"

Die letzten Minuten war Danja beinahe gerannt.
Mehrfach hatte sie geglaubt, ein Platschen im Nebel zu hören, das eilige Tapsen von Pfoten, die Geräusche einer oder mehrerer Kreaturen, die hinter ihnen her waren.
Auch Jalosch hatte seine kurzen Beine fliegen lassen, so schnell er eben konnte, und trotz seines schweren Gepäcks eine beachtliche Geschwindigkeit erzielt. Sogar die Geweihten legten ein völlig unstandesgemässes Marschtempo an den Tag. Mochten sie auch ihrem dunklen Gott vertrauen, so schienen sie doch nicht gewillt, ihn durch allzu großen Leichtsinn zu reizen.
Als ihnen nach einer scheinbar ewig langen Zeit im Nebel endlich die vertraute Silhouette Robans entgegen kam, fühlte Danja eine tiefe Erleichterung und wagte es, den Schritt zu verlangsamen.
"Ihr kommt spät!" grinste der Ritter breit, doch der Magierin fehlte in den ersten Sekunden die Luft für eine passende Antwort. So beschränkte sie sich auf einen giftigen Blick und verwandte ihre Konzentration darauf, ein- und auszuatmen.
"Eine...gute Idee...das Feuer!" schnaufte sie schließlich. "Ohne seinen....Schein hätten wir...die Nacht...wohl im Moor....verbringen müssen!"
"Das konnte ich dem Moor nicht antun!" lachte Roban und blickte an ihr vorbei an zu Jalosch, der sich mit einem karierten Taschentuch den Schweiß von der Stirn tupfte und den beiden Geweihten, die ihn mit einem wortlosen Nicken grüßten. Der Ritter sprach einige Worte in der Zwergensprache, von der Danja immer noch nicht wirklich viel verstand, aber das kümmerte sie jetzt nicht, und anschließend einige ungewohnt höfliche Worte zu den Boroni, die mit einem weiteren schweigenden Nicken quittiert wurden.
Doch der Zwerg schien nichts davon zu bemerken.
Mit verklärtem Blick starrte er nach Hohentrutz hinüber, als habe er eine Erscheinung...

Die Worte, die der Großling an ihn richtete, hörte Jalosch kaum.
Zum einen rauschte ihm das Blut noch in den Ohren nach diesem elendig langen Lauf durch die Finsternis, zum anderen schälte sich aus dem Nebel eine Gestalt, die ihn alle Strapazen vergessen ließ.
Festen Schrittes nahte sie, die kräftigen Hände zu Fäusten wie Schmiedehämmer geballt, der Leib kompakt und wuchtig wie ein Block feinsten Granits, das silbern glänzende Haar zu zwei ordentlichen Zöpfen geflochten, und die ganze Erscheinung wurde von der rötlichen Glut des erlöschenden Feuers umspielt, dass Jalosch an sich halten musste, um keinen verzückten Seufzer auszustoßen.
Rasch trat er vor, um der Schönen seine Aufwartung zu machen, grüßte höflich und überreichte das Blumengebinde, dass er während des Marsches gesammelt hatte.
Thurescha nahm die Blumen etwas verwirrt entgegen und starrte dann mit immer finsterer werdendem Blick darauf.
"Was soll ich mit dem Gemüse?" knurrte sie dann ärgerlich, wandte sich ab und stapfte davon.
Jaloschs Herz machte einen kleinen Freudenhüpfer.
Wie hatte Großväterchen Grubosch, der Sohn des Mutolosch, den Jung-Zwergen stets gepredigt?
"Haltet euch fern von den Angroschax, die euch gleich bei der ersten Begegnung ihr Lächeln schenkt. Derlei Weiber sind nur darauf aus, Geschenke von euch zu bekommen. Sie nehmen euer Silber und euer Herz, doch keines davon wissen zu schätzen, und ehe ihr euch verseht, erwählen sie einen anderen Favoriten und lassen euch einfach stehen. Eine gute Frau aber ist wie ein Diamant, den Väterchen Angrosch tief im Schoß Deres verborgen hat. Wer sie gewinnen will, der muss lang arbeiten und manchen Tropfen Schweiß verlieren, und nie kann er ganz sicher sein, am Ziel seines Strebens anzulangen. Doch wenn ihr dann das Herz einer guten Angroschna gewonnen habt, dann wird sie sein wie der Diamant in eurem Leben, und euch jeden Tag mit ihrem Glanz erfreuen!"
Und so abweisend wie Thurescha gerade gewesen war, war sie eine Frau, für die man sich tüchtig würde anstrengen müssen!