Unter Schurken - Schatz im Brunnen

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Hinterkosch, 1021

“Abgemacht? Ihr und Eure Leute helfen uns bei dem Überfall auf den Transport und den Taxgreven. Und dann werden wir Euch unsere Schwerter leihen, zu Felde zu ziehen – gegen wen, sagtet Ihr?“ fragte die Anführerin dieser Bande.
“Vogt Gelphardt von Stolzenburg. Ich will Albumin wieder. Es steht mir zu“, entgegnete der Vinansamter geistesgegenwärtig und lobte sich selbst über seine guten Kenntnisse der koscher Adelsfamilien.
“Und hattet Ihr die Burg nicht schon einmal eingenommen?“ bohrte Schleiffenröchte nach.
“Schon. Aber die Altgräfin – Ihr wißt, wir mußten fliehen. Ha! Aber reingelegt haben wir sie...“
“...und ohne den Schatz, nehme ich an“, versetzte die Anführerin ungerührt. “Der liegt also immer noch im Brunnen, ja?“
Schatz? Die Augen des Barons weiteten sich, und Rena runzelte die Stirn. Was hatte der Jergenquell diesen Gestalten erzählt, um sie – zu was auch immer – zu bewegen? In Albumin ein Schatz? Nimmermehr!
Leg Gold auf meine Zunge! stieß Merwerd Stoia flehentlich zum Himmel und hoffte, daß der Listenreiche (wie schon so oft) ihm beistehen würde.
“Alles ist so, wie ich es Euch bereits gesagt habe, als wir diese Zusammenkunft vereinbarten.“
“Nichts habt Ihr uns gesagt!“ polterte Schleiffenröchte und schlug mit der Hand auf den Tisch. Die dunklen Gestalten des Packs um sie her schwankten und raunten zustimmend.
“Nur Andeutungen“, ergänzte seine Gefährtin in einem etwas milderen Ton.
“Aber wir wollen Genaueres wissen, bevor wir unseren Kopf auf einen Koscher Richtblock legen.“
“Im Kosch werden Strauchdiebe wie wir an Bäume gehängt“, versuchte Rena, die Situation mit einem Scherz zu retten. Aber ihre Stimme klang, wie sie selbst bemerkte, belegt. Die Mundwinkel der Anführerin rutschten nach unten.
“Wie dem auch sei: wir kaufen nicht die Katze im Sack.“
Die Frau fuhr sich mit der Hand über die Augen und warf einen Blick auf Schleiffenröchte. Es war nur allzu offensichtlich, daß sie lieber wieder in ihren Decken gelegen hätte als mit diesem windigen Jergenquell zu parlieren.
“Na schön, Ihr habt ja recht“, seufzte der Baron von Vinansamt und wünschte sich – vielleicht zum ersten Male – nun den Sänger mit seinem unerschöpflichen Einfallsreichtum an seiner Seite zu haben. Aber dann würde am Ende nur eine Heldensage daraus, und diese Gestalten wollten Summen und Dukaten hören. Da tat’s der Kaufmann schon eher.
“Also, dieser Schatz kommt, wie Ihr Euch denken könnt, nicht von ungefähr. Es verhält sich so...“

“Mir ist kalt“, raunte Gerbald. “Verdammte Warterei.“
“Das ist Krieg, mein Freund!“ grinste Brin und stieß seinem Kameraden in die Rippen. “Noch nie in einem ordentlichen Kampf gewesen, nicht wahr?“
Jung-Gerbald schoß die Röte ins Gesicht, aus Scham und auch aus Wut, weil der andere ihn damit neckte.
Was konnte er dafür? Schließlich war er noch nicht lange in den Diensten des Wieseners, und dieser war schon einige Zeit nicht mehr auf einer Turnei gewesen. Aber immerhin hatte er ihn auf diese Reise mitgenommen! – Wenn das kein Abenteuer war...
“Warst du denn schon auf einem Turnier gewesen?“
“Klar!“ protzte Brin und begann, ausschweifend zu erzählen. In die Augen der beiden Burschen trat ein Glanz, als er, die Kälte und Gefahr vergessend, von Schwerterklirren und Lanzengang und Rossegestampf berichtete.
“Ist dein Herr überhaupt ein richtiger Ritter?“ fragte Brin nun und legte den Kopf ein wenig schief.
“Wie meinst du das?“ fuhr Gerbald sogleich auf.
“Naja, wo er doch meistens auf der Harfe spielt und Verse schmiedet.“
“Na und? War dein Baron früher nicht auch Kaufmann?“
“Dafür ist er aber immerhin Baron!“
“Ja, aber der Herr Wolfhardt hat sich durch sein Harfenspiel Toroschs Aue errungen!“
“Ich geb’ ja zu, das kann er gut“, nickte Brin, “aber ich finde einfach, ein richtiger Ritter muß vor allem kämpfen in Rondras Namen. Das bringt ihm Ehre und Ruhm, und die Gunst schöner Frauen“, setzte er grinsend hinzu.
“Natürlich kann mein Herr kämpfen!“ behauptete Gerbald eisern. “Er war sogar schon sehr ernsthaft verwundet, als er gegen eine Horde Verräter kämpfte. Im Osten“, ergänzte er mit bedeutungsschwerer Stimme.
“Na, wenn er verwundet wurde, kann’s ja mit der Kampfeskunst nicht so weit her sein“, neckte Brin.
“Duuuu!“
“Ruhig Blut, Kamerad, war ja nur ein Scherz!“
“Sag’ so was nicht wieder! Und wenn er’s hörte! Außerdem, die Gunst schöner Damen gewinnt man genausogut, nein, noch besser mit Liedern, wie Herr Wolfhardt sie singt.“
“Hab’s gemerkt“, grinste Brin, “Beilunkerinnen mögen Gesang auch sehr gern...“
“Wie meinst du das?“ fragte Gerbald verdutzt.
“Hast du keine Augen, Bübchen?“ spottete der andere, der ein wenig älter als Gerbald war. “Man sieht, daß du von Frauen nicht viel verstehst!“
“Ach, aber du?“ höhnte Gerbald zurück. “Und überhaupt: woher willst du denn das wissen? Aber ich werde dir ’was zeigen. Brauche aber Licht dazu.“
“Wir sollen kein Licht machen, Befehl!“
Brin war jetzt wieder völlig in der Gegenwärtigkeit des Wachens.
“Ach, komm schon, nur ein kleiner Kienspan oder so. Halt, ich hab ’nen Kerzenstummel. Hast du Zunder?“
Nach wenigen Augenblicken entflammte ein Funke und brachte den Docht zum Glühen. Der Winkel der Knaben wurde von warmem Goldlicht erhellt. Gerbald hielt seinem Gefährten ein kleines Amulett unter die Nase. Er öffnete den Deckel. Darin befand sich ein winziges Proträt, nicht sonderlich gut gezeichnet. Es zeigte ein Mädchen von vielleicht elf, zwölf Götterläufen, mit wirrem Haar und kecken Sommersprossen.
“Deine?“ fragte Brin, der nun doch ein wenig Achtung vor Gerbald bekam.
“Beinahe. Sie heißt Gilda, sie dient auf unserer Burg. Ich finde sie wunderschön...“