Alagrimm 3: Der Funke ist erneut entfacht

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Ausgabe Nummer 38 - Notausgabe Praios 1028 BF

Der Funke ist erneut entfacht

Von der Befreiung des Flammenadlers

Aus den Aufzeichnungen der Befragung von Wilfing dem Wiesel, einem gefangenen Schergen des Räubers Jergenquell. Wir bitten die bisweilen anmaßende und unverschämte Ausdrucksweise zu entschuldigen; wir ließen sie dennoch unveränderten Wortes stehen, um der werten Leserschaft die Verdorbenheit dieses Gesellen vor Augen zu führen.

Schön, doch boshaft und gefährlich: Charissia von Salmingen © M. Lorber

Boronsschwarze Nacht war’s, als sie kam — bei Rahja, war das ein prächtiges Weib! Die Haut bleich wie Milch, die Haare kunstvoll hochgesteckt wie Zuckerguss, in ein langes rotes Kleid aus teurem Stoff gehüllt. Dass das eine Baronin war, sah selbst der dumme Geppert gleich. Wir hatten schon lange, die meisten von uns sogar noch nie, so eine schöne Adlige gesehen. Seit Jahren schon zogen wir in den entlegensten Wäldern des Finsterkamms herum — und wenn wir mal eine Menschenseele trafen, dann raubten wir sie natürlich aus. Doch selbst die ergiebigsten von unseren „Kunden“ trugen nie derart elegante Klamotten am Leib — im schäbigen Finsterkamm gibt es so was nicht. Bestenfalls mal eine Erzhändlerin.

Auch unser Hauptmann, Ulfing von Jergenquell, ist ja selber ein echter Baron, auch wenn Schurken ihm seine Baronie geklaut haben. Genau deshalb kämpfte er mit unserer Hilfe ja nun im Verborgenen um seinen Anspruch — und er hatte versprochen, dass wir, wenn er erst wieder Baron in Albumin wäre, an seinem Hof hohe Ämter inne haben und ein eigenes Haus mit Acker bekommen würden. Kein Wunder also, dass sich die Frau, Charissia von Salmingen war ihr Name, und der Baron auch gleich gekannt haben. Diese Adeligen sind ja alle irgendwie miteinander bekannt, wenn sie nicht sogar verwandt sind.

Die Fremde ging jedenfalls entschlossen auf ihn zu und begrüßte ihn mit Hochgeboren, sogar einen kleinen Knicks hat sie gemacht — gerade so, als wären sie am Garether Hof. Man konnte sehen, wie gut es ihm tat, dass sie seinen Anspruch anerkannte — denn die meisten Hofschranzen tun das ja nicht mehr. Er war schnell überzeugt, dass man ihr trauen könne und dass sie uns bei unserem Vorhaben helfen werde. Wir übrigen fragten uns zwar zunächst, wie uns eine vornehme Dame dabei von Nutzen sein konnte – nun ja, bald sollten wir es erfahren...

Wilfing das Wiesel, Scherge des Jergenquell

Es musste schnell gehen, denn die kleinen Bartmurmler durften uns nicht entdecken. In einem einzigen Tag, es mag der 24. Peraine gewesen sein, fällten wir in gutem Abstand zur Koschimer Binge Bäume und zogen sie bis vor diesen unscheinbaren Felsspalt, der wohl genauso ins Innere des Zwergenreiches führte wie das große kupferne Portal, das wir am anderen Ende des Tales sahen. Die Stämme wurden aufgestapelt — fein säuberlich in Sternenform, gerade so, wie es die Baronin Charissia verlangte. Sie war da sehr genau und streng — aber warum, das wurde uns erst klar, als sie sich nach Sonnenuntergang in die Mitte des Sternes stellte und uns befahl, die Stämme zu entzünden. Das sommertrockene Holz brannte wie Zunder, und wir schüttelten verwundert den Kopf, als wir sie dort alleine mitten in den Flammen stehen sahen. Dann rief sie plötzlich Worte in einer seltsamen Sprache — eiskalt lief es einem dabei über den Rücken, trotz der Hitze. Dann sahen wir, wie das Feuer ganz merkwürdig züngelte, als ob es lebendig geworden wäre, dann verschwand es im Spalt — ebenso wie das Lagerfeuer, das wir hinter einem Hügel entzündet hatten, und sogar die Glut aus der Pfeife vom Grimmigen Drugol. Aus der ganzen Gegend schienen die Flammen zu kommen und in dem Spalt zu verschwinden. Dann zitterte auf einmal die Erde unter unseren Füßen, und wir hörten Schreie, die wohl aus der Binge kamen. Ohne lange nachzudenken, wichen wir zurück — und bei Phex, das war das Beste, was wir tun konnten! Denn in dem Moment begann das Tor rot zu glühen, dann zersprang es in hunderttausend Funken. Wir sahen, wie Zwergenkrieger durch die Luft flogen, brennend umher rannten, von der Glut begraben wurden.

