Der Ruf des Friedwanger Raben 1032 BF: Teil 8

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Texte der Hauptreihe:
K1. Prolog
K2. Teil 1
K3. Teil 2
K4. Teil 3
K5. Teil 4
K6. Teil 5
K7. Teil 6
K8. Teil 7
K9. Teil 8
K10. Teil 9
K11. Teil 10
K12. Teil 11
K13. Teil 12
K14. Teil 13
K15. Teil 14
K16. Teil 15
K17. Teil 16
K18. Teil 17
K19. Teil 18
K20. Teil 19
K21. Teil 20
K22. Teil 21
K23. Teil 22
K24. Teil 23
K25. Teil 24
Autor: ?

Briefspielgeschichte der Golgariten

Markt Friedwang, Wildermark, Anfang Praios 1032 BF

Als sie die Mitte des Dorfs erreicht hatten ließ Gregorius seinen Blick schweifen. Auf den Sattelknauf gestützt wischte er sich den Schweiß von seinem kahlen Schädel, der ihm in der Mittagshitze in kleinen Rinnsalen über das Gesicht lief. Weiter vorne fuhr ein Bauer eine Karre spazieren und blickte neugierig zu ihnen herüber. Daneben erhob sich ein kleiner Hauhafen, auf dem sich ein Hahn in Position gebracht hatte. Er hielt inne. Ja, der Bauer fuhr spazieren, stellte er irritiert fest. Er fuhr mit den Augen dessen vor ihm liegenden Weg nach und stutzte. Wo wollte er nur mit dem Ding hin? Ein gellender Schrei schreckte ihn auf. Er riss den Kopf zur Seite und blickte auf. Doch ehe seine Augen den Ursprung des Lauts ergründen konnten, musste er sein Ross zügeln, das erschreckt wiehernd halb aufstieg. Im Gegensatz zum seelenruhigen Rabensteiner des Schwingeführers war sein Gaul nicht schrecksicher. Treu, stark, aber eben schreckhaft. Doch zum einen wurden den Rittern bevorzugt die Ordenseigenen Tiere zugeführt, zum anderen hatte ihm gerade diese Eigenart seines Reittieres schon mehrfach vor Schaden bewahrt. Erst als er das Tier wieder im Griff hatte, folgte sein Blick den ausgestreckten Fingern, die auf das Turmzimmer wiesen. Um sie erstarrte das Geschehen, als würde alles auf etwas warten. Tiefe Unruhe befiel ihn, und fast wäre er vorgeprescht. Er vollführte mit seinem Pferd eine enge Wende um die eigene Achse und sah Ritter Dschelefer fragend an.

Dschelefs Rappe hatte bereits zu trinken begonnen, als er dem Schrei gewahr wurde welcher aus nicht weiter Entfernung zu stammen schien. Hatte er am Ende recht behalten, herrschte auch hier Unsittsamkeit und Hader?

Auch er blickt zu dem Turmzimmer auf, erkannte aber nur eine Gestalt die dort stand. Mit einem kurzen Nicken signalisierte er Gregorius und einem weiteren Ritter sich dem Ruhestörer anzunehmen.

