Willkommen zuhause - willkommen daheim: Roterzer Rechtsprechung

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Adlerstein, 1037

Kurz vor Mittag des nächsten Tages verkündete dumpfer Trommelschlag den Beginn des Gerichts. An den Ufern der Warna hatten sich zahlreiche Bürger eingefunden, und ein hoch aufragender Galgen ließ keinen Zweifel darüber, mit welchem Urteil man rechnete. Zudem hatten viele Leute fauliges Obst und Gemüse mitgebracht, und begleitet von Schmährufen gingen diese Wurfgeschosse wie ein bunter Hagel auf die Gefangenen nieder, als sie die letzten Schritte zurück legten.
„Erstaunlich, wie viel gammeliges Grünzeug sich in so einer Stadt findet!“ grinste Roban und zog an Girtes Zügel, als diese sich die Reste einer matschigen Rübe einverleiben wollte.
„Immerhin ist es noch zu etwas gut!“ lachte Ladislaus.
Die Verhandlung war, wie nicht anders zu erwarten, kurz. Die Familie der ermordeten Kramboldin war angereist und führte als erste die Klage gegen die Räuberbande. Auch einige Eisenhuetter Händler waren durch die Raubzüge geschädigt worden, wenngleich nur materiell.
Der Baron hörte sich die Klagen an, dann gab er den Gefangenen die Möglichkeit, sich zu verteidigen, doch keiner der Angeklagten sprach. Sie wussten um ihre Schuld, und das es sinnlos war, irgendwelche Entschuldigungen anführen zu wollen.
So verkündete Baron Grimwulf schließlich mit laut schallender Stimme, dass alle Gefangenen zum Tod am Strang verurteilt würden, begleitet von zustimmendem Gebrüll der Bürgerschaft. Dann wartete er, bis sich der Lärm gelegt hatte, und nickte der Burgmannschaft zu, die das Urteil zu vollstecken hatten. Da stürmten plötzlich zwei der Gefangenen vor und warfen sich vor dem Baron in den Staub.
„Habt Gnade, Hochgeboren!“ bettelten sie unter Tränen.
„Feige Hunde!“ fluchte Hogg. „Krepiert wenigstens erhobenen Hauptes, statt vor dem reichen Sack im Dreck zu kriechen!“
Zornesröte stieg dem Baron ins Gesicht, doch er hielt an sich.
„Will sonst noch einer der Gefangenen um Gnade bitten?“ rief er vernehmlich. Hogg spuckte aus, und auch die anderen schienen ihren Stolz als kostbarer anzusehen als ihr Leben.
„So sei es denn! Die Strafe jener beiden wird in lebenslange Zwangsarbeit umgewandelt. Ihr werdet euch darum kümmern, dass der Pass auf der Koscher Seite gangbar bleibt, Geröll und überhängende Äste beseitigen und euren Teil dazu beitragen, dass jedermann gut vorankommt. Über die anderen möge die Seelenwaage Rethon urteilen!“
Auf einen Wink zerrte man die Verurteilten zum Galgen, und die Burgmannen übten Vergeltung für ihre getöteten Kameraden. Bald schon drehten sich die leblosen Körper im Wind, und manch einer schlug das gebrochene Rad.
„Tscha, jetzt kommt zum großen Maul noch ein langer Hals“, brummte Roban und knirschte vernehmlich mit den Zähnen.
„Nach diesem leider unvermeidlichen Spektakel habe ich aber noch einen wahrhaftigen Grund des Jubels für meine treuen Untertanen“, rief der Baron über die Menge hinweg. „Neben dem Erfolg, das Räuberpack dingfest gemacht zu haben, hat uns die Jagd nach ihnen auch noch einen neuen Vasall eingebracht.“
Grimwulf winkte Ladislaus an seine Seite.
„Der Ritter Ladislaus von Wildreigen wird für seine Verdienste um unsere Baronie und seinen todesmutigen Einsatz für Recht und Gesetz mit dem vakanten Lehen Blaudorf am Blaubunten See belehnt. Daher soll er fürderhin den Namenszusatz „zum Blaubunten See“ tragen, und die unteilbaren Zwölfe mögen Ihren Segen dazu geben!“
Vor der versammelten Menge vollzog der Baron die formelle Belehnung, und der aufbrandende Jubel war noch lauter als nach dem Urteil. Ladislaus schüttelte Hände und lachte in die Menge.
„So fühlt es sich also an, nach Hause zu kommen,“ dachte er überwältigt, als er nach der formellen Verneigung nach der Belehnung in die jubelnde Menge blickte. Dabei fiel ihm ein Ehepaar auf, dessen Gesichter verschiedene, widerstreitende Gefühle offenbarten, dann gaben sie sich einen Ruck und traten vor.
„Hoher Herr, erlaubt uns, Euch zu gratulieren,“ sprach der Mann, niederknieend. Sein Weib knickste tief. Ladislaus blickte mit einem Lächeln auf sie hinab.
„Ich danke euch. Mit wem habe ich die Ehre?“
Das Ehepaar verharrte in der tiefen Verbeugung, es war wiederum der Mann, der sprach:
„Dies ist mein Weib Hammerl und ich bin der Geißsenner-Hasmut aus Blaudorf, Euer Wohlgeboren.“
Ladislaus nickte und gab ihnen ein Zeichen, aufzustehen und gab ihnen die Hand. Nach ihrem Beruf zu fragen war müßig.
„Hammerl und Hasmut, sehr erfreut.“
Der Wirt der größten Schenke am Ort trat auf ihn zu und reichte ihm einen großen Humpen Bier.
„Zum Wohle, Hoher Herr. Auf Euer neues Lehen.“
Travia mit dir,“ bedankte sich Ladislaus. Er würde noch einige Hände zu schütteln haben. Die Geißsenners wurden abgedrängt und waren alsbald in der Menge verschwunden und es war Ladislaus nicht möglich, sie wiederzufinden - was daran lag, dass die Blaudorfer nicht mehr am Warnaufer waren. Sie hatten die Heimreise angetreten, um ihr Dorf von den überraschenden Neuigkeiten in Kenntnis zu setzen.