Und dann kam er — wie ein Sturm brach er aus dem Berg hervor und schwang sich in den Himmel. Uns fuhr es durch Mark und Bein, als wir das sahen, wie der Feueradler da am Nachthimmel stand — groß wie Aargiltunir, der stattlichste aller Adler und Bruder ihres Königs, Furcht einflößend, aber irgendwie auch... schön! Jedesmal aber, wenn er mit den Schwingen schlug, wehte uns ein heißer Wind entgegen, und sein Schrei — wenn man das überhaupt so nennen kann — klang wie das Fauchen einer großen Esse. Aber obwohl das Ungetüm so schrecklich war — irgendwie verließ uns die Angst, wir fassten einen wilden Mut, wie wenn man ordentlich gesoffen hat. Ich sah den Hauptmann, der dem ganzen Schauspiel ebenso entsetzt zugeschaut hatte wie wir alle. Aber dann glühten seine Augen, das war die alte Rachsucht — das hatte ich schon früher bei ihm gesehen, aber noch nie so! Nun hatte er nämlich eine unbezwingbare Waffe an seiner Seite...

Befreit aus dreitausendjähriger Gefangenschaft: Der Flammenadler Alagrimm, der letzte Scherge Pyrdacors © M. Lorber

Bonglorosch Sohn des Bongrom, Ernstlich-Geheimer Meister des Alten Tores zu Koschim

Es war schrecklich — überall schossen Flammensäulen durch die Gänge und Stollen, verbrannten alles auf ihrem Weg. Ich sah, wie sie alles verschlangen, uralte Schätze und Heiligtümer, alte Greise und junge Kinder. Sie kamen aus der Tiefe, in welche der Alagrimm gebannt war, und brachen unaufhaltsam empor bis zu den mächtigen Flügeln der Oberen Pforte, dem wehrhaften Stolz unserer Bergfreiheit. Gilmoxor, der Sohn des Bergkönigs Gilemon und dessen einziges Kind, ließ sie gerade mit einigen Gefährten schließen, als sie unter der Flammenflut zu glühen begann. Generationenaltes Kupfer zerschmolz in Augenblicken unter unermesslicher Hitze, gab dem Feueradler den Weg frei und umschloss die hinter der Pforte stehenden Recken. Wie Mahnmale stehen sie nun vor dem einstigen Tor — wie aus Metall getriebene Statuen, die jenen Moment der hilflosen Schande und des Schreckens für alle Zeiten festhalten — darunter auch Gilmoxor, der Erbe von Koschim.

Esbadosch, Hochgeweihter des Angrosch der Hallen von Koschim

Keiner unserer Vorfahren hatte wohl je erwartet, dass ER noch einmal entfesselt würde; zu sicher glaubten wir unser Geheimnis gehütet zu haben. Mancher knapp hundertjährige Jungspund hatte vielleicht sogar selbst vergessen, dass ER tief unter uns in seiner feuchten Grotte saß und nur darauf wartete entfesselt zu werden. Nun, diese Charissia, diese ruchlose Jüngerin Pyrdacors, jedenfalls wusste es nur zu genau — und mit Sicherheit war es der untote Drache Rhazzazor, der ihr das Geheimnis verriet. — Tod aller Drachenbrut!

Bergkönig Gilemon von Koschim, vom Feuer des Alagrimm geblendet. © M. Lorber

Voltan von Falkenhag, Bruder des Grafen Orsino vom Angbarer See, Magus

Die nächtlichen Sterne des 24. Peraine standen in sehr außergewöhnlicher Konstellation — sie deuteten auf eine massive Stärkung der magischen Kräfte hin. Nicht zuletzt deshalb war ich auf Exkursion, um heilende Kräuter und Alraunen in den Bergen zu suchen, als diese Entladung astraler Kraft meine Aufmerksamkeit erweckte. Wie ein Blitz erschien sie mir, und mir war klar, dass es sich um ein mächtiges Ritual handeln musste, das oben im Tal Koschims gewirkt wurde. Meine Begleiter und ich entschlossen uns rasch nachzusehen, was sich dort getan haben mochte. Als wir die Bergfreiheit nach über einem Tagesmarsch erreichten, waren die Urheber des Rituals bereits fort und hatten nichts als Grauen hinterlassen: qualmende Trümmer, gezeichnete Angroschim, viele wehrlose Opfer. Auch Rogmarok Gilemon von Koschim hatte schwerste Verwundungen davongetragen und lag sterbend auf einem Lagerplatz. Man sagte mir, er wäre bereits tot, hätte die Wucht der Hitze ihn nicht hinter einen Felsen geschleudert, so dass die Flammen ihm alleine die obere Gesichtshälfte versengten konnten. Doch das war wahrlich schlimm genug.

Ich setzte bereits zu einem heilenden Spruch an, als er selbst sprach und jegliche Magie — er nannte es Drachenwerk — mit deutlichen Worten ablehnte. So gab ich ihm nur von den gefundenen Kräutern. Diese zeigten jedoch genug Wirkung um den alten, zähen Bergkönig auch ohne magische Hilfe wieder zu Kräften kommen zu lassen. Doch gezeichnet und geblendet wird er immer bleiben.

Als ich am Tag danach die Asche eines Beschwörungskreises aus Baumstämmen entdeckte, ahnte ich erst, warum der Rogmarok meine Magie abgelehnt hatte. Die Urheber dieses Vernichtungswerkes, die verruchte Maga, der Alagrimm und ihre Schergen, waren aber bereits weiter firunwärts gezogen.