Vom Jäger zum Gejagten

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Kordan, der Baron zu Geistmark und Thorben, der Erbvogt Hammerschlags und koscher Wehrmeister, saßen an ihrem kleinen Lagerfeuer vor ihrem Zelt und besprachen den morgigen Fortgang der Jagd. Der Wehrmeister verspeiste währenddessen den letzten Rest Rotpüschel, die heutige Jagdbeute der Falkenjagd.
Der Geistmärker fragte: „Und morgen kommen wir also in das Gebiet dieses verschlagenen Keilers?“
Thorben nickte.
„Ja, verschlagen und kräftig. Er hat schon zwei der tobrischen Schäfer und ihre Hunde auf dem Gewissen, und ein Dritter hörte wohl schon Golgaris Schwingen rauschen. Ein wahres Prachtstück soll der Keiler sein. Die Bauern sagen, sein Fell sei schwarz wie die Nacht und seine Augen glühten wie Kohlen, aber ich denke, das ist dann wahrlich übertrieben. Aber groß und gefährlich wird er schon sein – also die richtige Beute für uns", schloß der Hammerschlager zuversichtlich.
„Und wo werden wir die Suche beginnen?“ fragte Kordan. Thorben beschrieb ihm die Stelle und welchen weiteren Weg er erstmal nehmen wollte. Die Helfer würden am Beginn zurückbleiben und das Lager herrichten.
Was eigentlich nur für Kordan Ohren bestimmt war erreichte auch die Ohren eines kleinen, drahtigen Mannes, der sich an das Lager herangeschlichen hatte und nun zufrieden seinen Rückweg antrat. Wieder bei Elwart und der Söldnerschar angekommen berichtete er, was er gehört hatte, und Elwart fragte einen Einheimischen, den er sich mit einer kleinen Summe Geldes gefügig gemacht hatte, ob er wisse, wo das sei. Der Bauernbursche nickte und versprach sie im Morgengrauen hinzuführen.
Elwart wandte sich ab und lächelte zufrieden. Morgen, so Phex ihm hold war, würde er seine Rache haben. Das seine Handlungen eher dem Gegenspieler Praios gefielen, Blakharaz, dem Herrn der Rache, ging ihm nicht auf, zu fixiert war er auf seine Genugtuung.

Das Morgengrauen war schon eine ganze Weile vergangen und die Sonne stieg stetig gen Praios, als die beiden Adeligen und die wenigen Jagdhelfer aufbrachen, um sich auf die Jagd nach dem Keiler zu begeben. Zwei Stunden nach dem Aufbruch erreichten sie auch schon die Stelle, die Thorben für das Lager vorgesehen hatte und er hieß die Helfer es an eben dieser Stelle zu errichten.
Er selbst und Kordan griffen ihre Jagdspieße und schnallten ihre Eberfänger um. An den Sätteln hatte jeder von ihnen noch sein Schwert festgemacht, Rüstung trug natürlich keiner der beiden. Sie bestiegen ihre Pferde und folgten einem kleinen Pfad in den Wald, der sie nach oben zu den Schafweiden führen würde, die der Keiler schon mehrfach heimgesucht hatte.
Der Pfad wand sich durch dichte Nadelwälder hinauf zu den Almen. Der Weg war zu Beginn noch breit genug, so daß die beiden Jäger nebeneinander reiten konnten, doch wurde der Weg zusehends schmaler. Als die beiden eine Klamm erreichten konnte die Pferde endgültig nur noch hintereinander gehen.
Wild rauschend stürzte auf der einen Seite, etwa 3-4 mannslängen unter Ihnen, ein kleiner Bach zu Tale, steil fiel der Weg hier ab. Auf der anderen Seite des Weges erhob sich der Stein etwa 2-3 mannslängen aus der Erde, gefährlich nah an der Abbruchkante von Kiefern und Fichten gesäumt. Wegen der Enge der Klamm, in die das Praiosauge nur zur Praiosstunde bis ganz hinab zum Bach schauen konnte, herrschte hier ein Zwielicht, das dem ganzen den Anschein einer anderen Welt verlieh. Friedlich, weit weg von den Sorgen des Alltags. Einen wohlmeinenden Betrachter hätte wohl auch nicht gewundert, wenn sich in einer der Nischen oder Überhänge ein Tor ins Feenreich aufgetan hätte.
„Nur gut, daß sie sich hier im Kosch befanden, wo man von derlei unschönen Dingen meist verschont blieb.“ dachte Kordan so bei sich.
Da eine Unterhaltung wegen des rauschenden Baches und dem hintereinander Reiten unmöglich war gaben sich die Adeligen ihren Gedanken hin. Thorben lenkte sein Gedanken nach Hochfeld, wo er Gislind vom Hochfeld wähnte. Wie es ihr wohl gerade ginge und ob Elwart, ob der Kunde, daß die Amme mit der kleinen Livelind zu ihm geflohen war, seine Gattin wohl zur Rede stellen würde. Thorben schauderte bei dem Gedanken. Aber Gislind war eine patente, schlagfertige Frau, ihr würde schon etwas einfallen.
Kordan, noch in Gedanken bei den Feentoren, versuchte zu ergründen, warum ihn dieser unwillkommene Gedanke angesprungen hatte. Je mehr er darüber nachdachte, desto schlimmer wurde es. Irgendwann war er wieder bei den schrecklichen Erlebnissen im Reich des Flußvaters angekommen, der sie zwar wohl gerettet hatte, als der Fels in den Großen Fluß stürzte, was aber nichts von der Schrecklichkeit des Erlebnisses nahm.
