Wiedersehen in Hohentrutz

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Lechdan, der junge Bote, erreichte Ladislaus von Wildreigen, als dieser mit seinem Gefolge in Gôrmel angekommen war, und übergab ihm die Nachricht des Roban Grobhand von Koschtal. Ladislaus las die Note, las sie noch ein zweites Mal und schmunzelte. Andächtig rollte er das Pergament auf und verstaute es in seinem Reisegepäck, dann winkte er seinen Pagen heran.
Marano, lauf und sag Sigismund Bescheid. Wir brechen auf. Macht alles bereit, ich verabschiede mich noch eben und dann treffen wir uns bei den Pferden.“
Eine Weile kam die kleine Reisegruppe gut voran. Der Weg neben dem Großen Fluß war, gerade für solch eine kleine Gruppe, in gutem Zustand. Einige Tage später ging es jedoch in die Moorbrücker Sümpfe und der Ritter und sein Gefolge saßen ab und führten die Tiere zu Fuß über den Pfad, den Lechdan ihnen geschildert hatte.
Immer wieder wurden sie aufgehalten. Um diese Jahreszeit kam es immer wieder vor, dass der Regen Wegstrecken binnen weniger Stunden unpassierbar machte, dazu kamen die Sumpfranzen, die an der kleinen Reisegruppe ebenfalls Interesse zeigten. Doch die zwei Hunde des Herrn erwiesen sich als gute Wächter und die Gruppe als zu wehrhaft für die Tiere.
Bald darauf kam Robans Siedlung in der Ferne in Sicht. Ladislaus stieß einen trillernden Pfiff aus und Marano zuckte hinter ihm zusammen und bekam von Sigismund einen aufmunternden Klaps. Diesen Pfiff hatte der Knabe seit der schwarztobrischen Grenze nicht mehr vernommen und er ging ihm durch Mark und Bein.
Nur wenige Sekunden vergingen, dann wurde der Pfiff durch einen ganz ähnlichen Laut beantwortet – ebenso laut, doch mit einer anderen, einfachen Melodie, die an einen Singvogel erinnerte. Das Lächeln auf Ladislaus´ Miene wurde noch breiter, erst recht, als sich zwischen den wenigen Gebäuden eine Gestalt zeigte, die mit raschem Schritt den Hügel hinab eilte, über einige Wassergräben setzte und der Gruppe mit ausgebreiteten Armen entgegen lief.
„Ladislaus, sämtlichen Zwölfen sei der Dank gepredigt, getrommelt und gepfiffen, dass es dich wieder wohlbehalten in die Heimat gebracht hat!“
Kaum, dass der Angesprochene aus dem Sattel geglitten war, zog Roban ihn in eine Umarmung, die ihm die Luft aus den Lungen trieb. Doch nach nur zwei Lidschlägen schob Roban den Freund von sich und musterte ihn von oben bis unten.
„Und sogar alles noch dran! Herrschaftszeiten, dass muss man in diesen Tagen erst mal schaffen. Aber was quatsch ich hier rum – stell mir deine Begleiter vor, und dann ab in die warme Stube. Diese Erbsensuppe kriecht einem unters Wams wie eiskalte Finger, da sprech ich aus Erfahrung.“
Er legte Ladislaus einen Arm um die Schultern und zog ihn mit sich, den Hügel hinauf zu den einfachen Hütten, deren Bewohner sich zaghaft ins Freie trauten, um den Besuch zu erwarten.
Ja, in der Tat, dran war noch alles – und gut dreckig vom beschwerlichen Ritt. Aber die kleine Gruppe, die nun komplett abgesessen war und um ihren Herrn herum stand, war glücklich. Die lange Reise hatte vorerst ein Ende genommen.
Ladislaus grinste seinen Freund an und gab dann durch ein Zeichen seinem Pagen ein Zeichen, näher zu treten und umfasste diesen dann um beide Schultern, eine fast schon väterliche Geste, als er ihn vor sich schob. Vor Roban stand ein drahtiger kleiner Junge von knapp sieben Jahren mit rotem Wuschelkopf.
„Vielleicht erinnerst du dich noch an den kleinen Buben, den wir in einer zerstörten Burg im Tobrischen fanden. Dies ist der kleine Bursche von damals, inzwischen ein ganzes Stück gewachsen und für sein Alter von großer Tüchtigkeit, Zähigkeit und voller Lebensfreude. Sein Name ist Marano Sirion von Ährengatter.“
Er ließ die Schultern los und Marano verbeugte sich niedlich, aber formvollendet vor Roban.