Golgariten.gif

Panik stand dem Armbruster ins Gesicht geschrieben, seine Augen quollen regelrecht heraus, während er irgendein billiges Medaillon mit einem Raben darauf in die Höhe hielt – und lautlos etwas schrie. Das Bild in der Kristallkugel flackerte, verlosch in grauem Flimmern. Ein durchdringendes Rauschen erklang – Stille. Am Ende lag das Artefakt wieder völlig klar und durchsichtig auf dem Stein, während Leichen-Ludeger fluchend mit der Handfläche darauf klopfte. „Es-ist-doch-nur-ein-Amulett…. Thargunitothinsakradi-verfluchtnochmal…..“ „Bei meiner Seel: Du unterschätzt eben die Macht Borons“ lachte Bishdarielon. „Selbst Al´Anfanische Ketzerei ist noch stärker als deine wurmzerfressene bleiche Herrin.“ Der schwarzberobte Magus wollte wutentbrannt wieder zum Zauberstab greifen, aber Ludwina hob die Hand. „Ich habe genug gesehen. Doch Gemach. Woher willst du wissen, das der Fremde ein Al´Anfaner ist, Bisch?“ „Weil ich viele Jahre in der Pestbeule des Südens gelebt habe und ihre mordlüsternen Blicke kenne. Ich weiß noch, wie sie sich anfühlen. Außerdem, der Rabe war gekrönt….wie bei den frevlerischen Nemekathäern üblich…“ „Soso“. Die Hexenkönigin rieb sich das warzige Kinn. „Interessant, sehr interessant. Das es auf Aventurien zwei unterschiedliche Arten von Leichen geben soll. Mal ist man also auf Al´Anfaner, mal auf Puniner Weise tot?“ Ein ebenso amüsiertes wie verächtliches Schnauben. „Nun zu Euch, Ludeger. Woher wusstet Ihr, dass im Schrothenturm ein Heckenschütze verborgen war? Und warum hat Euer Dämon verhindert, dass dieser Meuchler uns wenigstens einen der Golgariten vom Hals schafft?“ Der Schwarze blies ein Stäubchen von der Kugel, polierte sie mit dem silbergebordeten Ärmel seiner Kutte und steckte sie wieder in die Umhängetasche. „Das müsst Ihr sie schon selbst fragen. Ihr Auftrag lautete, die Reiter auf den Weg hierher nicht aus den Augen zu lassen…“ „Aus den Augen…“ Ludwina lachte, krächzend und mit den wenigen Greisenzähnen, die ihr noch geblieben waren. Trotz ihres Buckels und ihrer Runzeln war zu sehen, dass sie in der Jugend einmal sehr hübsch gewesen sein musste. „Ein Gotongi (sagt man so?) ist meines Wissens nur ein geflügeltes Auge - und eigentlich unsichtbar. Ihr solltet Befehle an die Geschöpfe der Niederhöllen sorgfältig formulieren, sehr sorgfältig….Der kleinste Fehler und…“ Sie fuhr sich mit dem langen, knochigen Finger über den Faltenhals. „Ihr habt mich unterbrochen“ sagte der Warunker gereizt. „Der Befehl lautete: Sie nicht aus den Augen zu lassen und zu verhindern, dass ihnen auf dem Weg hierher irgendein Haar gekrümmt wird.“ „Ohh….Ihr habt also doch noch Eure Liebe zur Boronkirche entdeckt.“ Ludwina kicherte, wurde aber wieder ernst. „Warum? Gerade habt Ihr uns noch gewarnt, dass sie hierher reiten wollen, um uns mit Feuer und Schwert auszurotten.“ Das Hexenvölklein im Hintergrund tuschelte aufgeregt, und auch die jungen Burschen wirkten beunruhigt. „Still, meine lieben Schwestern, still“, forderte Ludwina, mit gebieterisch ausgereckter Hand. „Nuuuun….? Erklärt Euren seltsamen Wunsch – dass unseren Todfeinden kein Leid geschieht.“ „Ihr selbst habt den da“ Ludeger deutete mit dem Stab auf den Ordensritter „auch unbedingt haben wollen, als Warunks Streiter mit ihm kurzen Prozess machen wollten. Was ich Euch jetzt noch dringlich ans Herz legen möchte…Ich wiederum brauche ein paar Opfer für das Magnum Opus…lebende Opfer…Makellose Opfer. Opfer, die noch schreien und zappeln, wenn wir sie lebendig begraben….