Unter Schurken - Gorbosch Sohn des Gorim

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Hinterkosch, 1021

Sie fanden einen bessern Weg. Felsen, ragend und weisend wie Finger, Inseln von Krüppelkiefern, Senken im Schnee, einmal eine tiefe Spalte, die bis zu einem unterirdisch rauschenden Bach in einer wahren Kristallgrotte führte, so kamen sie ihrem Ziel näher, standen schließlich wenige Schritte unterhalb des Plateaus.
“Zum Glück haben wir keinen Rondrianer unter uns“, ging es Merwerd durch den Kopf. Seiner Ehre mißfiel diese Heimlichkeit, seinem Geist entsprach sie. Er legte die Hände gegen das kalte rauhe Gestein, es bot mit vielen Löchern und Ritzen und Klüften Halt. Den Fuß nachgesetzt, er schwang sich empor.
“Es geht leicht“, raunte er den andern zu. Sie nickten, man folgte dem Baron, ließ nur die schweren Gepäckstücke und das Packpferd im Schutz einer Mulde zurück. Zuweilen klapperte ein Schwert gegen den Felsen.
Es ging nicht lotrecht hinauf, sondern in einem Winkel, wie man einen Speer gegen eine Mauer gelehnt haben würde. Sie kamen gut voran, das Ende war bald erreicht. Über den Rand lauernd, gewahrten sie die vollständige Beschaffenheit des Plateaus, groß wie ein Immanfeld, jedoch uneben und wie die untere Ebene mit etlichen Findlingen übersät. Urzeitliche Riesen mochten hier eine Schlacht geliefert haben. Und hinter einer solchen Felsengruppe, geschützt vor dem beißenden Ost, gewahrten sie den Quell des Rauches. Ein Scheiterhaufen, aus mühsam zusammengetragenen Hölzern einer nahen Baumgruppe aufgeschichtet, in den ersten Anfängen schwelend, das Holz war zu naß. Dahinter eine Gestalt, in Fell und Leder gehüllt, nicht menschengroß, ein Zwerg, allein.
“Gewagt, getan!“ stieß Wolfhardt hervor, schwang sich über den Rand des Felsens. Glanz stand in seinem Auge, Glanz auf seinem Schwert, ins Sonnenlicht gezogen. Er schritt gerade auf den Zwergen zu, kein Zittern ging durch die Klinge.
“Wohlgeboren!“ klang es von hinten, Merwerds Stimme. “So nicht!“ Doch der Einzelne dort an den Scheiten hatte die Koscher bemerkt, er zog gleichfalls, seine Klinge war klein aber scharf.
“Ha! Räuberpack, Großlinge! Seid also bis hierher gefolgt, wollt Euer blutiges Werk vollenden?Schau hin, wie ein Kind Allvaters sich zu wehren vermag.“
Und er führte die Klinge gegen das koscher Schwert. Als sie sich kreuzten, Metallklang, doch kraftlos. In hohem Bogen flog Wolfhardts Waffe, bohrte sich in den Schnee, bebend wie ein Pfeilschaft.
“Ha, Schurke, so schnell schon!“ frohlockte der Zwerg.
“Wolfhardt!“ schrien die Gefährten, ein Satz führte sie neben den Überwundenen. Der stand die Augen geweitet, doch nicht über die verlorene Klinge, über etwas anders.
“Allvaters Kind!“ echote er. Der Zwerg hielt inne im auslöschenden Stoß, blinzelte verwirrt.
“Das waren Norges Worte, nicht wahr, Rena?“
“Ach ja! Ich wunderte mich noch...“
Unsicher ließ der fremde Angroscho die Klingenspitze von einem zum andern wandern.
“Norge? Meint ihr diesen...?“
Sein Daumen wies über die Schulter auf den Scheiterhaufen, worauf sie nun den leblosen Einsiedler erkannten.
“Ihr habt mit ihm gesprochen, bevor ihr ihn ermordet. Einen Wehrlosen, einen Clanlosen! Aber dennoch einen Bruder! Räuberpack!“
“Ruhig Blut, mein Freund!“ brummte der Siebentaler und stellte sich in Pose.
“Räuber sind wir nämlich ganz gewiß nicht, aber fangen wollen wir welche, hoho! Diese Schurken!“
“Wir sind Edle aus dem Koscherland“, versuchte es der Baron von Vinansamt mit vernünftigen Worten, fügte dann aber verlegen hinzu, “auch wenn man es unserem Äußeren mittlerweile nicht mehr abkaufen wird.“
Denn in der Tat waren ihre Wämser nunmehr verschlissen von Hieben und Dornen, blut- und schmutzgetränkt, ihr Haar hing schweißverklebt an den Stirnen.
“Edle? Aus dem Koscherland?“ wiederholte der Zwerg stirnrunzelnd.
“Gewiß. Ich bin Baron Merwerd Stoia von Vinansamt, Reichsrichter und Säckelmeister des Fürsten. Dies ist Ritterin Rena von Arbasien, einstmals Knappin bei Hochwohlgeboren Growin von Ferdok...“ (bei diesem Namen horchte der Angroscho auf, denn der Ferdoker Graf hat einen weiten und guten Ruf unter seinem Volke) “... der Ritter Falk von Siebental und schließlich, der Euch mit der Waffe anging, ist der Edle von Toroschs Aue, Wolfhardt von der Wiesen. Wir waren auf dem Traviafeste des Herrn vom Rabenstein, auf dessen Grund und Boden wir hier wohl noch immer stehn“, schloß der Baron seine Rede. Es war durchaus unüblich, daß sich Leute von Adel einem Gemeinen in dieser Weise rechtfertigend vorstellen, doch schien es die Lage und der Ort zu gebieten. Zögernd ließ der Zwerg die Waffe sinken.
