Unter Schurken - Wohlan ihr Koscher, stolz voran

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Hinterkosch, 1021

Praios’ Antlitz verwöhnte die kleine Bergsteigergruppe mit seinen Strahlen, und so konnten sie sogar ihre Felle und dicken Mützen – die sie in der Hütte des Unglücklichen gefunden hatten – für einige Zeit abnehmen. Auch der Schnee war hier oben nicht mehr gar so tief, wenngleich Gorims Sohn da anderer Ansicht war. Aber er hatte sich ja selbst für diesen Aufstieg entschieden.
Ritter Falk hatte sich wieder einen Ast geschnappt und stocherte im Schnee herum. Er war guter Hoffnung, nach seinem Proviantbeutel auch noch seinen Bierschlauch zu finden. Allerdings waren sie schon lange über die Stelle hinaus, an der sie beim ersten Versuch von der Lawine überrascht worden waren. Der Vinansamter aber wollte es dem Ritter nicht verraten, um seine Laune nicht wieder zu verderben.
“Was meint ihr, wo diese Mine liegt?“
Merwerd dachte schon wieder an das Ende ihrer Wanderung.
“Also, ich denke, wenn wir den Kurs beibehalten, sollten wir sie nicht verfehlen. Seht ihr da oben die steile Felswand, ein gutes Stück unter dem Gipfel?“
Der Angroscho deutete nach oben, wo der Baron aber wenig erkennen konnte, da die Sonne jetzt genau über der Bergspitze stand.
“Nein, aber ich bin erleichtert, daß wir wohl nicht ganz dort oben hinauf müssen!“
Da pflichtete ihm Gorbosch mit einem tiefen Kopfnicken bei, und auch er nahm nun seinen Hut ab, um die warmen Strahlen auf seinem blanken Schädel zu spüren. Er setzte ihn aber unverzüglich wieder auf, denn der Siebentaler warf verärgert seinen Ast in den Schnee. Er hatte die Suche nach dem Bier endgültig aufgegeben, sah vom Boden auf, erblickte den kahlen Zwerg und meinte:
“Na, da hat man aber wirklich kein gutes Haar darangelassen, was?“
Die nächste Stunde brummelte der Zwerg nur noch Unverständliches in seinen Bart, Merwerd Stoia mußte sich seine eigenen Gedanken machen, wie es denn weitergehen sollte, wenn sie – so Ingerimm will – den Stollen gefunden hatten. Rena und Wolfhardt stapften eine Weile wortlos nebeneinander her. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach.
“Was macht der Kopf?“ durchbrach schließlich die Arbasierin die Stille.
“Ach. Jaja, ist schon in Ordnung.“
“Laßt mich mal sehen“ drängte Rena, und als sie sich vor den Wiesner stellte, mußte der mißmutig ebenfalls stehenbleiben, um sie nicht einfach umzurennen. Sie strich seine verklebten Haare aus der Stirn und tupfte mit einem Tuch sachte auf die Wunde.
“Mmmmh, ja, sieht ganz gut aus. Könnte aber eine Narbe zurückbleiben.“
Sie schob das Tuch wieder in ihr Wams. Die anderen hatten nicht bemerkt, daß sie Rena und Wolfhardt schon weit hinter sich gelassen hatten. Die beiden setzten ihren stummen Marsch fort.
Vorne stimmte Falk das “Wohlan ihr Koscher, stolz voran!“ an, und irgendwie paßte es ja zu ihrer winterlichen Bergbesteigung. Deshalb summte auch der Vinansamter leise mit. Praios’ verbarg sein Antlitz nun hinter den Gipfeln, und sofort begann die frostige Kälte wieder in ihnen aufzusteigen. Hoffentlich, hoffentlich kamen sie bald an die Mine – und hoffentlich war der Jergenquell auch wirklich dort! Der Schurke!
Hinten brach nun Wolfhardt das erneute Schweigen: “Eigentlich bin ich ganz froh, daß alles so gekommen ist, wie es gekommen ist.“
“Was meint Ihr?“
“Nunja, daß wir jetzt diesen Berg besteigen, um den Jergenquell zu fangen. Also ich meine der Baron von Vinansamt, der brave Ritter Falk, ich und... Ihr!“
“Ja, ich find’s auch ganz gut. Ich meine, auf eine Weise bin ich dem Kosch doch was schuldig. Und wenn ich helfen kann, diesen Schurken zu fassen – das wär’ doch was!“
“Man stelle sich das vor. Wir haben ihn schon gehabt. So nah waren wir dran!“
Und der Edle von Toroschs Aue bedeutete mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand, daß es wirklich haarscharf gewesen war.
“Und nun stiefeln wir hier durch den Tiefschnee. Da kann man wahrlich kein Lied darauf dichten!“
“Ich denke schon. Ihr findet doch für alles die richtige Melodie!“
“Meint Ihr? Vielleicht ist was Wahres dran. Versuchen kann ich’s ja, wenn wir wieder zu Hause sind.“
“Und sonst? Ich meine, was wollt Ihr sonst so machen, wenn wir wieder zu Hause sind?“
“Hoffentlich nicht gleich weiterzieh’n. Vergeßt nicht, daß im Osten ein noch viel größerer Frevler als der Jergenquell sitzt!“
Das war, wie auch der Ritter sogleich erschrocken feststellte, recht taktlos, denn noch immer focht Renas Vater im belagerten Beilunk gegen die schwarzen Horden. Seit Monden drang von dort keine Kunde in den Kosch, sie wußte also nicht einmal, ob er überhaupt noch am Leben war. Die Arbasierin sah, daß der Wiesner sichtlich erschrocken war ob seiner unbedachten Worte.
“Ach, ist schon in Ordnung. Ihr habt ja recht. Aber ich denke auch viel lieber daran, wie es sein könnte. Wenn ich nach Ferdok zurückkehre, werde ich als erstes dem guten Grafen Growin alles erzählen, von vorne bis hinten! Und dann werde ich mit meinem Schimmel quer durch den Kosch reiten. Einfach so. Einfach über die Auen galoppieren!“
Es war schwer, sich das hier in der bergigen und winterlichen Umgebung vorzustellen. Der Ritter versuchte es dennoch.
Es gelang ihm.