“ Ein sinistres Lächeln über klauenbewehrte Finger hinweg. „Die Holzsärge haben wir schon gezimmert. Wir legen ihnen jeweils ein Zunderkästchen rein….dann haben sie noch ein bisschen Hoffnungsschimmer…der mit jedem Atemzug langsam ….verglimmt…. „Wie – ihr wollt in Sumuscal selbst Menschen verscharren?!“ Die Oberhexe sprang ebenso wütend wie angewidert auf, Answin flatterte in einen Baumwipfel davon. Der Magier duckte sich feige, obwohl der Rabe in einiger Entfernung über ihn hinweg gestrichen war. „Die dann natürlich auch in der Rotten Rotte der Dunklen Herrin mitmarschieren werden, seid unbesorgt…Von innen in äußerster Panik und grässlicher Todesangst zerkratzte Sargdeckel sind ein mächtiges Paraphernalium, das würden wir niemals sinnlos vergeuden…“ Der bleiche Mann zwirbelte sich das Bärtchen. Dann zupfte er sich eine Made – ja, Bishdarielon hatte richtig gesehen – eine feiste, weiße Made – die ihm aus dem Ärmel gekrochen war, von der Robe und warf sie achtlos davon. Der Leichengeruch, den er verströmte war widerwärtig. Bishdarielon langte sich an den Hals, keuchte. Lebendig begraben….? Dieser Bursche war nicht nur abgrundtief böse – er war völlig irrsinnig. „Wenn ich es mir recht überlege…den könnten wir gleich noch dazunehmen.“ Ludeger wies auf Bishdarielon. „Genug. Er steht als ein von Friedwang unter meinem Schutz, das habe ich bereits gesagt.“ Ludwina humpelte, auf ihren Besen gestützt näher, stellte sich zwischen den Adeligen und den Schwarzmagier. „Merkt Euch das, wenn Euch das geringste am Fortbestand des Bundes von Rotter Rotte und Schwarm der Schwarzen Schwestern gelegen ist. Ihr mögt Blitze schleudern können, in viele Meilen entfernte Orte blicken und von mir aus auch Tote erwecken…unsere Waffe ist die unverbrüchliche Gemeinschaft des Zirkels.“ „Natürlich, euer kaskadierter Krähenruf war unserer Sache überaus dienlich“, sagte der weißhäutige Nekromant hastig. Es klingt wie: Jetzt brauche ich euch nicht mehr, dachte Bishdarielon schaudernd. „Aber vergesst nicht“ Der Magister strich sich mit eitler Geste über den schwarz schimmernden Samt seines Gewands. „Bishdarielon von Senkenthal hat die Golgariten erst hierher geführt, und versucht, euch zu hintergehen. Und wenn Ihr ihn laufen lasst, wird er seine Gefährten warnen…todsicher…“ „Wer redet von laufen lassen…Er wird als Gast unserem Fest beiwohnen, ob er will oder nicht…dann entscheiden wir, wie wir seinen Verrat bestrafen…“ „Verrat? Ich habe niemanden verraten…“ „Du hast aber auch niemandem verraten, dass ein ganzer Trupp Ordenskrieger hier her unterwegs ist…“ Ludwina blickte ihren Verwandten streng, aber eher wie ein unartiges Kind an. „Der allerschlimmsten Sorte.“ Der Ziegenbart nickte eifrig. „Gut möglich, dass diese blindwütigen Eiferer noch einige Bannstrahler des Friedwanger Tempels…“ „Schweigt…Sumuscal. Der Heilige Steinkreis der Sumu, der einst von diesen Frevlern umgestürzt, zertrümmert und geschändet worden ist, er wird wieder erstehen, das schwöre ich beim Blut der Erdmutter. Aber nicht beim Blut meiner eigenen Verwandten. Also, was soll das mit den Golgariten, Bishdarielon? Warum hast du uns das verschwiegen?“ „Verschwiegen? Mich hat doch keiner gefragt. Außerdem…soll ich einfach tatenlos zusehen, wie ihr den Boronanger schändet?