“Das ist zu gut gesprochen und wäre zu dick gelogen. Ich selbst bin Gorbosch, Sohn des Gorim, und in Diensten des Herrn von Rabenstein. Doch sagt an, Herrschaften, was führt Euch in diese Berggegend, und was habt Ihr diesen meinen Vetter auf dem Gewissen?“
Da berichteten sie umständlich von den Ereignissen, wie sie die Spur des Jergenquell gefunden und seine Verfolgung aufgenommen. Sie konnten dies ohne Arg tun, denn war dieser Zwerg einer der Feinde, so wußte er dies ohnehin, und war er ein Freund, konnte er nur nutzen. Sobald Gorims Sohn aber gewahrte, was es mit Norges Tod auf sich hatte, schlug er sich die Fäuste an die Brust und rief:
“Wehe, in bestem Willen habe ich Unrecht getan! Ihr wart es doch, Herr, dem ich nächtens einen festen Hieb versetzte, jaja, ich seh’s an der schönen Wunde, die Eure Stirne schmückt. Und statt den Tod Norges zu rächen, tötete ich seinen treuen Gefährten, den Hund – ich hielt ihn für eine Bestie der Räuber, denn er wollte mich anfallen, als ich Hand an den Leichnam legte. Nun wird’s mir klar, er wollte ja nur seinen Herrn noch im Tode beschützen. Oh diese Treue!“
So klagte Gorbosch, die Gefährten standen betreten daneben.
“Was hattet Ihr aber mit Norge zu tun?“ fragte nun Rena. “Er erwähnte, er habe ein Kind Allvaters gesehen, das sei aber seltsam gewesen.“
“Seltsam? Nun ja, ich stand gerade an einem Waldquell, mich zu erfrischen, da sah ich ferne den Greis stehen. Als er meiner gewahr wurde, erschrak er sich sehr und floh vor mir durch den Wald. Dabei wollte ich ihn nur befragen.“
Bei diesen Worten hatte er seinen Hut abgenommen und wischte sich die Stirne. Sein Kopf war kahl und blank wie ein frischgeplätteter Turnierhelm.
“Jetzt wird mir alles klar!“ rief Merwerd aus. “Verzeiht, Meister Gorbosch, aber für Norge, den die Einsamkeit etwas wunderlich gemacht hatte, mußte der Anblick eines... nun ja... kahlköpfigen Zwergen überaus seltsam scheinen.“
Etwas Eigentümliches, Schmerzliches, erschien im Gesichtsausdruck Gorboschs, verflog aber wieder. Er nickte.
“Was aber wolltet Ihr von Norge?“ fragten sie ihn weiter. “Er schien in diesen Wäldern zu hausen, und ich wollte seine Ortskenntnisse nutzen. Denn ich bin im Auftrag des Herrn Lucrann hier. Es soll hier einige alte, verlassene Eisenminen geben, die womöglich noch so manche Ader roten und schwarzen Metalls enthalten. Ich bin Prospektor und von weit her, aus Gablams Clan in den Eisenbergen.“
“Verlassene Minen?“ fragte Rena.
“Ja doch, sie wurden aufgegeben, anscheinend, als es das Rotpelzpack zu arg trieb in diesen Höhen. Erschöpft waren sie wohl noch nicht, zumindest sagt die Chronik davon nichts“, erklärte der Zwerg.
“Verlassene Minen! Was für ein treffliches Versteck!“ rief Merwerd Stoia aus. “Und ich glaube auch zu wissen, wo sie liegen --- Wolfhardt, Rena, Falk, wir lagen nicht so falsch, als wir in diese Lawine gerieten. Dort oben irgendwo“ (er zeigte auf jenen Berghang) “müssen sie sein.“
Gorbosch wiegte den Kopf hin und her.
“Ich werde mich Euch anschließen, wenn Ihr erlaubt. Räuberpack kann ich nicht leiden. Und wenn sie einen Vetter getötet haben, müssen sie büßen. Außerdem – wenn sie wirklich die Mine besetzt halten... und wer könnte Euch besser von Nutzen sein in diesen Stollen als ich?“
“Es ist gut, Meister Gorbosch, Ihr könnt uns begleiten. Nun sollten wir aber noch vollenden, was Ihr begonnen habt. Dem alten Norge ein Begräbnis nach Zwergenart besorgen.“
So taten sie es. Hoch loderten die Flammen des Scheiterhaufens auf, und es war ihnen gleich, ob Jergenquell diese sehen konnte oder nicht. Dazu sangen sie leise einen kurzen Choral, mehr konnten sie aus dem Gedächtnis nicht zustande bringen. Als der Scheiterhaufen zusammenfiel, klaubten sie die Gebeine aus der Glut und setzten sie unter einem großen Findling bei. Mit seinem Meißel hieb Gorbosch in das Gestein darüber einige grobe Runen.
“Was heißt das?“ fragte Rena.
“Es ist ein Spruch aus einem alten Zwergenmythos“, erklärte Wolfhardt, der in diesen Dingen wohl bewandert war. “Gebettet der Bruder, Rache bringt Ruhe erst.“
Und Gorbosch, Gorims Sohn, nickte und sprach grimmig:
“Laßt uns gehen.“