„Und dies hier, “ wies Ladislaus nun auf den weißblonden Kämpen an seiner Seite, der sich seinem Rang entsprechend vor Roban verneigte, „ist mein Waffenknecht Zsigmond Mihai Bălănuță, der von allen Sigismund Balanutz gerufen wird. Ein Bornländer. Und dies sind meine Tiere.“
Er machte eine Geste, die die Pferde, den Esel und die Hunde umfasste. Das Schlachtross war ein rappwindfarbfalber Hengst mit Äpfelung, das Gangpferd ein leuchtender Rotfuchswallach und der Esel eine rauchige Mausfalbstute mit zotteligem Fell. Die Hunde waren gestromt mit kräftigem Behang an der Halskrause und an der Rute und hatten die Farbe wilder Ziegen. Sie wirkten wie eine Mischung aus Molosser, Herdenschutzhund und Windspiel.
„Der Hengst ist Äkki, der Wallach Sjurd und die Eselin Inger. Der Rüde heißt Kolja und die Fähe Anouk. Nun kennst du meine Gefolgschaft. Stellst du mir die deine auch vor?“
„Sicher. Da hätten wir erst mal meine Dienerschaft Lindwina und Ingalf, dann noch Salwine, und...“.
Ladislaus nickte den einzelnen Leuten zu. Es waren alles Menschen von einfacher Herkunft, anspruchslos und fleissig, wie es schien. Einzig zwei Angroschim stachen ins Auge, und Ladislaus erinnerte sich noch an einige Rogolan-Vokabeln, um die beiden in ihrer Muttersprache zu begrüßen.
„Meine alte Girte kennst du ja“, fügte Roban zum Abschluss hinzu. Ladislaus stutzte.
„Girte? Bist du vermählt?“
Für eine Sekunde herrschte eine fast angespannte Stille, dann unterdrückte Roban ein prustendes Lachen.
„Mein Pferd, Ladislaus. Girte ist mein Pferd. Allerdings, diese kennst du noch nicht...die andere bekommt daheim auf Hohenbirn ihr Gnadenbrot. Aber was soll´s, die wirst du auch noch zu Gesicht bekommen. Ein stolzes Tier...beinahe schon eingebildet.“
Mit Blick auf Sigismund schien dem Ritter noch etwas einzufallen.
„Richtig, eine fehlt ja noch in unserer Siedlung. Eine Landsmännin von Euch, aus Festum. Danja Salderken, falls du dich noch an sie erinnerst. Die kleine rothaarige Maga mit den großen...“
„Roban“, rief Ladislaus in gespielter Empörung. „Halt an dich!“
„Augen, wollte ich sagen“, zwinkerte Roban. „Aber Danja weilt in Ferdok, verhökert die Kräuter, die sie im Sumpf sammelt, und wollte mit dem Hesinde-Geweihten in die Klause...oder so ähnlich!“
„Du meinst vermutlich in Klausur“, korrigierte Ladislaus. „Die Fremdworte waren schon immer einer deiner zähesten Gegner.“
„Darauf ein Ferd´! Womit wir zum Thema kommen – wir haben uns angesichts deiner Ankunft mit ordentlich Futteralien eingedeckt, so dass wir am besten gleich zu Tisch gehen. Einfach Salwine nach, die kennt den Weg!“
Die Gäste folgten der Verwalterin in Robans Kate, während der Ritter noch einen Moment stehen blieb und den Pagen Marano versonnen betrachtete. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er das Gefühl, dass die Entbehrung in Tobrien nicht vergeblich gewesen waren. Mochte es auch nur ein Knabe sein, den sie hatten retten können, er war gerettet und hatte eine Zukunft. Für einen Moment wurde ihm warm ums Herz, dann stemmte er die Hände in die Seiten und beschloss, diese gute Nachricht zünftig zu begiessen.
'Oh meine Güte,' schalt Ladislaus sich innerlich. 'Es ist gut, dass du wieder zu Hause bist, alter Knabe, dein Rogolan ist ganz schön eingerostet! Du konntest es mal vernünftig sprechen!' Es dauerte einen Moment, dann brachte er doch eine passable Begrüßung der Angroschim zu Stande.
Beim Anblick und Begrüßen des Hausstandes ging ihm durch den Kopf, wie wohl seiner bald aussehen würde. Er konnte ja nicht ewig einen Drei-Herren-Hausstand haben, jetzt, wo er wieder daheim war... Aber das hatte Zeit. Erst einmal ankommen, mit guten Freunden speisen und einen heben und der vergangenen Zeiten gedenken.
Er folgte Salwine, die beiden großen Hunde wichen nicht von seiner Seite. Sie wussten genau, dass sie hier zu Gast waren und sich zu benehmen hatten.
Sigismund führte die beiden Pferde und den Esel und dachte nach. Danja Salderken. Er war sich nicht sicher, ob er den Namen schon einmal gehört hatte. Auch wenn er inzwischen den Kontinent einmal komplett durchquert hatte, so war sein Heimatland doch groß und er konnte nicht alle kennen. Sowohl Danja als auch Salderken waren recht verbreitete Namen. Nein, so kam er nicht weiter, er musste diese Person sehen, um zu wissen, ob er sie kannte.