“ Ludeger seufzte schwer und drehte den Schnitter aus dem Stamm. „Ich merke schon…Das wird eine Grundsatzdebatte. Ihr entschuldigt mich nun, immer wenn ich einen Diener des endgültigen Todes sehe, erinnert er mich daran, dass ich meine Zeit nicht sinnlos vergeuden sollte…Ich denke, wir alle haben bereits genug gesehen…“ Der Schwarze verschwand, die Klinge geschultert, im Wald. Nur der süßliche Verwesungsgeruch, den er verströmte, blieb noch eine Zeitlang zurück. Und eine kleine weiße Made, die verwirrt auf dem Boden herumkroch – wo sie Bishdarielon sie mit einem Wutschrei zertrat. Er drehte sich nach der Hexenkönigin um. „Ludwina…das ist doch niemals dein Ernst…Das hat nichts mehr mit Alten Kulten zu tun, das ist Wahnsinn und Entartung. Überhaupt, warum rechtfertige ich mich hier eigentlich?“ Die Oberhexe erhob sich. „Spar dir deinen Atem. Ich habe Besseres zu tun, als mich mit doppelzüngigen Knechten des Todes über die Heiligkeit des Lebens zu unterhalten. Bis heute Abend dann…Und gebt ihm etwas Wein…er ist ja ganz verspannt…Hekata…du bürgst mir dafür, dass er nicht mirnichtsdirnichts zu seiner borongefälligen Abfallgrube zurückrennt.“ Die Tochter Satuarias scheuchte das muntere Völkchen auseinander und schritt gravitätisch davon. „Abfallgrube?“ Der Friedwanger wollte noch etwas sagen, spürte aber Katas sanfte Hand auf der Schulter. „Sei unbesorgt…es wird ein überaus milder Arrest werden und eine sanfte Strafe…“ „Milder Arrest? Sanfte Strafe? Bei meiner Treu: Ihr spielt hier mit Eurem Seelenheil!!!“ Muriel, der schnurrend um die schönen, schlanken Beine der Hexe gestrichen war, sträubte das Nackenfell. „Ruhig, mein Hübscher, ruhig. Wein ist eine gute Idee…“ Ein tiefer Blick aus sinnlich glühenden Augen. „Und heute Nacht…werden wir tanzen….tanzen…tanzen bis zum Umfallen….“ Hekata strich sich über den Hals, bis zu der Stelle, wo ihre Brüste begannen, warf neckisch ihre feuerrotes Haar über die Schulter. Sie begann zu schnurren, im Takt mit ihrem Kater, langte dem Ordensmann an die Taille. „Luda hat Recht, du bist ja ganz verspannt…“ sagte sie, mit der sanft-frivolen Stimme einer erfahrenen belhankanischen Liebesdienerin. „Du musst mehr aus dir herausgehen…“ „Natürlich bin ich verspannt…“ Bishdarielon riss sich los „Ich bin sogar sehr verspannt. Die Alte ist doch nicht mehr ganz bei Kasse…Ein Ritual der Boronfeindin…Um Untote zu erwecken…auf meinem Friedhof…das werde ich niemals zulassen.“ Er blickte sich um. Auch wenn das Tal wirklich wie ein Kerkerloch geformt war, mit seinen steilen Hängen, irgendwo musste es einen Pfad hinaus geben. „Rotwein oder Weißwein?“ Hekata strahlte ihn an. „Wir haben beides da…also auf den Roten werde ich immer ganz …wild…Da könnte ich die ganze Nacht durchtanzen…Das Feuer…die Leidenschaft…Es wird dir gefallen. Vielleicht kommt sogar ER…der Gehörnte zu uns…und erwählt sich die Schönste unter uns…das wäre wunderbar…“ Bishdarielon hörte gar nicht mehr hin, sondern lief in den Wald hinein. „Ihr seid ja alle völlig verrückt. “ „Du hast gehört, was Ludwina gesagt hat…Bleib hier…“ Kata klang streng, aber auch enttäuscht. „Du kannst eh nichts mehr ändern…Vergiss den Orden und den Friedhof einfach!“ Vergiss den Orden und den Friedhof einfach! Bishdarielon lachte auf. So wie es aussah, legte gerade ein Armbruster auf seine arglosen Gefährten an…die demnächst lebendig verscharrt werden sollten…auf dem Senkenthaler Boronanger… „He! Warte! Du kannst nicht so einfach gehen!“ „Wer sollte mich daran hindern?