Plötzlich wurden beide unsanft aus ihren Gedanken gerissen, denn ein gutes Dutzend Schritte vor und wenige Schritte hinter ihnen krachten Bäume auf den Weg und versperrten diesen. Finstere Gestalten sprangen vor ihnen aus einer Nische in der Felswand, und Kordan konnte bei einem Blick über die Schulter sehen, daß sich hinter dem hinteren Baum eine Handvoll Kämpfer an Seilen die Wand hinunter ließ.
Der Wehrmeister, ebenso wie der Geistmärker, hatten die Situation augenblicklich erfaßt. Eine Wende war kaum möglich, obwohl die Pferde eventuell über den Baum hätten springen können, doch hätten sie dabei die Initiative völlig eingebüßt. So entschloß der Hammerschlager sich für den Weg nach vorn.
Den ersten Mann ritt er einfach nieder, schreiend wurde dieser gegen die Wand geschleudert und prallte zurück auf den Weg. Sein Schicksal wurde von den Hufen des zweiten Pferdes besiegelt, als das Schlachtroß des Geistmärker über ihn hinweg trampelte. Thorben reckte den Eberspieß vor, um den nächtsen Mann aufzuspießen. Nur schemenhaft nahm er über sich eine Bewegung wahr und riß den Spieß in die Höhe. Dem Mann, der sich hatte auf ihn werfen wollen, drang der Spieß tief in die Brust und durchbohrte die Lungen, ein Schwall Blutes ergoß sich über Pferd und Reiter. Dem Wehrmeister wurde der Spieß aus der Hand gerissen, die Hand des Todgeweihten klammerte sich wie eine Klaue an seine Schulter, und ob des Schwunges riß ihn der Fallende vom Pferd. Der Dolch, der dem Mund des Mannes entglitten war, als der Spieß ihn traf, verletzte Onyx, das Roß des Wehrmeisters, an der Hinterhand, so daß es durchging. Schnell rappelte sich der Hammerschlager auf. Als der Geistmärker neben ihm war, ergriff er Kordans ausgestreckten Arm und schwang sich hinter diesem in den Sattel.
Schon waren die Finsterlinge heran, und Kordan fällte den Nächsten mit dem Eberspieß. Plötzlich bäumte sich das Pferd des Geistmärkers auf, in die Hinterhand und den Rücken getroffen von zwei Armbrustbolzen. Der Stich der Hellebarde, der Kordan gegolten hatte, drang in die Brust des Tieres ein. Mit einem lauten Wiehern brach das Tier zusammen und riß einen Söldner und seine beiden Reiter mit sich über den Rand des Weges in die Tiefe.
Durch wenige Sträucher gebremst schlugen die Vier neben und im Bach auf. Der Bach färbte sich rot vom Blut der Menschen und Tiere. Über das Rauschen des Baches erhob sich ein Triumphgeheul. Die Söldner sahen in die Tiefe und freuten sich, denn diesen Sturz konnten die beiden Adeligen nicht überlebt haben. Der Geistmärker lag neben dem Hals des Pferdes auf der Seite, sein linker Arm in einer unnatürlichen Haltung, daß linke Bein unter dem Pferdekörper, der Hammerschlager lag auf dem Bauch, Blut überströmt, die Kleider zerfetzt. Ihr Kamerad lag mit dem Gesicht im Wasser, die Spitze des Eberfängers stackte aus seinem Rücken. Alle lagen still, nichts rührte sich.
Alle beglückwünschten sich zu diesem fabelhaften Hinterhalt und dem relativ glimpflichen Ausgang für sie alle. Drei Tote nur, das war zu verschmerzen und erhöhte den Anteil eines jeden anderen. Plötzlich verstummten die Söldner, denn Elwart vom Hochfeld, gefolgt von Geron, war zwischen sie getreten. Die finstere Miene des Junkers, die er aufgesetzt hatte, weil Thorben ihm nicht vor die Füße gelegt worden war, hellte sich auf, als er sah, wie die beiden Adeligen am Grunde der Klamm lagen.
„So, Du jämmerlicher Bastard, jetzt hast Du bekommen, was Du verdienst. Leider nicht von meiner Hand, aber immerhin so, wie ich es wollte“, sagte er mehr zu sich selbst. Und auf dem Gesicht des Junkers machte sich ein Lächeln breit, das Umschlug in ein lautes, fast hysterisches Lachen. Durch den bleiernen Nebel der Bewußtlosigkeit, drang dieses Lachen sogar bis in Kordans Geist und der Baron schlug – wegen des spärlichen Lichtes für die auf dem Weg unsichtbar – kurz die Augen auf. Just in diesem Moment warf der Herre Praios durch die Wipfel der Bäume einen Lichtstrahl auf den Weg und Kordan sah das Gesicht des Lachenden und den ihm seit dem Zwischenfall am Schlagbaum in Hammerschlag gut vertrauten Wappenrock des Hauptmanns daneben.
„Der vermaledeite Hochfeld…“. dachte Kordan. Schließlich hörte er ein starkes Rauschen.
„Waren das die Schwingen Golgaris. Würde Golgari ihn jetzt aufnehmen und über das Nirgendmeer tragen?“
Mit diesem Gedanken glitt Kordan hinüber in tiefe Dunkelheit.