“ Er kletterte bereits den Steilhang hinauf, als ihn ein wirklich derber Hieb über den Rücken niederstreckte. Keuchend brach er zusammen, schlitterte zusammen mit lockerem Laub und Erde wieder zurück. Stöhnend drehte er sich um. Muriels gelbe Katzenaugen musterten ihn…bedrohlich…während ein Reißigbesen, unruhig zitternd – über ihm schwebte. Ebenfalls so bedrohlich, wie ein Haushaltswerkzeug nur sein kann. „Wenn du noch mal Dummheiten machst, wird Ratzfatz dich verprügeln das dir Hören und Sehen vergeht“, sagte Hekata streng. „Du kommst eh nicht weit, glaub mir. Der Schwarm der Schwarzen Schwestern sitzt ringsumher in den Bäumen und bewacht das Fest. Wie jedes Jahr. Sie sorgen dafür, das niemand ohne Ludwinas Erlaubnis ins Tal hinein gelangt…aber auch niemand heraus kommt…Und glaub mir…Krähen können sehr gemein sein…Die picken gleich ins Auge…“ Der Ordensknappe rappelte sich auf, wollte wieder losmarschieren – dann bekam er auch schon den Besen wie ein Knüppel zwischen die Beine geschlagen. Keuchend fiel er in den Dreck, spürte einen brennenden Schmerz im Gesicht, spuckte etwas Nadeln und Laub aus. „Ich warn dich nicht noch einmal…Eigentlich dachte ich, Golgariten wären etwas klüger…“ Bishdarielon mahlte wütend mit den Backen. Vor ihm am Hang, auf einem einzelnen Felsvorsprung, saß tatsächlich eine einzelne Krähe und musterte ihn bösartig wie die Sünde. Er versuchte sich zu beruhigen – was blieb ihm übrig? „Ich dachte, Ihr wäret klüger, bei meiner Seel. Leichen-Ludeger wird euch hintergehen…merkt Ihr das denn nicht? Er plant eine Pforte des Grauens öffnen…das ziemlich genaue Gegenteil eines Boronangers und selbst noch dieses…Sumuschal…“ „Sumuscal… Ratzfatz, lass ihn in Ruhe, ich denke, er wird jetzt nicht mehr zu fliehen versuchen…“ „Was ist das überhaupt - Sumuscal?“ „Ludwina hat es ja gesagt. Ein heiliger Steinkreis, in dem die Druiden vor Urzeiten sogar Tote ins Leben zurück gerufen haben …Ins echte Leben, glaub mir. Ein wunderbarer Ort, der die ganze Gegend hier…bis heute beeinflusst. Was glaubst du eigentlich, warum Zaberg nach der Jungen Göttin benannt ist…und der Regenbogensee Wunden und Krankheit zu heilen, ja selbst die Last des Alters zu mildern vermag? Der Eulenkuhl hier wurde erst zu unserer Zuflucht, als Sumuscal längst zerstört war, von den Eiferern der Zwölfgötter…Wie es heißt, wurde die Kuck aus dem letzten Stein geformt , der von Sumuscal übrig geblieben ist…Die Eule allein hat noch ungeheure Kräfte….Sie spendet und bewahrt das Leben. Wer heilt, hat Recht, mein Freund. Wusstest du das nicht?“ „Ach ja? Als Ludeger wegging, sah er genauso blutleer aus wie vorher…“ Hekata lachte, nahm den Besen an sich und schlug ihn Bishdarielon auf den Allerwertesten. „Der finstere Magier ist freilich ein für alle mal verloren. Hältst du Ludwina für dumm? Das solltest du nicht…Eher glaube ich, dass sie diesen bleichen Wurm Ludeger an der Nase herumführt…wie er es verdient…“ Sie wollte ihm die Hand reichen, aber er schlug sie misstrauisch aus. Bishdarielon stand aus eigener Kraft auf, wischte sich den Schmutz aus den Gewändern. „Ach ja? Was macht dich da so sicher, bei meiner Treu?“ „Ist mehr so ein Gefühl…“ „Ein Gefühl…natürlich…und wenn es dich trügt, dein Gefühl, dann marschiert eben eine Legion aus Zombies und Skeletten durch die Lande…um den Dämonen ihrer Dunklen Herrin den Weg des Verderbens zu bereiten. Boron steh uns bei! “ „Sumu steh uns bei“ sagte Hekata ernst. „Ich habe es gesehen…“ flüsterte sie dann. „Was gesehen?“ „Nun…“ Kata blickte mit Verschwörermiene um sich. Tatsächlich waren sie allein, nur in einiger Entfernung war Lachen und Becherklirren zu hören. „Ludwina hat etwas unter dem Scheiterhaufen versteckt…dem Holz fürs Lagerfeuer…Ganz tief unten drin…ich glaube, es ist ein Ei…“ „Ein Ei…na wunderbar…da haben wir ja nichts mehr zu befürchten. Was soll das werden? Will Ludwina ein Omelett backen oder was? “ „Nein, das Ei ist leer, glaube ich, zumindest schien es für seine Größe sehr leicht zu sein, und das Licht der Sonne schimmerte rotgolden hindurch. Es ist so groß wie eine Trollfaust. Könnte ein Drachenei sein.“ „Ein ausgeblasenes Drachenei…?“ Bishdarielon grinste schief. „Sei nicht albern. Vielleicht wurde das Ei aus einer zerbrochenen Schale neu zusammengesetzt, magisch. Nachdem der kleine Drache, oder was auch immer darin war, geschlüpft ist. Irgendetwas hat sie damit vor. Ludeger weiß jedenfalls nichts davon…Ich glaube, es hat mit dem Fest heute Abend zu tun. Vertrau uns. Vertrau mir. Immerhin habe ich dir heute das Leben gerettet. Ich hätte auch einfach weiterfliegen können…Aber was unsere Krähen da über dem Boronanger wollten, das hat mich schon interessiert.“ Hekata lächelte versöhnlich. „Und jetzt trinken wir erst mal einen Schluck und essen einen Happen, bevor du noch sauertöpfischer drein blickst als eh schon. Komm schon, komm, fühl dich ganz wie zu Hause, das ist trotz allem ein Festtag und ganz gewiss ein schönerer Ort als ein Boronanger…Oje, warte, du hast da einen Kratzer…Das Ratzfatz immer gleich übertreiben muss…Er ist ziemlich ungestüm für einen Besen, weißt du? Wirbelt ständig Staub auf…Ist aber auch noch nicht sehr alt…“ Bishdarielon langte sich an die tatsächlich aufgeschlagene Wange. Besser gesagt, er wollte dorthin greifen, aber Hekata kam ihm zuvor, spuckte in die Finger…und rieb den Speichel über die Schramme. Bishdarielon empfand erst leichten Ekel, aber dann fühlte es sich warm an, prickelnd …und ungeheuer belebend. Der Schmerz verschwand, der Krieger fühlte nicht einmal mehr einen Riss. Hekata drückte ihn noch einen zarten Kuss auf die einstige Wunde, damit war jede Ungemach vergessen. „Danke…“ sagte er. Die beiden gingen zurück zum „Festplatz“, ohne auf die fette, tiefschwarze Krähe zu achten, die hinter ihnen auf einem der Felsen saß und sie die ganze Zeit über nicht aus den Augen gelassen hatte. Nur Muriel fauchte den hässlichen Vogel böse an.

Ludeger starrte, einige Dutzend Schritt entfernt im Wald, in die Kristallkugel, geradewegs in die bernsteinfarbenen, kalt leuchtenden Katzenaugen und das rosafarbene, von weißen Zähnchen (ziemlich große Zähnchen!) geschmückte Maul. Die Schnurrhaare des schwarzen Katers zitterten vor Empörung. „Verzieh dich, Mistvieh!“ Der Warunker ballte die Hand zur Faust. Damit schlug er auf die Kugel, deren Bild wieder verlosch. Es war ein Graus, dass man mit diesem Ding nicht mithören konnte, was gesprochen wurde. Aber irgendetwas Außergewöhnliches hatten die beiden beredet. Etwas, was seinem Großen Plan leicht gefährlich werden konnte, das spürte er. Und am Ende hatte das rote Metzweib die Gruftassel auch noch geküsst. Lippenlesen war nicht gerade seine Stärke, aber das Wort Ei schien mehr als einmal gefallen zu sein. „Ei, ei, ich möchte wetten, dass ich noch herausfinde, was es damit auf sich hat“, kicherte er. Gut, dass er in weiser Voraussicht seine Gotongi als Krähen getarnt hatte - so dass diese im Schwarm der Festwächterinnen nicht auffielen. Auf diesen lag ja ebenfalls ein starker Zauber, somit war es unwahrscheinlich, dass die Töchter Satuarias die Aura der Niederhöllen wittern würden. Nur hätte er sich beinahe verplappert, als er Ludwina gegenüber von den Gotongis in weiblicher Form gesprochen hatte…Sie hätte es beinahe bemerkt. Die alte Hexe brauchte nicht zu wissen, dass er auch über ihre Handlungen bestens im Bilde war – zumindest, wann immer er in seine Magierkugel blickte. „Nun will ich aber einmal sehen, was gerade in Markt Friedwang geschieht…“ Er rieb über das Kristall, versuchte geistig Kontakt mit dem Fliegenden Auge am Marktplatz aufzunehmen.